Lightning Talks – 26C3 – Tag 2

Kunstobjekt: Mr. SecurityAus Zeitgründen habe ich gestern einen Vortrag unterschlagen: “UNBILD – Pictures and Non-Pictures” von Christoph Faulhaber. Faulhaber ist ein Kunstschaffender, der sich nicht nur mit Sicherheit und Staatsmacht befasst, sondern den staatliche Machtapparat als Teil seiner Kunstobjekte versteht. Beispielsweise fotografierte er als Mitarbeiter der fiktiven Sicherheitsfirma “Mr. Security” die amerikanischen Konsulate in München und Hamburg sowie die amerikanischen Botschaften in Berlin und Warschau. Dabei dokumentierte er das Verhalten der anwesenden Sicherheitskräfte. Auch wenn in seinen Projekten keine Verbote übertreten wurden, landete er schliesslich auf der Terrorliste des FBI und wurde während eines Auslandsstipendiums der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur aus den USA ausgewiesen.

Obwohl so keineswegs beabsichtigt, stellen die Vorgänge in New York in gewisser Weise den realistischen Abschluss von Faulhabers ursprünglichem Kunstprojekt dar. Die Herausforderung des Sicherheitsapparates bringt die Kunst in so engen Kontakt mit der Wirklichkeit, dass das angespannte Verhältnis zwischen Freiheit und Überwachung umso klarer zu Tage tritt. — Till Briegleb, “Deutscher Künstler unter Terrorverdacht“, SZ, 30.12.08.

Wie bereits in den letzten beiden Jahren grase ich die Kurzvorträge an den Lightning Talks ab. Garbe stellte kurz die neue Linux-Distribution Stali vor. Das Ziel dieser Distribution ist, dass alle notwendigen Programmbibliotheken statisch verlinkt sind. Das soll Speicher sparen, sowie die Sicherheit und die Geschwindigkeit erhöhen. Mit der Distribution soll eine ausgewählte Kollektion mit den besten Tools für eine bestimmte Aufgabe mitgeliefert werden.
Ingo Bressler zeigte in seiner kurzen Präsentation, wie jedermann aus einfachen Materialien einen eigenen Buchscanner zusammenbauen kann. Das ganze Projekt ist jedoch noch in seiner Aufbauphase, so sollte das Buch während des Scanvorgangs möglichst nicht zerstört werden ;-).
Die German Privacy Foundation stellte ihren “Crypto Stick” vor. Auf dem Stick ist der Inhalt einer Open PGP Chipkarte zur einfachen und hoch sicheren Verschlüsselung von Emails oder zur Authentisierung in Netzwerkumgebungen integriert. Der Vorteil liegt darin, dass der PGP Key auf dem UBS Stick verschlüsselt ist. Sowohl Soft- wie auch Hardware sind nicht-kommerzielle Open Source. Die Version 1 des Crypto Stick kann bei der German Privacy Foundation für 38 Euro gekauft werden, die Version 2 ist derzeit noch in der Entwicklung.
Auch das musste einmal kommen: Helgar beschäftigt sich mit dem Hacken von Hörgeräten. Mögliche Ziele wären der Einbau von Bluetooth-Support, Filtern und/oder Verstärkern.
Nicolas Brodu ist der Autor von Encours, einer Software welche Präsentationen (Slides und Audio) über schmalbandiges Internet übertragen kann. Ein weiteres interessantes Feature der Software ist, dass die gesamte Präsentation auch aufgezeichnet werden kann. Encours muss auf einem Server installiert werden, läuft auf den Clients jedoch in einer Browserumgebung.
Nachdem das iPhone die Anwendung eines Touchscreen auf ein ganz anderes Level gehoben hatte, denkt Fabian Hemmert nach, wie auch die Interaktion vom Mobilgerät zum Benutzer noch weiter verbessert werden kann. Er sieht dabei grundsätzlich drei Herangehensweisen: Mobilgeräte, welche ihr Aussehen, ihre Gewichtsverteilung und/oder ihr Verhalten verändern können.

Im Vortrag “Die Schlacht um die Vorratsdatenspeicherung” informierten Constanze Kurz und Frank Rieger über die Anhörung beim Bundesverfassungsgericht bei der Verfassungsbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung vom 15. Dezember 2009. Bei der Vorratsdatenspeicherung werden Telekommunikationsanbieter und Internetprovider verpflichtet, Verkehrsdaten jeglicher Telekommunikation für sechs Monate “auf Vorrat” zu speichern. Die Fragen des Bundesverfassungsgericht konzentrierte sich insbesondere auf das Thema, inwiefern die anfallenden Daten zur Auswertung und beispielsweise zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen herangezogen werden könnten. Die Lokalisierung einer Person mit einem GSM-Handy in einem Ballungszentrum kann heute mit einer Genauigkeit von rund 50m erfolgen. Die Ortung wird jedoch laufend verbessert. Ein grosser Teil der Handys übermitteln ihre GPS-Positionsdaten dem Telekommanbieter, was eine Ortung von rund 5m erlaubt. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgericht inwieweit die Speicherung der Verkehrsdaten auf Vorrat zulässig ist, wird für das Frühjahr 2010 erwartet. Es handelt sich dabei um eine Grundsatzentscheidung, welche als Richtschnur für weitere staatlichen Datenbegehrlichkeiten (beispielsweise Flugdaten) gilt.

