Ein kurzer Tag – 26C3 – Tag 3

Demonstration am 17.04.2009 vor dem Presse- & Besucherzentrum der Bundesregierung in Berlin gegen die von Bundesministerin Ursula von der Leyen geplante Internetsperre gegen Kinderpornographie.Der 3. Kongresstag startete mit dem obligaten Jahresrückblick, gehalten durch Constanze Kurz, Frank Rieger, Andy Müller-Maguhn und Martin Haase. Mit 674 Neumitgliedern war das Jahr 2009 für den CCC sehr erfolgreich. Diese Anziehungskraft verdankt der Club seinem Einsatz für die digitalen Bürgerrechte. Ein grosser Erfolg war beispielsweise das Wahlcomputerurteil: am 3. März 2009 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Bundeswahlgeräteverordnung für verfassungswidrig. Die bei der Wahl zum 16. Deutschen Bundestag eingesetzten Wahlcomputer entsprachen nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nicht den Anforderungen des Grundgesetzes. Damit wurde zwar der Einsatz von Wahlcomputern in Deutschland nicht generell verboten, jedoch die einzuhaltenden Vorgaben vom Bundesverfassungsgerichts so hoch angesetzt, dass diese derzeit technisch kaum eingehalten werden können.
Nachdem das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung am 17. April 2009 mit fünf grossen Internetprovidern (Deutsche Telekom, Vodafone/Arcor, Telefónica O₂ Germany, Kabel Deutschland und HanseNet/Alice) die Grundlagen zum Zugangserschwerungsgesetz vertraglich eingeführt hatte, verstärkte der CCC seinen Kampf gegen dieses Gesetz mit Mahnwachen und Demonstrationen.
Beim Kampf gegen den Hackerparagraphen konnte der CCC einen Teilerfolg verbuche: die drei eingereichten Verfassungsbeschwerde wurden zwar vom Bundesverfassungsgericht als unzulässig befunden, in der Begründung des Bundesverfassungsgerichts wurde jedoch festgehalten, dass der blosse Besitz von Hackertools in Deutschland nicht unter Strafe steht:

Das Programm muss mit der Absicht entwickelt oder modifiziert worden sein, es zur Ausspähung oder zum Abfangen von Daten einzusetzen. Ausserdem muss sich diese Absicht objektiv manifestiert haben. Es reicht schon nach dem Wortlaut der Vorschrift nicht aus, dass ein Programm – wie das für das so genannte dual use tools gilt – für die Begehung der genannten Computerstraftaten lediglich geeignet oder auch besonders geeignet ist. — “Pressemitteilung Nr. 67/2009“, Bundesverfassungsgericht, 19.07.09.

Am 15. Dezember 2009 schliesslich nahm der CCC an der Anhörung über die Verfassungsbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung teil, was bereits hier behandelt wurde.

Im Bereich der Veranstaltungen fand im Mai 2009 das erste Mal die SIGINT statt (AudiomittschnitteVideomittschnitte). Bei der SIGINT geht es gemäss Aussage der Veranstalter um Mitwirkung und Veränderungen, um gesellschaftspolitische Forderungen und Utopien, um Hacktivismus, kreative Normverletzungen und Spass am Gerät. Die nächste SIGINT ist zwischen dem 22.-24. Mai 2010 in Köln geplant. Im Sommer fand die “Hacking at Random” in den Niederlanden statt. Es ist anzunehmen, dass im Jahr 2011 in Berlin das nächste Camp stattfinden wird.

Gebrüder Judica-Cordiglia Anhand der Verschwörungstheorie “The Lost Cosmonauts” zeigte Brian Dunning in seinem Vortrag wie wichtig das kritische Hinterfragen der vermeintlichen Fakten sind. Diese Verschwörungstheorie stellt die These auf, dass während in den Anfängen des sowjetischen Raumfahrtprogramms Kosmonauten ums Leben kamen und danach von der sowjetischen Geschichtsschreibung entfernt wurden. Die Grundlage dieser Verschwörungstheorie bilden von den italienischen Gebrüder Judica-Cordiglia (siehe Foto oben rechts) abgefangene Signale auf der sowjetischen Raumfahrtfrequenz. Diese Signale wurden von ihnen so interpretiert, dass jemand während eines Raumflugs S-O-S Signale morsen würde und dass es sich bei einem Signal um die Herzschläge bzw. die Atemgeräusche eines sterbenden Kosmonauten handeln könnte. Recherchen von Dunning zeigen, dass die Gebrüder Judica-Cordiglia in die Geräusche vermutlich etwas hinein interpretiert hatten, was gar nicht da war. Im Mai 1961, 5 Wochen nachdem Juri Alexejewitsch Gagarin als erster Mensch im Weltall war, wurde ein gesprochenes Signal einer Frau namens Ludmila aufgenommen, welches vermuten lässt, dass sie in die Erdatmosphäre eindringt und dabei verglühen würde (alle Signale können hier abgehört werden). Da während dieser Zeit von der Sowjetunion keine Raumflüge gemeldet wurden, gehen die Verschwörungstheoretiker davon aus, dass die Sowjetunion diese vermeintlichen Fehlschläge vertuschen wollte. Fotos mit nachträglich wegretouchiert Kosmonauten scheinen diese These zu erhärten, doch Fotos mit wegretouchierten Personen waren in der Sowjetunion kein Einzelfall und meist politisch motiviert.

Das Ludmila-Signal neu übersetzt (Quelle: Brian Dunning)Das Ludmila-Signal ist ein Grundstein der Verschwörungstheorie, doch die richtige Interpretation des Ludmila-Signal ist zweifelhaft. Zum Zeitpunkt, als das Signal aufgefangen wurde, gab es noch keine Frauen im sowjetischen Raumfahrtprogramm. Frauen wurden erst ab Oktober 1961 zugelassen und schliesslich war Walentina Wladimirowna Tereschkowa im Juni 1963 (Wostok 6) die erste Frau im Weltall. Ausserdem war ein zusätzlicher konventioneller Raumflug zwischen Gagarin (Wostok 1) und German Stepanowitsch Titow (Wostok 2) ressourcenmässig nicht zu bewerkstelligen. Weiter ist es auffällig, dass der Westblock während der fraglichen Zeit keine Signale empfangen hatte. Als Dunning das Ludmila-Signal von jemandem übersetzen liess, der dem russischen mächtig ist, stellte sich heraus, dass der Inhalt entgegen den Angaben der Judica-Cordiglia unspektakulär war und dass es dabei genau so gut um eine Operatorin einer Bodenstation handeln könnte (siehe Bild oben rechts). Damit wird zwar noch nicht die ganze Verschwörungstheorie widerlegt, doch fällt damit ein Grundstein weg.

Eigentlich wollte ich noch den “Fnord-Jahresrückblick 2009” von Fefe und Frank Rieger anschauen, doch weil ich gesundheitlich heute nicht so ganz auf dem Damm war, entschied ich mich für eine frühzeitige Bettruhe. So war der 3.Tag für mich eher ein kurzer Tag :-( .

Pressereviews
26C3: Schutz gegen Flash-Sicherheitslücken“, Heise Online, 29.12.09.

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