Sollen Nicht-Kombatanten mit Würde und Respekt behandelt werden?

Dies ist ein Frage, die nicht nur aus moralischen Überlegungen ein “Ja!” als Antwort erfordert. Die Behandlung von Nicht-Kombatanten mit Würde und Respekt findet sich in mereren Grundregeln des Kriegsvölkerrechtes wieder:

Regel 1: Ich bekämpfe ausschliesslich Kombattante und militärische Ziele
Regel 2: Ich verschone Personen, die sich ergeben oder die ausser Gefecht sind. Deshalb kann auch ich vom Gegener eine menschliche Behandlung erwarten
(Quelle: “Die zehn Grundregeln des Kriegsvölkerrechts”, Merkblatt 51.007/III d, 01.07.2005)

Für US-amerikanische Soldaten und Marines sind diese Regeln nicht selbstverständlich. Nach einer im letzten Jahr durchgeführten, im November 2006 beendeten und im Mai diesen Jahres veröffentlichte Studie des Mental Health Advisory Team über die psychische Gesundheit der US-Soldaten im Irak haben auf die Titelfrage lediglich 38% der Marines und 47% der Soldaten mit “Ja!” geantwortet (siehe Resultate der Befragung in tabellarischer Form unten).

Das Team hat zwischen dem 28. August 2006 und dem 3. Oktober 2006 1320 Soldaten und 447 Marines anonym befragt. Dabei fanden sie auch heraus, dass rund 28% der Soldaten bzw. 30% der Marines Nicht-Kombatante Iraker beschimpft haben. 9% der Soldaten bzw. 12% der Marines beschädigten und zerstöreten irakisches Eigentum, auch wenn es nicht nötig war (vielleicht gehört dazu auch die Unart der amerikanische Truppen, bei Hausdurchsuchungen die Türe einzutreten) und 4% der Soldaten bzw. 7% Marines gaben an, dass sie Nicht-Kombatante geschlagen und getreten haben, ohne dass es notwendig war. Dabei fällt bei der Studie auf, dass der Prozentsatz der tatsächlichen Verstösse bei den befragten Marines leicht höher war als bei den Soldaten.

Regel 6: Ich schone und schütze Zivilpersonen und halte sie vom Kampfgebiet fern. Ich respektiere ziviles Eigentum. Plünderungen und Beraubungen, auch von Verwundeten und Toten, sind strikt verboten.
(Quelle: “Die zehn Grundregeln des Kriegsvölkerrechts”, Merkblatt 51.007/III d, 01.07.2005)

Entscheidend für das Verhalten der Soldaten bzw. der Marines war die Führung durch die Offiziere und insbesondere durch die Unteroffiziere. Dies gilt nicht nur für die Behandlung von Nicht-Kombatanten: bei guter Führung durch die Unteroffiziere treten in der Truppe weniger psychische Krankheiten auf und der Gesamtzustand der Soldaten ist besser. Doch leider zeigt die Studie, dass nicht alle Vorgesetzten den Soldaten klar machen, dass sie sich ans Kriegsvölkerrecht halten müssen:

Weitere Erkenntnisse der Studie waren:

  • Nicht alle Soldaten und Marines im Irak sind in gleichem Umfang von psychischen Problemen betroffen. Das Ausmass in dem die Soldaten und Marines an Kampfhandlungen teilnehmen, ist der Hauptfaktor für ihre psychische Gesundheitsverfassung. Das hat auch folgen bei der Misshandlung von Nicht-Kombatanten: Soldaten mit hohem Wut–Level, mit viel Kampferfahrung oder solche mit psychischen Problemen misshandelten Nicht-Kombatanten mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit, als solche, die einen tieferen Wut–Level aufweisen, weniger Kampferfahrung hatten oder psychisch gesund waren.
  • Trotz der leicht höheren Misshandlungsrate, war die Kampfmoral der Marines höher als diejenige der Soldaten. Die Soldaten zeigen öfters psychologische Gesundheitsprobleme, als dies bei den Marines der Fall ist. Wenn jedoch die Versetzungszeit im Irak und die Einsatzgeschichte zwischen den Soldaten und den Marines verglichen werden, so kann man feststellen, dass bei beiden die gleiche Wahrscheinlichkeit für psychologische Gesundheitsprobleme bestehen.
  • Mehrfach in den Irak versetzte Soldaten zeigen eine höhere Anfälligkeit auf akuten Stress.
  • Je länger die Versetzungsdauer, um so wahrscheinlicher treten Beziehungsprobleme mit dem Ehepartner auf.

Die wichtigsten Vorschläge der Studie waren:

  • Ausbildung und Training von jungen Unteroffizieren und Offizieren über ihre Wichtigkeit, die psychische Gesundheit ihrer Soldaten sicherzustellen.
  • “Battelfield Ethic Training” auf Grundlage der “Soldiers’ Rules” des Army Chief of Staff: durch Szenarien soll den Soldaten und Marines vermittelt werden, was von ihnen in Bezug auf “Battlefiel Ethic” und dem Melden von Verstössen erwartet wird.
  • Standardisierte Durchführungen von Debriefings.
  • Um die Reintegration in die Familie zu erleichtern sind “Post-Deployment Battlemind Trainings” durchzuführen.
  • Die Pause bei wiederholter Versetzung in den Irak von 18 auf 36 Monate erhöhen oder die Versetzungsdauer verkürzen.

Die Studie wurde auch ansatzweise in der Austrahlung von Democracy Now vom 12. Juli 2007 thematisiert. Besonders interessant am Bericht sind die Erfahrungen der beiden Irak-Veteranen aus ihrem Einsatz, insbesondere betreffend den Hausdurchsuchungen und ihrer persönlichen Sichtweise. Die im Bericht erwähnte Cover-Story “The Other War: Military Veterans Speak on the Record about Attacks on Iraqi Civilians” von “The Nation” findet man hier.


Link: sevenload.com

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