Irak – ein Staat voller Herausforderungen

Vor den Wahlen schrieb Hauke Feickert auf Telepolis, dass es sich beim Irak immer noch um einen zerfallenden Staat handle, da die Spannungen zwischen den ethno-religiösen Gruppen und die Radikalisierung der Parteien 2009 zugenommen hätten und dass dadurch schlussendlich die USA gezwungen sein könnten, im Irak auch militärisch präsent zu bleiben. Geht es nach den Plänen des US-Präsidenten Barack Obama werden bis Ende August 2010 alle Kampftruppen aus dem Irak abgezogen. Danach wird ein Restkontingent von 50’000 US-Soldaten im Irak bleiben, welche irakische Militärs und Polizei ausbilden bzw. trainieren werden. Der Truppenabzug wird ziemlich abrupt verlaufen: das erste Mal nach der Bildung der neu gewählten Regierung, das zweite Mal Ende 2011, wenn die restlichen 50’000 US-Soldaten (und 75’000 private Militärdienstleister) komplett abgezogen werden. Gleichzeitig ziehen die USA auch militärisches Equipment im Umfang von 45,8 Milliarden US-Dollar ab und reduzieren die finanzielle Militärhilfe deutlich. Der US-amerikanische Abzug könnte die Sicherheitslage im Irak wieder verschärfen, denn die Regierung steht auch so vor gewaltigen Herausforderungen. Dieser Artikel will einige dieser Herausforderungen näher analysieren und versuchen die Frage zu beantworten, wie wahrscheinlich die Einhaltung des geplanten US-amerikanischen Truppenabzugs sein wird.

 
Wirtschaftliche Herausforderungen
Gemäss der US Energy Information Administration ist der Irak mit geschätzten 115 Milliarden Barrels Öl nach Saudi Arabien, Kanada und dem Iran dasjenige Land mit den grössten Ölreserven. Wegen der veralteten Infrastruktur lässt sich dieser vermeintliche Reichtum nicht optimal ausnutzen. Die meisten Pipelines zum Export des Rohöls stammen aus den 1960er Jahren und die bereits angezapften Ölfelder ermöglichen keine Leistungssteigerung mehr. Um noch nicht erschlossene Ölfelder zu nutzen und die Infrastruktur zu modernisieren, ist der Irak auf ausländische Investoren angewiesen. Gemäss dem vierteljährliche Bericht des US-Verteidigungsministeriums wurden 2009 zwei dieser brach liegenden Ölfelder erfolgreich an ausländische Ölkonzerne lizenziert, was langfristig der irakischen Staatskasse bis zu 100 Milliarden US-Dollar einbringen soll. Im Dezember 2009 wurden dementsprechende Abmachungen mit Shell, Lukoil, Gazprom und der China National Petroleum Corporation abgeschlossen. Die irakische Regierung machte dabei ein gutes Geschäft, denn die Firmen können pro Barrel Rohöl maximal 2 US-Dollar behalten, der Rest – also rund 95% der Erträge – muss dem irakischen Staat abgegeben werden. Ausser Exxon Mobil und Occidental Petroleum bieteten keine US-amerikanischen Unternehmen an der Versteigerung der Förderlizenzen mit, weil sie das Verhältnis der zu erwartenden Erträge zum einzugehenden Risiko als zu grosses Wagnis einschätzten. Die oft gehörte Theorie, dass die USA wegen dem Öl in den Irak einmarschiert seien, scheint sich im Nachhinein faktisch zu widerlegen.

Die einseitige Abhängigkeit der irakischen Wirtschaft und der Staatsfinanzen von den Öl-Erträgen stellt ein Risikofaktor dar. Da die bedeutenden Ölfelder in den kurdischen und schiitischen Landesteilen liegen, könnte eine ungleiche Verteilung der Erträge zu neuen konfessionellen und kulturellen Auseinandersetzungen führen. Durch eine als fair empfundene Verteilung muss sichergestellt werden, dass auch die Sunniten von den Erträgen profitieren können. Ausserdem muss es der irakischen Regierung gelingen durch ein nachhaltiges Investitionsprogramm die Wirtschaft zu diversifizieren, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und sich langfristig von der ultimativen Abhängigkeit des Öl-Geschäfts zu lösen (vgl.: Timothy Williams, “Marooned on Sea of Iraqi Oil, but Unable to Tap Its Wealth“, The New York Times, 07.11.20009).

