Reisebericht Libanon – Beirut

Anfangs Jahr kontaktierte mich ein Studienkamerad, welcher im Moment im Südlibanon als UN-Militärbeobachter tätig ist und machte den Vorschlag, ich könnte mit einem Besuch doch selber ein Bild der derzeitigen Lage im Libanon machen. Gerne nahm ich diese Einladung an und bereiste mit ihm zusammen den Libanon zwischen dem 11.-17. März 2010. In 3 geographisch gegliedert Artikeln will ich über das Erlebte berichten und dabei versuchen einen Mix zwischen Reisebericht und sicherheitspolitischen Artikel anzustreben.

Bereits im Flugzeug nach Beirut machte ich mit dem Bürgermeister von Arab Salim Bekanntschaft. Er preiste den Libanon als touristisches Ziel an, ich müsse unbedingt den libanesischen Wein probieren und zum Skifahren könne er das Skigebiet “Faraya Mzaar Kfardebian” beim Mount Libanon empfehlen. Er erzählte auch vom Einfluss der Religionen auf den Staat: der Posten des Oberbefehlshabers und diejenigen der höheren Offiziere seien den Maroniten vorbehalten. Auch das Staatsoberhaupt muss maronitischen Glaubens sein, als Gegenzug muss der Regierungschef Sunnit, der Parlamentspräsident Schiit sein. Der Alltag der Menschen und die Politik sind stark religiös geprägt, was gemäss des Bürgermeisters oftmals blockierende Wirkung habe. Insgesamt werden im Libanon 18 Religionen anerkannt. Da seit 1932 keine Volkszählung durchgeführt wurde, ist die derzeitige Grösse der Religionsgemeinschaften offiziell nicht bekannt bzw. basieren auf diese veralteten Zahlen. Statistics Lebanon, ein in Beirut ansässiges privatwirtschaftliches statistisches Forschungsinstitute schätzt, dass mit je 28% die Sunniten und Schiiten ungefähr gleich gross sind, gefolgt von 22% Maroniten, 8% griechisch Orthodoxe, 5 % Drusen, 4% griechisch Katholiken und 5% verteilt auf andere Religionen. Insbesondere der prozentuale Anteil der Maroniten nahm in den letzten Jahrzehnten durch Abwanderung und der höheren Geburtenrate bei den muslimischen Gemeinschaften ab. (Quelle: International Religious Freedom Report 2008, Lebanon, US Departement of States). Die fixe Zuteilung von politischen Ämter an religiöse Gruppierungen und die den verschiedenen Religionen zugewiesenen Quoten in den Wahldistrikten hat den Vorteil, dass auch Minderheiten einen bedeutenden Einfluss in der libanesischen Politik haben können, jedoch die Nachteile, dass insbesondere die Christen überproportional vertreten sind (50% der Parlamentssitze sind Christen vorbehalten) und dass politische Auseinandersetzungen schnell entlang religiöser Bruchstellen ausgetragen werden (vgl. Melani Cammett, “Democracy, Lebanese-Style“, Middle East Report Online, 18.08.2009). Insbesondere zwischen Schiiten und Sunniten gab es in den letzten Jahren Auseinandersetzungen, was auch darauf zurückzuführen ist, dass die Sunniten mit anderen religiösen Gruppierungen versammelt in der anti-syrischen Allianz des 14. März die Regierung stellen und schwergewichtig die Schiiten mit der pro-syrischen Allianz des 8. März die Opposition bilden. Bereits hier treffen drei unterschiedliche Komponenten zusammen: die religiöse Zugehörigkeit, die Verteilung innenpolitischer Macht und die angestrebten Beziehungen zu Syrien. Dies öffnet zur Instrumentalisierung der Religion zu politischen Zwecken die Tür, denn grundsätzlich beweist die libanesische Gesellschaft tagtäglich, dass ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen und Kulturen möglich ist. So kooperieren in der Allianz des 8. März beispielsweise die schiitische Amal-Bewegung, die schiitische Hisbollah, die Free Patriotic Movement des maronitischen Michel Aoun sowie andere konfessionell unterschiedliche kleinere Parteien zusammen. Auch in der Allianz des 14. März sind neben der sunnitischen Future Movement noch andere christliche Parteien beteiligt. Als 2006 die israelische Armee sich auf die Bombardierung schiitischer Dörfer konzentrierte, fanden die schiitische Bevölkerung in den christlichen Nachbardörfern Zuflucht. Schliesslich ist es auch der Hass gegenüber Israel, welcher die libanesische Gesellschaft über alle religiöse Gruppierungen hinweg vereinigt.

