Was läuft eigentlich im Irak? – 01

Diese Frage wurde am Montag von General Petraeus mit einem Bericht an den Kongress beantwortet. Den von General Petraeus vermeldeten bescheidenen Erfolg hatte jedoch alle im Kongress überzeugt (siehe dazu “Senatoren prangern Petraeus-Report an“, Spiegel Online, 11.09.2007).

The military objectives of the surge are in large measure being met. In recent months, in the face of tough enemies, in the brutal summer heat of Iraq, the coalition and Iraqi security forces have achieved progress in the security arena. — Genereal Petraeus vor dem Kongress

Anfangs Jahr wurde unter starken Kontroversen die US-Truppen im Irak um weiter 30’000 Mann auf 160’000 Mann verstärkt (Troop Surge) insbesondere in Baghdad selber. Dies hat die Situation in Baghdad verbessert: weniger Anschläge und die Gewalt zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in Baghdad konnte reduziert werden. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass die Aufständischen nun irgendwo anders im Irak aktiv sind. Die Zeit, diese Truppenverstärkung der irakischen Regierung gegeben hat um auch politisch Stabilität zu erringen, wurde vom irakischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki jedoch nicht genutzt – in Irak sind keine politischen Vortschritte erkennbar. (Vgl. Michael Duffy, Moment Of Truth in Iraq, Time Magazin, 06.09.2007).

Die 30’000 Mann-Verstärkung soll gemäss Petraeus bis zum Juli 2008 im Irak stationiert bleiben. Das heisst aber auch, dass bei Abzug der Verstärkung Baghdad mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder in Gewalt und Chaos versinken wird. Eine frühere Verringerung auf den pre-Surge Bestand könnte sich also katastrophal auswirken. Was die Opferzahlen angeht, so rechnet Petraeus mit ca. 60 toten US-Soldaten, das heisst bis nächsten Juli werden voraussichtlich 600 US-Soldaten fallen. Zum Vergleich: bis anfangs Juli 2006 sind total 3’852 US-Soldaten in Irak gefallen.

Auf einem anderen Gebiet spielt die US-Armee ein gefährliches Spiel. Sie unterstützt sunnitische Paramilitär in der Gegend von al-Anbar, im westlichen Teil von Irak gegen al-Quaida-Kämpfer. Die Unterstützung einer ethnischen Partei in einem im Bürgerkrieg befindlichen Land, könnte mittelfristig unabsehbare Folgen haben.

We have not armed tribes. We don’t have weapons to give them. We have never given weapons to tribes. What we have done is applaud when they have asked if they could point their weapons at al-Qaeda instead of at us, and we have then worked very hard to try to help them tie into national institutions, because that’s the piece that makes sure that there is some mitigation of risk, that we are not merely allowing tribes again to turn their weapons on al-Qaeda and then turn them on, say, other Iraqis. — Genereal Petraeus vor dem Kongress

Vielleicht hat das US-Militär tatsächlich keine Waffen an die sunnitischen Stämme abgegeben, jedoch ist nicht zu vergessen, dass im August diesen Jahres veröffentlicht wurde, dass das US-Militär in Irak seit 2003 ca. 190’000 Waffen inkl Munition “verloren” haben. Ausserdem gibt es eingebetete unabhängige Journalisten, wie Rick Rowley, die gesehen haben wollen, wie sunitische Paramilitär wenigstens finanziell durch das US-Militär unterstützt worden sind:

Well, when General Petraeus says that they’re merely applauding these tribes from the sidelines, he’s lying. I mean, while we were embedded with the Americans, we saw American military commanders hand wads of cash to tribal militias. And when he says that they are facilitating their integration into the country’s security forces, what he means is they’re pressuring Iraq’s government to incorporate these militias wholesale into the police forces. In fact, that’s one of the promises that these tribes are given, that after working with the Americans for a few months, they’ll become Iraqi police, be armed by the Iraqi state and be put on regular payroll. So it’s completely disingenuous, what he’s saying.
[…]
Well, it’s been widely reported that these are former insurgents who were fighting Americans in the past. And that, you know, is troubling for American soldiers. But the far more troubling issue for Iraq is that many of these groups are war criminals who are responsible for sectarian cleansing in the region.

We spent a month and a half in the country, and we crisscrossed Iraq. I was traveling with David Enders and met with the production support of Hiba Dawood, and we found entire communities of refugees who had been displaced by exactly the same tribes that the US had been working with in other parts of the country.

So, you know, it’s one thing for Americans to call this a reconciliation process and say that, you know, we’re fine with working with people who used to be fighting with us, but it’s an entirely different thing for them to be funding groups who are already responsible for sectarian cleansing and are arming themselves for a sectarian civil war. — Rick Rowley im Interview auf Democracy Now!

Zur Zukunft der restlichen 130’000 im Irak stationierten US-Soldaten (nach dem Abzug der 30’000 Soldaten Verstärkung im Juli 2008) will sich General Petraeus erst im März äussern. Deshalb sind bis März 2008 keine grösseren Veränderungen im Irak zu erwarten. Die Situation in und um Baghdad wird sich weiter stabilisieren, doch Irak als solches wird weiterhin von Gewalt durchzogen sein. So lange die irakische Regierung sich durch den Aufbau einer starken, loyalen Polizei und Armee nicht durchsetzen kann, wird kein grösserer Vortschritt möglich sein. Der US-Kongress selber ist sich uneinig, wie es in Irak weitergehen soll. Die verschiedenen Kommentare bei der Anhörung Petraeus zeigen die Ratlosigkeit der Senatoren und Abgeordneten gut auf. Deshalb ist auf amerikanischer Seite keine strategische Änderung zu erwarten – jedenfalls so lange kein neuer Präsident an der Spitze der USA steht.

Hier ist das 30-minütige Opening Statement und der zusammenfassenden Bericht von General Petraeus vor dem U.S House of Representatives am 10. Septmeber 2007:

 
Hier ist das 30-minütige Opening Statement von US-Botschafter Ryan Crocker vor dem U.S House of Representatives am 10. Septmeber 2007:

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