Weiterentwicklung der Armee (WEA): Update 02

Foto: Inf Bat 61

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Die Weiterentwicklung der Armee (WEA) verfolgt zwei Ziele. Erstens sollen die Erkenntnisse des Sicherheitspolitischen Berichts 2010 und des Armeeberichts 2010 in die Praxis umgesetzt und zweitens die Unzulänglichkeiten der Armee XXI ausgemerzt werden. Zwar war die letzte Armeereform ein Schritt in die richtige Richtung, doch betreffend den Erwartungen muss die Armee XXI aus heutiger Sicht als gescheitert betrachtet werden (nur will das beim VBS niemand zugeben). Nebst der Erhöhung der Investitionsanteil konnte beispielsweise die Transformierung von einer Ausbildungs- hin zu einer Einsatzarmee, die Trennung von Ausbildung und Führung, das Aufwuchskonzept, der Ausbau der Auslandseinsätze u.a. nicht erreicht werden. Dementsprechend handelt es sich bei der WEA partiell auch um eine “Weiterentwicklung” zurück zu bewährten Elementen der Armee 61 bzw. Armee 95.

Offiziere.ch verfolgt die Planung der WEA genau. Bereits im Juli 2013 haben wir einen ausführlichen Artikel dazu publiziert, welcher mit diesem komplett aktualisierten “Update 2” ersetzt wurde. Diese Aktualisierung stützt sich inhaltlich auf die “Botschaft zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee” ab, welche am 3. September 2014 veröffentlicht wurde.

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Voraussetzungen für die Umsetzung der Armee XXI gar nie geschaffen wurden. Schon 2003, als das Volk dieser Reform zustimmte, wurden Abstriche am Militärbudget gemacht. Man nahm also von Anfang an in Kauf, dass diese Reform nicht umgesetzt werden konnte. — Korpskommandant André Blattmann, Chef der Armee, in René Zeller, “Eine Freiwilligenarmee ist Wunschdenken“, NZZ, 05.07.2013.

 
Die vier Kernpunkte der WEA
Bei der WEA wird die Armee als Gesamtsystem weiterentwickelt, was viele grössere und kleinere Veränderungen und Anpassungen mit sich bringen wird. Im Zentrum der WEA stehen jedoch vier Kernpunkte, welche die Schweizer Armee modern und flexibel für die Zukunft ausrichten sollen.

  • Höhere Bereitschaft: Wie bis anhin wird die WEA eine abgestufte Bereitschaft kennen, wobei Berufs- und Bereitschaftsformationen (Durchdiener) die Mittel der ersten Stunde darstellen. Innerhalb von Tagen werden diese mit Formationen aus den Wiederholungskursen (WK) und Schulen ergänzt, sowie mit Milizformationen mit hoher Bereitschaft, welche innerhalb von 1-4 Tagen aufgeboten und rasch eingesetzt werden können. Damit wird für die Armee wieder ein Mobilmachungssystem eingeführt, welches ab 2020 operationell sein soll. Weitere Milizformationen bis zu einem Bestand von 35’000 Soldaten können innerhalb von 10 Tagen aufgeboten werden. Ausserdem sollen mit der WEA permanent zwei bewaffnete Einsatzflugzeuge abrufbereit sein, welche jederzeit einen Luftpolizeieinsatz durchführen können.
  • Effektivere Kaderausbildung: Künftige Kader werden wieder eine gesamte Rekrutenschule (18 Wochen) absolvieren. Dies soll der Aneignung praktischer Führungserfahrung diehnen. Vor dem WK soll ein einwöchiger Kadervorkurs und alle zwei Jahre zusätzlich ein Technisch-Taktischer Kurs für Kader durchgeführt werden.
  • Vollständige Ausrüstung: Durch die Verkleinerung der Armee und die Neuzuweisung des Materials soll eine vollständige Ausrüstung, insbesondere für Leistungen zur Unterstützung ziviler Behörden und Basisleistungen sichergestellt werden. Es geht hier also weniger um eine Neubeschaffung fehlenden Materials.
  • Regionale Verankerung: Zivile Behörden werden durch Territorialdivisionen (ehemals Territorialregionen) unterstützt. Sie sind das Bindeglied zwischen der Armee und den Kantonen. Den Territorialdivisionen werden neu Truppenkörper dauerhaft unterstellt (ein Stabsbataillon, vier Infanteriebataillone, ein Geniebataillon, ein Rettungsbataillon und ein Militärpolizeibataillon; siehe dazu auch Irène Thomann-Baur, “Die Weiterentwicklung der Armee und die Infanterie“, offiziere.ch, 17.10.2014).
Das Prinzip des neuen abgestuften Bereitschafts­systems für die unvorhersehbaren Einsätze. (Quelle: Schweizer Armee, "Weiterentwicklung Der Armee: Unsere Schweizer Armee von Morgen").

Das Prinzip des neuen abgestuften Bereitschafts­systems für die unvorhersehbaren
Einsätze. (Quelle: Schweizer Armee, “Weiterentwicklung Der Armee: Unsere Schweizer Armee von Morgen“).

