Terrorherd Jemen

Der Kommentar von “fan“, dass die politischen Einschätzungen zu Konfliktgebieten in letzter Zeit etwas zu kurz gekommen seien, blieb bei mir nicht ungehört. Diese Art von Artikeln gehören zu den zeitaufwendigsten, weil Quellensuche, -auswahl und -auswertung mehr Zeit beanspruchen als bei eher technischen Artikeln. Beispielsweise beschäftigte mich der vorliegende Artikel über den Jemen etwas mehr als eine Woche. Trotzdem werde ich versuchen bis zur nächsten arbeitsbedingten Pause pro Monat mindestens ein Artikel zu einem Konfliktgebieten zu veröffentlichen.

Der vereinte Staat Jemen ist ein Produkt des Zerfalls des Ostblocks. 1990 schlossen sich der nationalistische, bevölkerungsreiche Nordjemen und der sozialistische, verarmte Südjemen zusammen. Dies führte zu einem schwachen, ökonomisch fragilen Staat, in dem sich schon vor seiner Gründung militante islamistische Gruppierungen eingenistet hatten. Bereits vor den Terroranschläge am 11. September 2001 wurde die USS Cole im Oktober 2000 im Hafen von Aden Ziel zweier Selbstmordattentäter, die mit einem Boot gefüllt mit Sprengstoff ein rund neun mal zwölf Meter grosses Loch in den Rumpf des Schiffs gerissen hatten. Bei diesem Anschlag starben 17 US Marines, 39 wurden verletzt – die al-Qaida bekannte sich als Drahtzieher. Für die Untersuchung wurde ein Team von FBI-Agenten nach Aden entsandt. Der Leiter dieses Teams, Ali H. Soufan kritisierte die anfänglich fehlende Kooperationsbereitschaft der jemenitischen Regierung (Vgl.: Ali H. Soufan, “Coddling Terrorists In Yemen“, The Washington Post, 17.05.08). Die Zusammenarbeit zwischen der USA und Jemen zur Bekämpfung des Terrorismus wurde nach den Terroranschläge am 11. September 2001 besser. Auf Grund der Kooperationsbereitschaft des jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih gehörte Jemen nicht zu den Zielgebieten der Operation Enduring Freedom, sondern erhielt von den USA Militärhilfe, um den terroristischen Zellen im Innern des Landes Herr zu werden. Seit Frühling 2002 befinden sich zusätzlich zu den bereits verdeckt operierenden CIA-Agenten militärische Special Forces in Jemen, schwergewichtig um jemenitische Sicherheitskräfte auszubilden. Am 3. November 2002 feuerte die CIA mittels einer Predator-Drohne eine AGM-114 Hellfire über jemenitischem Territorium ab und töteten dabei sechs al-Qaida Terrorverdächtige in einem Fahrzeug, darunter Abu Ali al-Harithi, ein Planer des Anschlags auf die USS Cole (Quelle: Walter Pincus, “US missiles kill al Qaeda suspects“, The Age, 06.11.2002). Es war der erste Einsatz einer Predator-Drohne ausserhalb Afghanistans. Zur gleichen Zeit patrouillierten regelmässig US-amerikanische Kampfflugzeuge an der jemenitisch-saudiarabischen Grenze. Nach anfänglicher öffentlicher Kritik an der US-amerikanischen Aktion, gab die jemenitische Regierung zwei Wochen später ihre volle Kooperation mit der US-amerikanischen Aktion zu. (“Yemen: Coping With Terrorism and Violence in a Fragile State“, Middle East Report N°8, ICG, Januar 2003, S.23f und 25). Die Kritik der jemenitischen Regierung an der US-amerikanischen Aktion hatte innenpolitische Gründe, um sich der weit verbreiteten feindseligen Stimmung gegenüber der USA unter der jemenitischen Bevölkerung nicht stellen zu müssen. Dieses Verhalten der verdeckten Kooperation mit den USA ist bis zur heutigen Zeit präsent, was die zum Teil widersprüchlichen Aussagen der jemenitischen Regierung betüglich der US-amerikanischen Zusammenarbeit erklärt. Der durch die Medien teilweise verbreitete Eindruck, der Jemen sei erste seit dem vereitelten Terroranschlag auf den Northwest-Airlines-Flug 253 am 25. Dezember 2009 ins Visier militärischer Anti-Terrormassnahmen ist also nicht richtig.

