Lehrübung Raumsicherung – Update 01

Zwischen dem 09.-27. Juli 2007 nahm der Bachelor Studiengang für Berufsoffiziere an der ETH/MILAK (BSG 05 ) zusammen mit der Militärschule (MS 1/07) am Grundkurs 2 (GK 2) im Ausbildungszentrum Heer (AZH) teil. Nebst der Ausbildung im Anlegen und Durchführen von Zugs- und Kompanieübungen, haben beide Lehrgänge auch die Durchführung der Lehrübung Raumsicherung in Walenstadt ermöglicht. Der BSG 05 thematisierte die Raumsicherung in einem Kurzartikel auf ihrer Webiste (mittlerweilen offline), wobei er sich auszugsweise auf den am 27. November 2006 auf offiziere.ch veröffentlichten Artikel abstützte. Ausserdem veröffentlichte der BSG 05 mit Erlaubnis von Brigadier Daniel Lätsch, Direktor der Militärakademie an der ETH Zürich ein selber zusammengestelltes Video von der Lehrübung im Juli 2007 durchgeführten Lehrübung. Aus diesem Grund wurde der ursprünglich am 27. November 2006 auf offiziere.ch veröffentlichten Artikel total überarbeitet und als “Update 01″ frisch veröffentlicht.

Eine Lehrübung stellt Einsatzformen dar und vermittelt Bilder von einem möglichen Einsatz. Dies wurde im Juli 2007 unter der Leitung von Oberst i Gst Alex Reber im AZH während rund 90 Minuten praktisch im scharfen Schuss erreicht. Damit konnte den interessierten Besuchern das komplexe Konstrukt Raumsicherung praxisorientiert vermittelt werden. Bei der Raumsicherung können Interventionsaktionen (Kampf), Aktionen zur Wahrung der Sicherheit (Kontrollen, Checkpoints usw.) und sanitätsdienstliche (oder humanitäre) Hilfeleistungen gleichzeitig und auf engstem Raum ablaufen. Dieser “Drei-Block-Krieg” gibt den wirklichen Einsatz der militärischen Kräfte in den derzeitigen Krisengebieten gut wieder. Ein Erfolg ist nur dann zu erzielen, wenn alle drei Komponenten entsprechend berücksichtigt und von der Truppe beherrscht werden. Die Erkenntnisse für die Schweizer Armee sind:

  • Kämpfen und Schützen gehen fliessend ineinander über (siehe Graphik unten; bei einem Konflikt muss die sanitätsdienstliche Hilfeleistung situationsgerecht und parallel dazu erfolgen).
  • In einem Krisengebiet kann die Eskalation jederzeit ändern, und die Aktionen jederzeit vom Schützen ins Kämpfen wechseln.
  • Es handelt sich beim Schützen und Kämpfen nicht um zwei grundlegend verschiedene Formen: der Checkpoint (schützen) wird zur Sperre (kämpfen), die Patrouille (schützen) zum Begegnungsgefecht (kämpfen), das Kontrollieren (schützen) zum Vernichten (kämpfen).
  • Heutige Krisengebiete zeigen auf, dass die Verhältnismässigkeit – also wann geschützt und wann gekämpft wird – keine einfache Entscheidung darstellt und womöglich durch den Soldaten im Einsatz in sekundenbruchteilen gefällt werden muss.


Damit ist die Raumsicherung, wie sie das Ausbildungszentrum vorstellt, den Peace Support Operationen (PSO) in technischer und taktischer Hinsicht identisch. Für die Armee bedeuten obige Erkenntnisse, dass sie als ganzes sowohl schützen wie auch kämpfen beherrschen muss, und die fixe Aufteilung in Kampf- und Schutzformationen falsch wäre. Mit der derzeitigen Bedrohungslage müsste Existenzsicherung, Raumsicherung und Verteidigung zu einem umfassenden Operationstypen zusammengefasst werden. Tatsächliche Operationen wären mit den Nachbarstaaten koordiniert, subsidiär, jedoch taktisch militärisch geführt, örtlich und zeitlich beschränkt.

Schützen und Kämpfen sind untrennbar ineinander verwoben. [..] Da können wir nicht mehr nach Truppengattungen trennen. [..] Jeder Soldat ist Strategieträger. Gefordert ist der denkende Soldat. Entscheidungen können im Trupp fallen. Der Soldat muss mental vorbereitet und belastbar sein. [..] Die Raumsicherung enthält wertvolles Potenzial zur Weiterentwicklung unserer Armee. Die Truppe muss gegen Splitter und Minen geschützt sein. Die Kooperation der Verbundenen Waffen findet bereits auf Stufe Zug und Kompanie statt. — Oberst i Gst Alex Reber, Quelle: Schweizer Soldat, Dezember 2006

Im Video ist der Wechsel von der Interventionsaktion zu den Aktionen zur Wahrung der Sicherheit gut erkennbar (ca. bei 3:45 Min). Natürlich können diese Aktionen auch parallel Ablaufen: ein Teil der Kräfte sichert die Ortschaft und gleichzeitig interveniert ein anderer Teil der Kräfte (man beachte die Schützenpanzer bei ca. 1:30 Min). Bei ca. 5:46 Min geraten militärische Kräfte bei der Abriegelung des Marktplatzes in einen Hinterhalt, wobei die militärischen Kräfte und die Zivilen auf dem Marktplatz von Heckenschützen in den umliegenden Gebäuden beschossen werden, was zu Verlusten bei Militär und Zivilen führt. Das Feuer der Einheiten richten sich auf diese Heckenschützen in den oberen Stockwerke der Gebäude (dies ist im Video schlecht erkennbar). Mit militärischer und ziviler Sanität wird der Sanitätsdienst umgesetzt (ab 6:22 Min). Die gewalttätige Demonstration ab ca. 6:38 Min wird durch die Militärische Sicherheit unter Kontrolle gehalten. Zum Einsatz kommt bei einer Eskalation Gummischrot.

Update vom 23.10.2010
Der Begriff Raumsicherung wird gemäss Vorgabe des Sicherheitspolitischen 2010 gestrichen. Zukünftig werden alle Überwachungs-, Bewachungs- Schutz und Sicherungseinsätze zu den subsidiären Existenzsicherungseinsätzen, alle militärischen Abwehrmassnahmen zur Verteidigung gezählt.

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