Reisebericht Libanon – Südlibanon – calm but volatile

Wir verliessen Baalbek in südlicher Richtung, als es bereits dunkel war. Auch wenn der libanesische Strassenverkehr während des Tages bereits genügend nervenaufreibend ist, erhöht sich die Schwierigkeitsstufe während der Nacht, weil erstaunlich viele Fahrer ohne Licht unterwegs sind und ihren chaotischen Fahrstil nicht im geringsten den Verhältnissen anpassen. Da die Bevölkerung üblicherweise schlichte, eher dunkle Kleidung trägt, sind Fussgänger – wie übrigens auch Schlaglöcher und Bodenwellen – in der Nacht so gut wie nicht zu erkennen. Nahe der syrischen Grenze entlang, anschliessend nordwestlich an den Schebaa-Farmen vorbei, erreichten wir in der Nähe von Kfar Kila die Blue Line.

Rund 3 km nordöstlich von Kfar Kila vollzieht der Litani (im Bild links blau angedeutet) eine markante 90° Wende in westliche Richtung um schliesslich nördlich von Tyros ins Mittelmeer zu fliessen. Der Südlibanon umfasst hauptsächlich das Gebiet zwischen dem Litani und der Blue Line. Dieses Territorium hat eine bewegende Geschichte hinter sich, welche ihren Ursprung in den palästinensischen Flüchtlingsströmen des Ersten Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 hat. Während des Kriegs flüchteten rund 711’000 Palästinenser aus dem israelischen Territorium in die umliegenden Staaten, davon rund 100’000 in den Südlibanon. Während des Sechstagekrieges 1968 setzte eine zweite Flüchtlingswelle ein, welche noch einmal 280’000-325’000 Palästinenser umfasste (Quelle: Robert Bowker, “Palestinian refugees: mythology, identity, and the search for peace“, Lynne Rienner Publishers, 2003, S. 81). Nach dem Krieg begann die Palestine Liberation Organisation (PLO) in den palästinensischen Flüchtlingslager Kämpfer zu rekrutieren, die innerhalb Israels blutige Anschläge durchführten und dabei auch gezielt israelische Kinder töteten (Avivim-Schulbus-Anschlag, Ma’alot-Massaker). Der Küstenstrassen-Anschlag von 1978, bei dem 37 Zivilisten (davon 10 Kinder) getötet wurden, führte schliesslich zur Operation Litani und indirekt zum Libanonkrieg 1982. Zwischen 1982 und 2000 wurde der Südlibanon ganz oder teilweise durch israelische Truppen in Kollaboration mit der Südlibanesische Armee besetzt. Dies begünstigte die Entstehung der Hisbollah und deren gesellschaftlichen Akzeptanz als bewaffnete Widerstandsorganisation. Schlussendlich war die Guerillastrategie der Hisbollah ein entscheidender Auslöser für den israelischen Abzug 2000. Mit dem Ende der Operation Litani, der Notwendigkeit den Abzug der israelischen Truppen zu kontrollieren und der Sicherstellung der Wiederherstellung der staatlichen Autorität, wurde die UNIFIL ins Leben gerufen. Nach dem Libanonkrieg 2006 wurden die Aufgaben der UNIFIL erweitert und zu deren Durchsetzung die Anwendung von Gewalt zugelassen, wenn auch immer möglich darauf verzichtet wird und stattdessen die libanesische Armee bei der Bewältigung ihrer Aufgaben unterstützt wird. Die libanesische Armee im Südlibanon umfasst derzeit 15’000 Soldaten, die UNIFIL 11’000 Bodentruppen aus 28 Staaten, 1’300 Marineangehörige und rund 1’000 Zivilangestellte. Zu den erweiterten Aufgaben der UNIFIL gehört die Unterbindung von Waffenlieferungen in den Südlibanon, jedoch ohne Kompetenz zur Entwaffnung der Hisbollah. Die Militärbeobachter im Einsatzgebiet der UNIFIL stammen aus der Observer Group Lebanon (OGL) der UNTSO, welche 1948 zur Sicherstellung des Waffenstillstandes im Nahen Osten als erste UN-Peacekeeping Mission überhaupt ins Leben gerufen wurde.

