Reisebericht Libanon – Tripoli, libanesische Gebirgsregion und Bekaa-Ebene

Ungefähr 2 Stunden nördlich von Beirut befindet sich Tripoli, die zweitgrösste Stadt Libanons. Von der Überbauung mit Hochhäusern Beirut sehr ähnlich, unterscheidet sich Tripoli spürbar durch fehlenden Tourismus und damit verbunden dem fehlenden Nachtleben. Der Abend wird hier mit arabischem Mokka oder einer Nargileh genossen. Tripoli kann mit einer gut erhaltene Altstadt aus der Mamluk-Ära (14./15. Jahrhundert) auftrumpfen, in deren labyrinthischen Gassen sich ein Suq von erstaunlicher Grösse erstreckt. In den Gassen “thematisch” organisiert, sind Kleidung, Fleisch, Fisch, Früchte und Nüsse zu finden. Freundlich wurden uns Nüsse zum Probieren angeboten – Kaufzwang besteht nicht (zum Thema “Feilschen” empfehle ich diesen Blogeintrag von Mario Aeby). Östlich von der Altstadt befindet sich die Citadel of Raymond de Saint-Gille, die besucht werden kann, gleichzeitig aber auch von der libanesischen Armee als Quartier und Kontrollposten verwendet wird. Ursprünglich baute der Kreuzritter Raymond de Saint-Gilles 1102 auf einem strategisch günstig gelegenen Hügel eine Festung von dem aus er den Hafen Tripoli, die Handelsrouten von der Stadt ins Landesinnern kontrollieren und Tripoli belagern konnte. Die Festung wurde bei der Eroberung durch die Mamluken 1289 niedergebrannt und während der osmanischen Herrschaft wieder aufgebaut bzw. erweitert. Von der Zitadelle aus kann die ganze Altstadt Tripoli bis zum Mittelmeer überblickt werden. Nach Osten richtet sich der Blick ins Landesinnere und zu den in den letzten Jahren neu gebauten Hochhäusern, die zusammen ein Wohnquartier bilden.

Zirka 16 km nördlich von Tripoli befindet sich das palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared vor dessen Besuch das deutsche Auswärtige Amt mit Nachdruck warnt. Innerhalb der libanesischen Grenzen leben 422’000 palästinensische Flüchtlinge, wobei nach Angaben eines lokalen Verbindungsmanns der UNO heute noch schätzungsweise zwischen 200’000-250’000 in den 12 Flüchtlingscamps leben (vgl. auch: “Nurturing Instability: Lebanon’s Palestinian Refugee Camps“, ICG, Middle East Report N°84, 19.02.2009, S. 2). Der Rest habe sich ausserhalb der Flüchtlingscamps im Libanon niedergelassen, die libanesische Staatsbürgerschaft angenommen oder sei ausgewandert. Von aussen sehen die Flüchtlingscamps wie normale Städte aus: die Bewohner leben in meist schlecht gebauten Häusern, jedoch nicht wie vielleicht auf Grund des Wortes “Flüchtlingscamp” angenommen in Container oder gar Zelten. Die Zufahrten zu den Camps werden durch die libanesische Armee kontrolliert, der Zugang sei gemäss des UN Verbindungsmanns jedoch jedem gestattet. Weil es sich bei den Palästinensern in den Camps nicht um libanesische Bürger handelt, sind ihnen viele öffentliche Leistungen und der Zugang zu gewissen Berufen verwehrt. Wir verzichteten aus Sicherheitsgründen auf einen Besuch, denn die Camps sind autonome Verwaltungszonen, in denen eigene, palästinensische Sicherheitskräfte (mehr oder weniger) für Ruhe und Ordnung sorgen – weder die libanesische Internal Security Forces noch die libanesischen Streitkräfte sind in diesen Zonen präsent. Der Fakt, dass die Palästinenser in den Camps politisch stark aktiv sind und sogar Waffen tragen dürfen, machen die Camps zu gefährlichen Pulverfässern. In Nahr al-Bared nistete sich 2007 die al-Qaeda nahe Fatah al-Islam ein. Eine Reihe von gewalttätigen Auseinandersetzungen begannen im Mai 2007 als die Internal Security Forces in Tripoli ein Haus von Fatah al-Islam Mitglieder durchsuchten und die Verdächtigen das Feuer eröffneten. Nach diesem Vorfall töteten Fatah al-Islam 27 libanesische Soldaten im Schlaf sowie zur Hilfe herbeieilende Zivilisten auf einem Militärposten am Campeingang. Anschliessend verschanzten sich die gut trainierten und motivierten Fatah al-Islam Mitglieder in Nahr al-Bared. Weil im Gegensatz die libanesischen Soldaten eher schlecht ausgebildet waren und ihnen bereits nach einer Woche die Munition ausging, zog sich der Konflikt über 3 Monate hinweg. Schliesslich zog die libanesische Armee mit Luft-Bodenraketen und Artilleriefeuer ein Schlussstrich. Durch den schweren Beschuss wurden rund 95% der Gebäude innerhalb des Flüchtlingscamp ganz oder teilweise zerstört, so dass alle 27’000 palästinensischen Einwohner in andere Camps flohen. Der Konflikt forderte das Leben von 226 Fatah al-Islam Mitglieder, 179 Soldaten und 50 Zivilisten. (Vgl.: “Nurturing Instability: Lebanon’s Palestinian Refugee Camps“, ICG, Middle East Report N°84, 19.02.2009). Im Dezember 2007 fiel François al-Hajj, Chef Operationen der libanesischen Armee und Kommandant beim Einsatz in Naher el-Bared einem Autobombenanschlag zum Opfer, der wahrscheinlich als Racheakt gedacht war. Zur Zeit läuft der Wiederaufbau von Nahr al-Bared.