 
Wandel des Verteidigungsbegriffs
Die Schweizer Armee versteht unter dem Begriff “Verteidigung” die Abwehr gegnerischer Militärkräfte ab Landesgrenze. Insbesondere die Konflikte zwischen der Ukraine und Russland haben jedoch deutlich aufgezeigt, dass dieses Verständnis von Landesverteidigung überholt ist. Die Unterscheidung zwischen äusseren und inneren Bedrohungen, militärischen Angriffen und Anschlägen nichtstaatlicher Gruppierungen sind heute nicht mehr so eindeutig möglich. Wenn Angehörige einer fremden Armee plötzlich mitten im Land stehen, genügt Verteidigung an der Grenze nicht; und wenn gewaltbereite Gruppierungen von aussen mit Personen und Waffen unterstützt werden, wird es schwierig, zwischen inneren Unruhen und einem Angriff von aussen zu unterscheiden. Internationale bewaffnete Konflikte beginnen immer häufiger mit Gewaltanwendung im Innern. Damit beginnt die Landesverteidigung nicht mit dem Abwehr eines gegnerischen Angriffs, sondern mit der subsidiären Unterstützung ziviler Behörden. Auch wenn der Bundesrat die zunehmend verwischende Abgrenzung erkannt hat und eine Schwergewichtsverlagerung hin zur subsidiären Unterstützung ziviler Behörden vorgenommen hat, wird bei der WEA an der klassischen Definition der Verteidigung festgehalten. Hier wäre zukünftig – beispielsweise im Rahmen des nächsten Sicherheitspolitischen Berichts – ein konsequenterer Ansatz wünschenswert.

Der Armee nahestehende Verbände argumentieren, wer das Handwerk der Verteidigung beherrsche, beherrsche auch alle anderen Armeeaufgaben. Damit wird der Stellenwert der Unterstützung der zivilen Behörden als eigenständige Aufgabe in Frage gestellt. Diese Auffassung verkennt jedoch, wie anforderungsreich diese Armeeaufgabe ist. Sie verlangt viel mehr Sensibilität für die Verhältnismässigkeit von Aktionen und die Bereitschaft zur Respektierung der Bedürfnisse der zivilen Behörden als die Verteidigung. — Schweizerischer Bundesrat, “Botschaft zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee“, 03.09.2014, 10.

Die Art und Weise wie moderne Konflikte ausgetragen werden, zieht die Angemessenheit und Effektivität von “klassische” Waffensysteme zur Abwehr eines Gegners zunehmend in Zweifel (siehe dazu auch die Ausführungen von General a. D. Klaus Naumann, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr in “Welche Armee für welche Sicherheitspolitik? (1/2)“, offiziere.ch, 13.11.2013). Flexibilität, Mobilität, Spezialkräfte und Führungsunterstützung (inkl. Cyber Defence) sind wichtiger geworden – eine hohe Anzahl schwerer terrestrischer Systeme weniger wichtig. Trotzdem muss eine moderne Armee auch heute noch der Kampf der verbundenen Waffen beherrschen. Im Bereich des Terrorismusbekämpfung sieht der Bundesrat eine präventive Funktion der Armee. Sie unterstützt die Polizei beim Schutz von Grossveranstaltungen und internationalen Konferenzen sowie ausländischen Botschaften, sichert den Luftraum und schützt Schweizer Botschaften im Ausland. Auch Friedensförderungseinsätze wirken durch die Stabilisierung in den Konfliktregionen dem Terrorismus entgegen. Bei einer konkreten und andauernden terroristischen Bedrohung ist vorgesehen, dass die Schweizer Armee kritische Infrastrukturen wie Flughäfen, Bahnhöfe, Verkehrsknoten, Achsen, Verteilzentren, Energieproduktions- und Energieverteilanlagen bewacht und die Überwachung des Luftraumes intensiviert. Im Bereich der Cyberde Defence sind der Armee in der “normalen Lage” enge rechtliche Schranken gesetzt, welche eine offensive Vorgehensweise verunmöglichen. Ausserdem ist sich die Armee bewusst, dass eine führende (nicht subsidiäre) Rolle der Armee bei Cyber-Angriffen über ihren eigenen Schutz hinaus den Vorwurf einer unnötigen Militarisierung eines an sich zivilen Bereichs provozieren würde. Damit steht der Aufbau einer Cyber-Truppe nicht (mehr) zur Diskussion. Die Armee wird sich schwergewichtig auf den Schutz der eigenen Systeme konzentrieren. Gemäss dem Bundesrat kann die Armee sekundär mit ihrem Fachwissen, ihren Fähigkeiten und ihren geschützten Führungsunterstützungsmitteln zivile Behörden unterstützen und mit ihrem Führungsnetz eine sichere, auch in Krisen verfügbare Kommunikation für die zivilen Behörden sicherstellen. Nicht nur kann die Armee bei Folgeschäden retten, sichern und versorgen, sondern diese Leistung auch bei anderen Katastrophen anbieten. Der Bundesrat geht davon aus, dass mit der Klimaerwärmung die Anzahl der Naturkatastrophen und dementsprechend die Wichtigkeit der militärischen Katastrophenhilfe eher zunehmen wird.

Verteidigung sieht heute vielfältig aus. Soldaten des Infanterie Durchdiener Bataillon 143 durchsuchen während einer Übung ein Gebäude des Trainingsgelände in Eiken im Kanton Aargau (Foto: Samuel Pfleumer).

Verteidigung sieht heute vielfältig aus. Soldaten des Infanterie Durchdiener Bataillon 143 durchsuchen während einer Übung ein Gebäude des Trainingsgelände in Eiken im Kanton Aargau (Foto: Samuel Pfleumer).