Mit ausländischen Investitionen will der Irak die Tagesförderung von derzeit 2,4 Millionen Barrels bis 2016 auf 12 Millionen Barrels anheben. Da dem Irak die dazu notwendigen Fachpersonen und die Exportkapazität fehlt, wird dieses Ziel kaum erreicht werden – eine Verdoppelung der Tagesförderung kann bereits als Erfolg betrachtet werden. (Vgl.: “Crude diplomacy“, The Economist, 18.02.2010). Ein weiterer Risikofaktor stellt der Ölpreis dar. 2008 wurden 75% des Bruttoinlandsprodukts und 86% der Staatsfinanzen durch den Export von Rohöl erwirtschaftet. Der im Jahre 2009 eingebrochene Ölpreis hatte nicht nur negative Auswirkungen auf die irakische Wirtschaft, sondern zwang die Regierung zur Reduzierung des Budgets von ursprünglich 80 Milliarden auf 58,6 Milliarden US-Dollar. Dies hatte insbesondere Einsparungen im Sicherheitsbereich zur Folge, in dem die Anstellung weiterer Soldaten und Polizisten gestoppt, der Erwerb von militärischem Equipment auf einen späteren Zeitpunkt verschoben und auf den Unterhalt von Geräten sowie Infrastruktur verzichtet wurde. Auch wenn das Budget von 2010 auf 72,4 Milliarden US-Dollar angehoben werden konnte, werden die Iraqi Security Forces (ein US-amerikanischer Term, welcher die irakischen Streitkräfte, die irakische Polizei und andere irakische Sicherheitskräfte zusammenfasst) bis Ende 2011 nicht über die notwendige Kapazität verfügen, um den vollständigen Abzug der US-amerikanischen Truppen auf allen Gebieten kompensieren zu können.

Eine der bedeutendsten Gefahren für die langfristige Stabilität stellt die Arbeitslosigkeit (18-20%) und die Kurzarbeit (30%) dar (inoffizielle Zahlen der United States Forces – Iraq). Besonders stark betroffen sind 15-29 Jährige (57% ohne Arbeit), welche bei aussichtslosen Zukunftsaussichten am ehesten von extremistischen Gruppierungen rekrutiert werden könnten. Aus demographischen Gründen steigt die Zahl der Arbeitssuchenden jährlich um rund 240’000 Personen an, was die Arbeitslosigkeit in den nächsten 10 Jahren noch weiter verschärfen wird. Die Arbeitslosen verfügen meistens über eine schlechte Bildung, denn rund ein Viertel der Bevölkerung kann weder schreiben noch lesen. Dies liegt an den fehlenden sozialen Einrichtungen, wie Schulen, Spitäler usw, weil der Regierung rund 400 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau fehlen. Auch in diesem Bereich hat der US-amerikanische Truppenabzug negative Auswirkungen, weil mit den Truppen auch zivile Firmen das Land verlassen, welche Geld, Geräte und das Fachwissen der Spezialisten aus dem Irak abziehen werden. Als im Oktober 2009 das grösste medizinische US-amerikanischen Militärspital Ibn Sina in Baghdad mit medizinischem Equipment im Wert von 7,9 Millionen US-Dollar an das irakische Gesundheitsministerium übergeben wurde, musste das Spital bald darauf geschlossen werden, weil es an ausgebildetem Personal fehlte. (Quelle.: Timothy Williams, “U.S. Fears Iraqis Will Not Keep Up Rebuilt Projects“, The New York Times, 20.11.2009).

Chancen könnten mittelfristig in der Agrarwirtschaft liegen, weil hier mit gezielten Programmen und Investitionen noch viel Potenzial genutzt und durch die Arbeitsintensivität viele Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Dies gilt jedoch nur dann, wenn die Wasserversorgung der Anbauflächen sichergestellt werden kann, denn die Dürreperiode der letzten fünf Jahre hatte katastrophale Konsequenzen für den Getreideanbau. (Quelle: Anthony H. Cordesman, Arleigh A. Burke, Adam Mausner und Elena Derby, “Economic Challenges in Post-Conflict Iraq“, Center for Strategic and International Studies, 17.03.2010, p. 56ff).

