Schweizer Armee zunehmend milizfeindlich?

Folgendes Mail traf von Renato Ronchis bei mir diese Woche ein:

Vermisse neue Einträge auf deinem Blog…Hast du aufgegeben??? Berichte sind immer sehr spannend und absolut treffend verlinkt…

Das erfreut einem natürlich, muss hier nun aber zwei Punkte klarstellen:
1. Ich bin nicht der einzige, der in dieses Blog schreibt;
2. trotzdem fehlen neue Einträge von mir, weil ich zur Zeit im Führungslehrgang II (FLG II) bin. Voraussichtlich in 2 Wochen werden die Einträge wieder zunehmen.

Wenn ich bereits beim Thema “Führungslehrgang II” bin, will ich hier auch ein paar Eindrücke loswerden. Dieser Kurs für zukünftige Kommandanten, Kommandant-Stellvertreter, Chef Einsatz von Bataillonen und Abteilungen sowie für Generalstabslehrgangs-Anwärter besitzt wie zu erwarten ein sehr hohes Niveau, der Lernstoff ist konzentriert und abwechslungsreich. Trotzdem sind mir ein paar Sachen aufgefallen, die man ein wenig kritisch betrachten sollte (die Angaben stammen aus der Vorstellungsrunde am Anfang des Lehrgangs und sind nur angenähert):

  • Rund 80% der Teilnehmer sind ausgebildete Berufsoffiziere, Piloten von der Luftwaffe oder arbeiten im VBS. Von den Milizoffizieren sind ausser 1-2 Ausnahmen alle in höheren Kaderpositionen tätig oder haben einen Hochschulabschluss. In Hinblick auf den hohen Anteil der Berufsoffiziere, Piloten und VBS-Angestellten fragt man sich, wo die “echten” Milizoffiziere bleiben. Betrachtet man heute die Stufe ab Kompaniekommandant und höher fällt auf, dass bei einigen aktiven Bataillonen ein grosser Anteil Berufsoffiziere zum Einsatz kommen. Aus eigener Erfahrung und im Gespräch mit anderen Kameraden, schätze ich den Anteil der Berufsoffiziere bei Kompaniekommandanten und auf Stufe Bataillon bei ca. 50% mit zunehmender Tendenz. Liegt dies an einer abnehmenden Bereitschaft der Miliz in der Armee Verantwortung zu übernehmen oder an einem zunehmend milizfeindlichen System?
  • Der FLG II setzt auf Fachwissen, das bei den Milizoffizieren nur teilweise vorhanden ist. Ich habe letzte Woche mit einigen Milizoffizieren im FLG II gesprochen. Viele von ihnen sehen den Lehrnstoff zum ersten Mal (der Sinn eines Lehrgangs besteht ja darin, dass man etwas lernt). Ein Berufsoffizier, der die MILAK absolviert hat, besitzt bereits fundamentale Vorkenntnisse. Durch das angewendete “Learning by doing” aber gleichzeitiger strengen Bewertung dieser “Lehrlingsarbeiten”, schneiden die Milizoffiziere systematisch schlechter ab als ihre “professionellen” Kameraden. Dieser Punkt ist deutlich milizfeindlich.
  • Die Verteidigung wird zu hoch bewertet. Von den vergangenen 2 Wochen wurde bis jetzt im Bereich subsidiäre Einsätze nicht mehr als ein einziger Tag aufgwendet. Dies benachteiligt nicht nur alle Teilnehmer aus den Unterstützungsformationen, sondern deckt nicht den geforderten Wissensbereich ab, der ein zukünftiger Bataillonskommandanten eines Bataillons im Bereich Unterstützungsformationen benötigt. Ich bin auch der Meinung, dass die Miliz vorallem in subsidiären Einsätzen ihr Wissen einsetzen kann und dass sie im Bereich Verteidigung eher schwächer ist. Meine Erfahrung darf ich zwar nicht als allgemein gültig betrachten, wenn ich jedoch zurückschaue, wann ich das letzte Mal etwas im Bereich Verteidigung leisten musste, so liegt dies rund 5 Jahre zurück.

Brigadier Oeri bei der Korpsvisite: “Wer die Verteidigung beherrscht, beherrscht alle anderen Einsatzgebiete.”

Durch die bessere militärische Ausbildung und zum Teil bevorzugte Behandlung, glaube ich, dass der Anteil bei Kompaniekommandanten und ab Stufe Bataillon in den nächsten Jahren weiter abnehmen wird. Wir werden dann eine Milizarmee haben, die durch Berufskader geführt sein wird.

Was gibt es neues zum Iran? Iran hat in Natanz eine teilweise fertiggestellte Urananreicherungsanlage. Auf dem Sattelitenbild eingezeichnet sieht man mögliche unterirdische Zentrifugenhallen in denen das Uran angereichert werden soll. Die unterirdischen Bunker sind zirka 18 m unter der Erde. Eine Tiefe, bei der der amerikanische Bunker Buster GBU-28 noch effektiv ist. Wohl kein Zufall, dass Israel derzeit 100 dieser GBU-28 von den USA kauft. Da Natanz unterirdischen Zentrifugenhallen noch nicht fertiggestellt sind, wird Israel aber kaum voreilig einen Luftschlag durchführen, sondern abwarten bis die Urananreicherung in einem produktiven Zustand ist – erst dann wäre der Schaden für den Iran maximal. Gemäss Berechnungen des Institute for Science and International Securitydauert vom 12. Januar 2006 dauert es ca. 6-9 Monat zur Erstellung genügender Zentrifugen (1’300-1’600 Zentrifugen, Ende 2006 bereit), dann ca. 1 Jahr für die Fertigstellung des “Fuel Enrichment Plant” (Ende 2007) und nochmals ca. 1 Jahr bis genügend angereichertes Material (15-20 kg) für eine nukleare Bombe zusammen wäre (erste Bombe 2009 wäre möglich). Wenn man nun also annimmt, dass Israel einen möglichst grossen Schaden erzielen, jedoch nicht das Risiko der Dezentralisierung des angereicherten Materials eingehen will, dann ist ein Luftschlag gegen Ende 2007 wahrscheinlich.

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3 Responses to Schweizer Armee zunehmend milizfeindlich?

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