 
Rahmenbedingungen und Eckwerte
Auf politischer Ebene wurden dem VBS bei der WEA einige Rahmenbedingungen und Eckwerte vorgegeben. So hält die Schweiz an der dauernden und bewaffneten Neutralität als Instrument der Aussen- und Sicherheitspolitik fest. Wie die Studie “Sicherheit” der ETH Zürich zeigt, sind seit 2007 mehr als 90% der befragten Personen einer repräsentativen Studie der Meinung, die Schweiz sollte ihre Neutralität beibehalten. Ausserdem wird am Milizprinzip und, durch eine Volksabstimmung im September 2013 deutlich von der stimmberechtigten Bevölkerung unterstützt, an der Wehrpflicht festgehalten. Eine Milizarmee ermöglicht die maximale Nutzung ziviler Kenntnisse und Fähigkeiten, die Wehrpflicht die Sicherstellung des benötigten Personals. Zudem sorgt Miliz und Wehrpflicht für Transparenz, weil ein erheblicher Teil der Gesellschaft jedes Jahr die Armee von innen erlebt. Der grösste Teil der Armee erwirbt das militärische Wissen in einer relativ kurzen Grundausbildung und erneuert bzw. erweitert dieses in periodischen (Wiederholungs-)Kursen.

Ebenfalls gleich bleibt der dreigeteilte Armeeauftrag: Verteidigung (Erhalt der Kernkompetenz), subsidiäre Einsätze zur Prävention und Bewältigung existenzieller Gefahren (Konzentration auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen) sowie Friedensförderung, wobei die Schweizer Armee noch stärker auf subsidiäre Einsätze ausgerichtet werden soll. Bei der Friedensförderung sieht der Armeebericht 2010 vor, dass rund 500 Mann für humanitäre Hilfe und zusätzlich rund 500 für Friedensförderung eingesetzt werden sollen. Diese Zahlen sind jedoch utopisch: im September 2014 waren grad mal 391 Schweizer Militär- oder EDA-Angestellte sowie Polizei-, Zoll- und Grenzwachpersonal im Bereich der humanitäre Hilfe bzw. Friedensförderung im Ausland tätig und momentan gibt es keine Strategie zur Erweiterung dieser Auslandseinsätze. Geht es gemäss Bundesrat Ueli Maurer, sollen keine grossen Kontingente mit Infanteristen mehr entsendet werden, sondern die Schweiz soll sich auf qualitativ anspruchsvolle Aufgaben im Bereich humanitäre Hilfeleistungen, und Kleindetachemente in der militärischen Friedensförderung im Bereich Lufttransport, terrestrische Logistik- und Transportleistungen sowie auf Nischenleistungen in der Sanität, im Nachrichtendienst und im Sicherheitsbereich konzentrieren.

Foto: Inf Bat 61

Foto: Inf Bat 61

Aus dem Sicherheitspolitischen Bericht 2010 und dem Armeebericht 2010 wurden drei Eckwerte für die zukünftige Armee abgeleitet: die weiterentwickelte Armee soll 100’000 Angehörige der Armee (AdA) umfassen (Abschaffung der Reserve und weiteren 20’000 Aktiven), für die Erfüllung der Aufträge maximal 5 Millionen Diensttage leisten (dies entspricht eine Reduktion von mehr als 1 Million Diensttage) und dabei nicht mehr als 5 Milliarden SFr kosten. Auf den ersten Blick scheinen sich die Vorgaben zu widersprechen. Beispielsweise muss an der Wehrpflicht festgehalten werden, der Höchstbestand wird jedoch klar definiert. Die Steuerung des Bestandes geschieht jedoch durch die Verweilzeit, welche voraussichtlich bei Soldaten bei sechs Wiederholungskurse liegen wird, die sie innerhalb von neun Jahren absolvieren müssen. Mit der Bestandesreduktion werden gleichzeitig auch in etwa die maximale Anzahl Diensttage erreicht (entspricht bei beiden Punkten einer ungefähren Reduktion von 17%). Ausserdem handelt es sich bei den 100’000 AdA um den Sollbestand, die – wenn notwendig – auch effektiv im Dienst stehen. Da der Sollbestand auch bei Dienstverschiebungen und sonstigen Ausfällen erreicht werden muss, wird der Effektivbestand auf dem Papier 140’000 AdA umfassen, welche alle mit ihrem persönlichen Material ausgerüstet sein müssen (im Gegensatz dazu muss das Korpsmaterial für 100’000 AdA ausgelegt werden, da es erste beim Antritt zu einer Dienstleistung verteilt wird). Faktisch hat man damit eine Art “Reserve” von 40’000 AdA geschaffen. Zum Vergleich: der Effektivbestand der Armee 2013 betrug 147’075 AdA – mit anderen Worten sieht die Bestandesreduktion der weiterentwickelten Armee auf dem Papier eindrucksvoller aus, als sie tatsächlich ist. Wie bisher werden die Rekruten bis zum Abschluss ihrer Ausbildung weder zum Soll- noch zum Effektivbestand gezählt. Die Reduktion des Sollbestandes hat zur Folge, dass die Anzahl der Bataillone, Abteilungen und Geschwader von 178 (aktive Verbände und Reserveverbände) auf 106 (aktive Verbände) verringert wird. (Siehe: Schweizerische Bundesrat, “Botschaft zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee“, 09.03.2014, S. 17f).

Eva Novak,

Eva Novak, “Armeespitze schwört ‘Generäle’ auf die umstrittene Reform ein,” Zentralschweiz am Sonntag, Nr. 40, 10.05.2014, S. 5 (zum Vergrössern auf das Bild klicken).