Unsere Route führte uns weiter in das libanesische Gebirge in Richtung Mount Libanon (3088 m. ü. M.). Beim Durchfahren von christlichen Dörfern fallen nicht nur die grossen, zentralen Kirchen auf, sondern auch die vielen Kreuze und Heiligenstatuen. In der Regel sind die christlichen Dörfer – nicht nur im Gebirge, sondern auch im Süden – gepflegt und sauber, die Strassen meist in einem guten Zustand und die Häuser robust gebaut. Dies könnte indirekt daran liegen, dass es in den christlichen Dörfern im Gegensatz zu den muslimischen Dörfern mehr offenen Cafés und Veranstaltungsmöglichkeiten für die Bevölkerung gibt und deshalb vielleicht das Ortsbild mehr gepflegt wird, quasi als Stolz und Eitelkeit. Beispielsweise ist das christliche Gemmayzeh-Viertel in Beirut während der Nacht das Schickste, was Restaurants, Bars, Discos und deren Besucher betrifft. Vielleicht fliessen auch mehr staatliche Mittel in die christlich dominierten Regionen, was ich jedoch nicht beurteilen kann. Womöglich liegt es auch an meiner eigenen Perspektive, da ich selber in einer ausschliesslich christlich geprägten Kultur aufgewachsen bin. Schliesslich darf nicht vergessen werden, dass im Gegensatz zu den muslimischen Dörfer, die Christen 2006 vor israelischen Luftschlägen mehrheitlich verschont blieben.

