Tiger Teilersatz: F/A-18E/F

Ein Gastbeitrag von Patrick Truffer

Es ist kein Geheimnis, dass die Schweizer Tiger-Flotte zwischen 2013 – 2015 ausgemustert werden muss. Zur Zeit sind noch 54 Tiger-Kampfflugzeuge ausschliesslich im Luftpolizeidienst im Einsatz. Ausserdem sind 12 Flugzeuge an Österreich vermietet, die ebenfalls im Luftpolizeidienst im Einsatz sind. Der militärische Kampfwert der Tiger-Flotte ist jedoch schon länger gleich Null – sogar für den Luftpolizeidienst erfüllen sie die technologischen Mindestanforderungen nicht mehr vollständig, da sie weder bei Nacht noch bei allen Wetterlagen eingesetzt werden können. Im Juni hat der Bundesrat mit dem Voranschlag 2008 das VBS ermächtigt, Verpflichtungskredite von total 1,197 Milliarden Franken zu beantragen. Bewilligt wurde unter anderem das Vorhaben “Tiger Teil-Ersatz”. Damit kann ab 2008 ein Beschaffungsprojekt von 8 Millionen Franken zur Ablösung der heute noch im Einsatz stehenden 54 Tiger-Kampfflugzeuge gestartet werden. Mit dem Rüstungsprogramm 2010 soll dann der Kredit zur Beschaffung des Tiger-Ersatzes gestellt werden.

Bei der Definierung, wieviele Kampfflugzeuge als Ersatz beschafft werden sollen die Luftwaffe zur Erfüllung ihrer Aufträge mindestens benötigt, hat das VBS die Zahl 66 genannt. Bei einer Einsatzdauer von jeweils einer Stunde über dem zu schützenden Luftraum und unter Einbezug von Anflug- und Rückflug-Zeiten von gesamthaft rund einer halben Stunde werden permanent 12 bis 16 Kampfflugzeuge benötigt. Weshalb? Während vier Kampfjets im Einsatzraum operieren, haben die nächsten vier für die überlappende Ablösung bereit zu sein, und wenn diese ihren Auftrag erfüllen, haben sich bereits wieder vier neue für diesen Auftrag vorzusehen. Wegen Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten sinken die Kapazitäten innert kurzer Zeit. Mit den derzeitigen 33 F/A-18C/D Kampfflugzeugen der Schweizer Luftwaffe wäre nach gut einem Monat permanenten Einsatzes keine Flugzeuge für den Luftpolizei-Dienst mehr zur Verfügung. Mit den total 66 Ersatzkampfflugzeugen Kampflugzeugen (33 F/A-18C/D + 33 Ersatzkampflugzeuge) wäre die oben beschriebene Einsatzfähigkeit auf 2 Monate gegeben. (Quelle: NZZ). Für die Flotte der 54 Tiger sind also mindestens 33 moderne Ersatzkampfflugzeuge zu beschaffen. Wichtig ist dabei, dass man bei diesem Szenario von Luftpolizeidienst in Friedenszeiten ausgeht – nicht von einem militärischen Kampfauftrag.

Als Ersatz sind derzeit folgende Kampfflugzeuge im Gespräch: Saab JAS-39 Gripen (Schweden), EADS Eurofighter Typhoon (UK, Deutschland, Italien, …), Dassault Rafale (Frankreich) oder McDonnell Douglas/Boeing F/A-18E/F Super Hornet (US Navy). In einer kleinen Artikelserie wollen wir die verschiedenen Typen mit ihren Vor- und Nachteilen näher betrachten, beginnend mit dem F/A-18E/F.

