Wann kommt der nukleare Terroranschlag?

Der deutsche Bundesinnenminister Wolfgang “wir-werden-alle-sterben” Schäuble hat im vergangenen Wochenende die fatalistische Einschätzung geäussert, dass “viele Fachleute [...] inzwischen überzeugt [sind], dass es nur noch darum geht, wann solch ein [nuklearer Terror-]Anschlag kommt, nicht mehr, ob.” Es ist unklar, wie Schäuble zu dieser Feststellung kommt, und auf welche “Fachleute” er sich dabei beruft, Fakt ist jedoch, dass er die Online-Durchsuchung in Deutschland durchsetzen wird – und dies geht nun mal am besten dadurch, in dem man die Angst vor Terroristen schürt.

Wir wollen hier einen Blick auf Fakten werfen, denn es gibt eine handvoll sicherheitspolitische Studien, die sich mit der Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Terroranschlags auseinandersetzen. Einer der wohl besten Untersuchungen findet man in Robin Frost, “Nuclear Terrorism Post-9/11: Assessing the Risks,” Global Society 18:4 (Oktober 2004), 397-422 (leider scheint dieser Artikel nicht frei im Internet erhältlich zu sein).

Gemäss Frost wären theoretisch zehn verschiedene Stufen eines nuklearen Terroranschlages möglich, beispielsweise die Detonation einer Nuklearwaffe, der Anschlag auf einen nuklearen Reaktor der zu einer Kernschmelze führt, die Detonation einer “schmutzigen Bombe” oder einfach die Verunsicherung der Bevölkerung durch Diebstahl, Sabotage, Drohungen, (Politiker?) usw. Wir schauen hier nur die Detonation einer Nuklearwaffe und die Detonation einer schmutzigen Bombe an.

Unterstellt man Terrororganisationen, dass sie eine Nuklearwaffe zum Einsatz bringen wollen, dann setzt dies voraus, dass eine solche Waffe – oder wenigstens das Material um eine solche Waffe zu bauen – auf dem Schwarzmarkt vorhanden ist. Eine weitgestreute “Urban Legend” ist, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nukleare Sprengköpfe (oder gar “nukleare Kofferbomben”) gestohlen und auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden. Es gab zwar Diebstahlversuche, dass jedoch eine nukleare Waffe der ehemaligen Sowjetunion auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurde, ist falsch. Die zuverlässigste Quelle im Bereich des Schwarzhandels mit nuklearem Material ist die International Atomic Energy Agency (IAEA), die zwar keine Anzeichen für einen Handel mit nukleare Waffen, jedoch Anzeichen für das Schmuggeln von nuklearem Material hat. Zwischen Januar 1993 und Dezember 2006 wurden 275 Fälle von unautorisiertem Besitz von nuklearem Material und damit verbundenen kriminellen Aktivitäten aufgedeckt, jedoch nur 18 Fälle hatten mit waffenfähigem Material (Highly Enriched Uranium, HEU oder Plutonium) zu tun. Die Menge reicht jedoch nicht zum Bau einer Atombombe aus. Beispielsweise wurde im Februar 2006 in Georgien ein Fall aufgedeckt, bei dem 79.5 g 89%iges HEU im Spiel war. Die mengenmässig grössten Fälle waren im August 1994 in St. Petersburg, wo Diebe versuchten ca. 3 kg 90%iges HEU zu verkaufen und im Dezember 1994, als 2,7 kg 87,7%iges HEU in Prag sichergestellt wurde. Zum Vergleich: zum Bau einer Atombombe werden ca. 60 kg HEU benötigt.

About 27% of the 275 incidents involving unauthorized possession and related criminal activities reported to the ITDB during 1993-2006 occurred in 1993-1994. After 1994, the number of reported cases per year dropped to a lower level. This has remained more or less stable over the years, averaging at about 16 incidents per year. — IAEA Illicit Trafficking Database Releases Latest Aggregate Statistics vom 11. September 2007

In Bezug auf nukleare Waffen und waffenfähigem Nuklearmaterial ist festzustellen, dass diese nicht auf dem Schwarzmarkt vorhanden sind und dass in diesem Bezug ein Terroranschlag durch die Detonation einer Nuklearwaffe (auch selber gebaut) sehr unwahrscheinlich ist. Frost unterstreicht diesen Befund mit einem Beispiel:

