In Nordkorea ist ein zweiter Reissack umgefallen

Nordkorea hat unterirdisch einen atomaren Sprengsatz ausgetestet – und jetzt? Ich bin immer noch überzeugt, dass die ganze Bedrohungsgeschichte viel zu heiss gekocht ist. Folgende Punkte führen mich zu dieser Überzeugung:

Der Test war ein Misserfolg
Gemäss Netzzeitung war der Test ein Misserfolg. Dies wird sogar von nordkoreanischer Seite bestätigt. Dr Jeffrey Lewis hat auf seinem Blog “Arms Control Wonk” eine mögliche Erklärung für diesen Fehlschlag: die Entwicklung des Nuklearen Sprengsatzes schritt zu schnell voran:

One possible explanation for a failed test is that the North Koreans attempted to skip directly to an operational weapons design (say 1000-2000 lbs like the US Mk 7). Indeed, this was precisely what was reported in the press in 2003-2004 about changes in the nature of North Korea’s implosion testing at Yongdok.

Ein interessanter Artikel über die weltweite Auswertung des Tests findet man hier.

Nordkoreas Tests sind vorallem als Druckmittel gedacht
Wenn man hinterfragt, was Nordkorea mit dem Raktentest und nun mit dem nuklearen Test – sowie der begleitenden Propaganda – bezweckt, so stellt man fest, dass sie Direktgespräche mit den USA erzwingen wollen. Dadurch erhofft sich Kim Jong-il wahrscheinlich Wirtschaftshilfe und die Lockerung der bereits bestehenden Sanktionen.

Ein nordkoreanischer Abgeordneter machte die Probleme Nordkoreas durch die bereits bestehenden wirtschaftlichen Sanktionen bei einem Besuch in Brüssel deutlich: Er bat die Europäische Union um Entwicklungshilfe. Die US-Sanktionen “ersticken unser politisches System”, sagte Ri Jong Hyok am Dienstag vor dem zuständigen Ausschuss des EU-Parlaments. Sein Land werde der internationalen Kritik an dem erfolgten Atomtest jedoch keine Beachtung schenken. Ri sagte, der Atomtest diene der nuklearen Abschreckung der Amerikaner. (Quelle: Netzzeitung)

In der Financial Times ist zu lesen:

North Korea’s leadership is under severe economic pressure. Financial sanctions imposed by the US in September last year appear to have had a tougher than expected effect. [..] “They look at this as an act of war,” Mr Pinkston [Daniel Pinkston of the Center for Nonproliferation Studies in Monterey] said. “They are unhappy with the US strategy of imposing sanctions and the impact that is having on legitimate trade.”

Nordkorea erhofft sich mit Drohungen die oben genannten Ziele zu erreichen, aber genau so offensichtlich sollte ihnen sein, dass sie bei einem atomaren Angriff dem Erdboden gleich gemacht werden.

Unten sehen wir das Seismogramm der Explosion und hier kann man die Explosion hören (akustisch, eine nach den Amplituden des Seismogramms erstellte Audio-Datei). [Journalismus] schreibt dazu: Deutlich sind drei Explosion zu hören, gefolgt von den Echos der von diesen drei Explosionen durch den Erdball gelaufenen seismischen Wellen; vermutlich entstanden die Echo aber schon in der Nähe des nordkoreanischen Testgebiets an unterirdischen Gesteinsschichten, denn das Testgebiet, in dem der Atomtest stattfand, ist ein rund 1.236 Meter (über NN) hoher abgeflachter Berg.

Seismogramm des nuklearen Tests

Nordkorea hat die Unterstützung Chinas verloren
Bereits beim Raketentest ist Nordkorea seinem Unterstützer China in den Rücken gefallen. Dieses Mal hat China sogar vor einem nuklearen Test gedroht und ist nun bereit, die Sanktionen im Sicherheitsrat mitzutragen. Nach Angaben des Welternährungsprograms hat China bereits in diesem Jahr die Nahrungsmittellieferungen nach Nordkorea um zwei-drittel gekürzt (Quelle: Financial Times). Die bescheidenen Erfolge in der Raketen- und Atomtechnik basieren vermutlich, nebst der anfänglichen Hilfe von Seiten Pakistan vor ungefähr drei Jahren, auf chinesische Unterstützung (am Rande: Pakistan war/ist einer der bedeutesten Waffenproliferanten, nicht nur an Nordkorea, sondern auch an Iran – das sollte sich die USA mal in Erinnerung rufen, wenn sie wieder einmal ihre guten Beziehungen zu Pakistan unterstreichen). Mit der zunehmenden Distanz zu China und den nun mögliche Sanktionen Reichweite der nordkoreanischen Trägerraketen.im Sicherheitsrat, wird Nordkorea wohl ziemlich bald die Puste ausgehen.

Viel Wirbel um beinahe nichts
Medien verbreiten teilweise das Bild, dass mit dem Besitz eines Atomsprengkopfs Nordkorea die USA direkt bedrohen. Dies entspricht nicht den Tatsachen. Auch im allerbesten Fall, wenn ein Sprengkopf auf einer Taepodong 2 – Rakete gesetzt wird und diese unerwarteterweise ihre maximale Reichweite erlangt, wird sie das Festland der USA nicht erreichen (siehe dazu auch einen älteren Beitrag).
Die Drohungen Nordkoreas sind vorallem viel warme Luft und haben nur erpresserische Ziele (siehe weiter oben).

Nach dem ersten Atomwaffentest droht der kommunistische Staat jetzt mit dem Abfeuern einer atomar bestückten Rakete – doch Experten bezweifeln, dass das Land dazu in der Lage ist. [..] Die Wahrscheinlichkeit, dass Nordkorea einen Atomsprengkopf für eine Rakete besitze, sei gleich null, sagt David Wall, ein Experte des in London ansässigen Instituts Chatham House. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il könne die Bombe allenfalls “auf dem Rücksitz eines Taxis nach Seoul bringen”. (Quelle: Spiegel)

I close this discourse about operational confidence by noting that the United States has built a missile defense that does not work, to defend against a North Korean missile that does not work, that would carry a nuclear warhead that does not work. — Dr. Jeffrey Lewis auf Arms Controll Wonk

Konsequenzen

  • Sanktionen durch den Sicherheitsrat: Die Sanktionen sollen nicht nur Nordkorea zum einlenken zwingen, sondern auch verhindern, dass Nordkorea sein Know-How international anbieten kann – zum Beispiel an Iran. Bereits kurz vor der Zündung hatte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld orakelt, nicht der Test, sondern der mögliche Verkauf der Nukleartechnik sei die wirkliche Gefahr.
  • Der Atomwaffensperrertrag kann als gescheitert betrachtet werden: Nordkorea ist 2003 aus dem Atomwaffensperrvertrag ausgetreten und im Prinzip kann jedes Land aus dem Sperrvertrag austreten. Es ist nicht sehr attraktiv an einen Vertrag gebunden zu sein, der den USA, Großbritannien, der damaligen Sowjetunion, sowie Frankreich und China den Besitz nuklearer erlaubt, aber allen anderen Vertragspartner verbietet. Die de-facto-Atommächte Indien und Pakistan sowie Israel, deren Besitz von Nuklearwaffen als sicher gilt, haben den Vertrag gar nicht erst unterzeichnet.
  • Signalwirkung für den Iran: der Umgang mit Nordkorea wird Signalwirkung für den Iran haben, ob der Iran aber langfristig daraus Vor- oder Nachteile gewinnt, ist im Moment ungewiss.

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