Rüstungsprogramm 09

Am Mittwoch, 18.02.09 verabschiedete der Bundesrat das Rüstungsprogramm 09. Mit einem Umfang von 496 Millionen Franken fällt es ein weiteres Mal sehr bescheiden aus. Davon fliessen 89% als direkte und indirekte Beteiligung in die schweizerische Wirtschaft. Die Schweizer Armee befindet sich unter einem solch gewaltigen Spardruck, dass derzeit jedes verabschiedetes Rüstungsprogramm intern als “Erfolg” gewertet wird.

Rüstungsprogramme 1998-2009 (in Mio SFr)

 
Das Rüstungsprogramm 09 umfasst fünf Vorhaben. Das finanziell aufwendigste ist die Ersetzung der bestehenden Anflugleitsysteme auf den Militärflugplätzen für 296 Mio. SFr. Die Überwachung, die Flugverkehrsleitung im unteren Luftraum (<<3950 m) sowie die Führung in der Start- und Landephase von Luftfahrzeugen im Umfeld der Militärflugplätze wurde bis anhin durch das Präzisionsanflugleitradar QUADRADAR und durch das Primär- und Sekundärradar zur Flugplatzüberwachung FLUR 90 wahrgenommen. QUADRADAR wurde ab 1970 in drei Tranchen beschafft und war für eine Nutzungsdauer von 15 Jahre vorgesehen. Beide Systeme haben ihr Nutzungsende erreicht bzw. bereits überschritten und müssen dringend (gestaffelt bis 2016) durch das Militärische Anflugleitsystem (MALS) ersetzt werden. Die Botschaft zum Rüstungsprogramm lässt durchscheinen, dass neben den fünf derzeitigen Militärflugplätzen (Emmen, Locarno, Meiringen, Payerne und Sion) ein sechster Militärflugplatz nach der Überprüfung des Stationierungskonzeptes eine durchaus realistische Option darstellen könnte und dass dieser innerhalb von drei Jahren nach Vertragsabschluss zu vergleichbaren Bedingungen ebenfalls mit neuen elektronischen Anflughilfsmittel ausgerüstet werden könnte. MALS besteht aus einem Rundsuchradarsystem LASSIM Ri Ldg(ersetzt FLUR 90) der Firma EADS Deutschland GmbH, einem Präzisionsanflugradarsystem (ersetzt QUADRADAR) und einem Flugfunkpeiler. EADS Deutschland GmbH trägt die Gesamtverantwortung für die Herstellung, die Lieferung, die Installation und die Abnahme der Systeme auf den Flugplätzen sowie für das Logistikmaterial und die Ausbildungsmittel.

123 Mio. SFr werden in die Simulationsunterstützung für den Einsatz in überbautem Gelände (SIM KIUG) investiert. Der Einsatz von Gefechtssimulatoren fand seinen erfolgreichen Anfang bereits vor 20 Jahren mit den Laserschuss-Simulatoren. Mit dem Rüstungsprogramm 04 wurde das System mit der Simulationsunterstützung für Gefechtsübungen (SIMUG) ausgebaut, mit dem gleichzeitig bis zu 600 Soldaten und 100 Fahrzeuge beübt werden können. Fahrzeuge und Waffen vom Panzer 87 Leopard über Unterstützungswaffen bis zur persönlichen Ausrüstung und Bewaffnung sind im Rahmen von SIMUG einsetzbar. Mit dem SIM KIUG wird das Schwergewicht auf den Kampf der verbundenen Waffen in überbautem Gelände gelegt und interoperabel mit allen bereits beschafften oder noch zu beschaffenden Laserschuss-Simulatoren eingesetzt werden. Nebst der Truppe, deren Waffen und Kampffahrzeuge können auch Unterstützungswaffen wie Artillerie und Minenwerfer simuliert eingesetzt und deren Wirkung ausgewertet werden – ebenso der Sanitätsdienst, Teile der Genie und der Logistik. SIM KIUG wird damit eine zentrale Rolle in der Ausbildung übernehmen. Eingesetzt wird das System auf den Waffenplätzen Bure (2011) und Walenstadt (2012). Das System wird von der RUAG geliefert, welche in diesem Bereich weltweit eine Monopolstellung besitzt.

SIMUG - SIM KIUG

 
Quasi ein Untergeschäft des SIM KIUGs ist die Beschaffung von 250 Laserschuss-Simulatoren “Richtladung” (LASSIM Ri Ldg, siehe Bild oben rechts) und 180 Laserschuss-Simulatoren “Leichtes Maschinengewehr 05” (LASSIM LMg 05) für 13 Mio. SFr

