Was läuft eigentlich in Afghanistan 05?

Stellungskrieg in Afghanistan?Der US-Präsident Barack Obama machte nie ein Geheimnis, dass er den Krieg gegen den Terrorismus in Afghanistan als gerechtfertigt ansieht und auch dort ein Schwergewicht beim Einsatz der US-Truppen ansetzen will. “Change” heisst in Bezug auf Afghanistan eine Intensivierung des Kampfes gegen bewaffnete Aufständische und Terroristen. So gab Obama letzten Freitag bekannt, dass er die US-Kampftruppen in Afghanistan um 17,000 Mann aufstocken will. Trotzdem umfasst die Aufstockung ein Minimum, was die Verantwortlichen des US-Militärs gefordert hatten. Obama’s Entscheid wird mit Sicherheit auch ein Thema beim NATO-Gipfel am kommenden Wochenende sein, denn die USA erwarten von ihren Verbündeten, dass sie mitziehen:

My Administration is committed to strengthening international organizations and collective action, and that will be my message next week in Europe. As America does more, we will ask others to join us in doing their part. From our partners and NATO allies, we seek not simply troops, but rather clearly defined capabilities: supporting the Afghan elections, training Afghan Security Forces, and a greater civilian commitment to the Afghan people. For the United Nations, we seek greater progress for its mandate to coordinate international action and assistance, and to strengthen Afghan institutions. — Barack Obama bei der Bekanntgabe der neuen Afghanistan-Strategie.

Es wird auch höchste Zeit für eine Intensivierung des Engagements in Afghanistan. Im letzten Jahr wurde gemäss UNO-Angaben ein neuer Höhepunkt erreicht: 2118 tote Zivilisten (+40% zum Vorjahr – noch nie seit dem Sturz der Taliban wurden so viele Zivilisten getötet). Mehr als die Hälfte der Opfer sind Folgen von Selbstmord- und Bombenanschlägen. Was jedoch ebenfalls bedenklich ist: 38% der Zivilisten starben bei Einsätzen der afghanischen Regierungstruppen oder ihrer Verbündeten. (Quelle: Spiegel). Derzeit sind rund 72% des afghanischen Territorium unter permanenter talibanischer Kontrolle (siehe Graphik unten), vor einem Jahr waren es noch 54%. Die Sicherheit von drei der vier Strassen, welche nach Kabul führen, ist durch Aktivitäten der Taliban beeinträchtigt. (Quelle: Anthony H. Cordesman, “The Afghan-Pakistan War: New NATO/ISAF Reporting on Key Trends“, Center for Strategic and International Studies, 26.03.2009). Talibanische Kämpfer können so gut wie ungehindert in die Hauptstadt Kabul eindringen, was sie in einem “mumbai-styleAngriff anfangs Februar unter Beweis stellten. Pikanterweise fand der Anschlag einen Tag vor dem Besuch des neuen US-Sondergesandten für Afghanistan, Richard Holbrooke statt. Dies sind unter anderem die Folgen einer verfrühten Abgabe der Verantwortung über die Sicherheit an noch schlecht ausgebildeten afghanischen Streit- und Sicherheitskräften. Deshalb will Obama zusätzlich 4,000 Militärausbilder nach Afghanistan entsenden, um die afghanischen Sicherheitskräfte schnell in die Lage zu versetzen, selbst Ruhe und Ordnung zu garantieren. Bis 2011 sollen damit eine 134,000 Mann umfassende afghanische Streitkraft und 82,000 Polizisten ausgebildet werden. Der ehemalige Kommandant der Koallitionstruppen in Afghanistan, Lt. Gen. David Barno sagte Ende Februar vor dem United States Senate Committee on Armed Services , dass die US-Truppen wahrscheinlich noch bis 2025 in Afghanistan stationiert bleiben müssten.

72% mit hoher, 21% mit mittlerer und 7% mit wenig Taliban-Präsenz

72% mit hoher, 21% mit mittlerer und 7% mit wenig Taliban-Präsenz

In vielen Berichterstattungen gingen die nicht-militärischen Ansätze der neuen Strategie etwas unter. Beispielsweise will Obama auch die Spannungen und Rivalitäten innerhalb der Taliban nutzen, um die Kampfkraft der Aufständischen zu schwächen. Vermutlich unter diesem Aspekt ist auch Obamas Angebot an “moderate Talibans” zu verstehen, in die politischen Prozesse innerhalb Afghanistans eingebunden zu werden, denn solche Angebote machen eigentlich nur dann Sinn, wenn man aus einer Position der Stärke argumentieren kann. Deshalb wurden die Äusserungen Obamas von einigen Aufständischen als Zeichen von Schwäche wahrgenommen. Obama orientiert sich bei diesem Angebot an den Erfahrungen von US-General David Petraeus im Irak – wo es gelang, durch Einbindung die Front der Gegner aufzubrechen:

If you talk to General Petraeus, I think he would argue that part of the success in Iraq involved reaching out to people that we would consider to be Islamic fundamentalists, but who were willing to work with us because they had been completely alienated by the tactics of Al Qaeda in Iraq. — Barack Obama in einem Interview mit der New York Times, 07.03.2009.

