Buchtipp: Hezbollah a Short History

Rechtzeitig zu meinem Flug nach Berlin Ende 2007 traf bei mir das neuste Buch von Augustus Richard Norton ein: Hezbollah a Short History. Der knallgelbe Einband, der in grossen schwarzen Lettern geschriebene Buchtitel und dazu das typische Signet mit den arabischen Schriftzeichen liess wohl jeden Sky-Marshal in meiner Nähe aufschrecken ;-) .

Augustus Richard Norton war ein US Army Offizier und Professor an der United States Military Academy in Westpoint und ist mittlerweile als Professor in Internationalen Beziehungen und Anthropology an der Universität in Boston tätig. In den frühen 1980er Jahren war er UN-Miliätbeobachter im Südlibanon und konnte die Entstehung der Hisbollah mitverfolgen.

Sein Buch teilt sich in 6 Kapitel auf, beginnend mit der Bildung der Amal- und Hisbollah-Bewegungen, über die Situation im Libanon während den 1980er Jahren, beleuchtet es die politischen Ambitionen der Hisbollah und geht auf auf den Libanonkrieg 2006 ein. Mit seiner Kapitelaufteilung mischt er eine Querschnittbetrachtung mit einer mehr oder weniger chronologische Aufarbeitung, was ihm aber nicht immer vollkommen glückt. Einzelne Wiederholungen sind somit offensichtlich – ein unschönes Detail, dass meiner Ansicht vermeidbar gewesen wäre.

Höhepunkte des Buches sind seine Analyse des offenen Briefs an die “Unterdrückten im Libanon und in der Welt” aus dem Jahre 1985, der als erstes strategisches Programm der Hisbollah interpretiert werden kann, seine Darlegung weshalb die Entscheidung der Hisbollah-Führung an den libanesischen Parlamentswahlen 1992 als politische Partei teilzunehmen, nicht leicht gefallen ist und schliesslich seine Analyse zum Libanonkrieg 2006. Gemäss dem offenen Brief von 1985 stellt die Hisbollah eine Gegenbewegung zu den säkularen, sozialistischen Parteien im Libanon dar. Sie verstand sich als revolutionäre Bewegung gegen die Unterdrückung der muslimischen Libanesen und als Übermittler der iranischen Revolution. Nach der Weltanschauung der Hisbollah entsprangen die heutigen Probleme der Muslime aus der Unterdrückung durch die mächtigen Staaten. Als Unterdrücker identifiziert sie die USA (inkl. seiner “Speerspitze” Israel), die Sowjetunion und in einem geringeren Masse auch Frankreich, das als ehemalige Mandatsmacht im Libanon bis heute einen bedeutenden Einfluss ausübt. Die Hisbollah zeigte sich ausserdem äusserst intolerant gegenüber kommunistischen Strömungen innerhalb Libanons und brachten 1985 duzende bis hunderte Anhänger der kommunistischen Partei im Libanon um.