Seit die 650 Sanitätspinzgauer 6×6 ausser Dienst gestellt wurde, besass die Schweizer Armee kein leichtes Sanitätsfahrzeug mehr. Die mit dem Rüstungsprogramm 2005 (RP 05) beschafften und für unwegsames Gelände konzipierten 40 splittergeschützten Sanitätsfahrzeuge auf Basis des PIRANHA I, 6×6 konnten das Bedürfnis nach geeigneten Evakuationsfahrzeugen nicht decken und schlucken mit rund 50l auf 100km eine in Ausbildung und Einsätzen mit tiefem Bedrohungsumfeld kaum vertretbare Menge Treibstoff. Mit dem Rüstungsprogramm 2009 werden für 47 Mio. SFr 150 Sanitätswagen Leicht auf der Basis der neu einzuführenden Lieferwagengeneration Mercedes-Benz Sprinter beschafft (siehe Bild unten links). Er bietet Platz für zwei liegende oder bis zu sechs sitzende Patienten sowie für zwei Betreuer. 20 Sanitätswagen werden voll ausgerüstet beschafft (analog zu der Ausrüstung des Sanitäts-PIRANHA), 130 einem zivilen Krankentransportwagen entsprechend mit einem reduzierten Standard für die Patientenbetreuung Leichter Sanitätswagenausgestattet. Bei Bedarf und entsprechender Nachbeschaffung der erforderlichen medizinischen Geräte können diese Fahrzeuge mit geringem Arbeitsaufwand auf den Stand des Sanitäts-PIRANHA aufgerüstet werden.

Der letzte Posten im Rüstungsprogramm 09 macht der Werterhalt der Fahrausbildungs- und Trainingsanlage für Motorfahrer (FATRAN WE) aus und umfasst 17 Mio. SFr. Acht FATRAN wurden mit dem Rüstungsprogramm 1997 (RP 97) beschafft, von denen heute noch 7 im Einsatz sind (je 2 in Drognens, Frauenfeld und Wangen an der Aare, 1 Anlage in Thun) – die Anlage auf dem Mt. Ceneri wurde aufgrund des Stationierungskonzeptes liquidiert. In der Zwischenzeit haben sich die Fahrzeug- und Fahrtechnik, das erforderliche Verhalten in vielen Verkehrssituationen und die Strassenverkehrsdichte verändert. Dieses Umfeld sowie die mit der FATRAN gesammelten Erfahrungen, die zunehmenden Instandhaltungskosten und die geplante Ablösung des bisherigen Fahrschullastwagens durch ein modernes Fahrzeug wurden bei der FATRAN WE berücksichtigt. Schade ist, dass die Ablösung des Fahrschullastwagens noch nicht im Rahmen dieses Rüstungsprogramm stattfinden wird. Die Leistungen des Sichtsystems und des Simulationsrechners werden so ausgelegt sein, dass nach der Werterhaltung im Simulationsbereich bis zu 100 dynamische Verkehrsteilnehmer gleichzeitig bewegt und jederzeit zusätzlich 40 statische Objekte verwaltet und vom Sichtsystem dargestellt werden können. Das System wird von der Rheinmetall Defence Elektronik GmbH, Deutschland geliefert.

Die Botschaft zum Rüstungsprogramm 09 gibt neben den spezifischen Rüstungsvorhaben auch einen interessanten Einblick in die langfristige Planung der Schweizer Armee. Bis 2011 will der Bundesrat die Armee konsolidieren – ob das wirklich gelingt ist zweifelhaft, wird doch beispielsweise ständig am Ausbildungsmodell der Armee herumgeschraubt. Gemäss des Bundesrates muss danach der Betriebsaufwand durch Anpassung der aktuellen Rahmenbedingungen für die Armee zu Gunsten der künftigen Fähigkeitsentwicklung verringert werden. Diese Anpassung kann bedeuten, dass die erwartete Leistungsfähigkeit hinsichtlich Vorbereitungszeit, Bereitschaft (Grundbereitschaft in den Bereichen Führung, Personal, Ausbildung, Logistik), Durchhaltefähigkeit (Anzahl Verbände und Stäbe sowie deren Ausrüstung und Infrastruktur) sowie Armeebestand (zu leistende Diensttage und zu erbringende Dienstleistungen) verändert (verringert?) wird. Gemäss Masterplan sind die strategischen Vorgaben:

  • Die Armee richtet ihre Fähigkeiten in erster Linie auf die Führung und Durchführung von Existenz- und Raumsicherungsoperationen (ohne Gegenkonzentration) als wahrscheinlichste Einsatzformen in naher Zukunft aus.
  • Fähigkeitslücken werden im Bereich der Aufgaben mit hoher Vorbereitungszeit und in der Verteidigung bewusst in Kauf genommen und über ein Risikomanagement gehandhabt. So werden beispielsweise Brückensysteme in absehbarer Zeit nicht ersetzt.
  • Im Finanzbereich ist die Investitionsquote zwischen 30 und 40 Prozent mittel- und langfristig zu stabilisieren.
  • Aufgaben, welche nicht zum Kernbereich der Armee gehören, können ausgelagert werden –> wird insbesondere die Logistik betreffen.