Obama will ausserdem rund 400 Landwirtschaftsspezialisten, Ingenieure, Lehrer und Richter nach Afghanistan entsenden. Im Gegensatz zur Bush-Administration will die Obama-Administration den zivilen Aufbau stärker kontrollieren, um das planlose Versickern von Hilfsgeldern durch Korruption nachhaltig zu bekämpfen.

Fly over a neighborhood in Kandahar province.Das Problem liegt jedoch nicht mehr nur innerhalb Afghanistan: die bewaffneten Gegner der ISAF-Truppen befinden sich in einem sicheren Rückzugsgebiet im nordwestlichen Pakistan. Anthony H. Cordesman vom Center for Strategic and International Studies ist sogar der Meinung, dass Pakistan das eigentliche strategische Zentrum der Kraftentfaltung darstellt und dass ein Erfolg in Afghanistan solange unmöglich bleiben wird, wie sich die bewaffneten Aufständischen im nordwestlichen Pakistan zurückziehen können. Sollte also die vorgesehene signifikante Truppenerhöhung nicht genügend Wirkung zeigen bzw. die pakistanische Regierung sich weiterhin ausser Stand zeigen, Ordnung im nordwestlichen Pakistan durchzusetzen, wäre mittelfristig eine weitere Eskalation des Konflikts möglich. Wie sich Barack Obama bei einem solchen ungünstigen Verlauf verhalten würde, liess er bereits im August 2007 während seinem Wahlkampf zum amerikanischen Präsidenten in einer Ansprache zur Nationalen Sicherheit der USA durchscheinen: wenn notwendig würde er auch gegen Al-Qaida-Terroristen in Pakistan vorgehen, sogar wenn Pakistan einer solchen Operation nicht zustimmen würde. So weit ist es derzeit glücklicherweise noch nicht: Obama will Pakistan vorerst für die nächsten 5 Jahren wirtschaftlich unter die Arme greifen und 1,5 Milliarden US-Dollar jährlich für Schulen, Strassen und Spitäler zur Verfügung stellen. Ob dies wirklich genügt, um innerhalb Pakistan eine nachhaltige positive Entwicklung zu stimulieren, welche schliesslich zur Neutralisierung der bewaffneten Aufständischen im nordwestlichen Pakistan führen soll, ist mehr als zweifelhaft angesichts der herrschenden Korruption.

Thus far, our policy sees Afghanistan and Pakistan as two countries, but one theater of operations for our diplomacy, and one challenge for our overall policy. We have very concrete proposals for increasing economic assistance to Pakistan, proposals that have already been put forward by the Congress. We’re also looking at what we can do on the military side. — Bruce Riedel, verantwortlich für Obamas Afghanistan-Strategie.

In dieser kurzen Reportage von CorpWatch beantworten afghanische Parlamentarier, Studenten usw die Frage, was sie vom US-amerikanischen Präsident erwarten:

Weitere Informationen

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Bildverzeichnis
Oben links: Stellungskrieg in Afghanistan? Marine LCpl. Brandon Collingwood returns to his sandbagged sleeping quarters after serving his time on guard duty on March 30, 2009 in Now Zad in Helmand province of southern Afghanistan. Marines from Lima Company of the 3rd Battalion, 8th Marine Regiment man an observation post overlooking the Taliban frontline. Unlike in many other areas of Afghanistan, where American forces are engaged primarily in counterinsurgency warfare, in Now Zad, both Taliban and American forces hold territory and can see each other across their linear frontline positions.
Unten rechts: Canadian door gunners from the NATO-led coalition force, takes position in a Chinook helicopter as they fly over a neighborhood in Kandahar province, southern Afghanistan, March 27, 2009. Helicopters are a prime asset to move NATO-led coalition troops and supplies in the war-plagued country because convoys by road are often blown up by improvised explosive devices (IEDs).

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