 
Militärische und polizeiliche Herausforderungen
Die Sicherheitslage im Irak pendelte sich zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 auf einem – verglichen zum Vorjahr – tiefen Niveau ein. Pro Woche ereigneten sich rund 150 Zwischenfälle mit 35-36 zivilen Todesopfern – das waren 45% weniger als im Vorjahr und der tiefste Wert seit 5 Jahren. Eine Zunahme der Anschläge im Vorfeld der Parlamentswahlen wurde von der USF-I erwartet.

Gemäss General Ray Odierno, Kommandant der United States Forces – Iraq (USF-I) werden die irakischen Streitkräfte über die Kapazität verfügen extremistischen Gruppierungen Stand zu halten. Trotzdem werden der Iraqi Security Forces nach dem US-Truppenabzug Sprengstoffspezialisten zur Entschärfung von Sprengsätzen, Polizeihunde und über alle Bereiche hinweg ausgebildetes Personal fehlen. Bis Ende 2011 werden nur die Führungsfähigkeit des irakischen Verteidigungsministeriums und die Leistungen der irakischen Navy die Ende März 2010 von der USF-I projektierten Mindestleistungen erfüllen. Die irakischen Streitkräfte werden Ende 2011 nicht in der Lage sein, ihr Land gegen einen äusseren Aggressor zu verteidigen. Die verbleibende Zeit wird nicht ausreichen die irakische Armee vollständig an den erworbenen 140 M1A1-Panzer (frühestens bis September 2010 vollständig geliefert) und den M109A4-Panzerhaubitzen auszubilden. Durch die Budgetkürzungen 2009 werden den irakischen Streitkräften ausserdem die Mittel zum Schutz des Luftraums fehlen. Zur Zeit verfügt die irakische Air Force über drei mit Hellfire-Raketen bewaffnete Cessna 208 und über die ersten der 15 bestellten T-6A Training Flugzeuge. (Vgl.: General Odierno’s HASC Testimony, U.S. House of Representatives, House Armed Services Committee, 30 September). Im Juli 2009 stellte der US-Verteidigungsminister Robert Gates in Aussicht, dass die irakische Air Force 36 von der US Air Force ausgemusterten F-16 kaufen, leasen oder übernehmen könnte. Anfangs April 2010 sagte General Nasier A. Abadi, stellvertretender Stabschef der Iraqi Joint Forces, dass mit den USA bezüglich der F-16 eine Vereinbarung getroffen wurde.

Hinsichtlich der geostrategischen Lage Iraks zwischen Israel und dem Iran, könnte sich ein Machtvakuum fatal auswirken. Ob ein Machtvakuum auch tatsächlich ausgenützt würde, hängt von einer noch zu definierenden strategischen Partnerschaft zwischen den USA und dem Irak ab. Die umliegenden Staaten müssten dabei den Eindruck gewinnen, dass eine Einmischung in die innerirakischen Angelegenheiten, eine Verletzung des Luftraums oder gar Übergriffe auf irakisches Territorium eine heftige Intervention der USA nach sich ziehen würde. Die kurzzeitige Inbesitznahme einer verlassenen Ölförderanlage im umstrittenen Grenzgebiet bei Fakka im Dezember 2009 durch iranische Truppen lässt erahnen, welche Herausforderungen auf den Irak nach dem US-amerikanischen Truppenabzug zukommen könnten. Anthony H. Cordesman vom Center for Strategic and International Studies ist überzeugt, dass die irakischen Streitkräfte abgesehen von Counter Insurgency Operationen noch die nächsten 10 Jahre auf Unterstützung angewiesen sein werden. Sollte diese Unterstützung nicht erfolgen, riskiere die USA einen Rückfall des Iraks in gewalttätige Unruhen. (Quelle: Anthony H. Cordesman, Arleigh A. Burke und Adam Mausner, “US Withdrawal and Iraqi Security Forces”, Center for Strategic and International Studies, 12.05.2010, p 17, offline).

