Sicherheit an der EURO 2008

Es dauert noch etwa 200 Tage, dann startet in der Schweiz und in Österreich die EURO 08. Wir hoffen alle, dass unser Land sich genau so positiv präsentieren wird, wie es Deutschland bei der WM 2006 getan hat. Eine grundsätzliche Bedingung ist, dass das Sicherheitskonzept bei der EURO 08 Ausschreitungen möglichst präventiv verhindert. Trotzdem darf die Schweiz nicht zur Festung mutieren – Verhältnismässigkeit wird in diesem Zusammenhang der wichtigste Einsatzgrundsatz der Sicherheitskräfte an der EURO 08 sein. Die Offiziersgesellschaft Aarau ging am Mittwoch, 7. November 2007 der Frage nach, welche Organisation in und um die Stadien sowie auf öffentlichen Plätzen die Sicherheit garantieren wird und hat dazu kompetente Podiumsteilnehmer eingeladen.

Zu Beginn stellte Jürg Rüsch, Stellvertretender Teilprojektleiter Sicherheit der EURO 08 in einem Impulsreferat die grundlegende Sicherheitsorganisation an der EURO 08 vor. Bei der EURO 08 handelt es sich um den drittgrössten, wiederkehrenden Sportanlass weltweit. In der Schweiz werden insgesamt 15 Spiele in Basel, Bern, Genf und Zürich durchgeführt. Es werden zwischen 1-3 Millionen Touristen erwartet (es gibt sogar Schätzungen, die von 5 Millionen sprechen). Gleichzeitig werden zwischen dem 7.-25. Juni 2008 unzählige andere Veranstaltungen durchgeführt. Das Teilprojekt Sicherheit arbeitet bei der Planung und Durchführung mit den Sicherheitsverantwortlichen der WM 2006 zusammen und kann somit von deren Erfahrungen profitieren. Dabei wurde folgende Erkenntnisse übernommen:

  • die Sicherheit in den Stadien hat zugenommen, was sich präventiv für die Sicherheit ausserhalb der Stadien auswirkt;
  • während eines solchen Anlasses wird das ganze Land zu einem einzigen riesigen Stadion (Fanzonen, Public Viewings usw.);
  • das Auftreten der Polizei nach der 3D-Strategie (Dialog, Deeskalation, Durchgreifen) hat sich bewährt;
  • der Einsatz ausländischer Polizisten hat sich als erfolgreich herausgestellt;
  • der Stellenwert nicht-polizeilicher Gefahrenabwehr (inkl. Blaulichtorganisationen) hat zugenommen.

Das Gesamtprojekt “Öffentliche Hand UEFA EURO 2008″ koordiniert die Zusammenarbeit der an der Vorbereitung und Durchführung beteiligten Stellen von Bund, Kantonen und Austragungsorten. Es koordiniert zusätzlich die Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Fussballverband, der Euro 2008 SA, weiteren privatrechtlichen Partnern und den beteiligten Stellen in Österreich. Das Gesamtprojekt gliedert sich in die Teilprojekte “Sicherheit”, “Verkehr und Infrastruktur”, “Marketing” sowie “Besondere Projekte und Massnahmen Schweiz”. Die Aufgaben im Teilprojekt Sicherheit sind in drei Bereiche gegliedert:

  • Innerhalb der Stadien, in den offiziellen Fanzonen, bei den Public Viewings (17 UBS-Arenen), bei den Unterkünften der Spieler und auf den Trainingsplätzen kommen Sicherheitsfirmen zum Einsatz (im unteren Organigramm nicht berücksichtigt).
  • Die Kantonspolizeien und die Stadtpolizei Zürich werden im Bereich der öffentliche Ordnung und Sicherheit, im Verkehr und gegen gewalttätige Ausschreitungen (Hooliganismus) eingesetzt. Die internationalen Polizeikräfte (insbesondere aus Deutschland und Frankreich) werden gemischt mit schweizer Polizeikräften auf Bahnhöfen, in Zügen, auf dem Flughafen und als Reserve beim polizeilichen Ordnungsdienst eingesetzt. Alleine für internationalen Polizeieinsätze sind um die 10 Millionen Franken vorgesehen.
  • Nicht-polizeiliche Aufgaben: hier sind die Tätigkeiten der Blaulichtorganisationen, der Rettung- und Katastrophehilfe, einzelner Formationen der Armee, der Luftüberwachung und der ABC-Gefahren-Abwehr zusammengefasst.