Zur Verhinderung des Waffenschmuggels und auf Grund der stabilen aber angespannten Lage betreiben die libanesischen Streitkräfte auf den Routen in den Südlibanon stationäre Checkpoints, an denen Personen ohne Zutrittsberechtigung abgewiesen werden. Unsere Begegnung mit einem solchen Checkpoint fand nordwestlich von Kfar Kila statt. Mein Kamerad zeigte seine UN-Identitätskarte, gab meinen Pass ab und informierte den Soldaten, dass ich vorgängig bei der libanesischen Armee eine Zutrittsberechtigung erhalten hatte. Daraufhin ging der Soldat in das kleine Wachhäuschen, überprüfte die Angaben und liess uns einige Minuten später passieren. Einige 100 m weiter patrouillierten auch bereits die ersten UNIFIL Soldaten mit einem Schützenpanzer, welche jedoch keine Personen- bzw. Fahrzeugkontrollen durchführten. Die Truppenpräsenz im Südlibanon ist spürbar höher; die UNIFIL fällt mit ihrer Show of Force positiv auf. Wir fuhren ein Stück der Blue Line entlang, wobei in der Nacht nicht allzuviel zu erkennen war und konzentrierten uns anschliessend auf einen möglichst direkten Weg nach Tyros. Dabei durchfuhren wir ein wild bewachsenes Wadi, innerhalb dessen es ratsam ist, nicht von der Strasse abzukommen. Wegen den schnell abfallenden Seiten und dem wilden Bewuchs eignet sich das Wadi hervorragend als Versteck. Vermutlich aus diesem Grund verschossen die israelische Streitkräfte im Libanonkriegs 2006 Clusterbomben über diesem Gebiet. Gemäss Angaben der UNO explodierten rund 40% der verschossenen Bomblets nicht, so dass am Ende des Krieges rund eine Million unexplodierte Munition (UXO) im Libanon liegen geblieben ist. Durch explodierende UXOs wurden zwischen dem 1. Januar 2008 und dem 1. Mai 2009 36 Menschen getötet oder schwer verletzt (Quelle: “Landmine Monitor Report 2009“, S. 994). Am darauf folgenden Tag, als wir noch einmal bei Tageslicht durch das Wadi fuhren, sahen wir ein Team des Lebanon Mine Action Center (LMAC) in mühsamer Handarbeit, Quadratmeter für Quadratmeter eines teilweise mit Gebüschen überwachsenen Bereichs säubern. Die Entfernung der UXOs wird das LMAC noch mindestens bis 2012 beschäftigen.

Bei der nächtlichen Fahrt durch das Wadi fiel uns ausserdem eine schwach beleuchtete, frisch gebaute Moschee auf, vor der ein Fahrzeug parkte. Tags darauf bemerkten wir an der Moschee vier hochgezogene Hisbollah-Fahnen. Dass ausgerechnet in einem nahezu menschenleeren Gebiet eine Moschee gebaut wurde, scheint etwas seltsam. Trotz den Bemühungen der UNFIL und der libanesischen Armee zeigte beispielsweise eine gewaltige Explosion am 14. Juli 2009, rund 16 km nördlich der israelischen Grenze und einige Kilometer südlich der von uns bemerkten Moschee, dass die Hisbollah versteckte Waffendepots im Südlibanon unterhält. Das durch 50 Detonationen zerstörte Gebäude (siehe Bild unten rechts) lässt erahnen, dass es sich kaum um ein unbedeutendes Waffendepot handelte. Gemäss dem halbjährliche Bericht des UN Generalsekretär Ban Ki-moon wurden die UNIFIL-Truppen nach dem Vorfall in der Nähe der ereigneten Explosion in ihrer Bewegungsfreiheit behindert.

