Was läuft eigentlich im Irak? – 03

Es sind wieder beinahe 3 Monate seit unserem letzten Blick auf den Irak vergangen. In meiner letzten Betrachtung war ich etwas skeptisch, ob die Unterstützung sunnitischer Paramilitär durch die US-Armee zum Erfolg führen würde. Zusammen mit der Nachrichtenbeschaffung mit Hilfe besorgter irakischer Bürger über eine Hotline und mit der Bildung von Bürgerwehren scheint diese neue Taktik jedoch erste Früchte zu tragen:

Terrorist attacks are at their lowest level since January 2006. The overall number of attacks in Iraq is 55 percent lower than the period before the surge took hold in June. Civilian fatalities across Iraq are down by about 60 percent during the same period and civilian deaths in Baghdad are down 75 percent (Quelle: U.S. Departement of Defense)

Insbesondere die geschaffene Hotline scheint ein Renner zu sein. Mit Hilfe der Bürger konnten Autobomben gefunden und entschärft, Sprengstofflabor geschlossen sowie Waffenverstecke ausgehoben werden.

Die Gründung organisierter Bürgerwehren ging gemäss U.S. Departement of Defense auf Initiative irakischer Bürger hervor. Nach Angaben des U.S. Departement of Defense werden die Bürgerwehren seit dem 14. November 2007 organisiert, die Mitglieder vereidigt, vertraglich an Grundsätze gebunden und durch die US-Armee geprüft, so dass die Bürgerwehr-Gruppierungen nicht durch Aufständische infiltriert werden können. Am 12. Oktober 2007 haben sich in der Provinz Diyala bereits 4000 Bürger zu solchen Wehrgemeinschaften zusammengeschlossen, insgesamt sollen im Irak bis zu 80000 Milizen (grösstenteils Sunniten) aktiv sein. Halten sich die Mitglieder der Bürgerwehren nicht an die Vereinbarungen mit den US-Streitkräften, werden sie ausgeschlossen, in schwereren Fällen sogar inhaftiert. Gemäss “U.S. Departement of Defense” werden die Bürgerwehren mit Waffen und mit regelmässigen Zahlungen unterstützt. In diesem Sinne kann vermutlich auch General Petraeus Aussage vor dem Kongress, dass die US-Armee keine Volksstämme (tribes) bewaffnet etwas relativiert werden:

We have not armed tribes. We don’t have weapons to give them. We have never given weapons to tribes. What we have done is applaud when they have asked if they could point their weapons at al-Qaeda instead of at us, and we have then worked very hard to try to help them tie into national institutions, because that’s the piece that makes sure that there is some mitigation of risk, that we are not merely allowing tribes again to turn their weapons on al-Qaeda and then turn them on, say, other Iraqis. — Genereal Petraeus vor dem Kongress

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Bonus-Malus – System der US Armee: bei jeder Bombe, die in einem Zuständigkeitsgebiet einer Bürgerwehr-Gruppe explodiert, wird Geld von der US-Armee zurückgehalten – bei längeren ruhigen Perioden werden zusätzliche Gelder an die für den betreffenden Bereich verantwortliche Gruppierung ausbezahlt.

Auch die International Crisis Group hielt in ihrer letzten “Crisis Watch Nr. 52” vom 1. Dezember 2007 eine gewisse Verbesserung in der Situation im Irak fest.

Significant improvements in security but political stalemate continues. Suicide bombings, attacks on U.S. forces and sectarian “cleansing” decreased notably, though sporadic violence continued including bomb attack on Baghdad market 24 November killing 15 and suicide bomb near health ministry in central Baghdad 25 November killing 10.

Fazit
Die Entwicklungen in den letzten drei Monate sind viel versprechend. Die Einbindung der Bürger im Kampf gegen die Gewalt im Irak übergibt den Bürger nicht nur mehr Verantwortung für ihre Zukunft, sondern zieht auch einige Arbeitslose von der Strasse weg und sorgt mit dem Bonus-Malus-System zu kollektiven Anreizen bzw. fördert die Zusammenarbeit. Der Einsatz bewaffneter Milizen bzw. Bürgerwehren ist jedoch langfristig nicht unproblematisch und könnte die Gewalt zwischen den verschiedenen ethischen Gruppen sogar weiter anheizen. Die neue Strategie muss sich also auf längere Dauer betrachtet erst noch bewähren. Diese Auffassung scheint auch General Petraeus zu vertreten:

Nobody says anything about turning a corner, seeing lights at the end of tunnels, any of those other phrases. You just keep your head down and keep moving. There’s nobody in uniform who is doing victory dances in the end zone. It will require more tough work against a very dangerous adversary. — Genereal Petraeus (Quelle: Time Magazine)

Die nächste Anhörung General Petraeus vor dem US-Kongress findet im März 2008 statt.

Weitere Informationen
Verhaltener Optimismus
Fortschritte in Bagdad? (verhaltener Pessimismus)

Bildverzeichnis
Oben links: Soldiers in 1st Battalion, 4th Brigade, 1st Iraqi National Police Division undergo a final training exercise taught by the 1-4-1 National Police Military Transition Team. The NPTT members are Soldiers from 2nd Battalion, 16th Infantry Regiment, based out of Fort Riley, Kansas and currently attached to 2nd Infantry Brigade Combat Team, 2nd Infantry Division. (U.S. Army photo/Spc. Courtney E. Marulli, 2nd IBCT, 2nd Inf. Div. Public Affairs)
Oben rechts: Lt. Gen. Ray Odierno, commander, Multi-National Corps – Iraq, greets Sheikh Sabah Athab Al-Janabi in Jurf as Sakhr, Iraq. Al-Janabi, one of the senior sheikhs in the area, has been working with U.S. Soldiers to eliminate Al Qaeda elements in the area. (Quelle: U.S. Army)

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