 
Welche Aufgaben haben die 15000 Angehörigen der Schweizer Armee, die im Rahmen der EURO 08 eingesetzt werden? Die Militärische Sicherheit (MilSich) wird die einzige militärische Formation sein, die eventuell Kontakt mit den Fans haben könnte: Teile der MilSich werden im Verbund mit anderen Kräften innerhalb der Stadien eingesetzt. Weitere Kräfte der MilSich werden ausserdem im Grenzschutz eingesetzt. Ansonsten übernimmt die Armee Schutzaufgaben von Objekten, Aufgaben in den Bereichen Führungsunterstützung, ABC-Schutz, Katastrophenhilfe, Logistik, Genie und stellt die Luftraumüberwachung sicher.

In der Podiumsdiskussion äusserte sich Nationalrat Ulrich Schlüer kritisch zum vorgesehenen Armeeeinsatz: polizeilicher subsidiärer Einsatz sei nicht das Kerngeschäft der Armee. Er finde es fraglich, wenn der grösste Armeeeinsatz seit langem im Rahmen eines friedlichen Fussballfestes stattfinde. Er konnte das Gewaltpotential im Fussball nicht wirklich nachvollziehen und verwies als Beispiel auf das Schwingerfest in Aarau, wo man solche Probleme offensichtliche nicht kennt. Die Veranstalter der EURO 08 nehme ihre Verantwortung zu wenig wahr – zahlen könne schlussendlich wieder der Bund. Gemäss VBS betragen die öffentlichen Gesamtkosten im Bereich Sicherheit der EURO 08 voraussichtlich 64,4 Millionen Franken. Davon zahlt der Bund 35,7 Millionen Franken – der Rest wird von den Kantonen übernommen. (Quelle: Fragen und Antworten zur Sicherheit der EURO 2008)

Brigadier Andreas Bölsterli, Chef Operationen (J3), lässt diese Argumente nicht gelten: wenn die Mittel der zivilen Behörden nicht ausreiche, dann habe die Armee den verfassungsmässigen Auftrag, die zivilen Behörden zu unterstützen (BV Art. 85). Der vorliegende Einsatz sei ein klares Zeichen, dass sich die Bedrohungen in den letzten Jahren geändert habe. Bei den 15000 Soldaten sei zu berücksichtigen, dass wegen dem eingerechneten Bodenpersonal der grösste Teil im Rahmen der Luftüberwachung eingesetzt werde.

Siegfried Wagner, Mitglied des Steuerungsausschusses des Konsortium privater Sicherheitsfirmen für die EURO 08 und Chef Sicherheit der Ter Reg 2, lässt das Argument, dass Veranstaltungen, die nichts mit Fussball zu tun haben, weniger Aufwand für die Sicherheitsorganisation bedeuten würde, nicht gelten. Beim Schwingerfest habe es 300-350 Sicherheitsleute gegeben, die zusammen mit Angehörigen der Armee im Einsatz gewesen seien. Die Polizeikräfte fielen nur deshalb nicht auf, weil sie im Rahmen des Sicherheitsdispositivs des Schwingerfests nicht in Aarau sondern in Baden eingesetzt worden seien. Von aussen betrachtet, sei das Schwingerfest ein ruhiger, friedlicher Anlass gewesen – im Hintergrund wären die Sicherheitsorganisation jedoch aufwändig gewesen.