Iraq is a sovereign country but let us be frank, we don’t have the combat or jet fighters or intercepting planes or air defense systems. We are still far from an air force’s full potential. We will need the U.S. long after 2011. — Staff Lt. Gen. Anwer Hamad Amen Ahmed, Iraqi Air Force commander zitiert in “Iraqi Security Forces Order of Battle 2010-05“, Defense Industry Daily, 09.05.2010.

Die weit verbreitete Korruption bei Polizei und Staatsangestellten stellt ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar. Eine Überprüfung durch das irakische Innenministerium stellte fest, dass polizeiliche Checkpoints bei Schmiergeldzahlungen einfach zu überwinden sind. Die al-Qaida bezahlte bis zu 10’000 US-Dollar, um Sprengsätze durch Checkpoints hindurch zu schmuggeln und später zur Detonation bringen zu können. Deshalb betrachtet General Odierno die Korruption sogar als grösstes Problem überhaupt, mit dem die irakische Regierung konfrontiert ist. (Vgl.: Marc Santora und Riyadh Mohammed, “Pervasive Corruption Rattles Iraq’s Fragile State“, The New York Times, 28.10.2009).


Politische Herausforderungen
Mit 62% lag die Wahlbeteiligung an den Parlamentswahlen vom 7. März 2010 erfreulich hoch. Iyad Allawi erreichte mit seiner Iraqi National Movement eine schmale Mehrheit (24,7% der Stimmen), dicht gefolgt vom bisherigen Regierungspräsidenten Nuri al-Maliki mit der State of Law Coalition (24,2%). Angesichts diesem knappen Wahlergebnis forderte Maliki eine Neuauszählung, welche jedoch keine Wahlfälschungen oder sonstigen Ungereimtheiten aufdeckte, welche zu einer Änderung des Wahlausgang führen würde (Quelle: Liz Sly und Raheem Salman, “Iraq recount finds no fraud“, Los Angeles Times, 15.05.2010). Trotz des Erfolgs der Iraqi National Movement wird ihr die Regierungsbildung und die Ernennung des Ministerpräsidenten kaum vorbehalten bleiben. Anfangs Mai bildete Maliki’s State of Law Coalition mit der drittplazierten National Iraqi Alliance einen gemeinsamen parlamentarischen Block, welcher mehr Sitze als die Iraqi National Movement unter sich vereinen kann. Gemäss der irakischen Verfassung fällt dem grössten “Block” die Regierungsbildung zu, wobei das irakische Verfassungsgericht entschieden hat, dass sich der Begriff “Block” nicht auf den Wahlgewinner, sondern auf die Koalition nach den Wahlen bezieht. Auch wenn beide Spitzenparteien säkular ausgerichtet sind, wählten die Sunniten mehrheitlich das insbesondere sunnitische Parteien umfassende Parteienbüdnis von Allawi, die Schiiten die insbesondere schiitische Parteien umfassende State of Law Coalition von Maliki sowie die drittplazierte Iraqi National Alliance. Solche politische Schachzüge erzeugen also zwangsläufig neue Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten.

Konfessionelle und kulturellen Spannungen waren bereits vor den Wahlen offensichtlich, weil insbesondere die sunnitischen Politiker der Iraqi National Movement von der Tätigkeit der Supreme National Commission for Accountability and Justice betroffen waren. Sie schloss über 500 Kandidaten (umfasste rund ein Sechstel aller Kandidaten), welche der Zugehörigkeit zur Baath Partei bezichtigt wurden, von den Parlamentswahlen aus. Mit 72 ausgeschlossenen Kandidaten hatte die Iraqi National Movement am meisten darunter zu leiden. Zwar wurden schliesslich trotzdem rund die Hälfte der ausgeschlossenen Kandidaten zur Wahl zugelassen, sollten jedoch nach der Wahl genauer überprüft und eventuell nachträglich wieder ausgeschlossen werden. Auch die kurdisch-arabischen Beziehungen sind wegen ungelösten Gebietsansprüchen angespannt und hatten sich vor den Wahlen zeitweise so stark verschlechtert, dass es anfangs Februar zu Schüssen der Kurdish Security Forces auf den Konvoy des Gouverneurs der Ninawa-Provinz kam. Bereits im August 2009 waren die Spannungen zwischen den Iraqi Security Forces und den kurdischen Peschmerga so ausgeprägt, dass nur mit Hilfe der US-amerikanischen Truppen und gemeinsame Kontrollgänge seit anfangs 2010 bewaffnete Auseinandersetzung verhindert werden konnten.

