Tiger Teilersatz: Dassault Rafale

Ein Gastbeitrag von Patrick Truffer

Um keine einseitige Berichterstattung zu betreiben, wurde natürlich auch der Artikel zum Dassault Rafale auf den neusten Stand gebracht. Der ursprüngliche Artikel stammte vom 26. August 2007. Auch der Bericht zum Eurofighter, dem dritten möglichen Kampfflugzeug zur Ersetzung des Northrop F-5 Tiger, wird in einigen Wochen in überarbeiteter Version veröffentlicht werden.

Dassault Rafale bewaffnet mit GBU12 über Afghanistan (Foto: Rafale International Switzerland)

Dassault Aviation starte 1979 die Entwicklung der Rafale mit dem Ziel, sowohl für die Armée de l’air (französische Luftstreitkräfte) wie auch für die Aéronautique navale (französische Marine) ein einziges Kampfflugzeug zu bauen. Dementsprechend wird die Rafale in Frankreich mindestens sieben Kampfflugzeuge ersetzen: die SEPECAT Jaguar und die Super Etendard für den Erdkampf, die F-8 Crusader für verdeckte Operationen, die Dassault Mirage F1 und die Dassault Mirage 2000 C in der Verteidigung, die Dassault Mirage 2000 N und D als Präzisionsbomber mit konventioneller bzw. nuklearer Bewaffnung sowie die Dassault Mirage IV bei nuklearen Missionen und Aufklärungen. Ursprünglich waren die Erweiterung der Aufklärungsfähigkeit durch die Integration des Recon NG Pods, die Erweiterung des Waffenarsenals durch die ASMP-A Mittelstrecken-Luft-Boden-Lenkwaffe mit nuklearem Sprengkopf sowie die Integration des Exocet AM39 Luft-Schiff Seezielflugkörper (F3 Standard) für 2012 vorgesehen, werden nun aber bereits dieses Jahr in 10 Rafale Maschinen integriert. Diese umfassende Multirole-Fähigkeit wird von Dassault als Omnirole bezeichnet. Gemäss Pius Drescher, Rafale International unterscheidet sich Omnirole von Multirole dadurch, dass die Rafale von Entwicklungsbeginn weg für sämtliche Aufträge der Luftwaffe (Luftpolizeidienst, Luftverteidigung, Aufklärung und Erdkampf) konzipiert wurde und diese in der gleichen Mission – also ohne Landung und Umrüstung – wahrnehmen kann. Dies wird durch eine hohe Nutzlast sichergestellt, welche die anderen Kandidaten übertrifft. Die Rafale kann gewichtsmässig an ihren 14 Aussenlaststationen rund 27% (+2’000kg) mehr Waffen, Behälter mit Spezialausrüstung und Zusatztanks als der Eurofighter mitführen; im Vergleich zum Saab Gripen sind es sogar rund 58% (+3’500kg) mehr. Dies erlaubt es dem Piloten während des gleichen Flugs verschiedene Missionen in optimaler Weise durchzuführen.
 

In answer to my own evaluation objectives, it was obvious the Rafale has earned its omnirole definition, even though I barely scratched the surface of its sensor and weapon capabilities. The aircraft has an incredible level of performance befitting a fourth-generation type, and despite flying a highly complex and demanding evaluation sortie, I felt completely at home in the aircraft and retained full situational awareness. If it could keep me safe, it would also do the same for young first-tourist pilots coping with tactical operations. The classic definitions of aircraft combat roles really do not do justice to this aircraft; the Rafale is Europe’s force-multiplying “war-fighter” par excellence. It is simply the best and most complete combat aircraft that I have ever flown. Its operational deployments speak for themselves. If I had to go into combat, on any mission, against anyone, I would, without question, choose the Rafale. — Peter Collins, ehemaliger Pilot der britischen Royal Air Force in “Flight Test: Dassault Rafale – Rampant Rafale“, Flightglobale, 09.11.2009.