For example, there is still no sign that even so well-monied and unscrupulous a would-be proliferator as Saddam Hussein was able to obtain a single nuclear warhead nor even significant amounts of related materials or technology from the FSU, despite reportedly spending $10 billion, by 1996, on his attempts to acquire a nuclear capability. Similarly, there is no evidence that Osama bin Laden of Al-Qaida has been able to obtain fissile materials, let alone nuclear weapons, although here is evidence of his interest in doing so. In fact, he was probably cheated at least twice in the attempt. The claim that ‘‘the real nuclear smugglers aren’t being caught because they’re devilishly clever’’ is reminiscent of the — possibly disingenuous — pre-war American statements that UN arms inspectors could not find Iraqi weapons of mass destruction because they were so well hidden, which in turn was taken as further proof of Saddam’s malice and cunning. — Robin Frost, “Nuclear Terrorism Post-9/11: Assessing the Risks,” Global Society 18:4 (Oktober 2004), 403f

Was einem jedoch zu denken geben sollte, ist die Liste der geschmuggelten radioktiven Materialien (also die restlichen 257 Fälle der IAEA): Cäsium-137, Cobalt-60, Americium-241, Strontium-90, Iridium-192 u.a. Mit diesen Radioisotopen und konventionellem Sprengstoff ist es möglich eine “schmutzige Bombe” herzustellen. Was die möglichen Folgen eines solchen Anschlags sein könnten, zeigt der Zwischenfall in der brasilianischen Stadt Goiânia 1987. Das Problem liegt an den “verwaisten” Strahlenquellen in ausser Dienst genommenen Apparaturen (beispielsweise in der Medizin) oder durch Konkurs von Firmen:

Up to 500,000 of the two million [radioaktiv] sources in the United States may no longer be needed and thus could be susceptible to becoming orphaned. In the United States, as many as 375 sources have been reported as orphaned in a single year. Over the latest five-year reporting period from October 1996 to September 2001, on an average annual basis, 300 sources fell into this category. Of these, 56 percent were not recovered.” — Charles D. Ferguson, Tahseen Kazi und Judith Perera, “Commercial Radioactive Sources: Surveying the Security Risks“, Monterey Institute of International Studies (Januar 2003)

Wieder einmal mehr zeigt sich, dass es für die USA vermutlich einfacher wäre, in ihrem Land für Ordnung zu sorgen, als den globalen Krieg gegen den Terrorismus zu führen. Das Labor Spiez kommt im März 2005 zum Schluss, “Terroristen könnten versucht sein, eine solche Waffe einzusetzen, wenn sie einer Gesellschaft einen möglichst hohen und möglichst langfristig wirksamen, materiellen Schaden zufügen wollen. Bisher war dies offensichtlich nicht das Ziel von Terroristen; sie zielten vielmehr darauf, mit einem Anschlag einen möglichst hohen unmittelbaren Schaden zu verursachen. Werden sie auch in Zukunft entsprechend vorgehen? Werden sie neue Strategien und neue Anschlagsformen entwickeln? Darüber kann nur spekuliert werden.”

Frost kommt zu folgendem Befund:

[For the USA,] Attacks on nuclear reactors constitute a much more serious threat [then the detonation of a nucear weapon by terrorists]. The risk—in the sense of likelihood, not potential damage—from radiation dispersal devices, therefore, is greater than that of attacks on reactors, and the payoff for terrorists would not necessarily be that much less. Controls on medical or industrial radiation sources are generally poor worldwide, especially when the sources have lost their commercial value, and several relatively widely used isotopes would make very dangerous ingredients for RDDs [(Radiological Dispersion Device)].— Robin Frost, “Nuclear Terrorism Post-9/11: Assessing the Risks,” Global Society 18:4 (Oktober 2004), 420f

Dies deckt sich auch mit dem Standpunkt des Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik: der Einsatz einer “Schmutzigen Bombe” ist im Bereich des nuklearen Terrorismus am ehesten zutreffend. Insgesamt besteht beim nuklearen Terrorismus ein hohes Risikopotential, jedoch eine tiefe Eintrittswahrscheinlichkeit.

Weiterführende Informationen

  • Ende diesen Jahres wird ein top-aktuelles Buch zu diesem Thema durch die Harvard University Press veröffentlicht: On Nuclear Terrorism.
  • Und hier noch ein “Erlebnisbericht”, was einem so in Deutschland widerfahren kann, wenn man den “Stasi 2.0 – Kleber” mit Schäubles Konterfei an seinem Auto anbringt. Naja, zum Glück war der Betroffene nicht in Zürich – dort muss man sich nämlich auf dem Polizeiposten nackt ausziehen ;-)
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