Ausbildung und Dienstleistungen
Positiv für die Dienstleistenden ist die höhere Flexibilität beim Zeitpunkt der Absolvierung der Dienstleistungen. So kann die Rekrutenschule ab Beginn des 19. Altersjahr bis zum Ende des 25. Altersjahr absolviert werden und wird 18 Wochen für alle Truppengattungen dauern. Pro Jahr werden nicht mehr drei sondern wie vor der Armee XXI zwei Rekrutenschulen durchgeführt werden. Da die Anzahl der Rekruten jedoch in etwa gleich bleiben wird, nimmt der Umfang der Rekrutenschulen zu. Damit wird es wieder möglich, dass Kader eine ganze Rekrutenschule absolvieren und somit von den dort gemachten praktischen Erfahrungen profitieren können. Danach bleiben die Soldaten neun Jahre in einem Verband eingeteilt. Während dieser Zeit müssen sie 6 Wiederholungskurse absolvieren. Insgesamt leistet ein Soldat damit 225 Tage Dienst (bisher: 260 Tage). Ein Wiederholungskurs wird für einen Soldaten 13 Tage (bisher 19 Tage) dauern – bei Kadern werden diese Kurse wegen der Vorbereitung länger dauern. Die Wiederholungskurse sind zwar kürzer, dafür muss jedoch auch an einem Samstag Dienst geleistet werden. Gegen diese verkürzten Wiederholungskurse gibt es auch innerhalb der Armee massive Kritik, die jedoch wegen einem faktischen Meinungsverbot durch den Chef der Armee kaum nach aussen dringt (siehe dazu Artikel rechts; zum Vergrössern auf das Bild klicken).

Nach wie vor können max. 15% eines Rekrutenjahrgangs (rund 3’000 AdA) ihren Dienst als Durchdiener leisten. Sie absolvieren eine reguläre Rekrutenschule, leisten anschliessend jedoch noch 22 Wochen Dienst und absolvieren damit insgesamt 280 Tage (bisher: 300 Tage). Die Verweilzeit der Kader ist von deren Grad abhängig – eine Übersicht gibt folgende Tabelle:

Kerndaten der Kaderausbildung (Schweizerische Bundesrat,

Kerndaten der Kaderausbildung (Schweizerische Bundesrat, “Botschaft zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee” 09.03.2014, S. 24).

 
Struktur
Im Sinne einer Vereinfachung wird die Armee nach Einsatz, Ausbildung und Unterstützung gegliedert. Der Führungsstab und damit auch die Gliederung anhand einzelner Führungsgrundgebieten soll offensichtlich aufgegeben werden. Der Bereich Ausbildung soll mit einem Chef Ausbildung, dem ein Grossteil des Ausbildungspersonals und der Ausbildungsinfrastruktur unterstellt wird, gestärkt werden. Er soll die Planung und Durchführung der Ausbildung zum Erreichen der Grundbereitschaft von Mannschaft, Kader, Verbänden und Stäben steuern. Ihm werden die Höhere Kaderausbildung der Armee, die Lehrverbände und das Personelle der Armee unterstellt. Sämtliche Operationen und Einsätze der Armee werden im Auftrag des Chefs der Armee vom Chef Operationen und seinem Stab geplant und geführt. Der Chef Operationen definiert die Einsatzbereitschaft und steuert bzw. überprüft diese mit einem Controlling. Dem Chef Operationen sind die Luftwaffe, das Heer, die vier Territorialdivisionen, das Kompetenzzentrum SWISSINT, der Militärische Nachrichtendienst und die Militärpolizei unterstellt. Aus den Territorialregionen wird durch die fixe Unterstellung von Truppenkörpern neu Territorialdivisionen geschaffen. Dies reflektiert die höhere Bedeutung der Einsätze zur Unterstützung der zivilen Behörden und soll die regionale Verankerung stärken. Im Zuge dieser Neuunterstellung von Truppenkörpern werden sämtliche Infanteriebrigaden aufgelöst (Details siehe: Irène Thomann-Baur, “Die Weiterentwicklung der Armee und die Infanterie“, offiziere.ch, 17.10.2014). Im Bereich der Unterstützungsleistungen werden die Logistikbasis und die Führungsunterstützungsbasis weiterhin die heutigen Aufgabe wahrnehmen. .

Armeestruktur WEA (Quelle: Schweizerische Bundesrat,

Armeestruktur WEA (Quelle: Schweizerische Bundesrat, “Botschaft zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee“, 09.03.2014, S. 20)

Die Verteidigungskompetenz am Boden soll mit zwei mechanisierten Brigaden erhalten bleiben, die insgesamt über drei Stabsbataillone, vier Aufklärungsbataillone, zwei Panzerbataillone, vier mechanisierte Bataillone, vier Artillerieabteilungen, zwei Panzersappeurbataillone und ein Pontonierbataillon verfügen sollen. Bei den Grosssystemen sollen bei den mechanisierten Verbänden die werterhaltenen Panzer 87 Leopard und die Schützenpanzer 2000 eingeteilt; in den Artillerieabteilungen die kampfwertgesteigerten und werterhaltenen Panzerhaubitzen M-109 zur Verfügung stehen. Die Zukunft der Panzerhaubitze M-109 nach 2020 ist wegen der Vernichtung sämtlicher Kanistermunition jedoch ungewiss. Gemäss dem Masterplan 2013 reichen die Investitionen bis 2020 nicht aus um die Ablösung der Panzerhaubitze M-109 rechtzeitig einzuleiten und den Upgrade des Schützenpanzer 2000 sicherzustellen. Nach wie vor fehlen der Infanterie im Bereich der Verteidigung die Mittel zur Panzerabwehr und zur bataillonseigenen Feuerunterstützung. Mit der WEA abgeschafft wird das Fliegerabwehrsystem Rapier (zum Ersatz im Rahmen der BODLUV 2020 siehe hier), das taktische Fliegerradar (Taflir) und die Panzerjäger.

