Nachschlag 19: Informationsoperationen (Praxisbeispiel)

Kaum veröffentlichte ich den Artikel über die Ambitionen der Schweizer Armee im Bereich Informationsoperationen, tauchte ein praktisches Anwendungsbeispiel bei den US-amerikanischen Truppen in Afghanistan auf. Am Dienstag, 09.06.2009 ereignete sich auf einem Marktplatz in der afghanischen Provinz Kunar eine Explosion bei der drei US-Soldaten leicht verwundet und 54 afghanische Zivilisten verletzt wurden. Erste Meldungen, abgestützt auf “Augenzeugen” verbreiteten den Verdacht, dass ein US-Soldat eine Handgranate in die Menge geworfen hatte. Die US-Army wies diese Vorwürfe nicht nur zurück, sondern steuerte mit einer Informationskampagne dagegen. Ziel dieser “Info-Op” war jedoch nicht die afghanische Bevölkerung, sondern diejenigen der westlichen Staaten. Nach US-Zeit noch am gleichen Tag stellte die U.S. Forces Afghanistan (USFOR-A) ein Video eines stationären Überwachungsballon (Base Expeditionary Targeting and Surveillance System-Combined, BETSS-C) auf ihren Youtube-Channel, welches Situation und Ablauf dieses Anschlags aufzeigen soll. Auch wenn auf dem Video eigentlich nichts zu erkennen ist, sieht es nicht danach aus, als ob ein US-amerikanischer Soldat irgendetwas in die Menge werfen würde (sonst wäre das Video auch kaum veröffentlicht worden). Ausserdem veröffentlichte die USFOR-A Bilder von “Beweisen”, welche zeigen sollen, dass die geworfene Handgranate russischen Ursprungs war. Nach diesen Sofortmassnahmen reichte die USFOR-A zwei Tage später ein aufgearbeitetes Video nach (man sieht zwar immer noch nichts):


 

Nicht immer funktionierten die Infomationkampagnen der US-Army so schnell und erfolgreich. Der designierter Kommandeur der ISAF in Afghanistan, sowie der US Forces Afghanistan Stanley A. McChrystal sieht im schnellen Informationsfluss eine entscheidende Schlüsselfähigkeit.

We’re the superior fighting force, but they [the Taliban] find our weaknesses and go for them. “The Taliban is very good” at information operations. — Air Force Lt. Col. Keith Bryza zitiert in David Zucchino, “U.S. fights an information war in Afghanistan“, Los Angeles Times, 11.06.2009.

Die USFOR-A hat übrigens nicht nur einen Youtube-Channel, sondern ist auch auf Facebook und Twitter präsent. Auch andere Armeen benutzen das Internet extensiv für ihre Zwecke: die Israelischen Streitkräfte verfügen beispielsweise neben einer ansprechenden Website und einem Blog auch über Youtube-Channel und Twitter-Account. Das Internet als Informationsplattform ist für moderne Armeen nicht mehr wegzudenken.

Die Schweizer Armee sollte also einmal ihre Informationsstrategie überdenken. Nicht nur verbietet sie den Angehörigen “Bilder, Film- und Videosequenzen bzw vergleichbare Darstellungen in irgendeinem Medium (gedruckt, elektronisch, etc) zu veröffentlichen“, sondern bietet auch keine Möglichkeiten an, Bilder, Filmchen usw. auf einer vom Bund bereitgestellten (und redaktionell betreuten) Plattform zu veröffentlichen (ähnlich wie Shock & Awe von Military.com). Viele Angehörige der Armee haben das Bedürfniss zu zeigen, was sie in der Armee leisten. Bild- bzw. Filmaufnahmen sind kaum zu unterbinden, was etwas Suchen auf Youtube aufzeigt. Der einzige Effekt dieses Verbots ist, dass positiven Inhalte von gewissenhaften Armeeangehörigen aus dem Internet verschwinden und die negativen Inhalte von Personen zunehmen, welche sich kaum um dieses Verbot kümmern. Im Bereich Informationsoperationen hat die Schweizer Armee also noch einen weiten Weg zu gehen…..

[By strategic communications] I mean deciding what our message is and thinking about how to communicate it in new and innovative ways. I’ll give you examples: Facebook. Twitter. LinkedIn. I’m on all those social networking mechanisms. I think that it’s extremely beneficial to use these new methods of moving information. Secondly, I think strategic communication has to be interactive. In other words, instead of simply trying to blast your message out there, you need to understand how to use feedback both from your partners and from those with whom you are competing and from those who are your enemies. You have to understand all of those feedback loops and then adjust your strategic communications. — Navy Adm. James Stavridis, seit 19.10.2006 kommandierender General des US Southern Command (SOUTHCOM) und designierter Kommandeurs des US European Command bzw. designierter US-amerikanischer NATO-Oberbefehlshabers (Supreme Allied Commander Europe) in Timothy Gibbons, “Admiral readies to head up ‘grand alliance’“, Jacksonville News, 13.06.2009.

Quellen

This entry was posted in International, Schweiz.

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