 
Hinsichtlich der touristische Attraktivität des Libanons, hätte dieses Land viel Potential: kulturell vielfältig, historisch reichhaltig, mit herrlichen Küstenabschnitten, die zum Baden einladen, wäre bloss nicht der allgegenwärtige Müll und würden die historischen Kulturgüter bzw. dessen Umgebung gepflegt werden. Dass dem Umweltschutz im Libanon leider nur ein geringer Stellenwert zugemessen wird, wird direkt nach der Ankunft am Flughafen offensichtlich. Bereits jetzt mit 25°-30° Celsius Lufttemperatur und einer relativ geringer Luftfeuchtigkeit hängt über Beirut eine Dunstglocke. Hauptverursacher ist der Verkehr: im Raum Beirut fahren täglich rund 1,5 Millionen Fahrzeuge herum – also ungefähr die gleiche Menge Fahrzeuge wie es Einwohner hat (Quelle: Terry Carter, Laura Dunston und Amelia Thomas, “Syria & Lebanon“, Lonely Planet, S. 258). Es wimmelt von alten Mercedes bzw. alten Lastwagen, welche die Luft in der Nähe der Strassen mit Abgas, Treibstoff und Staub anreichern. Der öffentliche Verkehr ist abgesehen von Taxis und alten Kleinbussen inexistent. Ich selber erwischte einmal ein Mercedes-Benz W115 als Taxi, wobei ich beim Losfahren feststellen musste, dass die Gurten beim Beifahrersitz fehlten. In Kombination mit dem absoluten Ignorieren jeglicher Verkehrsregeln durch alle Verkehrsteilnehmer kam bei mir schon bald ein regelrechtes Go-Kart-Feeling auf. Das Konzept der Fahrspur scheint im libanesischen Strassenverkehr ziemlich fremd zu sein – es gibt so viele Spuren, wie Fahrzeuge nebeneinander Platz haben. Es kann auch gut sein, dass einem ein Fahrzeug auf der eigene Seite entgegen kommt. Ausserdem werden Verkehrsampeln nicht beachtet, denn die meisten davon funktionieren sowieso nicht. Die Hupe ist ein allgemeines Verständigungsinstrument und bedeutet nicht “weg da” sondern mehr “hallo, hier bin ich”. Das Resultat lässt sich sehen: 2008 gab es im Libanon mit seinen 4 Millionen Einwohner über 11’000 Verletzte und 850 Tote im Strassenverkehr (zum Vergleich: die Schweiz hatte im gleichen Jahr 357 Verkehrstote). In einer humorvollen Art und Weise befasst sich die Grafikerin Joumana Medlej in ihrem Comic “Driving in Libanon” mit dem Verkehrsverhalten ihrer Mitbürger.

Weiter fallen nach der Ankunft in Beirut die verschiedenen Sicherheitskräften auf. Meist auf den Kreuzungen konzentrieren sich “normale Polizisten” in grünen Uniformen und mit einer Trillerpfeife bewaffnet wild umherfuchtelnd auf den meist hoffnungslosen Versuch den Strassenverkehr zu regeln. Gemäss Auskunft eines Taxifahrers gehört die Verbrechensbekämpfung nicht zu den Aufgaben dieser Polizisten – im Gegenteil würden sie “bei dicker Luft” systematisch das Weite suchen. Bei kriminellen Delikten würden die Internal Security Forces – in weiss-schwarzen Tarnuniformen, mit AK-47 ausgerüstet – aufgeboten. Sobald jedoch Waffen im Spiel seien, würde unverzüglich die Armee auf Platz gerufen. Sie ist meistens mit grünen Tarnuniform (auch eine Fülle von anderen Tarnmustern ist zu finden), mit AK-47 oder M16 ausgerüstet. Die Armee unterhält auf den Hauptverkehrsadern, auf der Zufahrt zum Flughafen, wo auch Teile der libanesischen Air Force stationiert ist, und offensichtlich auch bei einigen konfessionellen Gebietsübergängen Checkpoints. In Beirut sind öffentliche Gebäude von der Armee bewacht und wo möglich für den Verkehr aus Angst vor Autobomben gesperrt. Nach dem die Hisbollah zwischen dem 07.-14. Mai 2008 Beirut besetzte, als die Regierung das Telekommunikationsnetzwerk der Hisbollah abzuschalten drohte und den Sicherheitschef des Flughafens, Brigadegeneral Wafiq Shuqeir aus dem Amt zu entfernen versuchte, scheinen die Massnahmen der Armee auch mehr als angebracht. Diese innenpolitische Krise stellte den Höhepunkt der machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen anti-syrischer Regierung und pro-syrischer Opposition dar, wobei sich die maronitische Free Patriotic Movement aus dem Konflikt heraushielt und die Konfrontation zu einem konfessionellen schiitisch-sunnitisch Schlagabtausch abzudriften drohte. Im Gegensatz zur Amal-Bewegung versuchte die Hisbollah einen solchen konfessionellen Konflikt zu verhindern und übergab besetztes Gebiet sehr schnell der libanesischen Armee ab. Dieser Konflikt zeigte jedoch auch auf, dass die Hisbollah bei der Gefährdung ihres militärischen Potentials (Entwaffnung, Unterbindung eines eigenen Telekommunikationsnetzwerkes und damit Verunmöglichung gesicherter C2 Kapazität usw.) ihre Waffen entgegen ihres Versprechens nach dem Libanonkrieg 2006 nach innen zu richten bereit ist und auch die Gefahr eines erneuten Bürgerkriegs in Kauf nimmt, sogar wenn ihr Ansehen innerhalb der libanesischen Gesellschaft bzw. bei den anderen Glaubensgemeinschaften darunter leidet. Solange die Menschen im Libanon sich von Israel bedroht fühlen, die Hisbollah ihre militärische Macht dadurch legitimieren kann und über einen starken gesellschaftlichen Rückhalt (nicht nur bei den Schiiten) verfügt, befindet sich die libanesische Regierung quasi in einer Geiselhaft und wird eine Entwaffnung nicht durchsetzen können. (Vgl.: “Lebanon: Hizbollah’s Weapons Turn Inward“, ICG, Middle East Briefing N°23, 15.05.2008). Dies hat auch damit zu tun, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die libanesische Armee wegen ihrer schlechten Ausrüstung gering ist. Als Basissysteme setzt die libanesische Armee mehr als 1100 M-113 A1/A2 Schützenpanzer, rund 80 VAB Schützenpanzer, HMMWVs, Reo Army Trucks, rund 180 T54/55, rund 60 M48A5 Panzer, rund 23 UH-1 Iroquois Helikopter von Bell Helicopter und rund 8 SA 341/342 “Gazelle” Helikopter von Aérospatiale ein.

