I robot: Wired for war

Wired for WarAuf meinem Büchergestellt gab es letzte Woche Zuwachs:”Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century” von P.W. Singer. Sein erstes Buch “Corporate Warriors: The Rise of the Privatized Military Industry” gilt als Grundlagenarbeit im Bereich “Private Military Companies“. Er erkannte darin den allgemeinen Trend zu Privatisierung und Outsourcing im militärischen Umfeld und warnte, dass niemand die politische Verantwortung für das Treiben dieser Söldner übernehmen werde. Sein zweites Buch “Children at War” war das erste umfassende Werk über den Einsatz von Kinder als Soldaten weltweit. Sein neustes Buch bearbeitet erneut ein Gebiet der militärischen Kriegsführung, das trotz seiner Wichtigkeit und Brisanz noch zu wenig von der sicherheitspolitischen Gemeinschaft wahrgenommen wurde. Deshalb könnte auch dieses Buch in Zukunft zu den Grundlagenwerken im Bereich der roboterunterstützten Kriegsführung werden.

Vor unseren Augen findet derzeit die 6. Militärrevolution statt, die nebst einer Asymmetrierung des Gefechtsfeldes, einer Vielzahl der Akteure (sowohl militärisch wie auch zivil), der Tiefe und Gleichzeitigkeit der Aktionen, auch durch eine Erhöhung des Technologisierungsgrades (sprich Automatisierung des Gefechtsfeldes) gekennzeichnet ist. Erstmals wurde am 7. Oktober 2001 in Afghanistan eine bewaffnete Predator-Drohne zum Einsatz gebracht (vgl. I robot 04: Grosse (Kampf)Drohnen) – heute verfügt das US Militär über insgesamt 5,300 Drohnen verschiedenster Grössen. (Quelle: P.W.Singer, “Robots at war“, Wilson Quarterly, Winter 2009, 35f). Nicht nur wurde der Einsatz von bewaffneten Drohnen im Laufe der Zeit ausgeweitet, sondern mit der Einführung des MQ-9 Reaper auch die Leistungsfähigkeit deutlich gesteigert. Trug der Predator lediglich 2 Hellfire-Raketen, sind es beim Reaper bereits 14. Ausserdem hat der Reaper um den Faktor 9 grösseren Einsatzbereich und kann doppelt so hoch fliegen. Seit Oktober 2007 kommt er in Afghanistan bzw. grenzüberschreitend auch auf pakistanischem Gebiet zum Einsatz. (Quelle: “Air Force’s hunter-killer UAV now flying in Afghanistan“, Air Force Link, 10.11.2007). Die Drohnenpiloten sind mehrheitlich auf der Creech Air Force Base in Nevada stationiert. Sie bekämpfen damit Gegner, die rund 12,000 km von ihnen entfernt sind, löschen Ziele auf Knopfdruck aus und gehen ausserhalb ihrer Arbeit einem normalen Alltag nach. Damit veränderte sich das Gefechtsfeld für Drohnenpiloten drastisch:

“You are going to war for 12 hours, shooting weapons at targets, directing kills on enemy combatants and then you get in the car, drive home and within 20 minutes you are sitting at the dinner table talking to your kids about their homework.” — Predator-Pilot zitiert durch P.W.Singer in Scott Horton, “Prepare for the Robot Wars: Six questions for P.W. Singer, author of Wired for War“, Harper’s Magazine, Januar 2009.

