Ein Blick auf den Iran 04

Es sind bereits wieder 6 Monate her, als wir einen letzten Blick auf den Iran geworfen haben. Wie es scheint hat die US-Regierung mittlerweilen ebenfalls festgestellt, dass eine grossangelegte Intervention im Iran auf wenig Unterstützung in In- und Ausland stossen könnte. Damit ist die militärische Karte aber noch lange nicht vom Tisch. Seymour Hersh, ein amerikanische Investigationsjournalist und Pulizerpreisgewinner, weltbekannt geworden durch die Aufdeckung des Massakers von My Lai im Vietnamkrieg 1969 und massgeblich verantwortlich für die Aufdeckung des Folter-Skandal im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis, vertritt in einem Artikel im New Yorker die Meinung, dass sich die strategischen Ziele der US-Regierung im Iran geändert hätten. Neu soll Präsident Bush nicht mehr die nuklearen Anlagen in Iran bombardieren wollen, sondern es sollen “chirurgische Schläge” auf die Revolutionäre Garde durchgeführt werden, die als Selbstverteidigung verkauft werden sollen. Durch öffentliche Äusserungen in den letzten Monaten habe die Bush-Administration den Krieg im Irak zunehmend als strategische Auseinandersetzung mit dem Iran umdefiniert. Die Message laute, dass die vom Iran unterstützten shiitischen Extremisten im Irak US-Soldaten und die irakische Bevölkerung attackieren. Damit wird der iranischen Regierung unterstellt, sie sei verantwortlich für die schlechte Sicherheitslage im Irak, und die Lage im Irak könne nur dann verbessert werden, wenn die USA gegen die iranische Regierung vorgehe. Damit verbunden ist auch eine Annäherung der US-Regierung an die Sunniten mit gleichzeitiger Distanzierung von der schiitisch dominierten Regierung im Irak, die man verdächtigt, mit dem iranischen Regime zu kooperieren. Ein weiterer Indikator für die veränderte US-Strategie sind die Bestrebungen der Bush-Regierung, die iranischen Revolutionären Garden als Terrororganisation einzustufen. Damit wird die iranische Regierung als Führer und Mitglieder einer terroristischen Organisation ins Fadenkreuz des Kriegs gegen den Terrorismus gerückt.

In the past six months we have also targeted Shia militia extremists, capturing a number of senior leaders and fighters, as well as the deputy commander of Lebanese Hezbollah Department 2800, the organization created to support the training, arming, funding, and, in some cases, direction of the militia extremists by the Iranian Republican Guard Corps’ Qods Force. These elements have assassinated and kidnapped Iraqi governmental leaders, killed and wounded our soldiers with advanced explosive devices provided by Iran, and indiscriminately rocketed civilians in the International Zone and elsewhere. It is increasingly apparent to both Coalition and Iraqi leaders that Iran, through the use of the Qods Force, seeks to turn the Iraqi Special Groups into a Hezbollah-like force to serve its interests and fight a proxy war against the Iraqi state and coalition forces in Iraq. — General David H. Petraeus in the Report to Congress on the Situation in Iraq, 10.09.2007.

Gemäss Hersh wurde das neue Konzept, Iran mit “chirurgischen Schlägen” zu schwächen, mit den wichtigsten amerikanischen Allierten besprochen. Israel und Frankreich seien gegen diese neue Strategie: Israel bemängele, dass die umstrittenen iranischen Atomanlagen kein Ziel mehr seien – Frankreich sei für ein scharfes Vorgehen, halte jedoch nichts von begrenzten Schlägen. Der britische Premierminister Gordon Brown habe sich positiv zu den neuen Plänen ausgesprochen. Ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter habe davor gewarnt, dass ein Angriff auf die Revolutionäre Garde, der nicht unter dem Titel einer Bekämpfung des Atomwaffenprogramms ausgeführt werde, die Situation nur noch schlimmer machen würde. Damit würde das iranische Regime und der Islamismus in der gesamten Region gestärkt werden.

Über den Zeitraum möglicher amerikanischen Aktionen gegen Iran schweigt sich Hersh aus, ist jedoch ein Thema eines Artikels von Kamal Nazer Yasin (ein Pseudonym für einen freiberuflichen Journalisten, der auf iranische Themen spezialisiert ist) publiziert auf “ISN Security Watch” der ETH Zürich. Gemäss Wayne White, ein ehemaliger stellvertretender Nachrichtenchef für den Nahen Osten im State Departement, ist Bush überzeugt, dass er das “Iran-Problem” selber in die Hand nehmen muss und nicht seinem Nachfolger – egal ob Republikaner oder Demokrat – überlassen kann. Die meisten Experten, mit denen ISN Security Watch gesprochen hat, glauben an ein “window of opportunity” für eine hypotetische US-Attacke zwischen Januar und Mai 2008. Ein Zeitpunkt vor Januar 2008 sei unwahrscheinlich, weil es noch Zeit brauche, um die US-Bevölkerung und der Rest der Welt psychologisch auf ein solches Vorgehen vorzubereiten. Wegen des Wahlkampfs sei jedoch ein Vorgehen nach dem Mai 2008 ebenfalls unwahrscheinlich, weil damit die Chancen, dass ein republikanischer Präsident gewählt wird, verschlechtert werden.

Seymour Hersh betont in Interviews, dass es nicht zwangsläufig zu einem Angriff auf den Iran kommen müsse, doch hätte sich das “Tempo der Angriffspläne” in letzter Zeit erheblich verstärkt. Die Frage stellt sich, weshalb die USA bereit sein sollte, eine relativ hohe Eskalationsgefahr auf sich zu nehmen, ohne das Ziel – die Zerstörung der iranischen Urananreicherung – direkt in Angriff zu nehmen? Genauer betrachtet ist die Bombardierung der Republikanischen Garden sowie wichtiger militärischer und ziviler Infrastruktur im Iran ein noch unbefriedigenderes Vorgehen als die Konzentration auf die nuklearen Anlagen. Womöglich verhindert man dadurch zwar konventionelle Vergeltungsschläge des iranischen Militärs, doch die grosse Gefahr für die USA sind mehr in den assymetrischen Vergeltungsschläge iranischer Verbündeter (wie beispielsweise die Hisbollah) im ganzen Nahen Osten, vielleicht sogar weltweit zu suchen. Wegen den hohen Risiken, dass die Lage im Nahen Osten gänzlich unkontrollierbar wird, glaube ich nach wie vor nicht an eine direkte militärische Aktion im grossen Stil gegen den Iran. Auseinandersetzungen unterhalb der Kriegsschwelle (beispielsweise Sabotage, Nachrichtenbeschaffung usw.) sind und werden weiterhin das hauptsächliche Operationsmittel sein. Die “ungewollten Veröffentlichungen” möglicher Strategien und Angriffspläne des US-Militärs könnten ein Mittel sein, um die iranische Regierung unter Druck setzen zu wollen – dabei würden Enthüllungsjournalisten, wie Seymour Hersh, wertvolle Kommunikationsarbeit leisten.

 
Weiterführende Informationen

This entry was posted in Iran, Politics in General.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Comment Spam Protection by WP-SpamFree