Look at the Somalis — [a few] million people, and they are creating problems for the world. Yemenis are 24 million and [they are] tough warriors. And they’ve nothing to lose, like the Somalis. — Abdulkarim Al-Arhabi, stellvertretender Wirtschaftsminister und Minister für Planung und internationale Kooperation in Jemen zitiert in “Another Somalia? Threats to Yemen abound“, AFP, 13.03.09.

Trotz der Zusammenarbeit drückte sich 2006 der frühere US-Präsident George W. Bush enttäuscht über die Anstrengungen der jemenitischen Regierung im Kampf gegen den Terrorismus aus. Salih weigerte sich vorgängig den einflussreichen Akademiker und Politiker Abdul Majeed al-Zindani festzunehmen (Quelle: Andrew McGregor, “Stand-Off in Yemen: The al-Zindani Case“, Terrorism Focus 3:9, 07.03.06). Al-Zinadin gilt als spiritueller Berater von Osama bin Laden. Er ist Gründer und Vorsitzender der Iman Universität in Jemen, an der mutmasslich auch John Walker Lindh – der als US-Staatsbürger in der Armee der Taliban diente – studierte (Quelle: Gregory D. Johnsen, “Profile of Sheikh Abd al-Majid al-Zindani“, Terrorism Monitor, 4:7, 06.04.2006). Im Dienste der Iman Universität stand auch Anwar al-Awlaki, Imam von drei 9/11-Terroristen und von Nidal Malik Hasan, einem Major der US-Armee, welcher bei einem Amoklauf in Fort Hood 13 Menschen erschossen und 30 verletzt hatte (Quelle: David Johnston und Scott Shane, “U.S. Knew of Suspect’s Tie to Radical Cleric“, The New York Times, 09.11.09). Auch zu Umar Farouk Abdulmutallab,welcher den versuchten Terroranschlag auf den Flug 253 ausführte, werden Kontakte vermutet. Gemäss US-Behörden soll Al-Awlaki letzten Jahres von der al-Qaida zum regionalen Kommandanten ernannt worden sein. Dies zeigt, dass die jemenitische Regierung zu wenig Einfluss hat, um mit eigener Kraft eine Reorganisation der al-Qaida innerhalb Jemen verhindern zu können.

U.S. special operations forces and intelligence agencies, and their Yemeni counterparts, are working to identify potential al Qaeda targets in Yemen, one of the officials said. This is part of a new classified agreement with the Yemeni government that the two countries will work together and that the U.S. will remain publicly silent on its role in providing intelligence and weapons to conduct strikes. [...] By all accounts, the agreement would allow the U.S. to fly cruise missiles, fighter jets or unmanned armed drones against targets in Yemen with the consent of that government. — Barbara Starr, “Officials: U.S., Yemen reviewing targets for possible strike“, CNN, 29.12.09.