Ende Oktober 2007 waren rund 210 Personen im [Hoogan-]System verzeichnet. Vor Anfang 2007 galten bereits 600 Stadionverbote für Fussball- und Eishockeyspiele. Diese müssen daraufhin überprüft werden, ob sie auch in Hoogan aufgenommen werden können. Kriterium ist, dass es sich um gewalttätiges Verhalten handelt, das ausreichend dokumentiert ist. (Quelle: Fragen und Antworten zur Sicherheit der EURO 2008)

Bruno Lezzi, Journalist der NZZ und Podiumsleiter, sieht den Einsatz der französischen Gendarmerie Nationale, die dem französischen Verteidigungsministerium unterstellt ist, als problematisch an. Faktisch hiesse dies, dass während der EURO 08 “ausländische Militäreinheiten” auf Schweizer Territorium zum Einsatz kommen würden. Jürg Rüsch gab Lezzi recht, sieht darin jedoch kein Problem: die Verantwortung und die Führung des Einsatzes der Gendarmerie-Einheiten liege bei der schweizerischen Einsatzleitung. Auch Ulrich Schlüer sieht darin keine Probleme: man habe bereits beim G8-Gipfel 2003 in Evian mit der französischen Gendarmerie zusammengearbeitet. Bei der EURO 08 seien wir durch das unkontrollierte “Hineinschlittern” nun von Sachzwängen eingeschränkt, die solche Massnahmen notwendig machen würden.

Alle Podiumsteilnehmer waren überzeugt, dass das Sicherheitsdispositiv an der EURO 08 funktionieren wird. Die Zusammenarbeit der Polizei, der Armee und der Sicherheitsfirmen ist unproblematisch. Die ersten Einsatzübungen wurden bereits im Juni 2007 absolviert. Zur Zeit wird intensiv an den Austragungsstandorten trainiert. Das Sicherheitskonzept wurde von internationalen Experten abgenommen und als zweckmässig befunden. Ganz ohne Zwischenfälle wird die EURO 08 wohl kaum über die Runden gehen – auch an der WM 2006 gab es in Deutschland vereinzelt Zwischenfälle. Davon bemerkte man jedoch nicht viel, da sich die deutschen Medien in ihrer Berichterstattung zurückhielten – ob dies auch in der Schweiz der Fall sein wird, muss sich erst noch zeigen.

Weiterführende Informationen
Die offizielle Website der Schweiz zur EURO 08 (mit detaillierten Unterlagen zum Sicherheitskonzept).
Wirtschaftliche Wirkungen der UEFA EURO 2008 in der Schweiz.

Update vom 02.12.07
Am 29.11.07 schreibt die Aviation Week:

The Swiss police today plans to conduct a trial using unmanned aircraft to monitor crowds following a European international soccer match between FC Zurich and FC Toulouse. The goal is to help police spot potential areas where fans of the opposing teams may be getting ready to clash. The police hope the birds-eye view will allow them to get response teams to a hot-spot before violence escalates. Today’s trial is in preparation for next year’s European Cup championship, where a more extensive employment of UAVs could take place.
UAVs will not be the only airborne asset that will keep watch on notoriously violent soccer fans next year. The Swiss army has also committed to providing a specially fitted Super Puma helicopter for the surveillance mission.
Fans today will likely see little of the UAV, the police advises, because of its operating altitude. The police also assures citizens their privacy is not affected, because the surveillance equipment isn’t sufficient to identify persons or read license plates on vehicles. Moreover, the imagery will not be taped.

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5 Responses to Sicherheit an der EURO 2008

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  2. Administrator says:

    Die Stadt Zürich setzt zur Überwachung der Verkehrs- und Sicherheitslage während der Euro 08 im Juni definitiv Drohnen der Schweizer Armee ein. Genf verzichtet auf den Einsatz von Drohnen wegen der Nähe des Stadions zum Flughafen. Bern und Basel haben sich noch nicht entschieden (Quelle: Tagi).

    Übrigens, könnte jemand dem Sprecher der Basler Polizei, Klaus Mannhart, mal das Subsidiaritätsprinzip erklären?

    Die Basler Polizei hat keine Versuche mit Drohnen durchgeführt. Wenn ihr die Armee das Hilfsmittel aber von sich aus zur Verfügung stelle, werde man davon Gebrauch machen, sagt Sprecher Klaus Mannhart. (Quelle: NZZ)

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