Was läuft eigentlich in Afghanistan 03?

Gegen Ende des letzten Jahres war die Frustration gross. Auch wenn sich die humanitäre Situation in Afghanistan in den letzten 6 Jahren klar verbesserte (670 Kliniken, 11000 Ärzte, Schulbildung für Kinder usw.), blieb der Fortschritt 2007 aus und die USA haben ihre Ziele für 2007 nicht erreicht. Grenzüberschreitende Angriffe aus der pakistanischen Grenzregion, Drogenwirtschaft und korrupte Polizei sind derzeit die Hauptprobleme. Im letzten Jahr stieg die Zahl der Anschläge innerhalb Afghanistan an, was aber womöglich auf die Aufstockung der ISAF Kräfte auf 43000 Mann und deren höheren Präsenz zurückzuführen ist (siehe auch Interview mit dem deutschen ISAF-General Bruno Kasdorf in der FAZ). Hart ins Gericht ging der US-Verteidigungsminister Gates mit der NATO:

Since ISAF assumed responsibility for all of Afghanistan in October 2006, the number of non-U.S. troops has increased by about 3,500. That said, much more can and should be done. NATO still has shortfalls in meeting minimum requirements in troops, equipment, and other resources. […] The Afghanistan mission has exposed constraints associated with interoperability, organization, critical equipment shortfalls, and national caveats. […] NATO must adjust to the challenges associated with conducting operations in distant locations. And NATO needs to ensure that it has the resources and the organizational structure to counter terrorist networks and triumph over insurgencies that threaten to cause instability and failed states. — Statement to the House Armed Services Committee by Secretary of Defense Robert M. Gates, 11.12.2007.

Wie schon Ende 2006 wurde auch von Deutschland mehr Kampfeinsätze im Süden gefordert. Zwar kommt es zu keiner Verlagerung deutscher Kräfte in den Süden, doch überraschte anfangs Januar 2008 die Meldung, dass die Deutschen die norwegische “Quick Reaction Force” (Reserve des Regionalkommandeurs im Norden, 200-250 Mann) übernehmen wollen. Dieser Einsatz gibt dem deutschen Engagement eine neue Qualität, denn abgesehen von den KSK-Kräften im Süden war das offensive Vorgehen bis jetzt kein zentraler Auftrag. Gemäss dem deutschen Verteidigungsminister Franz Josef Jung bewegt sich ein möglicher Einsatz als “Quick Reaction Force” im Rahmen des Bundestagsmandates. Die Soldatengewerkschaft Bundeswehrverband unterstützt die Entsendung der Eingreiftruppe (Quelle: Financial Times Deutschland). Da die anderen beteiligten ISAF-Partner nicht bereit sind, die Norweger zu ersetzen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Deutschland diese Aufgabe übernehmen wird. Sollte die endgültige Entscheidung Ende Januar positiv sein, käme das deutsche Kampfelement im Sommer 2008 zum Einsatz.

Für ihren Kampfeinsatz müssten die deutschen Truppen ihre Ausrüstung in Afghanistan noch verbessern. Gemäss dem Erfahrungsbericht (August-November 2007) des 14. deutschen Einsatzkontingents des Brigadegeneral Dieter Warnecke fehlt es allgemein bei den deutschen Truppen in Afghanistan an gepanzerten Fahrzeugen, an Störsender für ferngesteuerte Sprengfallen, und an Fernmelde-Ausrüstung. Mit Blick auf die mögliche Beteiligung an einer schnellen Eingreiftruppe weist der General darauf hin, dass dringend Hubschrauber benötigt würden, die auch nachts fliegen könnten. (Quelle: Spiegel; siehe dazu auch Michael Forster, GeoPowers). Betreffend Einsatzvorbereitung rät der norwegische Kommandant der “Quick Reaction Force”, Oberstleutnant Rune Solberg, man solle “Soldaten mental darauf vorbereiten, Krieg zu führen, anderen Verluste beizubringen” und “dass sie ihr Leben verlieren können”. Seine eigene Truppe sei in einer ähnlichen Lage gewesen wie die Deutschen. Sie seien voll trainiert, aber die mentale Vorbereitung habe gefehlt. Es muss jedoch festgehalten werden, dass Solberg bis jetzt weder einen Mann verloren, noch verwundet hatte. (Quelle: Tagesspiegel)

Da auch 2008 eine Frühjahrsoffensive der Taliban erwartet wird, stocken die USA ihre Afghanistan-Truppen kurzfristig für sieben Monaten um 3200 Marines auf. Der grosse Teil dieser Marines kommen im Süden Afghanistans zum Einsatz, und ein kleinerer Teil wird afghanischen Soldaten trainieren. (Quelle: DefenseLink)

Die Schweiz zieht ihre beiden Offiziere in Afghanistan auf 1. März 2008 zurück.

Bildverzeichnis
Oben links: Secretary of Defense Robert M. Gates, center, receives a briefing from U.S. Army Capt. Edwin Sanford during a tour of Morehead Commando Training Camp in Kabul, Afghanistan, June 4, 2007.
Oben rechts: German air force Senior Airman Steffen Hanke holds the German flag while training with U.S. Air Force honor guard members of the 49th Mission Support Squadron Jan. 15 at Holloman Air Force Base, N.M. Airman Hanke was selected to join the base honor guard team and has more than seven years of honor guard experience with the German air force. Holloman AFB is host to the German Air Force Tactical Training Center with more than 300 German air force members stationed there. Germany is one of the strongest allies of the U.S. in NATO and the joint training is important for allied armed forces to train together to ensure effectiveness when called upon to serve together. (U.S. Air Force photo/Staff Sgt. Bennie J. Davis III)

Update vom 23.01.2008
Die NATO fordert Kampftruppe der Deutschen Bundeswehr an (Welt).

Update vom 24.01.2008
Das ging schnell: Bundestag für Eingreiftruppe in Afghanistan. Die entgültige Entscheidung soll am 6. oder 7. Februar vorliegen.

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