SWORDSDrohnen sind jedoch nur ein Teil, welche diese Automatisierung des Gefechtsfeldes ausmachen. Auf dem Boden werden Roboter zu Aufklärungszwecken oder zum Entschärfen von IEDs eingesetzt. Schätzungen gehen davon aus, dass die USA Ende 2008 im Irak alleine rund 12,000 Roboter (22 unterschiedliche Systeme) im Einsatz hat. Auch wurden solche Roboter bereits als Waffen eingesetzt – wenn auch improvisiert. Beispielsweise wurde der MARCBOT – ein harmloser, kostengünstiger Roboter, zur Kontrolle von Fahrzeugen und Untersuchung verdächtiger Fundstücke – mit Claymore Antipersonenminen (wir kennen deren Nachfolger in der Schweizer Armee als “Richtladung 96“) bestückt. Bei einem Verdacht, dass bewaffnete Aufständische sich innerhalb einer Ortschaft in einer Seitenstrasse auf einen Überfall vorbereiten, wurde der MARCBOT in die Seitenstrasse gesteuert und die Antipersonenmine zum explodieren gebracht. (Quelle: P.W.Singer, “Robots at war“, Wilson Quarterly, Winter 2009, 32-34). Solche improvisierte Einsätze werden zukünftig nicht mehr nötig sein, denn der Trend bei den Gefechtsfeldrobotern geht in die Richtung Bewaffnung. Als Beispiel: eines der fortgeschrittensten Projekte ist das Foster-Miller TALON Special Weapons Observation remote Reconnaissance Direct action System (SWORDS). Betrachtet man die technologische Entwicklung von Panzern, U-Booten, Flugzeugen usw. gibt es gemäss Singer kein Zweifel, dass zukünftige Kampfroboter technologisch ausgereifter und im Einsatz autonomer sein werden. Das gilt insbesondere im Bereich der 3D-Aufgaben (dull, dirty or dangerous), wo sich die Roboter als erstes durchsetzen werden. Wenn ein Gebiet dauerhaft auf verdächtige Bewegungen, Ansammlungen usw. beobachtet werden muss, so wird diese langweilige Arbeit effektiver durch Roboter und Drohnen erledigt, als durch Soldaten. Erkennt ein Roboter oder eine Drohne bestimmte verdächtig Bewegungsmuster von Personen und Personengruppen, könnten sie beispielsweise Alarm auslösen oder andere Gegenmassnahmen ergreifen. Auch Arbeiten in verseuchten Gebieten werden von Roboter viel effizienter als von Menschen erledigt, mit dem zusätzlichen Vorteil, dass bei gefährlichen Einsätzen jeglicher Art eigene (menschliche) Verluste verhindert werden. In der Konfliktforschung bedeutet eine Verringerung der Gefährdung der eigenen Soldaten jedoch gleichzeitig eine Herabsetzung der Kriegsschwelle. Der Grundsatz, dass Demokratien in der Regel keine anderen Demokratien angreifen, basiert darauf, dass das wahlberechtigte Volk die Kosten eines Krieges selber tragen muss, deshalb Kriege unpopulär sind und Kriegstreiber abgewählt werden.

“It is good that we find war so horrible, or else we would become fond of it.” — General Robert E. Lee.

Doch nicht nur in der Luft und auf dem Boden tummeln sich Kriegsautomaten herum, bereits seit längerem sind semi-autonome Systeme auf dem Wasser im Einsatz. Beispielsweise das Aegis Combat System, ein elektronisches Warn- und Feuerleitsystem auf Kriegsschiffen. Zwar kann das Bedienpersonal jederzeit in die Abläufe von Aegis eingreifen, der Abschuss einer iranischen Airbus A300 am 3. Juli 1988 zeigt jedoch, dass dies nicht vor Fehlentscheidungen schützt. Menschen nehmen sich zunehmend selber aus der Entscheidungskette semi-autonomer Systeme heraus, weil die Abläufe sie in Geschwindigkeit und Einschätzungsmöglichkeit überfordert. Die US Navy experimentiert derzeit an “Unmanned Underwater Vehicle” zum Aufspüren von Seeminen und an ferngesteuerten Schnellbooten, ausgerüstet mit Maschinengewehren zur Überprüfung von Häfen und Bekämpfung von Piraten.

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Weitere Informationen

 
Update vom 07.03.2009
Robotik sei dank, die US Army erfindet den in der Schweiz noch vorhandenen Train neu (auch wenn die Maschine BigDog heisst). Noch muss die DARPA etwas Forschungsaufwand betreiben, denn der Train besitzt mindestens noch zwei entscheidende Vorteile: verbraucht kein Treibstoff und ist bedeutend leiser.

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4 Responses to I robot: Wired for war

  1. coimbra says:

    In nächster Zeit könnenw ir hier sicher eine sehr interessante technische Entwicklung mitverfolgen. Jedoch dürfte sich neben den taktischen / operativen Einsatzmöglichkeiten auch etwas in den Köpfen der Befehlshaber und politiker verändern.

