Buchtipp: State of denial

Eigentlich liegen bei mir auf dem Tisch noch genügend Bücher, die gelesen werden wollen. Trotzdem habe ich heute Bob Woodwards (einer der beiden Journalisten, die die Watergate-Affaire aufgedeckt hatten) Buch “State of denial: Bush at war 3″ bestellt. Es ist am anfangs Oktober in Amerika erschienen (Startauflage 800 000 Exemplare) und befindet sich seit letzter Woche bereits in der dritten Auflage (!!).

Dieses Buch hat in de USA ziemlich für Aufruhr gesorgt, vorallem auch deshalb, weil Woodward ursprünglich Pro-Bush eingestellt war. Seine beiden vorangegangenen Bücher über Bush waren eher positiv oder neutral gehalten – das hat sich aber grundlegend geändert.

Wie oft hat man von Bush und seinem Stab gehört, dass das Attentat in New York nicht voraussehbar war und wieviele Amerikaner haben sich wohl gefragt, weshalb sie nicht besser vorbereitet waren? Im Buch ist zu lesen, dass Condoleezza Rice von CIA-Director George Tenet auf ein geplantes Attentat hingewiesen wurde (auch wenn nicht bekannt war wo und wann in den USA es genau stattfinden wird), sie jedoch diese Informationen für unwichtig hielt. Das Anliegen George Tenet eine Strategie gegen Al Quaida in die Wege zu leiten hatte im Juni 2001 noch kein Gehör im Weissen Haus gefunden. Davon steht nicht einmal etwas im parlamentarischen Abschlussbericht zu 9-11 und Rice leugnete zuerst dieses Treffen – musste dies aber dann doch zugeben.

Weiter kann Woodward erstmals von den Erlebnissen Jay Garners berichten, des ersten Wiederaufbau-Beauftragten, da dieser nun auf die Publizierung eines eigenen Buches verzichtete. Als Garner sich beschwerte, er solle in zehn Wochen planen, wofür vor Ende des Zweiten Weltkrieges Jahre zur Verfügung standen, konterte Verteidigungsminister Rumsfeld: »Nutzen Sie halt die Zeit besser.« Garner hatte aber kein Geld und keine Leute. Vor allem gab es keinerlei Plan, wer im Irak die Regierungsgewalt übernehmen sollte. Vor der Invasion traf sich das Wiederaufbauteam zur Generalprobe. Garners Stellvertreter notiert: »Falsche Annahmen. Übertrieben optimistisch. Mangel an Realitätssinn.«

Niemand kommt bei Woodward so schlecht weg wie Donald Rumsfeld. Dessen Charakterskizze lautet: »Arrogant, unentschieden. Akzeptiert nicht, dass andere Leute in seiner Umgebung schlauer sind als er. Traut nur wenigen Menschen. Gummihandschuh-Syndrom – mit der Tendenz, auf Entscheidungen keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.« Diese Beschreibung stammt nicht von Woodward. Der hat sie nur gefunden, und zwar in einer Notiz von Steve Herbits, der 37 Jahren lang mit Rumsfeld eng befreundet war und ihm im Pentagon zuarbeitet. Woodward zeichnet nach, wie alle Versuche scheitern, Rumsfeld loszuwerden – sogar als Bushs Stabchef und Bushs Ehefrau sich einmischen.

Woodward deckt noch ein anderes pikanntes Detail auf: anscheinend ist Henry Kissiner verdeckter Berater im Weissen Haus. Henry Kissinger war Berater für Aussen- und Sicherheitspolitik unter Nixon, er ist ein verfechter von realistischen Aussenpolitik (Realismus) und der Meinung, die USA hätte den Vietnamkrieg gewonnen, hätte es nicht an mangelnder Entschlossenheit in der Heimat gefehlt.

“Sie [Bush und sein Stab] verdrängen die Realität, das hat Methode. Die Berichte der Geheimdienste sagen für 2007 einen Anstieg der Gewalt in Irak voraus – und der Präsident verkündet, die Terroristen seien auf dem Rückzug; das ist das Gegenteil.” — Bob Woodward im Spiegel Interview.

Es scheint als ob die Bush-Administration ihren Bezug zur Realität verloren hat. Beispielsweise sind im Budget von 2007 – wie auch schon im letzten Haushaltsgesetz – 20 Millionen Dollar für die Siegesfeier für den Irakfeldzug aufgeführt (siehe Telepolis).
In der Psychologie ist dieses Phänomen schon seit längerer Zeit bekannt: Gruppendenken und Entscheidungsautismus. Dieses Phänomen wurde unter anderem bei der Invasion in die Schweinebucht (Kennedy), beim Vietnamkrieg, beim Unglück in Tschernobyl, bei der Challenger-Katastrophe attestiert und war vermutlich ein Grund für die Swissair-Pleite. Eine der Faktoren bei Entscheidungsautismus ist die Abschottung des Entscheiders vor Negativmeldungen. So verwundert es nicht dass Woodward beschreibt, dass niemand aus dem Stab sich traut dem Präsident die wirkliche Lage in Irak zu beichten, weil sie ahnen, dass der Chef Defätismus verabscheut. Es ist natürlich äusserst fragwürdig, ob Bush überhaupt fähig wäre, etwas an dem Zustand in Irak zu ändern – sogar wenn er wollte: das Buch präsentiert ihn als herrisch und kindisch, vor allem aber als intellektuell uninteressiert.

Wie kommt Woodward zu diesen Informationen in seinem Buch? Anscheinend gibt es in Washington eine Reihe hochrangige Politiker, die eine Absetzung des Präsidenten für möglich halten und nun auspacken, um das sinkende Bot noch schnellstmöglichst zu verlassen. Am 7. November werden alle 435 Mitglieder des Repräsentantenhaus und 33 der 100 Senatoren neu gewählt – wir werden dann sehen, ob sich in den USA politisch endlich etwas ändern wird.

Quellen: George im Phantasialand (Die Zeit), Spiegel Ausgabe 41 (2006)

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