 
Ein weiterer Vorteil bei der Wahl der Rafale als Tiger Teilersatz liegt gemäss Drescher in den modernen Sensoren. Er hebt dabei hervor, dass die Rafale das einzige europäische Kampfflugzeug mit Active Electronically Scanned Array (AESA) ist. Seit dem jedoch Saab mit dem Gripen Demonstrator die Integration des Raven AESA Systems begonnen hat und es ein Bestandteil zukünftiger Gripen Lieferungen sein wird, scheint sich dieser Vorteil etwas zu relativieren. Dassault sieht die technologischen Unabhängigkeit von den USA als ein weiterer Vorteil für die Schweiz, denn die Rafale wurde inklusive aller Ausrüstung und Bewaffnung ausschliesslich in Frankreich entwickelt und wird auch nur dort hergestellt. Die Kehrseite der Medaille liegt jedoch in der Abhängigkeit von Frankreich. In diesem Kontext ist der ungehinderte, offene Zugang zu allen in der Rafale integrierten Technologien besonders wichtig. Der von Dassault im Rahmen der brasilianischen F-X2 Kampfjet-Evaluation offerierte offene Technologiezugang war für den brasilianischen Präsidenten Lula da Silva ein entscheidender Punkt um der Rafale gegenüber den anderen Konkurrenten den Vorrang zu geben. Im Gegensatz zum schwedischen Saab Gripen NG und dem US-amerikanischen Boeing F/A-18E/F Super Hornet sei Frankreich zu einem umfassenden Technologietransfer bereit. Dabei soll Brasilien die Rafale nicht nur für sich im eigenen Land bauen können, sondern auch für andere Länder der Region herstellen dürfen. (Quelle: Werner Martin, “Brasiliens Militär möchte lieber den Gripen als den Rafale“, NZZ, 07.01.2010). Dassault offeriert der Schweiz ebenfalls einen offenen Technologiezugang, inklusive aller Entwicklungsinstrumente, Software-Codierungen, EKF-Bibliotheken sowie den Zugriff auf vertrauliche Daten und darüber hinaus eine aktive Teilnahme an der Weiterentwicklung der Rafale. Gemäss Drescher werden die ausgelieferten Kampfflugzeuge keine “Black Boxes” enthalten. Diese Offerte für die Schweiz werde ausserdem von der französischen Regierung – bis in die allerhöchsten Stellen – unterstützt und garantiert.
 
Da Dassault Aviation, SNECMA und Thales nicht nur in der Militär-, sondern auch in der Zivil-Aviatik tätig sind, eröffnet sich laut Drescher für Schweizer Firmen ein interessanter strategischer Zugang zum weltweiten Luft- und Raumfahrtmarkt. Schweizer Technologie-Unternehmen, Forschungszentren sowie Hochschulen aus allen Kantonen aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen würden dank einer vertraglich gesicherten industriellen und wissenschaftlichen Partnerschaft nicht nur einen enormen technologischen Mehrwert erzielen, sondern einen direkten Zugang zu Zukunftsmärkten erhalten. In diesem Zusammenhang sei die geographische Nähe Frankreichs ein weiterer Vorteil. Gemäss Dassault erhält die Schweiz mit dem Kauf des Rafale Zugang zu allen Entwicklungs- und Testeinrichtungen, Trainingsräume, Luftwaffenbasen, Ausbildungsstätten usw. in Frankreich. Insbesondere die zeit- und kostengünstig Nutzung des militärischen Luftraum für Trainings dank kurzer Distanzen könnte dabei für die Schweizer Luftwaffe einen entscheidenden Mehrwert darstellen.
 
Dassault wartet mit drei Varianten der Rafale auf. Weil die französische Marine die F-8 Crusader aus den 50er Jahren ersetzen wollte, wurde die M-Variante (M für Marine) mit Priorität entwickelt und bereits am 4. Dezember 2000 in Dienst gestellt (die Einsatzbereitschaft wurde 2004 erklärt). Sie ist für Starts und Landungen auf Flugzeugträger konzipiert. Wegen verstärktem Fahrwerk und Struktur ist die M-Variante rund 500kg schwerer als die einsitzige C-Variante (C für Chasseur), welche Ende 2004 der französische Luftstreitkräfte ausgeliefert wurde (die Einsatzbereitschaft wurde 2006 erklärt). Ungefähr zeitgleich wurde auch die zweisitzige Rafale B (B für Biplace) in Dienst gestellt, welche der C-Variante nahezu baugleich ist und nur 70kg mehr Gewicht aufweist. Die der Schweiz angebotenen Rafale B und C sind denjenigen der französischen Luftstreitkräfte identisch. Dies bedeutet, dass in der offerierten Rafale zwei SNECMA M88-2 enthalten sind, welche keine Supercruise-Fähigkeit aufweisen. Dassault entwickelt mit SNECMA zusammen ein leistungsfähigeres M88-3 Triebwerk mit Supercruise-Fähigkeit, welches jedoch nicht Bestandteil der an die Schweiz ausgelieferten Kampfflugzeuge sein wird, sondern bloss als “Growth Potential” festgehalten wurde. Gemäss Drescher soll das grosse Entwicklungspotential der Rafale eine operationelle Leistungsfähigkeit bis über 2040 hinaus garantieren. Dassault gibt an, dass das M88-2 Triebwerk bezüglich der Reduktion der Lärmbelastung bei Starts und Landungen optimiert sei. Diese Angaben sind meines Erachtens etwas vollmundig, denn gemäss den Lärmmessungen der Armasuisse weist die Rafale eine durchschnittliche Lärmbelastung von 108dB auf. Sie ist damit zwar leiser als der Eurofighter, jedoch durchschnittlich 3dB lauter als der Gripen. Gemäss Angaben der Armasuisse handelt es sich bei einer Differenz um 3dB um den minimalen Unterschied, bei dem zwei zeitlich getrennte Ereignisse unterscheidet werden können. Zum Vergleich: eine Zunahme um 10dB entspräche einer Verdoppelung des empfundenen Lärms. Diese zusätzlichen 3dB sind also nicht überzubewerten, denn alle drei Tiger Teilersatz-Kandidaten besitzen eine höher Lärmemission als der Northrop F-5 Tiger und liegen auf dem Niveau der McDonnell Douglas F/A-18 C/D. Auf meine Frage, wie die Reduktion der Lärmbelastung erreicht wird, antwortete Dassault, dass eine der Massnahmen darin bestehen könne, sehr steil aufzusteigen. Dadurch konzentriere sich der Lärmkegel der Triebwerke direkt über dem Flugplatz, was die Anwohner entlasten würde.
 