    Es wird doch mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass militärische Einsätze wesentlich schneller als “Mittel” zu was auch immer, angewendet werden. Dies aus der Überlegung her, dass bisher die Möglichkeit von eigener menschlicher Verluste einen gewisse Hemmschwelle darstellte und diese jetzt oder in absehbarar Zeit nicht mehr besteht oder jedefalls massiv gesenkt wird => wo keine eigenen Soldaten da sind auch keine eigenen toten Soldaten.

  2. Frosch says:

    Der Einsatz von Robotern im Krieg findet eben nicht nur mittels Kampfdrohnen, Mineneräumern etc statt. Sehr weit fortgeschritten ist auch die Technisierung im Bereich Medizin. Bereits vor Jahren war das Thema aktuell wie Verwundete mittels ferngesteuerter Behandlung versorgt werden sollen. Der behandelnde Arzt sitzt dann ähnlich dem Drohnenpiloten in einem Spital in den Vereinigten Staaten und operiert mittels Joystick Schussverletzungen, entfernt Granat oder Bombensplitter aus der Wunde, oder operiert einfach einen Blinddarm. Das Problem ist eigentlich das gleiche wie beim Drohnenpiloten. Der Krieg wird zu einer temporären Erfahrung die acht oder zwölf Stunden dauert bevor man wieder nach Hause geht zu Frau und Kindern. Ich finde die Vorstellung erschreckend, dass selbst in der Medizin eine Entmenschlichung herbeigeführt wird.

  3. Pingback: Offiziere.ch » I robot 07: BigDog vs Mule

  4. Florian Krem says:

    Grossartig. Hier kann man lesen, was von all dem Kriegsgerät zu halten ist:

    http://online.wsj.com/article/SB126102247889095011.html

    Ich will gar nicht wissen, wieviel $$$ eine solche Drohne kostet. Und die Hersteller sind nicht einmal in der Lage, einen einfachen Videostream hinreichend zu verschlüsseln. Obschon das Problem bereits seit dem Bosnienkrieg bekannt ist.

    Man könnte sich ja darüber streiten, ob die Schweiz eine Armee braucht, und ob es wirklich nötig ist, dass die Schweiz weiterhin Rüstungsmaterial in alle Welt verkauft. Aber man kann sich nicht darüber streiten, dass Armeematerial in aller Regel unglaublich teuer ist. (Ausser das Essen, das ist in aller Regel in sämtlichen Armeen dieser Welt ziemlich ungeniessbar.) Und man kann sich auch nicht darüber streiten, dass wenn man schon so viel Geld für das Zeugs ausgibt, man erwarten könnte, dass das wenigstens etwas wert ist. Sprich, dass es korrekt funktioniert.

    Tut es aber nicht. Zumindest nicht die vom us-amerikanischen Militär eingesetzten Drohnen.

    Es ist wirklich unglaublich, man sollte den verlinkten Text unbedingt lesen. O-Ton Washington Post:

    “The U.S. government has known about the flaw since the U.S. campaign in Bosnia in the 1990s, current and former officials said. But the Pentagon assumed local adversaries wouldn’t know how to exploit it, the officials said.”

    Und weiter unten:

    “Today, the Air Force is buying hundreds of Reaper drones, a newer model, whose video feeds could be intercepted in much the same way as with the Predators, according to people familiar with the matter. A Reaper costs between $10 million and $12 million each and is faster and better armed than the Predator. General Atomics expects the Air Force to buy as many as 375 Reapers.”

    375 * 10 Mio. USD – und das für disfunktionales Material!

    Und das ist beileibe kein Einzelfall. Man erinnert sich mit Grauen an die Zusammenarbeit des US-Militärs mit Xe (Blackwater) im Irak (und noch immer im Afghanistan/Pakistan). Es gibt Hinweise darauf, dass Xe-Mitarbeiter an Folterungen beteiligt sind. Oder an die Versuche deutscher Militärs, Leute aus den eigenen Reihen zum Schweigen zu bringen, welche auf systematische Verstösse gegen das Völkerrecht hinwiesen. Vertuschen, verschlampen, verheimlichen.

    Wer nun glaubt, das alles wäre in der Schweiz grundverschieden und könnte hier nicht passieren, der ist wirklich blauäugig.

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