Im Lichte der geringen Wahrscheinlichkeit eines zwischenstaatlichen bewaffneten Konflikts in Mitteleuropa hält es der Bundesrat sicherheitspolitisch für vertretbar und mit Blick auf die Ressourcen für unvermeidlich, die Fähigkeit zur Abwehr eines militärischen Angriffs auf den Erhalt und die Weiterentwicklung der Verteidigungskompetenz – in einigen Schlüsselbereichen mit hoher Qualität, aber im kleinstmöglichen Umfang – zu beschränken. — “Erläuternder Bericht zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee“, 26.06.2013, p. 9.

 
Leistungsprofil
Zukünftig wird die Armee zwischen nicht vorhersehbaren (z. B. Katastrophen oder Terrorbedrohung), vorhersehbaren (z. B. Konferenzschutz wie anlässlich des World Economic Forum) und dauernd zu erbringenden Einsätzen (z. B. Wahrung der Lufthoheit oder Basisleistungen) unterscheiden. Bei den nicht vorhersehbaren Einsätzen soll die Armee folgende personelle Mittel zum Einsatz bringen können:

  • Innerhalb von Stunden militärisches und ziviles Berufspersonal (welche jedoch irgendwo anders fehlen wird), Durchdiener der Bereitschaftsformationen und Milizformationen, deren Angehörige ihren Dienst detachementsweise über das Jahr verteilt leisten. In der “Botschaft zur Änderung der Rechtsgrundlagen für die Weiterentwicklung der Armee” werden diese Zahlen zwar nicht mehr erwähnt, doch ging man bis dahin davon aus, dass min. 150 AdA für Katastrophenhilfe im Inland oder grenznahen Ausland sowie rund 500 AdA zur sofortigen Unterstützung ziviler Behörden bei besonderen Ereignissen eingesetzt werden können.
  • Innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen können Formationen aus laufenden WKs und Schulen eingesetzt werden. Hier gibt es jedoch eine Einschränkung: noch nicht fertig ausgebildete Rekruten dürfen nicht für Sicherungsaufgaben eingesetzt werden. Auch hier wird in der Botschaft keine Zahl genannt – bis dato wurde mit bis zu 900 AdA gerechnet.
  • Innerhalb von 1-4 Tagen kommen Milizformationen mit hoher Bereitschaft zu Einsatz. Sie ergänzen die bereits eingesetzten Kräfte und schaffen Voraussetzungen für das Aufgebot von noch mehr Truppen. Ihr Material wird abgabebereit zusammengestellt und gesperrt eingelagert, damit sie rasch ausgerüstet werden können. Eingeteilt werden prioritär Milizformationen für Sicherungsaufgaben, Katastrophenhilfe, ABC-Abwehr, Genie, Logistik und Sanität. Anzahlmässig umfassen die Milizformationen mit hoher Bereitschaft ca. 8’000 AdA.
  • Innerhalb von 10 Tagen sollen bis zu 35’000 AdA aufgeboten, komplett mit Führungsmittel, Fahrzeugen und weiterem Material ausgerüstet und eingesetzt werden. Dazu wird wieder ein Mobilmachungssystem für die gesamte Armee eingeführt. Die aufgebotenen Verbände rücken auf Mobilmachungsplätzen ein, betreiben je nach Bedarf einsatzbezogene Ausbildung und verschieben sich anschliessend in die Einsatzräume.
  • Nach einer Vorbereitungszeit von Tagen können Humanitäre Hilfeleistungen im Ausland (als Teil der Unterstützung der zivilen Behörden) mit bis zu 500 AdA durchgeführt werden.

Bei den vorhersehbaren Einsätzen soll die Armee folgende personelle Mittel zum Einsatz bringen können:

  • Innerhalb von Monaten bis zu 500 AdA auf freiwilliger Basis in der Friedensförderung;
  • Innerhalb zwei Wochen mit bis zu 8’000 AdA der Miliz die zivilen Behörden beim Konferenzschutz oder beim Schutz kritischer Infrastruktur während maximal zwei Wochen unterstützend;
  • Innerhalb von zwei Wochen mit 2’500 AdA den Luftpolizeidienst verstärkend und die Wahrung der Lufthoheit mit Berufsmilitär, zivilem Berufspersonal und Miliz sicherstellend. In Zeiten von Spannungen und konkreten Bedrohungen kann die Armee während einiger Wochen zur Intervention zwei oder vier Kampfflugzeuge in der Luft bereithalten.

Die Armee soll folgende dauernde Fähigkeiten bereithalten:

  • Die Verteidigungskompetenz gegen einen militärischen Angriff soll in den Wiederholungs- und Weiterbildungskursen trainiert, erhalten und weiterentwickelt werden. Die mechanisierten Verbände (ohne Infanterie!) sollen dabei das Gefecht der verbundenen Waffen bis Stufe Brigade üben.
  • Dauernde Überwachung des Luftraums mit Sensoren und Sicherstellung des Luftpolizeidienstes.
  • Basisleistungen für zivile Behörden erbringen (beispielsweise Betrieb des Führungsnetzes Schweiz, Betrieb geschützter Rechenzentren, logistische Unterstützung, sanitätsdienstliche Leistungen sowie Einsätze der Luftwaffe für die Polizei oder das Grenzwachtkorps).
Leistungsprofil der Armee gemäss WEA. Sämtliche im Leistungsprofil aufgelisteten Leistungen sind kumulativ, d.h. sie können bei Bedarf alle gleichzeitig erbracht werden.

Leistungsprofil der Armee gemäss WEA. Sämtliche im Leistungsprofil aufgelisteten Leistungen sind kumulativ, d.h. sie können bei Bedarf alle gleichzeitig erbracht werden.