Bis 2015 wird der Aufbau des Führungsverbundes gebremst. Weitere Tranchen an Führungsinformationssystemen und Kommunikationsmitteln werden gekürzt oder um zwei Jahre verzögert. Damit ist es zweifelhaft ob das FIS Heer vor 2011/2012 auch wirklich operationell so einsetzbar ist, wie es ursprünglich vorgesehen war, denn der dritte Ausbauschritt war für 2009/2010 geplant. Eigentlich beschämend, wenn man berücksichtigt, dass für das FIS Heer in den Rüstungsprogrammen 06 und 07 702 Millionen Franken aufgewendet wurde und vor allem von denjenigen in der Armee positiv bewertet wird, welche damit nicht direkt gearbeitet haben. Dafür will die Armee nun ein Schwergewicht auf die Ausbildung des Heeres und der Luftwaffe auf Simulatoren legen. Das Transportflugzeug ist bis mindestens 2015 komplett vom Tisch. Ich befürchte so wird’s wohl nichts mit der “besten Armee der Welt“.

Hauptquelle
Botschaft über die Beschaffung von Rüstungsmaterial (Rüstungsprogramm 09).

Letzte News
Der Bundesrat hat heute, Mittwoch 25.02.09 Divisionär André Blattmann (52) zum neuen Chef der Armee und Divisionär Markus Gygax (58) zum neuen Kommandanten der Luftwaffe ernannt. Beide treten ihr Amt am 1. März 2009 an und werden zu Korpskommandanten befördert. (Medieninformation)

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2 Responses to Rüstungsprogramm 09

  1. Ein Update zum FIS Heer

    FIS Heer ist ein System zur Darstellung militärischer Lagekarten und deren stufengerechter Verbreitung innerhalb eines grossen militärischen Verbandes. Es besteht gemäss Projektziel aus zahlreichen, zu einem Netzwerk zusammengeführten Computern. Diese wurden in militärische Fahrzeuge eingebaut, welche als mobile Arbeitsplätze sowie als Kommando-, Aufklärungs-, Sanitäts- und Verbindungsfahrzeuge dienen sollen. Daneben wurden zum Aufbau mobiler Kommandoposten Container in unterschiedlichen Konfigurationen beschafft.

    Das FIS Heer soll gemäss VBS im stationären Einsatz einwandfrei funktionieren (da habe ich jedoch auch schon andere Meinungen gehört), doch im mobilen Einsatz sei es nicht zu gebrauchen. Das Problem liege im hohen Datenaufkommen. Das dazu eingesetzte Funkgerät SE-235 könne die dazu notwendige Leistung nicht erbringen. Bei der Beschaffung des Systems sei dieser Aspekt völlig vernachlässigt worden. Das ursprüngliche Ziel des mobilen Einsatzes ist frühestens mit einer allfälligen Beschaffung neuer Telekommunikationsgeräte nicht vor 2018 möglich, wobei momentan ein entsprechender Ausbau der Telekommunikationssysteme für die Armee nicht finanzierbar ist.

    Das FIS Heer ist in 7 Stäben von Grossen Verbänden (alle Territorialregionen, Panzerbrigade 11, Infanteriebrigaden 5 und 7) seit Frühling 2011 eingeführt und arbeiten in Stabskursen mit dem System. Die Vorbereitungen der grossen Übungen “SEISMO” und “STABILO DUE” wurden mit dem FIS Heer vorbereitet. Die Einsätze von FIS HE verlaufen anlässlich des WEF seit 2010 stabil. Bei den übrigen Stäben der Grossen Verbände wird FIS HE im Frühjahr 2013 eingeführt und soll das jetzige BA KP Gs Vb ablösen. Ab 2013 sollen die Truppen für subsidiäre Sicherungseinsätze und militärische Katastrophenhilfe in den Rekrutenschulen (Lehrverbände Führungsunterstützung 30, Logistik und Genie/Rettung) auf FIS Heer ausgebildet werden.

    Mitte August 2012 wurde bekannt, dass das VBS am FIS Heer festhalten will. Eine Rückkehr zu Karte, Packpapier und Plastik sei keine Alternative. Die Schweizer Milizarmee müsse sich technologisch auf einem Stand bewegen, der es ihr erlaubt sich mit anderen Armeen zu messen. Die Einsatztiefe des FIS Heer soll jedoch (temporär) eingeschränkt werden. Das heisst, dass maximal Kompanien mit FIS Heer ausgerüstet werden sollen (ursprünglich war bis zur Stufe Gruppe geplant) und dass das System so hauptsächlich stationär eingesetzt werden soll.

    Ob Aufwand und Ertrag beim FIS Heer wirklich stimmt? Jedenfalls schätzt das VBS, dass die Instandhaltung und der Betrieb des Systems rund 20 Millionen SFr jährlich kosten.

    Quellen:

  2. Gemäss Bundesrat Maurer würde der komplette Ersatz des SE-235 durch ein leistungsfähigeres Gerät für die Mobilisierung des FIS Heer schätzungsweise 2 Milliarden SFr kosten. Die Beschaffung müsste in mehrere Tranchen erfolgen. Deshalb werde das FIS-Heer in den nächsten 6-8 Jahren nur reduziert und stationär betrieben.

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