Durchdiener – personelle Perspektive oder Fremdkörper der Armee?

Durchdiener des Lehrverbands Genie / Rettung bei einer Demonstration an der Gehla 08Unter dem Titel “Durchdiener – personelle Perspektive oder Fremdkörper der Armee?” organisierte die Chance Schweiz am letzten Samstag in Olten eine Veranstaltung zu einem Thema, welches durch die Aussage von Bundesrätin Doris Leuthard, dass die Erhöhung der Anzahl Durchdiener Platz für arbeitslose Jugendliche schaffen soll, eine unerwartete Aktualität erfahren hat. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass dieser Vorschlag nicht nur eine ziemliche Schnapsidee ist, sondern langfristig womöglich auch das Wehrmodell der Schweizer Armee in Frage stellen könnte. Gemäss Militärgesetz Art. 54a darf der Anteil eines Rekrutenjahrgangs, der seinen Ausbildungsdienst ohne Unterbruch leistet, 15 Prozent nicht überschreiten. Das würde im Jahr rund 3750 Durchdiener umfassen, im Moment werden jedoch bedeutend weniger ausgehoben, von denen noch einmal rund 1/4 entweder entlassen werden oder ins WK-System wechseln. Die gesetzlichen 15% werden derzeit also nicht voll ausgenutzt, trotz Durchlässigkeit vom WK-System ins Durchdiener-Modell während der Rekrutenschule. In der Praxis kann jeder Rekrut, welcher die notwendigen Voraussetzungen (Lehrabschluss oder Matura) erfüllt und in einer Rekrutenschule eingeteilt ist, welche die Möglichkeit zum Durchdienen offeriert, mit einem schriftlichen Gesuch ins Durchdiener-Modell wechseln. Trotzdem nahmen die Durchdienerzahlen in den letzten zwei Jahren ab (siehe Diagramm rechts), denn Ausgehobene Durchdienerdie teilweise unattraktiven Aufgaben während der Durchdienerzeit (AMBA CENTRO) dämpft das Interesse etwas. Wenn Bundesrätin Leuthard mit dem Durchdiener-Modell tatsächlich die Arbeitslosenquote bei Jugendlichen senken will, dann müsste Zwang auf arbeitslose Jugendliche ausgeübt werden, was derzeit gesetzlich nicht zulässig ist. Jedoch auch mit Zwang würden wegen des Alters, der Tauglichkeit, dem notwendigen Lehrabschluss oder der Maturität nur wenige Arbeitslose von Leuthards Vorschlag profitieren und das Problem “Arbeitslosigkeit” würde damit zeitlich nur um 300 Tage verschoben und nicht gelöst.

In seinem Einführungsreferat zeigte Brigadier Hans-Peter Walser, J1 der Armee welche Konsequenzen eine Erhöhung des Durchdieneranteils von 15% auf 30% hätte. Weil ein Durchdiener keine Wiederholungskurse leistet, entspricht ein abgeschlossener Durchdiener der Streichung von 6 Soldatenstellen in einem WK-Jahr. Würden zusätzliche 1000 Durchdiener fertig ausgebildet, so käme das einer Reduktion von 6000 WK Soldaten bzw. einer Streichung von rund 6 WK-Bataillonen gleich. Die Verdoppelung des Durchdieneranteils würde also eine Reduktion von rund 18-20 WK-Bataillonen bedeuten. Hinsichtlich auf die demographischen Veränderungen der nächsten 10-20 Jahre wiegt diese Reduktion um so schwerer. Derzeit hat die Schweiz rund 22.000 ausexerzierte Rekruten pro Jahr. Ab 2020 werden der Armee wegen dem Geburtenrückgang voraussichtlich nur noch um 16.000 ausexerzierte Rekruten zur Verfügung stehen, wenn die Ausexerzierungsrate der stellungspflichtigen Jugendlichen bei den derzeitigen 60% bleibt. Diese Abnahme allein wird langfristig zu einer Reduzierung von 40 Bataillonen (!!) führen (siehe Graphik unten). Der Anteil eingebürgerten Jugendlichen wird daran kaum etwas ändern, wenn sich die restriktive Einbürgerungspraxis der Schweiz nicht ändert. Rund die Hälfte der in der Schweiz geborene Jugendliche mit ausländischen Eltern besitzen keinen Schweizer Pass und sind deshalb nicht militärdienspflichtig – also ein gewisses Rekrutierungspotential wäre hier schon noch vorhanden. Soweit wie die US-Armee muss man ja nicht gehen, dass auch Einwanderer zum Militärdienst aufgefordert würden.

Prognose in die RS einrückende Jugendliche

Durch die Abschaffung der Gewissensprüfung wird sich zusätzlich der Abfluss von Rekruten zum Zivildienst erhöhen, auch wenn die Gesamtleistungspflicht im Zivildienst das 1,5-fache der Dienstleistungspflicht in der Armee beträgt. Derzeit leisten rund 1600 militärdiensttaugliche Jugendliche Zivildienst, in Zukunft werden es voraussichtlich um 2500 sein.

