Hotspot Pakistan 02

Taliban presence, by district and tribal agency, in the Northwest Frontier Province, Punjab, and the Federally Administered Tribal Agencies. (Map created by Bill Raymond for The Long War Journal, 24.04.2009)Vor nicht ganz einem Jahr habe ich hier geschrieben, dass die pakistanische Bevölkerung die Taliban nicht als Bedrohung ansehe und deshalb die pakistanische Armee nicht nachhaltig genug gegen die Taliban auf pakistanischem Territorium vorgehen würde. Das könnte sich mittlerweile geändert haben: die pakistanische Armee und die Regierung könnten begriffen haben, dass die Taliban zu einer ernsthaften Bedrohung für die Stabilität des gesamten Staates geworden sind.

In Pakistan, the jihadist Frankenstein monster that was created by the Pakistani Army and the Pakistani intelligence service is now increasingly turning on its creators. It’s trying to take over the laboratory. — Bruce O. Riedel, eine ehemaliger CIA-Analyst und “Chairman of President Obama’s strategic review of Afghanistan and Pakistan” in Bernard Gwertzman, “For Holbrooke, Situation in Pakistan, Afghanistan Is Dim and Dismal“, Council on Foreign Relations, 28.01.2009.

Während 2008 fanden in Pakistan 2,148 Terroranschläge statt, welche 2,267 Personen tötete und 4,558 Personen verletzte (Quelle: Muhammad Amir Rana, “Pakistan Security Report 2008“, Pakistan Institute for Peace Studies, Januar 2009.) Die Versuche der pakistanischen Regierung sich im Februar dieses Jahres mit den sunnitischen Extremisten und Taliban-Verbündeten Tehrik-e-Nifaz-e-Shariat-e-Mohammadi (TNSM; auf deutsch: Bewegung zur Einführung islamischer Gesetzgebung) im Swat-Distrikt innerhalb der Northwest Frontier Province (NWFP; auf deutsch: Nordwestliche Grenzprovinz) zu arrangieren, scheiterte kläglich. Bereits vor der pakistanischen Militäroperation Ende April 2009 flüchteten mehrere hunderttausend Zivilisten aus den von den Taliban kontrollierten Gebieten. Sobald die Taliban freie Hand haben, zwingen sie die Bevölkerung mit Terror, sich ihrer Ideologie unterzuordnen. Beispielsweise liessen sie bis Ende 2008 im Swat-Distrikt 122 Schulen für Mädchen sowie 65 Schulen für Jungs schliessen, verhinderten für rund 120,000 Studentinnen das Studium und drohten jede Ausbildungsstätte, welche Schülerinnen/Studentinnen akzeptieren würden, in die Luft zu sprengen. Weiter schlossen sie 2 Polizeistationen, 80 Video Zentren, rund 300 CD Shops, 700 Hotels, 25 Frisörläden, 24 Brücken, 15 Arztpraxen, zerstörten teilweise das Elektrizitäts- und Gasnetz. Als Folge davon wurden 30,000 Arbeiter arbeitslos. (Quelle: Javed Aziz Khan, “Education for girls prime victim of Swat turmoil“, The News, 10.02.2009).

Die Offensive der pakistanischen Armee zur Rückeroberung der Hauptstadt Mingora hat seine Spuren hinterlassen. Bildbeschreibung: Pakistani soldiers seen on patrol in Mingora, the main town of Swat valley, where the Pakistani army is engaged in an operation against Taliban militants, Pakistan on 27 May 2009.Die Zugeständnisse der Regierung im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens vom 16. Februar 2009 mit den TNSM im Swat-Distrikt waren gross: Einführung islamischer Rechtssprechung durch islamische Gerichte auf Basis der Sharia, Abbau aller Sicherheitscheckpoints und Abzug der Truppen, Freilassung aller Gefangenen, welche im Rahmen der Anti-Terroroperationen festgenommen wurden, sogar solche, welche für öffentliche Exekutionen und Vergewaltigung verantwortlich gemacht wurden. Im Gegenzug wollte die TNSM dafür sorgen, dass die Taliban im Swat-Distrikt die Waffen niederlegen, ihre gewalttätigen Aktionen einstellen, die Regierung im Swat-Distrikt anerkennen und Schulen für beide Geschlechter wieder akzeptieren würden. (Quelle: International Crisis Group, “Pakistan: The Militant Jihadi Challenge“, Crisis Group Asia Report N°164, 13.03.2009, 13f). Bereits am 1. März äusserte der Führer der TNSM, Sufi Mohammad seinen Unmut über die Umsetzungsgeschwindigkeit der Vereinbarungen auf Seiten der Regierung und setzte ein Ultimatum von 15 Tagen. Die Regierung forderte, dass zuerst Recht und Ordnung im Swat-Distrikt hergestellt werden müsse und erst dann die Punkte im Waffenstillstandsabkommen umgesetzt würden. Schliesslich Ende April dämmerte es der Regierung in Islamabad, dass sie mit den Zugeständnissen im Waffenstillstandsabkommen ein Zeichen von Schwäche abgegeben hatte und dies die militanten Extremisten in ganz Pakistan gestärkt hatte. Mitte April weiteten die Taliban ihren Einfluss in den Distrikten Buner, Lower Dir und Shangla aus. Darauf starte die pakistanische Armee am 26. April 2009 die Operation “Black Thunderstorm” in den Distrikten Buner, Lower Dir, Swat und Shangla. Der pakistanische Premierminister, Yousaf Raza Gilani gab anfangs Mai bekannt, dass die Armee angewiesen wurde, den Taliban innerhalb Pakistan ein endgültiges Ende zu bereiten. Es wird sich zeigen, ob die pakistanische Armee auch tatsächlich gewillt ist, eine lang andauernde Counter-Insurgency gegen die Taliban zu führen. In der Vergangenheit pflegte die Armee immer wieder Kontakte zu extremistischen Führern und schloss mit diesen schnell Waffenstillstandsabkommen ab, was im Nachhinein zum Widererstarken extremistischen Gruppierungen führte.

