Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen – Teil 1

Indian und Pakistan - Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler VeränderungenAnfangs Jahr sendete mir Sebastian Buciak den Sammelband “Indien und Pakistan – Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen” für eine Rezension zu. Es handelt sich dabei um eine umfangreichen Sammlung an Beiträgen zur Aussen- und Sicherheitspolitik im südasiatischen Raum mit Schwergewicht Indien und Pakistan. Leider dauerte es etwas länger als geplant, bis ich das über 500 Seiten umfassende Werk durchgelesen und aufgearbeitet hatte. Thematisch aufgeteilt werde ich in einem ersten Artikel die Beiträge zur Geschichte und der regionalen Bedeutung Indiens, in einem zweiten Artikel die Beiträge zur Nuklearpolitik Indiens und Pakistans, zu einigen aktuellen Krisen in Südasien sowie zur Sicherheitspolitik Pakistans zusammenfassen und besprechen.

Der geschichtliche Werdegang Indiens
Buciak beginnt seinen Sammelband mit einer Reihe geschichtlich orientierter Beiträge und schafft so einen breiten, fundierten Zugang in die Thematik. Bereits der erste, sehr gut gelungene Artikel von Dan Krause versucht mit einer geschichtlichen Zusammenfassung beginnend mit dem Mogoleneinfall von 1398 bis zum Viktorianischen Empire quasi die Quadratur des Kreises. Dabei fällt insbesondere die Wiederholung der Geschichte bis zur heutigen Zeit auf: Bereits zu dieser Zeit stellte Afghanistan eine Krisenregion dar, an derer sich die Briten öfters die Finger verbrannten. Nach dem die Briten die afghanischen Stammesführer durch Machtentzug und die Bevölkerung durch ein ausschweifendes Leben gegen sich aufgebracht hatten, wurde die auf ständige Expansion ausgerichtete britische Ostindiengesellschaft am Ende des Ersten Anglo-Afghanischen Krieg (1839-1842) aus Kabul vertrieben. Der Rückzug zur ca. 140 km entfernten britischen Garnison in Dschalalabad endete in Folge des unaufhörlichen Angriffs afghanischer Stämme in einem Desaster: von den 12’000 Zivilisten, 690 britischen und 2’840 indischen Soldaten kam nur der britische Militärarzt Dr. William Brydon lebend an. Die Folgen für die Wahrnehmung und Moral des britischen Militärs waren derart gravierend, dass dem Ruf nach weiteren Abenteuern in Afghanistan seitens des britischen Parlaments zumindest vorerst eine energische Absage erteilt wurde. Doch bereits 1878 kam es zum Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878-1880) bei dem die Briten in erster Linie die Vormachtstellung Russlands auf afghanischem Gebiet einschränken wollten (The Great Game). Im Beitrag von Harald Potempa weist eine zitierte Stelle aus dem Militär-Wochenblatt (MWBl) von 1881 darauf hin, dass Afghanistan schlussendlich von den Briten erobert, aber nicht beruhigt wurde. Leider zeigt sich beim Beitrag von Potempa ein charakteristisches Problem dieses Sammelbandes: die fehlenden Verknüpfungen unter den Artikeln. Nicht nur verlagert Potempa das Schwergewicht zu sehr auf eine deskriptive Beschreibung des Militär-Wochenblatts, sondern wechselt zusätzlich in der Mitte seines Beitrags von einer chronologischen auf eine thematische Abhandlung. Dieses Festklammern an das Militär-Wochenblatt bleibt auch für den Zeitraum von 1914 hinaus bestehen, auch wenn Potempa selber kritisch festhält, dass “die Berichterstattung des MWBl [...] in Intensität und Qualität deutlich abfiel”. Die viel zu detailliert aufgeführten kulturellen und geografischen Faktoren des Raumes, die geografischen Abschweifungen nach Irland und zum Burenkrieg lenken den Leser vom eigentlichen Thema des Sammelbands ab. Natürlich setzten die britischen Streitkräfte auf dem afrikanischen Kontinent und im Nahen Osten indische Soldaten ein, doch dies rechtfertigt solche thematische Abstecher nicht. Wenn schon aus dem Militär-Wochenblatt Passagen zu den “kulturellen Photo of 45th Rattray's Sikhs with prisoners from the second Second Anglo-Afghan War. The three Afghan prisoners captured in the advance through the Khurd Khyber are sitting in the centre of the photograph, surrounded by Sikh guards. The 45th Sikh Regiment was raised in 1856 by Captain Thomas Rattray, and was popularly known as Rattray’s Sikhs. It had earlier earned glory with its courage and loyalty to the British at the relief of Lucknow during the Indian Uprising of 1857. The Regiment served in the Fourth Infantry Brigade, part of the Peshawar Valley Field Force, during the Second Afghan War. The prisoners were lucky to have survived because in the harsh conditions and terrain of the Afghan Wars no quarter was given and prisoners taken, on both sides.Faktoren des Raumes” zitiert werden bzw. solche unangenehm martialischen Begriffe wie “Tötungsraum” oder den nur im Fazit erwähnten “Todesraum” benutzt werden, würde ich eine kritischere Auseinandersetzung damit wünschen.