In einem zweiten Referat stellte Oberst i Gst Philipp Bühler seine Studie im Rahmen seines Master of Advanced Studies in Security Policy and Crisis Management vor (Datenstand: November 2008; Datenbasis: 584 Fragebogen von Rekr, Sdt und Kader aller 3 Starts der Inf DD Kdo 14). Wenn auch nicht repräsentativ für alle Durchdiener, relativiert die Auswertung der Datenerhebung bei den Infanterie-Durchdienern die Behauptung der SVP in ihrem Positionspapier zur Ausbildung in der Schweizer Armee vom Februar 2009, dass sich “[a]ls Durchdiener […] vor allem (teilweise von den Regionalen Arbeitsvermittlungs-Stellen, teilweise von Sozialämtern geschickte) Arbeitslose, Ungelernte, viele Sozialfälle, teilweise Asoziale […]” melden. Eigentlich zeigen die notwendigen Voraussetzungen bereits auf, dass es sich bei Durchdienern nicht um Ungelernte handeln kann. Leider werden diese Bedingungen erst seit Mitte 2008 durch die Rekrutierungszentren strikt umgesetzt, so dass immer noch rund 12% ohne Berufslehre oder mit einer 2-jährigen Lehre als Durchdiener in den Rekrutenschulen auftauchen. Demgegenüber haben 68% der Infanterie-Durchdiener ein mittlere Bildungsniveau (3-4 jährige Lehre oder vergleichbar) und 20% besitzen ein höheres Bildungsniveau (Maturität oder am Studieren). 75% der Befragten gaben ausserdem an, dass ihr derzeitiges finanzielles oder berufliches Umfeld keinen Einfluss auf die Entscheidung Durchdiener zu machen hatte und nur 14% der befragten Durchdiener war bereits einmal arbeitslos. Bedeutenden Einfluss auf die Entscheidung den Dienst als Durchdiener zu leisten, haben Freunde, Kameraden und Väter (total über 50%). Von den befragten Durchdiener würden 80% diese Entscheidung ihren Kameraden weiterempfehlen. Gefragt nach den Motiven nannten rund 90%, dass sie in ihrem späteren Berufs- und Privatleben keine weiteren Unterbrüche durch Wiederholungskurse möchten und rund 85%, dass sie das “Militär als Lebensabschnitt hinter sich bringen” wollen. Dies ist verbunden mit einer überdurchschnittlich geringen Bereitschaft, eine Kaderlaufbahn einzuschlagen. Am ehesten schlagen Durchdiener mit einem Berufsabschluss eine Kaderlaufbahn ein (63% der Hauptauftrag der Infanteriedurchdiener: BotschaftsbewachungDurchdiener-Kader haben einen Berufsabschluss und so gut wie keiner einen Hochschulabschluss). Als Motive für eine Kaderausbildung gaben die Befragten an, sie möchten von der Führungsausbildung später im Zivilen profitieren (41%), möchten “meinem Land etwas zurückgeben” (15%) oder sind aus finanziellen Gründen interessiert (rund 14%). Mit über 35% ist das familiäre Umfeld entscheidend, ob ein Durchdiener eine Kaderausbildung einschlägt oder nicht. Betreffend Auslandeinsätze, zeigen sich über 25% nicht bereit einen Auslandeinsatz zu leisten, über 40% wären dazu bedingt bereit und 24% wären sogar bedingungslos dazu bereit. Die Mehrheit der Durchdiener schätzt die eigene Zukunft positiv ein und sieht keine Probleme bei der Rückkehr ins Zivilleben. Trotzdem wird von Seite der Armee noch mehr Unterstützung beim Wiedereinstieg erwartet. Während des zweiten Podiumsgespräche konfrontierte Oberst i Gst Bühler Nationalrat Toni Bortoluzzi (SVP/ZH) mit diesen Ergebnissen und fragte, auf was die Behauptungen im Positionspapier der SVP basiere. Bortoluzzi antwortete, dass die Aussagen des Positionspapier auf Vermutungen basieren würde. Bortoluzzi selber zeigte sich ebenfalls als sehr lernresistent, so kam er erst nach den Einführungsreferaten von Brigadier Walser und Oberst i Gst Bühler, weil er sich gemäss eigenen Worten “nicht belehren lassen will”.