 
Zeitplan
Durch die gescheiterte Abstimmung über den Fonds zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen E und die von der Sicherheitspolitischen Kommission des Ständerats geforderten vertieften Abklärungen, Überprüfungen und zusätzlichen Varianten kommt die WEA etwas ins Stocken. Die WEA wird deshalb im Parlament frühestens in der Frühlingssession 2015 behandelt werden. Ausserdem wird der neue Sicherheitspolitische Bericht nicht wie geplant Ende 2014, sondern erst Ende 2016 erscheinen (siehe “Bericht über die Sicherheitspolitik erscheint 2016“, Bundesrat, 27.08.2014). Ob diese Reihenfolge auch wirklich Sinn macht, muss dann das Parlament entscheiden.

Nach dem Nein zum Gripen-Fondsgesetz und der Verschiebung der Botschaft um ein Quartal haben wir […] keine Reservezeit mehr, wenn wir die Umsetzung per 1. Januar 2017 starten wollen. Sie sehen, die Zeit drängt. — Brigadier Sergio Stoller, Projektleiter WEA in Daniale Brunner, “Wir müssen den eingeschlagenen Weg zielbewusst weitergehen”, intra, Nr. 3, 2014. Hinweis: Anfangs Juli 2015 hat Bundesrat Maurer entschieden, dass die WEA ein Jahr später, ab 2018 umgesetzt wird (unter der Voraussetzung, dass nicht auch noch ein Referendum zu bestehen ist).

Als Folge dieser unsicheren Zeitplanung scheint das VBS einzelne Themenpakete aus der WEA herauszulösen und unabhängig vom politischen Entscheidungsprozess umzusetzen. Dazu gehört beispielsweise das Berufsbild von Berufsoffizieren und Berufsunteroffizieren, welches bereits ab anfangs 2016 umgesetzt wird. Damit werden endlich die dringenden Probleme im Bereich des militärischen Berufspersonals in Angriff genommen. Auch das Zweitstartmodell soll unabhängig vom politischen Prozess ab 1.1.2017 eingeführt werden. Im Bereich der Rüstungsbeschaffung sollen die nach der Ablehnung des Gripen-Fonds frei werdenden Ressourcen bereits im nächsten Rüstungsprogramm eingesetzt werden – hier war einmal mehr die Sicherheitspolitische Kommission treibende Kraft. So soll 2015 sowohl im Frühling, wie auch im Herbst ein Rüstungsprogramm dem Parlament vorgelegt werden (siehe Markus Häfliger, “VBS plant ausserordentliche Rüstungskäufe“, NZZ, 04.11.2014). Darin sollen primär Beschaffungsprojekte aufgelistet werden, welche aufgrund der vorgesehenen Beschaffung des Gripen E zurückgestellt wurden. Darunter fallen beispielsweise die Ablösung der veralteten bodengestützten Fliegerabwehrsysteme (BODLUV 2020), der Aufbau der indirekten Feuerunterstützung der Kampfbataillone und weitere Vorhaben im Bereich der sicheren Kommunikation sowie der persönlichen Ausrüstung.

Folgende Tabelle versucht den zeitlichen Ablauf der wichtigsten Vorhaben der Schweizer Armee aufzulisten:

2016
  • Das neue Militärgesetz wird im Parlament beraten.
  • Ausserdienststellung der F-5 Tiger (unsicher).
  • Neuer Sicherheitspolitischer Bericht, welcher ab 2020 in die WEA (als ständiger Prozess) einfliessen wird.
  • Umsetzung der neuen Berufsbilder für Berufsoffiziere und Berufsunteroffiziere.
2017
2018
  • Zweistartmodel und 18 Woche Dauer in den Rekrutenschulen.
2018-2020
  • Schrittweise Umsetzung der parlamentarischen Vorgaben inkl Reduktion des Armeebestands auf 100’000 Mann.
2020
  • Neues Mobilmachungssystem operationell inkl. 24h Interventionsfähigkeit der Luftwaffe.
Ab 2020
  • Start der Evaluierung des F/A-18 C/D – Ersatz.
  • Einsatz-Ende Panzerhaubitze M-109 -> Zukunft der Artillerie?
2025-2028
  • Ablösung der F/A-18 C/D.
nach 2028
  • Stopfen der Lücke im Bereich Kampfjets (anvisierter Gesamtbestand: 50 Kampfflugzeuge).

 

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6 Responses to Weiterentwicklung der Armee (WEA): Update 02

  1. Werte Kameraden.

    Ich bin der Präsident des Schweizerischen Feldpostverbandes.

    Sieg dem Vaterland! Ich singe des öfteren die Nationalhymne in meinem Waffenplatz Postbüro. Macht das auch!

    Trittst im Morgenrot daher,
    Seh’ ich dich im Strahlenmeer,
    Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
    Wenn der Alpenfirn sich rötet,
    Betet, freie Schweizer, betet!
    Eure fromme Seele ahnt
    Eure fromme Seele ahnt
    Gott im hehren Vaterland,
    Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

    Kommst im Abendglühn daher,
    Find’ ich dich im Sternenheer,
    Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
    In des Himmels lichten Räumen
    Kann ich froh und selig träumen!
    Denn die fromme Seele ahnt,
    Denn die fromme Seele ahnt
    Gott im hehren Vaterland,
    Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

    Ziehst im Nebelflor daher,
    Such’ ich dich im Wolkenmeer,
    Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
    Aus dem grauen Luftgebilde
    Tritt die Sonne klar und milde,
    Und die fromme Seele ahnt
    Und die fromme Seele ahnt
    Gott im hehren Vaterland,
    Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

    Fährst im wilden Sturm daher,
    Bist du selbst uns Hort und Wehr,
    Du, allmächtig Waltender, Rettender!
    In Gewitternacht und Grauen
    Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
    Ja, die fromme Seele ahnt,
    Ja, die fromme Seele ahnt
    Gott im hehren Vaterland,
    Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

    Ein Gruss an VBS Bundesrat Ueli Maurer.