Ein Kind schaut aus einem Zelt innerhalb dem Chota Lahore Flüchtlingslager in Swabi, Pakistan am 20.05.2009 (Photo: Getty Images / Daniel Berehulak)Derzeit ist die Situation in den umkämpften Distrikten ungewiss. Die strategisch wichtig Hauptstadt Mingora im Swat-Distrikt scheint eingenommen zu sein und die pakistanische Armee hat den Sieg über die Taliban im Swat-Tal verkündet. Es gibt jedoch bis dahin keine unabhängige Quellen, die dies bestätigen könnten. Andererseits lösten die Militäraktionen eine Massenflucht aus, so dass derzeit rund 3 Millionen Zivilpersonen die umkämpften Gebieten verlassen haben und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Ermöglichung einer schnellen Rückkehr der Flüchtlinge und die Unterstützung beim Wiederaufbau muss eine Top-Priorität der pakistanischen Regierung (und des Westens) darstellen, denn nur so werden die Erfolge der Armee nachhaltig durch die Zivilbevölkerung mitgetragen. (Vgl.: Ulrich Ladurner, “Pakistan ist im Kriegszustand“, Zeit, 04.06.2009). Damit ist weiter auch zu verhindern, dass sich islamistische Hilfsorganisationen als Ableger militanter Gruppierungen mit ihre Hilfe starke soziale Strukturen innerhalb der Bevölkerung aufbauen können, die später nur schwer unter staatliche Kontrolle zu bringen sind (ähnlich wie bei der Hisbollah im Libanon). Ein Beispiel für eine solche Hilfsorganisation ist die Falah-i-Insaniat Foundation (FIF), die als Nachfolgeorganisation der wegen terroristischen Aktivitäten verbotene Lashkar-e-Tayyaba (LeT) gilt. (Quelle: International Crisis Group, “Pakistan’s IDP Crisis: Challenges and Opportunities“, Asia Briefing N°93, 3.06.09, 7). Die LeT wird unter anderem als Drahtzieher der Terroranschläge vom 26.11.08 in Mumbai vermutet (vgl.: Eric Schmitt, Somini Sengupta und Jane Perlez, “U.S. and India See Link to Militants in Pakistan“, The New York Times, 02.12.08).

Eines ist klar: Pakistan bleibt ein Pulverfass, denn mit der Aufstockung der US-Kampftruppen in Afghanistan und der Erhöhung des Drucks auf die Taliban-Kämpfer in Afghanistan sowie im pakistanischen Grenzgebiet, werden die Taliban noch weiter in das pakistanische Landesinnere gedrängt.

Unfortunately, the Pakistani army is not very well prepared either in training or in equipment for the kind of counterinsurgency warfare that needs to be fought in the badlands along the Afghan border. — Bruce O. Riedel, eine ehemaliger CIA-Analyst und “Chairman of President Obama’s strategic review of Afghanistan and Pakistan” in Bernard Gwertzman, “For Holbrooke, Situation in Pakistan, Afghanistan Is Dim and Dismal“, Council on Foreign Relations, 28.01.2009.

Bildverzeichnis
Oben links: Taliban presence, by district and tribal agency, in the Northwest Frontier Province, Punjab, and the Federally Administered Tribal Agencies. (Map created by Bill Raymond for The Long War Journal, 24.04.2009)
Oben rechts: Die Offensive der pakistanischen Armee zur Rückeroberung der Hauptstadt Mingora hat seine Spuren hinterlassen. Bildbeschreibung: Pakistani soldiers seen on patrol in Mingora, the main town of Swat valley, where the Pakistani army is engaged in an operation against Taliban militants, Pakistan on 27 May 2009.
Mitte links: Ein Kind schaut aus einem Zelt innerhalb dem Chota Lahore Flüchtlingslager in Swabi, Pakistan am 20.05.2009 (Photo: Getty Images / Daniel Berehulak)

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