 
Herausforderungen durch bewaffnete Gruppierungen
Die mit Hilfe der US-Truppen angestossenen Sunni Awakening Movements (Sons of Iraq, SoI) waren zwischen 2007 und 2008 nachhaltig für das Scheitern al-Qaida in Irak verantwortlich. Trotzdem können die SoI als nicht staatliche bewaffnete Gruppierungen in einem zukünftig stabilisierten Irak nicht bestehen bleiben. Die rund 95’000 SoI werden deshalb in die bestehenden Sicherheitskräfte integriert. Das US-Verteidigungsministerium hält in seinem vierteljährlichen Bericht fest, dass momentan rund 40% der SoI eine öffentliche Anstellungen erhalten haben und dass die restlichen SoI bis Mitte Jahr ebenfalls eine Anstellung bekommen sollen. Damit würde ein erster wichtiger Schritt zur Integration der Sunniten in ein multikulturelles Irak erreicht werden, denn der bis dahin zögernde Integrationsprozess der SoI hatte das Vertrauen der sunnitischen Bevölkerung in den Willen der irakischen Regierung zunehmend untergraben. Dieses fehlende Vertrauen der Sunniten in die schiitische Regierung könnte den Erfolg des sunnitisch geprägte Parteienbüdnis Iraqi National Movement begründet haben. Ein politischer Schachzug von Maliki, welcher eine Fortführung einer stark schiitisch geprägten Regierung zur Folge haben würde, könnte deshalb zu starken sunnitisch-schiitischen Spannungen führen. Mit der Islamischen Armee im Irak, der 1920 Revolution Brigade, der Mujahidin Army und der Jaysh Rijal al-Tariq al-Naqshabandi existieren noch einige extremistische sunnitische Gruppierungen, die Anschläge auf US-amerikanische und irakische Truppen verüben. Auf der Seite der Schiiten sind insbesondere die Promised Day Brigaden, welche gemäss US-amerikanischen Angaben durch den Iran finanziert sein sollen und die Kata’ib Hisbollah aktiv, welche insbesondere US-Truppen attackieren.

Gemäss US-amerikanischen Nachrichtendiensten verfügt die al-Qaida im Irak nur noch über eine limitierte Kapazität, um gross angelegte Anschläge auf die irakische Regierung, die irakischen Sicherheitskräfte oder auf zivile Einrichtungen in Baghdad, Mosul und Kirkuk auszuführen. Nach der Tötung bedeutender al-Qaida Führer im Irak scheint die al-Qaida ihre Taktik geändert zu haben. Anstatt Anschlägen auf Ziele von bedeutendem nationalen Interesse auszuführen, konzentriert sie sich auf viele kleinere, womöglich sogar zufällig ausgewählte Ziele, was bei den letzten Anschlagsserien zu vielen zivilen Toten führte.

Although many of the attacks have been intended to provoke an ethnic or sectarian backlash, they have not sparked the same kind of deadly cycle of retaliation that took place during 2006-2008. If anything, they have angered Iraqis, and driven the Iraqi government to cooperate more closely with US and Coalition forces. This reflects a relatively consistent trend in polling results [...], which illustrates steadily growing support for democracy and a significant amount of common support for both unity and political cooperation by both Sunnis and Shi‘ites. US officials and commanders warn, however, that the situation remains delicate. If the Iraqi political system does not produce more political accommodation and better governance, and if the Security Forces cannot do a better job of halting the bombings and suicide attacks by movements such as AQI [(al-Qaida)] and Jaysh Rijal al-Tariq al-Naqshabandi (JRN), this patience may not endure. — Anthony H. Cordesman, Arleigh A. Burke, Adam Mausner und Elena Derby, “Barriers to Reconciliation in Iraq“, Center for Strategic and International Studies, 23.02.2010, p. 55.