[…] according to media reports and local residents, Hezbollah deployed heavily in the area following the blast, preventing not only civilians, but also the UNIFIL and Lebanese Army from entering, the area. […] On July 18/09 fourteen UN peacekeepers were injured when Hezbollah civilians stopped by force a UNIFIL patrol that was trying to investigate into the Khirbet Silim arms cache explosion. During the confrontation around 100 Hezbollah civilians threw stones at the troops and damaged their vehicles. The UNIFIL considered the Khirbet Silim incident a serious violation of Security Council Resolution 1701, notably the provision that there should be no presence of unauthorized assets or weapons in the area of operation between the Litani River and the Blue Line. […] Observers believe that the warehouse that blew up was filled with rockets, artillery shells, and machine guns and that it is one of dozens of ammunition depots in southern Lebanon that Hezbollah still fully controls. Obscuring the situation further, a security source told the English language Daily Star that the site was an “arms assembly plant.” Local residents are fully aware that Hezbollah had turned hundreds of homes in the area into warehouses to store short- and medium-range Katyusha rockets, but are afraid to officially complain. — Elias Bejjani, “Hezbollah defies UN Resolution 1701“, American Chronicle, 20.07.2009.

Da es sich bei den durch die israelischen Streitkräften auf der Francop beschlagnahmten Waffen ausschliesslich um solche handelte, welche möglichst nahe der israelischen Grenze zum Einsatz gebracht werden müssten und auf Grund Hassan Nasrallahs Aussage über Hisbollahs beträchtlich ausgebauten Waffenarsenal seit 2006 ist anzunehmen, dass im Südlibanon noch einige Waffendepots zu finden wären. Die Abschätzung der derzeitigen Wahrscheinlichkeit eines erneuten Kriegs zwischen Israel und der Hisbollah erweist sich als schwierig. Beide Seiten drohen einander zwar offen mit Waffengewalt, jedoch immer als Vergeltung bei einem Angriff der Gegenseite. Eigentlich haben beide kein Interesse an einem neuen Krieg: Israel will sich weder ein zweites blaues Auge hohlen, noch sich ein weiteres Mal internationaler Kritik aussetzen; die Hisbollah könnte bei einem leichtsinnig provozierten Krieg sowohl die Unterstützung der libanesischen Gesellschaft, wie auch diejenige des Irans verlieren. Für den Iran ist die Hisbollah ein machtpolitisches Instrument im Norden Israels, das nicht leichtfertig bzw. kostenaufwändig eingesetzt werden darf. Deshalb spielt der Atomkonflikt ein entscheidender Faktor: bei einer militärische Eskalierung des Atomkonflikts wäre ein erneuter Krieg im Südlibanon sehr wahrscheinlich. Wegen der angespannten Lage könnte jedoch bereits kleinere Auseinandersetzungen, möglicherweise sogar durch militante palästinensische Organisationen angezettelt, ausser Kontrolle und zu einem Krieg führen. In einem Gespräch mit einem Shop-Besitzer in der Nähe von Kfar Killa kam deutlich zum Ausdruck, dass die lokale Bevölkerung sich vor einem neuen Krieg in absehbarer Zeit fürchtet.

Schliesslich erreichten wir Tyros, die viertgrösste Stadt im Libanon und einiges ruhiger als die von uns vorgängig besuchten Städten. Mit einem Bier auf dem Balkon meines Kameraden, mit dem Blick auf das Mittelmeer, auf die fernen Lichter des palästinensischen Flüchtlingscamps Rashidieh, des UNIFIL-Hauptquartiers in Naqura und der Grenzbefestigungen sowie auf das Hintergrundleuchten der israelischen Städten auf der anderen Seite der Grenze fühlte ich mich an die spanische Küste erinnert. Da Tyros auf römischen Ruinen erbaut ist, wurde es in die UNESCO Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Die Überresten eines gigantischen römischen Hippodroms und der Nekropole vor den Toren der alten Stadt sind nur zwei Beispiele. Leider werden diese historischen Stätten nicht gepflegt, im Gegenteil wurde anscheinend ein solcher Platz innerhalb der Stadt einer Privatperson verkauft. Mit seiner Küstenpromenade und dem südlich gelegenen grossen Sandstrand wäre Tyros eine hervorragende Feriendestination, würde nicht – wie bereits im ersten Teil der Artikelreihe erwähnt – der Müll zerstreut herumliegen und das Abwasser von Rashidieh ungeklärt ins Mittelmeer geleitet.

