Verspätete Berichterstattung – 26C3 – Tag 4

Nach ausgiebigem Schlaf war ich am 4. Tag wieder fit. Die Berichterstattung trifft etwas verspätet ein, weil ich mich am letzten Tag auf das Anhören der restlichen Vorträge konzentriert habe und am 31.12.09 zurück in die Schweiz fahren musste. Zuvor startete ich jedoch mit dem Vortrag “Wikipedia – wegen Irrelevanz gelöscht“. Es handelte sich dabei um eine Podiumsdiskussion über das Phänomen, dass in der deutschsprachigen Wikipedia die Löschanträge wegen Irrelevanz zunehmen. Schnell zeigte sich, dass es eigentlich mehr um die Frage geht, was in der Wikipedia stehen darf und was nicht. Eine gewisse Leitlinie sollten die Relevanzkriterien aufzeigen. Der Umfang dieser Relevanzkriterien (74-75 kb bei der deutschsprachigen im Gegensatz zu 15-16 kb bei der englischsprachigen Wikipedia) lässt jedoch vermuten, dass in der deutschsprachigen Wikipedia scheinbar ein regelrechter Regulierungswahn ausgebrochen ist. Auch vom Inhalt her sind die englischsprachigen Relevanzkriterien bedeutend liberaler gehalten.

Bei dieser Auseinandersetzung kann grob zwischen “Exkludisten” und “Inkludisten” unterschieden werden. Die “Exkludisten” befürworten eine strenge Auslegung der Relevanzkriterien, um mit der Löschung irrelevanter Artikelinhalte die Qualität der Wikipedia als Enzyklopädie zu steigern. Ihnen gegenüber stehen die “Inkludisten”, welche eine grosszügiger Haltung fordern und die Wikipedia nicht nur als eine Enzyklopädie sehen, sondern vielmehr als eine Omnipedia. Auf dem Podium wurde Kurt Jansson als Vertreter der “Exkludisten” und Mathias Schindler als Vertreter der “Inkludisten” vorgestellt. Jansson vertrat wie erwartet eine restriktive Handhabung der Relevanzkriterien auf Grund der inhaltlichen Qualität, welche die Wikipedia zwingen sicherstellen müsse. Die Gegner dieses Ansatzes argumentierten, dass es zur Qualitätskontrolle andere Instrumente gäbe (gesichtete und geprüfte Versionen, lesenswerte und exzellente Prädikate, die Qualitätsoffensive usw.). Der Erfolg der Wikipedia basiert unter anderem darauf, dass jeder ein – vielleicht anfänglich irrelevanter – Artikel einfügen kann, welcher mit der Zeit stetig verbessert wird. Ausserdem wird Wikipedia von vielen Leuten wegen ihrer unglaubliche Vielfalt geschätzt. Eigentlich sollte es dem Benutzer überlassen werden zu entscheiden, was für ihn relevant ist oder nicht. Diesem Ansatz will sich das Projekt Levitation von Tim Weber stärker widmen: anhand eines verteilten Versionskontrollsystems kann jeder die Wikipedia so zusammenstellen, wie er sie gerne hätte (mit oder ohne “irrelevanten” Themen, verschiedene Artikel zum gleichen Thema aber mit verschiedenen Ansichten usw.). Levitation steht erst in den Kinderschuhen und überzeugt mich (noch) nicht – mal sehen, was daraus wird. Auch Martin Haase formulierte einige interessante Verbesserungsansätze: aus Relevanzgründen gelöschte Artikel sollten beispielsweise für alle Nutzer in einem besonderen Namensraum zugänglich bleiben. Ein Beispiel dafür ist die Deletionpedia, in welcher jeder gelöschte Artikel der englischsprachigen Wikipedia automatisch hineingestellt wird. Gemäss Haase muss auch darüber diskutiert werden, ob der Administrator-Status nicht einfach abgeschafft werden sollte. Trotz diesen Vorschlägen lief die Diskussion für meinen Geschmack etwas ins Leere.