Wir machten einen Halt in der Nähe des ältesten Ski-Ressort Libanons, in Le Cedars auf rund 2000 m. ü. M.. Abgesehen von einigen grösseren Flecken war der Schnee grösstenteils bereits geschmolzen, denn in diesem Winter gab es in der libanesischen Gebirgsregion eher wenig Schnee. Es mutete etwas surreal an, den vielen “Wintersportlern” zuzuschauen, wie sie mit Schlitten, Skis und Schneeschuhen bewaffnet auf den letzten Schneefeldern krankhaft noch irgend etwas sinnvolles zu machen versuchten. Der Libanon ist eines der wenigen Länder, in dem jemand am morgen Skifahren und am Nachmittag im Meer schwimmen kann. In Le Cedars befindet sich ausserdem einer der wenigen noch erhaltenen Zedernwälder, auch wenn er mit geschätzten 100 Bäumen eher bescheiden ausfällt. Umgeben von einem Zaun werden die Besucher zentral durch einen Eingang in den Wald gelassen – wenn der Eingang offen ist. Wir jedoch standen vor einem “geschlossenen Wald”, weil die libanesische Armee offensichtlich nach einer Veranstaltung noch ihr Material wegräumen musste. Ganz in der Nähe befindet sich die Lebanese Army Skiing and Mountain Fighting School, die ihre Soldaten im Gebirgskampf sowie in Search and Rescue verunfallter Wintersportler oder eingeschneiter Fahrzeuge ausbildet. Glücklicherweise liess uns eine Souvenirverkäuferin durch eine Lücke im Zaun doch noch in den Wald hinein, so dass wir ihn exklusiv für uns alleine geniessen konnten. Am Strassenrand werden Souvenirs aus Zedernholz verkauft, die dann zu Hause als Staubfänger an der Wand oder auf dem Büchergestell landen. Ich lästerte, dass es mich angesichts der Souveniers nicht verwundere, dass es im Libanon beinahe keine Zedern mehr gäbe, wurde dann aber aufgeklärt, dass die Souvenirs aus den abgefallenen Ästen hergestellt werden. Wir mussten ausserdem feststellen, dass die Passstrasse wegen Schnee noch gesperrt war. Zwei hilfsbereite Soldaten rieten uns von der weiter nördlich gelegene Zufahrt zur Bekaa-Ebene aus Sicherheitsgründen ab. Auch später an einer Tankstelle rieten uns Einheimische, wir sollen uns aus Sicherheitsgründen möglichst südlich zu halten. Vermutlich ist die Präsenz der Hisbollah in der nördlichen Grenzregion wegen regem Waffenschmuggels aus Syrien hoch – neugierige Touristen mit Kameras bleiben besser fern. Als Indiz für umfangreiche Waffenlieferungen von Iran durch Syrien an die Hisbollah steht beispielsweise die Beschlagnahmung von 2’800 Artillerieraketen (122 und 107 mm), 9’000 Mörsergranaten (120, 81 und 60 mm), 20’000 Splittergranaten, 600’000 Schuss 7,62 mm Gewehrpatronen und 3’000 Schuss 106 mm Geschützpatronen (insgesamt 500 Tonnen) auf dem unter der Flagge von Antigua und Barbuda fahrendem Frachtschiff Francop durch die israelische Navy am 03. November 2009. Gemäss den Frachtdokumenten wurden die in Frachtcontainer versteckten Waffen (siehe Bild rechts) in Bandar Abbas im Iran auf ein Schiff geladen und die Container in Damietta in Ägypten auf die Francop umgeladen. Als Zielhafen war Latakia in Syrien vorgesehen. Anscheinend wussten weder die Schiffsmannschaft noch die ägyptischen Behörden vom “heissen” Frachtgut. Gemäss Einschätzung des israelischen Nachrichtendienstes verfügt die Hisbollah über rund 40’000 Raketen. Zum Vergleich: im Libanonkrieg 2006 schoss die Hisbollah während 34 Tagen rund 4’000 Raketen auf israelisches Territorium ab. (Quelle: Jeffrey White, “Iran and Hizballah: Significance of the Francop Interception“, The Washington Institute for Near East Policy, PolicyWatch #1600, 12.11.2009 und Ronen Bergman, “Israel’s Secret War on Hezbollah“, The Wall Street Journal, 15.10.2009). Die Waffenlieferung der Francop ist die grösste derartige Beschlagnahmung seit der Karine A im Jahre 2002.