Namensmässig könnte man dem Fehler unterlaufen, den F/A-18E/F als dem F/A-18C/D gleichwertig einzustufen und so zu glauben, dass durch Erwerb der Supper Hornet gewisse Infrastruktur-, Unterhalt-, und Ausbildungsaufwendungen eingespart werden könnten. Dies ist nicht der Fall: beim F/A-18E/F handelt es sich um ein anderes Kampfflugzeug. Die einsitzige F/A-18E Super Hornet und ihre zweisitzige Version F haben gegenüber der F/A-18C/D einen 30% größeren Rumpf und 25% höhere Flügelfläche. Ausser an der Grösse lassen sich die beiden Flugzeuge einfach an den Lufteinlässen der Triebwerke unterscheiden, die bei der Super Hornet eckig (um die Detektierbarkeit durch gegnerisches Radar durch bessere Luftzuführung an die Triebwerke zu verbessern – siehe Bild rechts), wohingegen diejenigen der “alten” Hornet rund sind. Das F414-Triebwerk von General Electric ist eine leistungsfähigere Weiterentwicklung (35% mehr Trockenschub) der ursprünglichen F404-Turbine der älteren F/A-18. Das Cockpit wurde komplett überarbeitet und die Avionik modernisert (Quelle: Aerospaceweb), soll aber zu 90% derjenigen der F/A-18C/D entsprechen.

Die Super Hornet ist ein seit 1999 bei der US-Navy im Einsatz stehendes Multirolle-Kampfflugzeug, das seine Kinderkrankheiten (zwei aerodynamische Probleme, die mittlerweilen behoben sind) hinter sich gelassen hat. Die US-Navy plant schlussendlich um die 548 Super Hornet im Einsatz haben, Australien hat 24 Stück für 2010 bestellt (Kosten: ca. 2.5 Milliarden US-$), Kuwait, Malaysia und Singapour sind am Kauf des Kampfflugzeuges interessiert. Das Hauptproblem bei der F/A-18E/F liegt wohl an ihrer Grösse, da die derzeitige Infrastruktur der Luftwaffe für eine solche Grösse nicht ausgelegt ist und eine Anpassung zusätzliche Kosten erzeugen würde.

Und hier die Flugzeugdaten im Überblick (Quelle: korrigiert aus Wikipedia):

Kenngrösse Daten
Typ:  Mehrzweckkampfflugzeug
Länge:    18,32 m
Flügelspannweite:    13,63 m
Flügelfläche:    46,45 m²
Höhe:    4,88 m
Leermasse:  13.865 kg
max. Abflugmasse:  29.937 kg
max. Waffenlast:  8.030 kg
Marschgeschwindigkeit:  Mach 1,6
Höchstgeschwindigkeit:  vermutlich Mach 1,8
Dienstgipfelhöhe:  15.240 m
Einsatzradius:  1.065 km (mit Zusatztanks: 1.470 km)
Flugreichweite:  3,055 km
Besatzung:    E: 1 Pilot; F: 1 Pilot + 1 Waffensystemoffizier
Bewaffnung:    11 Waffenstationen für beispielsweise AIM-9 Sidewinder, AIM-7 Sparrow, AIM-120 AMRAAM, AGM-84 Harpoon, AGM-88 HARM, AGM-45 Shrike, SLAM, SLAM-ER, AGM-62 Walleye, AGM-65 Maverick-Raketen; AGM-154 Joint Standoff Weapon (JSOW); Joint Direct Attack Munition (JDAM); verschiedene Typen gelenkter und ungelenkter Bomben, Minen und Raketen
Eine Revolverkanone vom Typ M61A1/A2 Vulcan 20 mm-Gatling.
Triebwerk:  zwei General Electric F414-GE-400 Turbofans mit je 97,86 kN Schub
Kaufpreispreis:  um 53 Mio. US-Dollar (April 2008)
   


Update vom 11.10.2007
Nach längerer Recherche habe ich nun herausgefunden, auf welchen Grundlagen die Berechnung der Zahl 66 bei den total notwendigen Kampfflugzeuge beruht. Die Berechnung wird in Michael Grünenfelder, “Weiterentwicklung der Luftwaffe bis 2015 – eine Strategie“, Air Power Revue der Luftwaffe Nr. 1, Beilage zur ASMZ 10 (2003), 21-30 aufgestellt. Im obigen Text habe ich fälschlicherweise angenommen, dass 66 Kampfflugzeuge als Ersatz beschafft werden müssten. Das ist falsch: da bei einer Ersatzbeschaffung die 33 F/A-18C/D natürlich im Einsatz bleiben, müssen “lediglich” 33 Ersatzkampfflugzeuge für den F/5-Tiger beschafft werden. Obiger Artikel wurde in diesem Sinne korrigiert.