Im Vortrag “Im Herz der Bestie” von Monty Cantsin und Victor Dornberger ging es um “Medien-Hacks”, wie es beispielsweise die Yes Men mehrmals erfolgreich praktiziert hatten (siehe beispielsweise Vivoleum“). Bereits 1980 gab es ein publikumswirksames Happening der Schweizer Jugendbewegung mit dem legendäre Auftritt von Herr und Frau Müller im CH-Magazin von Schweizer Fernsehen. Zum Erstaunen der anwesenden Diskussionsteilnehmer (Zürcher Politiker und der Polizeikommandanten der Stadt Zürich) nahmen die beiden Vertreter der Zürcher Jugendbewegung nicht die ihnen zugewiesenen Rollen an, sondern spielten in Anzug und Krawatte die Rolle zutiefst besorgter Bürger, welche ein Durchgreifen gegen die Krawallmacher, den Einsatz von gröberen Gummigeschossen (“wie die in Nordirland”) sowie den Einsatz der Armee forderten. (Vgl.: Daniel Weber, “Was macht eigentlich…?“, NZZ Folio 12, 2005, Absatz: Müller, Herr und Frau). Diese übertriebenen Forderungen und die dadurch unvorbereiteten Diskussionsteilnehmer führten in der Sendung zur Eskalation und schliesslich zum TV-Skandal. Dieses Spiel mit übertriebenen Forderungen wurde auch von Kriegsgegner im Jahre 2003 in der Kampagne “Mehr Krieg für alle” genutzt. Die Initianten wollten damit die Bedrohung und Absurdität des Krieges auf der Strasse für alle sichtbar machen (vgl.: “Spassguerilla wirbt Dutzende Kriegsfreiwillige in Berlin an“, Indymedia, 12.02.2003). Eine andere Methode der Medienguerilla ist die Identität einer anderen Person vorzutäuschen, wie es beispielsweise auf Twitter der falsche Franz Müntefering gemacht hatte. Da nicht alle wussten, dass es sich dabei nicht um die Aussagen des richtigen Franz Müntefering handelten (beispielsweise bei Associated Press, N-TV u.a.), war für einigen Wirbel gesorgt. Bei Wahlveranstaltung der SPD wurde als Kommunikationsplattform Twitter eingesetzt, was der falsche Müntefering ausnutzte, um Fragen via Twitter zu beantworten, bevor der richtige Müntefering zu Wort kam. Ein anderes Beispiel für den Einsatz einer falschen Identität war die Polylux-Blamasche “Die Speed-Diät”, bei welcher die Hedonistische Internationale der Polylux-Redaktion ein vermeintlicher Speed-Konsument für ein Interview unterjubeln konnte, welcher vorgab eine “Drogen-Diät” zu machen. Diese Aktion sollte aufzeigen, wie bei Einsparungen bei den Recherchen (Polylux suchte Speed-Konsumenten in Internet-Foren) selbst gewählte Inhalte in Massenmedien platziert werden können.

Bei den “Security Nightmares” thematisierten Frank Rieger und Ron die Sicherheitslöcher des vergangenen Jahres und prognostizieren die noch kommenden Sicherheitsprobleme. Im Jahr 2009 wurde E-Government regelrecht neu definiert: ein Mass wie viele Daten ein Staat verlieren kann – Spitzenreiter dabei war England. Im Gegensatz dazu war Deutschland ein fleissiger Datensammler: im im März 2009 wurde bekannt, dass der Bundesnachrichtendienst in 2500 Fällen mit Hilfe des Bundestrojaner auch im Ausland Daten beschafft hatte. Unter anderem wurde der E-Mail-Verkehr des afghanischen Wirtschaftsministers Amin Farhang mit der Spiegel-Journalistin Susanne Koelbl (2006) sowie der E-Mail-Verkehr eines von der Welthungerhilfe geleiteten Büros in Afghanistan abgehört und die Daten des pakistanische Atomwissenschaftler Abdul Kadir Khan ausgespäht. Vermutlich ein grosses Thema für 2010 wird Cloud Computing sein. Ausserdem wird im März 2010 in der Schweiz der elektronische Pass und in Deutschland im November 2010 der elektronische Personalausweis eingeführt – da sind wir auf die entsprechenden Hack-Feldversuche gespannt. Umweltschutz und Datenschutz könnten je länger desto mehr einen Zielkonflikt generieren. Das beginnt mit der Einführung von intelligenten Stromzählern, welche in Deutschland ab 2010 für Neubauten obligatorisch sind, umfasst aber auch Personal Carbon Trading – also eine Art “Carbon Credit Card“.