Am Schluss seines Referats formulierte Oberst i Gst Bühler folgende Empfehlungen für das Durchdiener-Modell:

  • Gewinnung von Durchdiener schwergewichtig über Orientierungstage und Informationsveranstaltungen auf Waffenplätzen, denn über 50% der Befragten trafen ihre Entscheidung auf Grund der Informationen an den Orientierungstagen.
  • Geeignete Selektionierung im Vorfeld, weil rund 1/4 der einrückenden Durchdiener bis am Schluss der Dienstleistung entweder entlassen oder in das WK-Modell umgeteilt werden.
  • Eine Image- und Atraktivitätssteigerung des Durchdienermodells, beispielsweise durch Vereinfachung sich bei polizeilichen Berufen zu bewerben.
  • Freiwillige Teilnahme von Durchdienern an Auslandeinsätzen.
  • Überarbeitung des Kadermodels für Durchdiener, weil eine ununterbrochene 600 Tage dauernde Dienstleistung bei Zugführern viele potentielle Kandidaten abschreckt.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion zeigten Brigadier Urs Hürlimann und Brigadier Jacques Rüdin den Einsatz der Durchdiener in der Militärischen Sicherheit (Milsich) und der Genie / Rettung auf. Die Infanterie-Durchdiener werden ausschliesslich für den Botschaftsschutz (AMBA CENTRO) eingesetzt, wobei der Einsatz der Durchdiener in Bern ab dem 01.07.2009 abgeschlossen und vollständig von der Milsich übernommen wird. Geplant ist, dass auch der Einsatz in Genf am 01.01.2010 für die Durchdiener auslaufen wird. Wegen des limitierten Personalbestands der Milsich ist es jedoch möglich, dass der Einsatz der Durchdiener in Genf verlängert wird. Auch wenn Botschaftsbewachung öde ist, muss man sich angesichts des Abbaus der Durchdiener bei der Botschaftsbewachung fragen, wo die Infanterie-Durchdiener neben der Sicherstellung der Bereitschaft und Betreiben der Ausbildung zukünftig eingesetzt werden. Im Gegensatz dazu wird es den Durchdienern in der Genie / Rettung nicht langweilig. Sie werden bei verschiedensten Aufbau-, Abbruch- und Rettungseinsätzen in Kooperation mit Zivilen eingesetzt. Beide Brigadiers sehen die Vorteile der Durchdiener in den effektiven und effizienten Einsatzmöglichkeiten durch eine auftragszentrierte Ausbildung und einer hohen Verfügbarkeit. Die Nachteile liegen in der noch geringen praktischen Erfahrung der jungen Soldaten und bei der Infanterie im eintönigen Botschaftsschutz. Als Gegenmittel brauche es eine strikte Führung, Betreuung und Abwechslung.

In der zweiten Podiumsdiskussion nahmen die Nationalräte Toni Bortoluzzi (SVP/ZH), Walter Müller (FDP/SG) und Hans Widmer (SP/LU) teil. Über Bortoluzzi habe ich mich schon weiter oben ausgelassen, Walter Müller war jedoch nicht besser: viel blabla mit wenig Inhalt. Er sei eher gegen Durchdiener, würde es jedoch gut finden, wenn Durchdiener schwergewichtig im Telekomunikationsbereich eingesetzt würden und finde es schade, dass Durchdiener als bestausgebildete Soldaten nicht länger für das Militär zur Verfügung stünden. Darauf fragte Brigadier Rüdin nach, wie denn eine Weiterverwendung genau aussehen soll, denn nach der Entlassung haben die Durchdiener ihre Pflicht getan und werden danach nicht mehr aufgeboten – dass ist ja grad die Idee des Durchdienermodells. Müller stammelte, man müsse halt alternative Wehrmodelle andenken. Auf die Anschlussfrage von Rüdin, ob er denn eine Berufsarmee möchte, gab Müller keine Antwort, denn bevor er sich komplett vor den Anwesenden blamierte, schritt Diskussionsleiter Dieter Wicki mit einem neuen Themenbreich ein. Am überzeugendsten trat Hans Widmer auf. Er steht zum Durchdienermodell und identifiziert es als Schlüsselelement für weitere Fragen, die in den nächsten Jahren zwangsläufig auftauchen werden: Ausbau des Auslandengagements angesichts des Interesses der Durchdiener bei solchen teilzunehmen, Grösse der Armee und damit verbunden auch die Frage nach dem richtigen Wehrmodell, Freiwilligkeit der militärischen Dienstleistung usw.

Die eingangs gestellte Frage, ob dass Durchdienermodell eine personelle Perspektive oder Fremdkörper der Armee sei, kann erst nach der Neufassung des Sicherheitspolitischen Berichts abschliessend beantwortet werden. Eines ist klar, die Bereitschaft in der jetzigen Armee ist nur mittels Durchdienern aufrecht zu erhalten. Ob und in welchem Rahmen es diese Bereitschaft braucht, ist schlussendlich von den erhaltenen Aufträgen abhängig und deshalb ein politischer Entscheid. Wie dieser Anlass jedoch gut aufzeigte, liegt womöglich eben genau darin das Kernproblem.

Datenquellen

  • Hans-Peter Walser, “Durchdiener: Personelle Perspektive oder Fremdkörper der Armee?”, Präsentationsfolien zum Referat, 09.05.2009.
  • Philipp Bühler, “Ergebnispräsentation der wichtigsten Befunde aus der Erhebung Infanterie-Durchdiener”, Präsentationsfolien zum Referat, 09.05.2009.
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