Update vom 01.05.2008
Der F/A-18E/F ist aus dem Evaluationsverfahren ausgeschieden:

Der Entscheid sei nach der gründlichen Durchsicht der Anforderungen für den Teilersatz der Tiger-Flugzeuge erfolgt, erklärte Boeing auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP. Boeing habe wegen der Unterschiede zwischen den Anforderungen für den Ersatz und den Möglichkeiten der nächsten Generation der F/A-18 E/F entschieden, nicht in den Wettbewerb einzusteigen. Der Flugzeughersteller betonte, er schätze die langandauernde Zusammenarbeit mit der Schweiz und werde die Schweiz bei der Modernisierung der F/A-18 C/D unterstützen.

Einen Kommentar dazu findet man hier.

This entry was posted in Patrick Truffer, Switzerland, Technology.

11 Responses to Tiger Teilersatz: F/A-18E/F

  1. coim,bra says:

    Ich freue mich schon auf die folgenden Artikel zu dem Thema. Ich selber würde es aber noch begrüssen wenn man kurz auf die Anforderungen der Armme, welche der Flieger erfüllen muss, eingehen könnte. zb. soll es ein reines Jagdflugzeug sein oder soll es auch Ziele am Boden bekämpfen können?!? Jenachdem könnte der Anforderungskatalogpolitisch noch mehr zu sprechen geben als die Anzahl der Flugzeuge.

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  4. Tom says:

    ich frage mich ja schon wieso wir neue flugzeuge benötigen. das problem ist natürlich nur, dass sich ohne luftwaffe die ganze armee in frage stellt. würde man das in die armee gepumpte geld in die bildung bzw. volkswirtschaft stecken so wäre die zukunft wohl eher “mit sicherheit” als dies die armee glaubhaft machen will.

  5. Patrick Truffer says:

    Hallo Tom,
    ich denke hier ist gegen Schluss des Beitrages ziemlich gut erklärt, weshalb die Schweiz eine Luftwaffe braucht. Dass Bildung und eine starke Volkswirtschaft alleine zu “Sicherheit” führt, ist übrigens aus sicherheitspolitischer Sicht nicht haltbar. Leider gaukeln Pauschalargumente immer wieder einfache Lösungen vor, die es aber in der Realität nicht gibt. Beispielsweise lassen sich extremistische Gewaltakte nicht durch Bildung alleine verhindern und der “Bericht Innere Sicherheit Schweiz” zeigt, dass eine florierende Volkswirtschaft neben ihren Vorzügen auch ein Magnet für kriminelle Organisationen jeglicher Art darstellt. Ausserdem würde eine florierende Volkswirtschaft auch mit einer weiter zunehmenden Globalisierung einhergehen, was sowohl innenpolitisch wie auch aussenpolitisch gewisse Risiken und Gefahren mit sich bringen würde, denen man mit irgendwelchen sicherheitspolitischen Instrumenten entgegentreten müsste.
    Also, wenn schon Geld aus dem Armeebudget in andere Bereiche fliessen soll, dann müsste es zur Aufrechterhaltung der Sicherheit prioritär in die Kassen der kantonalen Polizeikorps fliessen. Ich denke, einige in der Armee würde es sogar begrüssen, wenn die personalintensiven subsidiären Sicherungseinsätze (beispielsweise waren an der Euro 08 rund 15000 Soldaten im Einsatz) verringert würden.

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