 
Fazit
Fokusiert auf die Statistiken der Sicherheitslage im Irak, ist eine Verbesserung der Situation festzustellen. Damit werden jedoch eine Vielzahl der mittel- und langfristigen Herausforderungen der irakischen Regierung nicht berücksichtigt. Ausserdem durchläuft der Irak im Moment einen schwierigen und risikoreichen Transformationsprozess zu einen demokratischen Staat, dessen Regierung erst noch beweisen muss, dass sie diesen Namen auch verdient. Spätestens 45 Tage nach den Wahlen – also Ende Mai – wird das Wahlergebnis vom Iraqi Supreme Court abschliessend bestätigt und die Regierungsbildung kann beginnen. Bis die neue Regierung effektiv etwas bewirken kann, wird voraussichtlich 6 und 12 Monate vergehen. Auch wenn die Parlamentswahlen im März erfolgreich verlaufen sind, ist für eine stabile Weiterentwicklung des Iraks eine effektive Regierung entscheidend. Nicht nur die Erwartungen der Bürger sind hoch, sondern nur eine stabile politische Lage wird die notwendige Voraussetzung bilden, um ausländische Investoren anzulocken, so dass der Irak sich langfristig von seiner Abhängigkeit vom Ölgeschäft lösen kann. Ohne breiten wirtschaftlichen Aufschwung werden mittelfristig kaum genügend neue Arbeitsstellen geschaffen. Dies könnte Konsequenzen für die zukünftige Sicherheitslage haben, denn insbesondere die jungen Arbeitslosen ohne Zukunftsperspektiven bilden ein potentielles Rekrutierungspotential für extremistische Gruppierungen, welche bestehende ethno-religiöse Spannungen zu ihren Gunsten ausnutzen könnten.

Iraq can still return to serious ethnic and sectarian violence or simply remain at far lower levels of progress and development than its people need and deserve. Iraq‘s future political structure is equally uncertain, as are its alignments with neighboring states, the role of Iran, and the future of the Iraqi-U.S. Strategic Framework Agreement. Iraq‘s economy is growing, but the country faces a major budget crisis and drastic cuts in aid at a time when no one can be sure that Iraq will approach the level of energy exports it needs to help support both its own development and the global economy. There is great potential, but there are also great risks. — Anthony H. Cordesman, Adam Mausner und Elena Derby, “Iraq and the United States: Creating a Strategic Partnership“, Center for Strategic and International Studies, Juni 2010, p 30.

Die irakischen Streitkräfte, die irakische Polizei wie auch die irakische Regierung insgesamt machen Fortschritte, doch die verfügbare Zeit bis Ende 2011 wird kaum ausreichen, um einen kompletten Abzug der US-Streitkräfte und die Einstellung finanzieller Hilfe zu verkraften. Zu berücksichtigen ist insbesondere, dass mit dem Abzug der US-Truppen auch viele zivile Firmen den Irak verlassen werden, welche ihr Geld, Fachkräfte und Equipment abziehen werden. Nach dem bereits mit dem Krieg das meiste Fachpersonal aus dem Irak geflüchtet war, kommt dies einem zweiten Braindrain gleich. In einigen Medienberichte wurde spekuliert, ob die Verschiebung der irakischen Parlamentswahlen um rund 2 Monate auch einen späteren Abzug der US-Kampftruppen zur Folge haben könnte. Dies scheint unwahrscheinlich, denn Maj. Gen. Stephen Lanza, Sprecher der USF-I versicherte Mitte Mai, dass die US-Kampftruppen wie geplant auf Ende August 2010 abgezogen werden, unabhängig davon, ob die neue irakische Regierung gebildet sein wird oder nicht (siehe Video unten).

Auch wenn General Odierno in einem Interview bemerkte, dass er für den Falle neuer Unruhen eine Eventualplanung bereit hält, was einem ganz normalen militärischen Standardverhalten entspricht, so gibt es bis jetzt keine Hinweise auf einen längeren Verbleib der US-Kampftruppen. Dies gilt auch für die restlichen US-Truppen: momentan besteht kein Zweifel, dass sie wie geplant Ende 2011 komplett abgezogen werden. Will die USA jedoch kein Rückfall ins Chaos riskieren, werden sie den Irak noch die nächsten 10 Jahre finanziell und wirtschaftlich unterstützen müssen.

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