  2. Fritz Kälin says:

    Es ist ganz einfach: Nach zehn Tagen wären also höhchstens 30’000 Milizsoldaten verfügbar. Und für diese stünde wohl gerade mal eine Ablösung bereit, welche zu grossen Teilen das dann seit Wochen/ Monaten beanspruchte Korpsmaterial der ersten Tranche übernehmen müsste.

    Die A95 hätte noch gut das Zehnfache in kürzerer Zeit aufbieten können bzw. es hätten viel mehr Ablösungen und v.a. Reserven denkbar gewesen.
    Jedes Jahr bilden wir gegen 20’000 Rekruten aus. Was ist das für eine Milizarmee, die noch knapp zwei Jahrgänge auf einmal aufbieten und ausrüsten kann?

    ‘Dank der Reformen’ kann das viel gelobte Potential von Wehrpflicht/ Miliz offensichtlich nur noch zu einem Bruchteil genutzt werden. Und diese Restarmee soll mit 5 Milliarden Franken jährlich sogar mehr kosten als die AXXI?

    • Auch wenn ich die Kritik nachvollziehen kann, so stimme ich in einigen Punkten der formulierten Feststellungen nicht zu.

      Nach höchstens zehn Tagen sind für unvorhergesehene Einsätze nicht 30’000 sondern 35’000 AdA mobilisierbar. Unberücksichtigt bleiben, die für vorgesehene Einsätze bereits eingesetzten bzw. verfügbaren rund 10’000 AdA (die einzelnen Leistungen im Leistungsprofil sind kumulativ). Mit einem einsetzbaren Sollbestand von 100’000 AdA ergibt dies eine Ablösung, wenn alle Kräfte gleichzeitig abgelöst werden. Bis in diesem Szenario eine weitere Ablösung zum Einsatz kommen könnte, hätte die Politik Zeit, beispielsweise durch die Erhöhung des maximalen Dienstalters den Bestand zu erhöhen. Nicht berücksichtigt ist die “stille Reserve” von rund 40’000 Mann, welche Dienstverschiebungen und sonstigen Ausfällen kompensieren, so dass auch effektiv 100’000 Mann für die geforderten Leistungen zur Verfügung stehen.

      Die WEA hat den Anspruch, dass alle 100’000 AdA vollständig mit Korpsmaterial ausgerüstet werden können. Das heisst theoretisch, dass die erste Ablösungen mit ihrem eigenen Korpsmaterial in den Einsatz gelangt und nicht das seit Wochen oder Monaten beanspruchte Korpsmaterial der ersten Tranche übernehmen muss. Erst weitere Ablösungen müssten dann mit dem in der Zwischenzeit reparierten bzw. ersetzten Korpsmaterial der ersten Tranche vorlieb nehmen. Ob eine vollständige Ausrüstung auch tatsächlich erreicht werden kann, muss jedoch erst noch gezeigt werden (ich persönlich bin insbesondere im Verteidigungs-Bereich skeptisch, ob diese Vorgabe erfüllt werden kann).

      Mit einem Rekrutenjahrgang von 20’000 AdA, wird der Bestand der WEA 5 Jahrgänge umfassen. Wegen der Demografie werden es in rund 5 Jahren jedoch bereits mehr als 6 Jahrgänge sein (inklusive der “stillen Reserve” wird der Gesamtbestand ab 2020 beinahe 9 Jahrgänge umfassen). Wegen den verschiedenen erwarteten Leistungen, der abgestuften Bereitschaft und Mobilisierung sowie der Ablösung wäre es unsinnig mehr als 2 oder 3 Rekrutenjahrgänge aufgeboten werden. Schlussendlich ergeben sich die Bedürfnisse aus dem geforderten Leistungsprofil, welches der momentanen Bedrohungslage entsprechen sollte, jedoch keineswegs eine 100%ige Sicherheit gewährleistet. Es stellt ein politischer Entscheid dar wieviel Sicherheit zu welchen Kosten gewärleistet werden soll. Schliesslich stellt die Anzahl der gleichzeitig aufgebotenen Jahrgänge kein Qualitätsmerkmal einer Milizarmee dar. Vielmehr wird von einer qualitativ hochstehenden Armee erwartet, dass sie das politisch definierte Leistungsprofil mit möglichst wenig, gut ausgebildetem und gut ausgerüstetem Personal vollumfänglich und effizient erfüllen kann.

      Da ich meine Dienstleistungen in der Armee 61, 95, XXI geleistet habe (und auch noch in der WEA Dienstleistungen erbringen werde), masse ich mir das Urteil an, dass die Armee 61 zwar quantitativ grösser jedoch qualitativ schlechter als die Armee XXI war. Bezogen auf das Bedrohungspotential und der darauf ausgerichtete statische Sperr- und Hindernissführung war die Armee 61 jedoch die richtige Antwort — heute wäre sie das jedoch nicht mehr. Mit der WEA sollen die Unzulänglichkeiten der Armee XXI — und von denen gibt es genügend — ausgemerzt und bewährte Elemente der Armee 61 und Armee 95 neu implementiert werden.