Der Kampf der jemenitischen Regierung gegen die al-Qaida im südlichen Teil des Landes wird zusätzlich durch zwei weitere Konflikte behindert. Ebenfalls im südlichen Teil des Landes gibt es seit 2007 Unruhen, die ihren Ursprung in der politisch und ökonomisch Benachteiligung der südjemenitischen Bevölkerung haben. Es ist zu befürchten, dass einerseits die ebenfalls im Süden operierenden al-Qaida-Gruppen südjemenitische Separatistenbewegungen für ihre Zwecke instrumentalisieren könnten und andererseits, dass es bei einer Schwächung der Zentralregierung in Sanaa zu einer Spaltung des Staates kommen könnte (Vgl.: Dr. Lawrence E. Cline, “Yemen’s Strategic Boxes“, Small Wars Journal, 02.01.10, S. 10). Im ehemaligen Südjemen befindet sich ein Drittel der Bevölkerung, jedoch ebenso die Ressourcen des Landes – eine Sezession könnte in Hinblick auf zunehmende Ressourcenknappheit lukrativ erscheinen, auch wenn ein totaler Bürgerkrieg zu erwarten wäre. (Vgl.: Michael Horton, “Why southern Yemen is pushing for secession“, The Christian Science Monitor, 15.12.09). Ein weiterer Konflikt wütet seit August 2004 im nordwestlichen Gouvernement Sa’da gegen schiitische Houthis, der bis dahin auf wenig internationales Interessen gestossen ist. Die jemenitische Regierung bezichtigt den Iran, die Houthi mit Geld und Waffen zu unterstützen – dafür gibt es aber keine stichhaltige Beweise (“Yemen: Defusing the Saada Time Bomb“, ICG, Crisis Group Middle East Report N°86, 27.05.09, S. 3). Saudi Arabien unterstützt bei diesem Konflikt die jemenitische Regierung, aus Angst der schiitische Einfluss könnte auch Unruhen im Süden Saudi Arabien erzeugen. Gemäss eigenen Angaben hält sie das US-Militär aus diesem Konflikt heraus und betrachtet die Houthis nicht als terroristische Organisation (vgl.: Ali Al-Jaradi, “Stance of U.S. administration on Houthi movement; Houthis and Al Qaeda mixed cards between Washington and Yemen“, Yemen Post, 28.12.09). Bis jetzt gibt es keine stichhaltigen Beweise, die auf eine Verbindung der Houthis mit der al-Qaida schliessen lassen. Die Houthis bezichtigten die USA Mitte Dezember 2009 bei 28 Luftangriffen 120 Zivilisten getötet und 44 verletzt zu haben. Die jemenitische Regierung gab an, diese Luftschläge selber durchgeführt zu haben und die USA stritten jegliche Involvierung ab. Da diese Story insbesondere über den iranischen Fernsehnachrichtensender Press TV verbreitet wurde, ist dahinter iranische Medienpropaganda gegen die USA zu vermuten. Anders sieht dies jedoch bei US-amerikanischen Raketenangriffen am 17. Dezember 2009 in den Gouvernementen Abyan, Arhab und Sanaa sowie am 24. Dezember 2009 in Rafd, im Gouvernement Shabwa gegen Stützpunkte der al-Qaida aus (vgl.: Kimberly Dozier , “U.S. Leading Assaults on al Qaeda in Yemen“, CBS, 02.01.10). Je nach Quellen schwanken die dabei getöteten Personen zwischen 10-35 al-Qaida Mitglieder bis zu 64 zivile Opfer (vgl.: “U.S. fired on al-Qaida targets in Yemen“, NBC, 18.12.09). Mit diesen “gezielten Tötungen” wollten die USA auch al-Awlaki ausschalten, welcher jedoch vermutlich unverletzt blieb (Quelle: Sudarsan Raghavan und Michael D. Shear, “U.S.-aided attack in Yemen thought to have killed Aulaqi, 2 al-Qaeda leaders“, The Washington Post, 25.12.09). Ich hoffe, die Ziele wurden nicht mittels US-amerikanischen Drohnen aufgeklärt. Dieser verwirrender Mix verschiedenster Akteuren, die ihre eigenen Ziele verfolgen, könnte die USA in Jemen langfristig zwischen die Fronten treiben.

Sieht man von den Staaten ab, in denen das US-Militär bereits präsent ist, gehört Jemen nebst Somalia und Algerien gemäss “Strategic Survey 2009” zu den drei Staaten, in denen die al-Qaida das Potential besitzt eine Gefahr strategischen Ausmasses zu erreichen. In einer Anhörung vor dem Komitee “Homeland Security and Governmental Affairs” des US-Senats warnte Michael Leiter, Direktor des National Counter Terrorism Center am 30. September 2009, dass die al-Qaida in the Arabian Peninsula (AQAP) an Stärke zugenommen habe, führende al-Qaida Mitglieder sich in Jemen ungehindert im Landesinnern bewegen könnten und lokale Operationsbasen betreiben würden, von denen aus Terroranschläge geplant sowie Rekruten trainiert würden. Die AQAP setzt sich aus führende al-Qaida Mitglieder zusammen, welche zwischen 2003-2006 aus Saudi Arabien geflohen sind, gestärkt durch einfach al-Qaida-Fussoldaten, welche vorher in Pakistan aktiv waren. (Quelle: Strategic Survey 2009, International Institut for Strategic Studies, S. 51). Gemäss Generalmajor Jahja Abdullah, Mitglied des jemenitischen Generalstabs dringen zusätzlich militante Somalis über den Seeweg in den Süden des Landes ein. Die USA können also die Bedrohung der AQAP innerhalb Jemen nicht ignorieren, sonst riskieren sie den Aufbau einer neuen al-Qaeda Hochburg. Es gibt jedoch noch weitere Gründe weshalb sich die USA zukünftig stärker mit dem Jemen befassen werden:

  • Der Golf von Aden als eine wichtige Handelsroute wird von Somalia im Süden und Jemen im Norden eingefasst. Von dort aus ist auch das Bab al-Mandab kontrollierbar und somit der Eingang zum Roten Meer, durch das täglich rund drei Millionen Barrel Rohöl Richtung Westen verschifft werden. Jemen ist also in einer wichtigen geostrategischen Lage zur Sicherung der Handelsschiffahrt und der Bekämpfung der Piraterie im Golf von Aden.
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  • Bereits im August 2009 versuchte ein Mitglied der AQAP mit einem Selbstmordanschlag den saudischen Prinz Muhammad bin Nayef, stellvertretender Inneminister und Zuständiger für Terrorismusabwehr zu töten. Interessanterweise war die Technik sowie Art und Weise des Anschlags ähnlich wie diejenige beim Northwest-Airlines-Flug 253. In beiden Fällen wurde Nitropenta als Basis verwendet, in der Unterhose mitgeführt und versucht in Verbindung mit anderen Chemikalien eine Detonation zu erwirken. Ausserdem hat die AQAP sich zu beiden Anschlägen bekannt. Es ist anzunehmen, dass Saudi Arabien auf die USA Druck ausübt, sich um das jemenitische Problem stärker zu kümmern, denn das saudische Königshaus betrachtet die AQAP als eine direkte Bedrohung (vgl.: “Saudis fear al-Qaida threat from Yemen“, United Press International, 02.12.09). Nach dem versuchten Anschlag auf Muhammad bin Nayef reiste in der selben Woche John O. Brennan, stellvertretender National Security Adviser für Homeland Security und Counterterrorism nach Saudi Arabien um Muhammad bin Nayef zu treffen und das weitere Vorgehen zu besprechen. (Quelle: “The August Attempt on Saudi Prince Mohammed – and the Link to Flight 253“, ABC News, 03.01.10).
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  • Es würde mich nicht verwundern, wenn die US-amerikanische Waffenindustrie ein Interesse an jemenitischen Waffenkäufe hätte. Derzeit bezieht die jemenitische Regierung ihre Waffen aus Russland (zwischen 2000-2008 für rund eine Milliarde US-Dollar), Ukraine (zwischen 2000-2008 für rund 260 Millionen US-Dollar) und anderen osteuropäischen Staaten. Die jemenitische Armee initiierte für die nächsten Jahre ein 4 Milliarden US-Dollar umfassenden Modernisierungsprogramm, wobei die Waffensysteme voraussichtlich schwergewichtig aus Russland, Ukraine, anderen osteuropäischen Staaten und China stammen werden. Finanziert werden die Käufe grösstenteils von Saudi Arabien. (Vgl.: Thalif Deen, “Russia, China keep toehold in Yemen“, Asia Times, 07.01.20).


 

We have, it’s well known, about 70 million dollars in security assistance last year. That will more than double this coming year. — David H. Petraeus zitiert auf Charles Fromm, “YEMEN: U.S. Poised to Increase Aid“, IPS, 06.01.10.

 
Weitere Informationen

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4 Responses to Terrorherd Jemen

  1. fan says:

    sehr interessanter artikel!! :D liebe grüsse

  2. Andre says:

    Wirklich interessant. Das die Zustände in Yemen Saudiarabien als Nachbar, aber auch als anfälliges Regime tangieren, wird deutlich. Insofern wäre eine Analyse der Yemenofensive der Saudis Ende letzten Jahres auch interessant. Zumal es anscheined einige Verluste gab.

    PS: Hat sich in der Tabelle der Waffenkäufe ein Fehler eingeschlichen? Ich bezweifle, dass der Jemen für 80 Milliarden Dollar antike Panzer von Tschechien kauft…

  3. Hallo Andre,
    vielen Dank für Deine Korrektur. Natürlich handelt es sich um Millionen und nicht um Milliarden. Die Tabelle ist nun korrigiert.

  4. Pingback: Wikileaks – Cablegate | Offiziere.ch

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