Am 26C3 waren rund 3000 Personen vor Ort und mit Einbezug der “Dragons everywhere” haben rund 9000 Personen den Kongress mitverfolgt. Aus dem Kongressnetz heraus wurde in den 4 Tagen rund 123 Terabyte an Daten gesaugt. Trotzdem gab es insbesondere am ersten Tag ein paar Schwierigkeiten mit dem Aufbau des Netzwerks, was auch zu grösseren Ausfällen führten und auch die Videostreams beeinträchtigten. Einen grossen Teil der Kongressmitschnitte sind bereits online zum Downloaden verfügbar. Der Kongress wurde in den letzten Jahren nicht nur internationaler, weil die meisten Vorträge auf englisch bzw. einige Streams auf englisch übersetzt wurden, sondern auch die Qualität der Vorträge waren auf einem sehr hohen Niveau. Dies liegt sicherlich auch daran, dass von den eingereichten Vorträge aus Platzgründen nur ca. 1/3 (rund 90) akzeptiert werden konnten.

Pressereviews

Weitere Informationen

Bildverzeichnis
Oben links: Die 2.537 besten Artikel, so genannten “Featured Articles” der englischen Wikipedia ausgedruckt und als Buch gebunden – gefunden auf YuccaTreePost.
Mitte rechts: Am 12. November 2008 verteilten die Yes Men eine gefälschte Ausgabe der New York Times, datiert auf den 4. Juli 2009. In dieser Ausgabe zeichneten sie das Bild einer besseren Welt, in welcher der Irakkrieg beendet, George W. Bush wegen Hochverrats angeklagt und Condoleezza Rice sich öffentlich für ihre Lügen über den Irakkrieg entschuldigt hat. Nach eigenen Angaben wurden dabei über 1,2 Millionen Ausgaben gedruckt und unter die Leute gebracht. (14 seitige Ausgabe; Website zur Ausgabe).

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4 Responses to Verspätete Berichterstattung – 26C3 – Tag 4

  1. Ich zähle mich selbst zu den “Inkludisten”. Das Problem ist doch vergleichbar mit jenem unserer “Weisen”, die wissen, was Gut und Schlecht ist und deshalb den Bürgern die “schlechten Initiativen” vorenthalten wollen. Wer weiss denn schon abschliessend, was relevant ist und was nicht? Das ist Zensur!

  2. Baldur says:

    Dein Lob der englischsprachigen Wikipedia ist voreilig und resultiert vermutlich aus Unkenntnis über die dortigen Verhältnisse. Ich empfehle Dir dazu im Blog von Jason Scott mitzulesen. Ganz aktuell:

    http://ascii.textfiles.com/archives/2455

  3. @Baldur
    Ich habe die englischsprachige Wikipedia nicht gelobt, sondern festgestellt, dass…
    … der Umfang der Relevanzkriterien kompakter ist;
    … der Inhalt der Relevanzkriterien liberaler (bzw. allgemeiner) gehalten ist.

    Trotzdem, danke für den interessanten Link.

  4. Pingback: 27C3 – Tag 4 – Abschluss | Offiziere.ch

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