Als regionalpolitisches Instrument wurde die Hisbollah von Anfang an nachhaltig aus dem Iran und Syrien unterstützt und genutzt. Da in Syrien eine säkulare Regierung an der Macht ist, bindet sich die Hisbollah ideologisch stark an den Iran. Die Ziele der Hisbollah ab 1985 beinhalteten die Zerstörung Israels (und nicht nur die Vertreibung aus dem Südlibanon!) sowie der komplette Abzug aller US-Amerikaner, Franzosen und aller ihrer Verbündeten aus dem Libanon. Sobald die Libanesen ein freies Volk seien, werden sie ihre (politische) Bestimmung frei wählen, und gemäs der Hisbollah könne dies nur der Islam sein. Seit 1985 hat sich die Hisbollah jedoch zunehmend gemässigt. Verantwortlich dafür war unter anderem die innenpolitische Einbindung der Hisbollah.Beim Entscheid, ob die Hisbollah an den libanesischen Parlamentswahlen 1992 teilnehmen sollte, drängten sich zwei grundlegende Probleme auf. Kann eine Bewegung, die sich gegen eine säkularen Staat ausspricht an einer säkularen Regierung teilhaben und würde die Einbindung der Hisbollah nicht ihren revolutionären Charakter zuwiderlaufen? Nach Beratungen mit Ali Chamene’i, der politische und religiöse Führer Irans, und dessen Zustimmung hat die Hisbollah schlussendlich 1992 erfolgreich an den Wahlen teilgenommen. Interessant dabei ist festzustellen, dass sich die Hisbollah beim Wahlkampf nicht auf religiöse Themen beruhte. Norton unterstreicht an einigen Beispielen, dass sich die Hisbollah durch ihre politische Einbindung etwas moderater und kompromissbereiter zeigte; beispielsweise arbeitet sie je nach politischer Konstellation auch mit der säkularen Syrian Social Nationalist Party oder gar mit der kommunistischen Partei zusammen.

Abschliessend geht Norton auf die Gründe für den Libanonkrieg 2006 ein. Er stellt fest, dass die Hisbollah den Krieg mit Israel provozierte, dass Hassan Nasrallah das Ausmass der israelischen Reaktion total unterschätzte, und dies auch in einem Interview zugab:

If any of us [on the fifteen-member political-military council of Hezbollah] had a 1 percent concern that Israel was going to reply in this savage manner we would not have captured those soldiers.” — Hassan Nasrallah, 27. August 2006

“Hezbollah a Short History” ist ein kompaktes Buch, das in einer erzählerischen Art und Weise einen Überblick über den Libanon, die Amal- und die Hisbollah-Bewegung gibt. Die 159 Seiten sind wegen dem A5-Format des Buches, dem grosszügigen Rand und der angenehmen Schriftgrösse an einem Nachmittag durchgelesen. Es ist ideal für Leser, die sich ohne Vorwissen in die Themen Hisbollah oder Libanon einlesen möchten. Für diejenigen, die sich über diese Themen vertieft informieren möchten, ist das Buch nur sehr bedingt geeignet, da Norton stellenweise sehr oberflächlich bleibt. Der Wandel der Hisbollah-Bewegung mit den Jahren und die Analyse der syrischen und iranischen Unterstützung kratzt er nur oberflächlich an. Wenigstens leitet ein umfangreiches Literaturregister am Schluss des Buches zu weiterer Literatur hin. Diese Kritik wird übrigens auch durch ein Review der Washington Post geteilt:

The main shortcoming of Norton’s book is that it begs weighty questions and leaves them largely unanswered — a function, perhaps, of its limited breadth and scope. A more critical account might ask, as Hezbollah’s Lebanese rivals have, if its emergence has enhanced or enfeebled the Lebanese state. — Jonathan Finer, a Washington Post foreign correspondent.

Zeitweise kommt Nortons anthropologische Background stark zum Vorschein, beispielsweise wenn er im 3. Kapitel die Identität (aber auch die Unterschiede) der schiitischen Gesellschaft mit einer detaillierten Beschreibung der Aschura-Rituale unterstreicht, die er im Jahre 2000 mitverfolgen konnte. Seine Beschreibungen sind zwar interessant zu lesen, schweifen für meinen Geschmack aber zu stark vom eigentlichen Thema des Buches ab. Ein Grund liegt vielleicht auch darin, dass das 3. Kapitel grösstenteils aus seinem Artikel “Ritual, Blood, and Shiite Identity,” Drama Review 49:4 (Winter 2005) stammt und deshalb etwas aus dem Kontext des Buches herausfällt.

Hisbollah-Kämpfer

 
Update vom 19.01.2008
Apropos heute ist das Aschura-Fest – Spiegel Online berichtet mit eindrücklichen Fotos.

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2 Responses to Buchtipp: Hezbollah a Short History

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