      Die Armee XXI verbraucht deshalb weniger finanzielle Ressourcen als die projektierte WEA, weil sie lange von den Reserven der Armee 61 und der Armee 95 zehren konnte. Konsequenzen der finanziellen Restriktionen sind ein Investitionsstau, teilweise veraltete Systeme, keine vollständige Ausrüstung, verlorenes Know-How in den Armeebetrieben, verlotterte Immobilien, Schliessung von Infrastrukturen usw. Die aufgelisteten Kosten der Armee XXI waren nie ehrlich, was auch damit zusammenhing, dass erst mit Bundesrat Ueli Maurer in der Armee eine Vollkostenrechnung eingeführt wurde. Um die Unzulänglichkeiten der Armee XXI in der WEA beheben zu können, ist eine ehrliche Kostenauflistung notwendig. Werden die Kosten für moderne militärische Systeme berücksichtigt, ist es nicht verwunderlich, dass eine kleinere aber qualitativ bessere Armee finanziell mehr kosten wird.

    • Mankiw Gregor says:

      Bis jetzt hat noch nie jemand den Beweis angetreten, dass im Rahmen der Armee 61 effektiv über 100’000 Wehrmänner gleichzeitig aufgeboten werden hätten können. Dies sah nur in der Planung so aus, aber effektiv wurde es nie gebraucht (zum Glück) und nie in diesem grossen Ausmass augetestet.

  3. Fritz Kälin says:

    Besten Dank für die ausführliche Replique.

    Es spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, weit mehr AdAs als mit der WEA vorgesehen auf entsprechendem Ausbildungslevel zu halten.

    Wer genau verlangt eigentlich eine “qualitativ hochstehenden Armee”, die das “politisch definierte Leistungsprofil mit möglichst wenig, gut ausgebildetem und gut ausgerüstetem Personal vollumfänglich und effizient erfüllen kann”?
    Und vor allem irritiert mich, dass ausgerechnet eine Milizarmee “ihre Aufträge mit möglichst wenig” Soldaten erfüllen soll. Erst recht nicht in Einsatzszenarien, wie sie für uns politisch denkbar sind. Gerade die für ‘wahrscheinlich’ befundenen Szenarien der Armeeplaner rufen ja nicht nach offensiven Elitekriegergrüppchen, sondern nach ‘miles protector’ (G. Däniker) in grosser Zahl.
    Als Militärhistoriker sind mir keine Beispiele aus der Geschichte bekannt, in der sich ein General darüber beklagt hätte, dass er über ‘zu viele’ Soldaten verfügt hätte.

    Mir scheint, ‘die Enkel der Dynamiker’ aus dem nie ganz beendeten Konzeptionsstreit haben innerhalb der Armee die komplette Deutungshoheit erlangt. Also diejenigen, welche das Leistungsprofil lieber am Technologielevel von Grossmachtarmeen messen. Die ‘Statiker’ forderten dagegen, zuerst aus den verfassungsmässig gegebenen Milizrahmen das Beste für unsere Bedürfnisse herauszuholen. Die Statiker hatten insgesamt auch einen feineren Sinn dafür, wie die Milizarmee still und positiv zur Wahrung des Friedens im Innern beitragen konnte, wohingegen die Dynamiker eher bedrohungsobsessiv nach symmetrischen Bedrohungen jenseits unserer Landesgrenzen Ausschau hielten.

  4. Das “Bürgerkomitee für unsere Sicherheit – Nein zur Halbierung der Armee” konnte mit rund 40’000 beglaubigten Unterschriften nicht die notwendige Anzahl Unterschriften für eine Referendumsabstimmung gegen die Revision des Militärgesetzes, welche zur Umsetzung der WEA notwendig ist, zusammenbringen. Damit ist die Armee-Reform endgültig unter Dach und Fach.

    Ein Interview mit Willi Vollenweider, Präsident der Gruppe Giardino und Zuger Kantonsrat, zeigt exemplarisch die Uneinsichtigkeit der “Stahlhem-Fraktion”. Zusätzlich wurden neue Feindbilder identifiziert:

    In der Offiziersgesellschaft haben Berufs-Offiziere und weitere Karrieristen das Sagen, die im Sold des VBS stehen und nur noch an ihre Stellen und an ihre satten Bundespensionen denken. Ihre Verpflichtung gegenüber dem Schweizer Volk kümmert sie kaum.

    Es erstaunt also nicht, dass im Dunstkreis der Gruppe Giardino eine neue Offiziervereinigung gegründet werden soll, welche explizit “aktive Berufsoffiziere noch anderweitig vom VBS wirtschaftlich Abhängige” ausschliessen soll.

    Dieser Argwohn gegenüber aktiven Berufsoffiziere scheint aus einem Zerwürfnis innerhalb der Offiziersgesellschaften sowie der Gesellschaft der Generalstabsoffiziere (GGstOf) entstanden zu sein, bei dem sich die WEA-Kritiker in der Minderheit gesehen haben. Die Auseinandersetzung gipfelte in der GGstOf schliesslich in einer Tonbandaufnahme einer nur für die an einem Seminar anwesenden Generalstabsoffiziere gedachten Rede von Korpskommandant André Blattmann, welche anschliessend an die Presse übergeben wurde. In der Rede bezeichnete Blattmann Militärangehörige, die interne Informationen nach aussen tragen, als Verräter, als “widerliche Kerle” und kündigte an, sie “im übertragenen Sinn auf die Schlachtbank” zu führen und eigenhändig zu degradieren. (Markus Häfliger, “Hausdurchsuchung bei hohem Offizier wegen ‘Kotz-Brotz’-Rede“, Tagesanzeiger, 24.05.2016).

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