Ein gewichtiger Nachteil der Rafale könnte in den Beschaffungskosten liegen. Im Rahmen der brasilianischen F-X2 Kampfjet-Evaluation soll der einzelne Kampfjet rund 140 Mio. US-Dollar kosten. Gemäss Angaben der Informationsgruppe PRO-Kampfflugzeuge will Dassault von der Schweiz pro Kampfflugzeug rund 180 Mio SFr. Ein Vergleich der Angebotspreise unterschiedlicher Offerten ist jedoch kaum möglich, da die Preise von der angebotenen Leistung des Gesamtpakets abhängen. Da die Offerten nicht öffentlich sind, kann deshalb vermutlich nur die Armasuisse einen objektiven Vergleich des Kosten-Leistung-Verhältnis durchführen.
 

 
Und hier die Flugzeugdaten im Überblick (wenn nichts angegeben, stammen die Daten von Dassault und gelten für die C-Version):

Kenngrösse Daten
Typ:  Mehrzweckkampfflugzeug
Länge:    15,27 m
Flügelspannweite:    10,80 m
Flügelfläche:    45,70 m²
Höhe:    5,34 m
Leermasse:  10’220 kg (Quelle: Wikipedia)
Mitgeführter Treibstoff (intern): 4’700 kg
max. Abflugmasse:  24.500 kg
max. Ladegut (Waffen, externe Treibstofftanks): 9.500 kg
Marschgeschwindigkeit:  1’397 km/h
Höchstgeschwindigkeit:  1’912 km/h (Mach 1,8)
Steigleistung: min. 305 m/s
Dienstgipfelhöhe:  16’764 m
Einsatzradius:  um 1’800 km (verschiedene Quellen)
Flugreichweite:  3.700 km (verschiedene Quellen)
Schub-Gewicht-Verhältnis: Maximal (Leergewicht): 1,5 (eigene Berechnung)
Nominal (normales Startgewicht): 1,0 (eigene Berechnung)
Minimal (maximales Startgewicht): 0,62 (eigene Berechnung)
Besatzung:    Die Varianten C und M sind Einsitzer-Versionen. Die B Variante ist eine Zweisitzer-Version
Bewaffnung:    Eine 30-mm-Kanone GIAT DEFA M791.
14 Aufhängungen (davon 5 für schwere Waffen bzw. Ausentanks) für Air-to-Air Missiles, Air-to-Ground Missiles, zukünftig auch mit ASMP-A und dem Seezielflugkörper AM39 Exocet. Bei der M-Variante fehlt die mittlere Aufhängung.
Triebwerk:  Zwei Mantelstromtriebwerke SNECMA M88-2 mit je 50 kN Schub ohne Nachbrenner und 75 kN mit Nachbrenner
Kaufpreis:  rund 187 Millionen US-Dollar (Quelle: “Rapport public annuel 2010“, Cour des comptes, Februar 2010, p.50)

Legende
Diagramm Mitte rechts: Emissionsdiagramm für den Rafale: schwarz ist ohne Nachbrenner, rot ist mit Nachbrenner (Quelle: Jürg Weber, Daniele Tamburini, Fabio Antognini, “Lärmmessungen 2008“, Medienkonferenz, 2.12.2009).

Quelle
Robert Kühni, “Interview mit Herrn Pius Drescher, Rafale International Switzerland“, FliegerWeb, 24.08.2009.

This entry was posted in Militärtechnologie, Patrick Truffer, Schweiz.

8 Responses to Tiger Teilersatz: Dassault Rafale

  1. Collins says:

    Air-to-Ground Weapon Stations

    Rafale: 5.

    Gripen NG: 7-

  2. Andre says:

    Ohne Frage ist die Rafale ein exzellentes Flugzeug, dass mit anderen europäischen Jets der Generationen 4 und 4.5 gut mithalten kann oder diese sogar übertrifft. Für mich stellt sich aber die Frage, ob dieser Typ nicht zu viel kann, ob die Anforderungen (primär der Luftpolizeieinsatz) der Schweiz nicht auch mit anderen, billigeren Flugzeugen erfüllt werden kann. Die Auswahl der Flugzeugtypen widerspiegelt nur schlecht die zu erwartenden Einsätze. Weshalb wurden ältere, bewährte und kostengünstigere Plattformen wie die F-16 oder der Alphajet (von dem Ruag notabene noch 20 Stück besitzt) nicht in die engere Wahl gezogen? Was spricht gegen eine Plattform, die andere Länder als Schulungsplattform einsetzen? Die LW konzentriert sich auf “Top of the Line” Produkte, um Zivil- und Transportflugzeuge zu kontrollieren. Dass kommt dem Ausspruch “Mit Kanonen auf Spatzen schiessen” bedrohlich nahe.

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