Was läuft eigentlich in Afghanistan 01?

Die ganze Welt schaut auf die Geschehnisse im Irak, einige fürchten die Ausweitung des militärischen Konflikts auf den Iran. Aus Afghanistan hört man derzeit wenig – alles im Griff am Hindukusch? Nein, denn so ruhig ist es in Afghanistan gar nicht. Abgesehen von dem Gerichtsfall gegen einen zum Christentum Konvertierten (zum “positiven” Ausgang der Gerichtsverhandlung siehe Spiegel) finden auch in Afghanistan regelmässig Anschläge auf Personen und Einrichtungen statt:

  • 3. März 2006: Selbstmordattentat auf kanadische Soldaten der ISAF-Schutztruppen. Fünf kanadische Soldaten wurden dabei verletzt.
  • 12. März 2006 : Vier tote US-Soldaten bei einem Bombenanschlag auf eine US-Miltärpatrouille.
  • 20. März 2006: Bombenanschlag auf einen Funkturm.

Zwischen 2001 und 2003 gab es 5 Selbstmordanschläge, 2004 10 und 2005 bereits 20 – allein im Januar 2006 sind mindestens 30 Menschen durch Selbstmordanschläge getötet worden (Quelle: Telepolis).

Gemäss einem Artikel von Telepolis sollen die Angriffe auf die internationale Friedenstruppe noch zunehmen: in Afghanistan droht eine Frühlingsoffensive, die Taliban übernehmen die im Irak praktizierten Strategien und das Land steht in Gefahr, bald wieder von einem islamistischen Regime regiert zu werden. Der Oberkommandierende des US Central Command, der sowohl für Irak wie auch für Afghanistan zuständige General John Abizaid bestätigte am 15. März 2006 vor dem Streitkräfteausschuss des US Repräsentantenhauses eine gesteigerte Aktivität der Taliban und der Al-Qaida:

  • Die Al-Qaida beabsichtige, weiterhin Ruhe- und Rückzugsräume in Afghanistan zu etablieren;
  • die Führungskräfte der Al-Qaida operierten jedoch von Pakistan aus;
  • Vernetzungen bestünden mit den Taliban, dem Haqqani Tribal Network sowie mit Hezb-i-Islami Gulbuddin.

Gemäss Abizaid bestünde oberste Ziel der militärischen Operation in Afghanistan der US-amerikanischen und verbündeten Spezialeinheiten, sei es, Al-Qaida-Terroristen zu töten und festzunehmen.

Sollten die Amerikaner weitere Kräfte aus der südlichen Region Afghanistans abziehen (zum Beispiel zur Verstärkung der Truppen im Irak) und stattdessen Nato-Verbände – vor allem britische Truppen – die Kontrolle über die Regionen im Süden übernehmen, könnte sich das Problem weiter verschärfen. Das Institute of Peace befürchtet, dass mit der weniger kämpferischen Einstellung der Nato-Verbände die Aufständischen stärker werden könnten. Die US-Truppen hätten die Aufständischen nicht nur entlegenen Gebieten gejagt und herausgefordert, sondern auch Angriffe über die pakistanische Grenze hinweg ausgeübt. Da die Nato mit der ISAF die Friedensförderung als Mission hat, ist mit der amerikanische “to kill and capture” – Doktrin nicht zu rechnen.

Die Macht der Taliban ist nicht zu unterschätzen. Vorbereitungen für mögliche Operationen und Offensiven finden auf pakistanischem Gebiet an der Grenze zu Afghanistan statt, beispielsweise in Waziristan (siehe Bild, Quelle: Asia Times). Trotz allen Beteuerungen ist der Willen des pakistanischen Geheimdienstes, der Ordnungskräfte und des Militärs gegen Terroristen in diesem Gebiet vorzugehen, eher gering – da ändert auch Bush’s Blizbesuch Ende Februar nichts.

Ein weiteres Problem in Afghanistan, der Drogenanbau, wurde auf die lange Bank geschoben. Gemäss Aussagen zweier Vertreter der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) an der Höheren Kaderausbildung der Armee in Luzern wird der Anbau von Drogen in Afghanistan von allen an den Friedenstruppen beteiligten Nationen stillschweigend tolleriert, weil man auf die Unterstützung der Warlords angewiesen sei – in der Praxis ist der Einfluss der Regierung unter Hamid Karzai fast ausschliesslich auf die Hauptstadt Kabul beschränkt.

NOT participating in poppy eradication or destruction of processing facilities or taking military action against narcotics producers. (Mission Statement der NATO / ISAF)

Weitere Informationen

Bilderverzeichnis

  • Bild 1: “United States Marine Corps Embedded Training Team and United States Army Specal Forces training the Commando Battalion of the Afghan National Army” von Elteto (flickr) aus dem Zeitraum 17. Juni 2004 – 12. August 2004. Bild ist nicht weiter kommentiert, sieht aber danach aus, dass gesammelte Munition zur Vernichtung vorbereitet wird.
  • Bild 2: US Troops Survive Roadside Bombing in Afghanistan. An injured soldier gets medical attention after the bombing of a humvee on Aug. 10, 2005, in Dilla, Afghanistan. A few of the soldiers were injured and suffered broken bones and head concussions but the assault was ineffective in creating major casualties. © Robert King/ZUMA/Corbis.
  • Bild 3: Die Taliban bereiten sich auf pakistanischem Gebiet auf eine Offensive vor (Asia Times).
  • Bild 4: US-Präsident besuchte am 1. März US-Truppen in Afghanistan. (Telepolis/Weisses Haus).
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4 Responses to Was läuft eigentlich in Afghanistan 01?

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