Am Folgetag fuhren wir die in der Nacht zurückgelegte Strecke bei Tageslicht ab und stiessen noch weiter südlich nach Bint Jbeil vor. Weil Bint Jbeil eine Hochburg der Hisbollah war, wurde es während des Libanonkriegs 2006 stark in Mitleidenschaft gezogen. Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen. Bint Jbail gilt als Paradebeispiel einer im Wiederaufbau materialisierten politischen Lobby-Arbeit regional vorherrschender Staaten. Nach dem Krieg bestand die Möglichkeit, dass die stark betroffene schiitische Bevölkerung die Hisbollah für das Anzetteln des Kriegs verantwortbar machen könnte. Deshalb erkaufte die Hisbollah die breite Loyalität der schiitischen Bevölkerung im Südlibanon mit einem grosszügig angelegten Wiederaufbauprojekt. Bereits in den ersten 72 Stunden nach Kriegsende investierte sie 100 Millionen US-Dollar in bar in den Wiederaufbau und verteilte Bargeld an die zurückkehrenden Flüchtlinge. Das Geld stammte aus dem Iran, welcher auch weiterhin an einer durch die schiitische Bevölkerung getragenes machtpolitisches Instrument im Norden Israels interessiert war. Insgesamt investierte der Iran gemäss libanesischer Medien eine Milliarde US-Dollar in den Wiederaufbau, wobei 300 Millionen US-Dollar über die Hisbollah in den Südlibanon flossen. Um den iranischen Einfluss wenigstens teilweise einzudämmen, starteten auch sunnitische Staaten (Saudi Arabien, Kuwait und Katar) gross angelegte Wiederaufbauprojekte. Ausgerechnet im durch Hisbollah-Politiker verwalteten Bint Jbeil investierte Katar mindestens 250 Millionen US-Dollar. Trotz der schönen neuen Häuser stehen schätzungsweise 3/4 davon leer, weil die ursprünglichen Besitzer nicht oder nur während ihren Ferien hierher zurückkehren. (Quelle: Christine Sylva Hamieh and Roger Mac Ginty, “A very political reconstruction: governance and reconstruction in Lebanon after the 2006 war“, Disasters 34:1, 103-123).

Hezbollah’s services increase as the death toll rises, and Hezbollah today might be buying death in advance. — Waddah Sharara, Professor für Soziologie an der Libanesischen Universität zitiert in Hanin Ghaddar, “Hezbollah’s Extreme Makeover”, Foreign Policy, 17.03.2010.

Mit diesem Artikel schliesse ich meinen dreiteiligen Reisebericht ab. Ich genoss jede Minute im Libanon und bemühte mich die vielen Eindrücke wie ein Schwamm aufzusaugen, wobei davon nur ein Bruchteil in die Berichterstattung einfliessen konnte. Vieles blieb unerwähnt: Der Taxifahrer, welcher mich 3 Stunden zu einem Spottpreis in Beirut herumfuhr und mir eifrig alle Sehenswürdigkeiten zeigte. Das üppige Sandwich (wir würden es eher als Wrap bezeichnen) mit frisch grilliertem Fleisch eines Imbiss-Besitzers ca. 5m neben der Blue Line – ich habe selten ein solch guter Imbiss genossen. Oder der Verbindungsmann der UNO, welcher nebenbei einen Taxi-Dienst betreibt und mich am Ende von Tyros nach Beirut zurückfuhr, dessen T-Shirt-Aufschrift “calm but volatile” die derzeitige Lage des Südlibanons auf den Punkt brachte.

Herzlichst danke ich meinem Kameraden und Reisebegleiter – ohne ihn hätte diese Reise nicht stattgefunden. Auch nächstes Jahr möchte ich wieder eine ähnliche Reise unternehmen – für Vorschläge der Leser bin ich offen (ja, ich weiss dass Lonely Planet für August 2010 eine Neuausgabe des Afghanistan-Reiseführers geplant hat ;-)).

 
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