Der Abschluss des Tages machte wieder ein von mir mit viel Spannung erwarteter Vortrag: “Exciting Tales of Journalists Getting Spied on, Arrested and Deported” von Bicyclemark. Nach der Einführung startet er direkt mit einem bekannteren Beispiel: die Journalistin Amy Goodman von Democracy Now wurde am 25.11.09 bei einer Einreise aus den USA nach Kanada festgehalten und ihre Unterlagen durchsucht. Sie beabsichtigte, in Vancouver ihr neustes Buch, “Breaking the Sound Barrier” vorzustellen. Nach ihrer Festnahme wurde sie über die Themen befragt, welche sie während Buchvorstellung ansprechen wolle. Insbesondere interessierten sich die Sicherheitskräfte, ob sie die Olympische Winterspiele 2010 in Vancouver ansprechen werde – auch wenn das gar nicht zu den Gesprächsthemen der Buchvorstellung gehörte. Schliesslich wurde Goodman zwar die Einreise nach Kanada gestattet, jedoch wurde verfügt, dass sie innerhalb 48h wieder ausreisen müsse. Leider werden Kritiker der Olympische Winterspiele 2010 in Vancouver vermehrt Ziel polizeilicher Zwangsmassnahmen:

[...] unfortunately, it is quite common to see police forces, security forces in Vancouver in Canada targeting activists [...] and the people who’ve been targeted here at least, have spoken out in public at City Hall, the media about the Olympic games. We have had Americans who are in town who are activists who have been arrested and taken to the border because they are associating with anti-Olympic activists here in Canada. And so. its not surprising for me to hear that the Canadian Border Service Agency, which is part of the larger integrated security unit providing security for the Olympics is interested in Olympic issues [...]. — David Eby, Geschäftsleiter der British Columbia Civil Liberties Association, zitiert auf Amy Goodman, “Amy Goodman Detained at Canadian Border, Questioned About Speech…and 2010 Olympics“, Democracy Now, 30.11.2009.

Ein weiterer bekannter Fall betraf die Journalistin Anna Lenzer, welche für Mother Jones über die Firma “Fiji Water” auf Fiji recherchierte. “Fiji Water” ist derzeit das beliebteste importierte Mineralwasser innerhalb der USA. Als Lenzer in einem Internet-Café auf Fiji Emails schrieb und darin über ihren Besuch in den Produktionshallen von “Fji Water” berichtete, wurde sie anschliessend von der Polizei festgenommen und befragt. Sie interessierten sich insbesondere welcher konkurrierenden Getränkefirma sie angeblich angehöre. Die Polizei drohte ihr sogar, dass sie in ein Männergefängnis gesteckt würde, sollte sie nicht mit alle Informationen herausrücken.
Eine weitere Story handelte von der Bloggerin Lilly Sussman, deren Laptop am 30. November beim Grenzübergang von Ägypten nach Israel von israelischen Grenzwächtern mittels drei Schüssen zerstört wurde. Naja, ehrlich gesagt handelte es sich dabei eher um die Angst, dass es beim Gepäckstück um einen Sprengsatz handeln könnte (sie liess es unbewacht bei den Grenzwächtern zur Kontrolle zurück). Ob die Sicherheitskräfte dabei auch wirklich die richtige Entschärfungsmethode für diesen vermeintlichen “Sprengsatz” auswählten, mag ich zwar bezweifeln, aber wenigstens wurde Sussman nachträglich finanziell entschädigt.

Am Ende seines Vortrags verwies Bicyclemark auf einige Ressourcen, mit deren Hilfe einem dieser Ärger (vielleicht) erspart bleibt:

Pressereviews

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2 Responses to Lightning Talks – 26C3 – Tag 2

  1. Pingback: Offiziere.ch » Ein kurzer Tag – 26C3 – Tag 3

  2. Über die Projekte bezüglich der Weiterentwicklung der Interaktionen zwischen Mobilgerät und Benutzer von Fabian Hemmert bei der technischen Universität Berlin berichtete nun auch die Zeit.

    Nebenbei interessant sind auch, die geschlechterspezifischen Nutzungsunterschiede von Smartphones: Die Frau liebt den virtuellen Kaffeeklatsch, der Mann seinen mobilen Hobbykeller (Quelle: Deutsche Telekom AG, “Mobile Surfer – Smartphones auf der Erfolgswelle“, 2010).

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