In the July war, our most important point of strength was the command and control, thanks to the fact that communication between the leadership and the various commanders and field fighters was secured. The enemy has admitted to this…. When we have a look at the Winograd report today, we find that the most important recommendation in the report was the need to eliminate Hezbollah’s command and control system in which telecommunications play a decisive role. — Hassan Nasrallah press conference, al-Manar, 08.05.2008 zitiert in “Lebanon: Hizbollah’s Weapons Turn Inward“, International Crisis Group, Middle East Briefing N°23, 15.05.2008.

In Beirut dominieren Bilder von Politiker, die entweder einem Anschlag zum Opfer gefallen sind oder derzeit im Amt sind. Ein weit verbreitetes Porträt ist dasjenige des sehr populären anti-syrisch eingestellten, ehemalige Regierungspräsidenten Rafiq al-Hariri, der bei einem Autobombenanschlag am 14. Februar 2005 ums Leben kam. Hariri hatte viel zum Wiederaufbau Beiruts nach dem libanesischen Bürgerkrieg beigetragen. In Folge dieses Anschlags und der Bezichtigung Syriens als Urheber, wurden unter massivem libanesischem und internationalem Druck 14’000 im Libanon befindlichen syrische Soldaten bis Ende April 2005 abgezogen. Eine anschliessende Gewaltwelle forderte das Leben weiterer Politiker (beispielsweise Gebran Tueni, Walid Eido, Pierre Gemayel junior, George Hawi u.a.) und führte zu einer politischen Krise, die jedoch in den Parlamentswahlen zwischen Ende Mai bis Mitte Juni 2005 mit 72 von total 128 Sitzen zu Gunsten des anti-syrischen Blocks entschieden wurde (mit 71 Sitzen konnte der anti-syrische Block dieses Resultat auch in den Parlamentswahlen 2009 aufrecht erhalten). Neben der überwältigenden Mohammad Al-Amin Mosche beim Platz der Märtyrer (siehe Bild oben rechts), deren Bau von Rafiq a-Hariri in Angriff genommen wurde, befindet sich auch seine Gedenkstätte.

Building on the findings of the Commission and Lebanese investigations to date and on the basis of the material and documentary evidence collected, and the leads pursued until now, there is converging evidence pointing at both Lebanese and Syrian involvement in this terrorist act. It is a well known fact that Syrian Military Intelligence had a pervasive presence in Lebanon at the least until the withdrawal of the Syrian forces pursuant to resolution 1559. The former senior security officials of Lebanon were their appointees. Given the infiltration of Lebanese institutions and society by the Syrian and Lebanese intelligence services working in tandem, it would be difficult to envisage a scenario whereby such a complex assassination plot could have been carried out without their knowledge. — Mehlis-Bericht über die Verantwortung am Attentat auf Rafiq al-Hariri, Oktober 2005, Absatz 203, S. 53.

Im nächsten Teil meines Reiseberichts werden wir Beirut in Richtung Norden nach Tripoli verlassen und versuchen über das libanesische Gebirge in die Bekaa-Ebene vorzustossen.

This entry was posted in In eigener Sache, Libanon.

4 Responses to Reisebericht Libanon – Beirut

  1. Claudia says:

    Another fantastic article ! Thank you ! Has anybody seen the recent post of Klettmann ? Switzerland Goes Rogue.. http://www.foreignpolicy.com/articles/2010/03/19/switzerland_goes_rogue?page=0,0&obref=obinsite

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