Schliesslich überquerten wir das libanesische Gebirge auf der Höhe Beiruts und machten dadurch einen unvorhergesehenen Abstecher in Zahlé. Die Bekaa-Ebene ist nicht wie die englische Übersetzung (Bekaa Valley) vermuten liesse ein Tal, sondern eine Hochebene auf rund 900-1’000 m. ü. M. zwischen der Gebirgsregion des Mount Libanons und dem Anti-Libanon Gebirge. Da die Hochebene ein warmes Klima aufweist und durch den Nahr al-Aasi nördlich und den Litani südlich mit genügend Wasser versorgt wird, ist sie sehr fruchtbar. Hier sind die wichtigsten landwirtschaftlichen Betriebe zu finden, in denen auch hervorragender libanesischer Wein hergestellt wird. Zahlé ist die drittgrösste Stadt im Libanon, deren Bevölkerung beinahe ausschliesslich christlichem Glaubens sind, mit überwiegend griechisch-katholischen Christen. Beim Durchfahren des Stadtzentrums fallen die vielen Holzkreuze auf, die an Seilen befestigt über die Strassen gespannt sind. Ausserdem steht in Zahlé auf einem 54 m hohen weissen Turm eine 10 m hohe Bronzestatue der Jungfrau Maria mit ihrem Christkind, welche schon von weitem gesehen wird. Je weiter Richtung Baalbek, um so schlechter die Strassen: auch diese schiitische Stadt wurde 2006 massiv bombardiert, weil die Hisbollah in Baalbek ein Krankenhaus betrieben hatte, in dem die israelische Armee nebst Führungspersönlichkeiten der Hisbollah auch die entführten israelischen Soldaten vermutete (vgl.: Robert Fisk, “Entire Lebanese family killed in Israeli attack on hospital“, The Independent, 03.08.2006). Die Region um Baalbek hat den Wiederaufbau offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen: die Strassen sind schlecht und staubig, die Gebäude teilweise in einem schlechten Zustand. Am Strassenrand und als Richtungstrenner der vierspurigen Strasse sind Plakate Hassan Nasrallahs, Ali Chameneis und einigen schiitischen Politiker sowie Fahnen der Hisbollah, Amal bzw. der Syrische Soziale Nationalistische Partei aufgestellt. Auf den Plakaten ist neben Nasrallah nur sehr selten der syrische Präsident Baschar al-Assad zu sehen und interessanterweise sind vom iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad keine Bilder auszumachen. Vermutlich liegt das daran, dass im Gegensatz zu Chamenei die beiden Präsidenten keine religiösen Führungsautoritäten darstellen. Viele Plakate zeigen auch gefallenen Hisbollah-Kämpfer, die von ihren Heimatdörfern als Widerstandskämpfer und Märtyrer betrachtet werden. Kurz vor Baalbek fällt eine ungewöhnlich reich verzierte Moschee auf, doch das eigentlich Highlight in Baalbek stellen die Überreste der römischen Tempelanlagen in Baalbek dar, welche seit 1984 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Die Anlage umfasst den Bacchustempel, welcher beinahe an den Umfang des Parthenon auf der Akropolis in Athen herankommt, den Jupitertempel mit seinen markanten sechs 20 m hohen, stehenden Säulen und den Venustempel. Leider war die Tempelanlage zum Zeitpunkt unseres Eintreffens bereits geschlossen, so dass wir uns auf das Bewundern von aussen beschränken mussten. Nicht desto trotz wurden wir – sehr untypische für den Libanon – von absolut penetrante Souvenirverkäufer belagert.

Trotz einsetzender Dunkelheit entschlossen wir unsere Reise in den Südlibanon mit Endziel Tyros fortzusetzen. Der Südlibanon wird das Thema des dritten und letzten Teils der Reiseberichts sein.

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4 Responses to Reisebericht Libanon – Tripoli, libanesische Gebirgsregion und Bekaa-Ebene

  1. Abu Trika says:

    Zur Sicherheitslage in den palaestinaensischen Camps im Libanon, vgl http://www.lebanese-forces.org/lebanon/agreements/cairo.htm

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