Mit dem Beitrag von Bernd Lemke nimmt der Sammelband die chronologische Abhandlung wieder auf. Er konzentriert sich auf die Versuche des britischen Empires die indische Nordwestgrenze (heutige afghanisch-pakistanische Grenze) zu pazifieren. Auffallend ist, wie die Briten die gegnerischen, in den Bergen lebenden Stammesvölker vor dem Ersten Weltkrieg systematisch unterschätzten und dies dann durch gegnerische, nadelstichartigen “hit and run”-Überfällen teuer bezahlen mussten. Diese Überfälle führten zu einer Anpassung der britischen Strategie und Taktik, welche unter anderem auf die Ausführungen von Charles Edward Callwell im Buch “Small Wars, Their Principles and Practice” zurückzuführen sind und bis zur heutigen Zeit Gültigkeit zeigen. Die Briten versuchten mit einem Mix von zivilem Aufbau und militärischen Massnahmen die Lage langfristig zu stabilisieren. Aus vielfachen Gründen, bei denen Stammesehre, wirtschaftlicher Mangel und Kriegslust eine erhebliche Rolle spielten, scheiterte schlussendlich der britische Versuch eine zivile Gesellschaft nach westlichem Muster aufzubauen. Interessanterweise führten ausgerechnet britische Geldzahlungen an die Stämme zum Bau von Waffenfabriken, welche Nachbauten von dazumal modernen Gewehren produzierten, die bei Konflikten wiederum gegen britische Soldaten eingesetzt wurden. Erst eine Mischung von finanziellen, politisch-sozialen und psychologischen Massnahmen sowie der Verpflichtung der Stämme zur Stellung mobiler Hilfstruppen zur Kontrolle benachbarter Stämme führte ab den 1920er-Jahren zu einer zunehmenden Stabilisierung.

As long as we rule India we are the greatest power in the world. If we lose it, we shall drop straight-away to a third-rate power. — Lord Curzon, britisch-indischer Vizekönig, 1901.

Mit dem Beitrag von Amit Das Gupta wird abrupt zum Indisch-Chinesischer Grenzkrieg (1962) gesprungen, so dass die Unabhängigkeit und Teilung Indiens, deren Konsequenzen für die Region und für Grossbritannien im Sammelband nicht vertieft diskutiert werden. Weiter fällt auch der Erste Kaschmirkrieg in diese chronologische Lücke und wird höchstens in Bezug zum Indisch-Chinesischen Grenzkrieg angeschnitten. Mit dem Verzicht auf jegliche Kapitelüberschreibungen macht es Das Cupta dem Leser nicht leicht: Einführung und Fazit sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen, was verwirren kann. Wer den Beitrag jedoch trotzdem aufmerksam durchliest, wird mit einer sehr fundierten Übersicht über die Gründe des Indisch-Chinesischen Grenzkriegs und des Versagens der indischen Armee südlich der McMahon-Linie belohnt. Zu stark fokussierte sich die indische Regierung auf den Kaschmirkonflikt mit Pakistan und lieferte sich bei der Beschaffung moderner Kampfflugzeuge (MiG-21) der sowjetischen Grossmachtspolitik aus, so dass es Indien zum Zeitpunkt der chinesischen Invasion an brauchbaren Kampfflugzeuge fehlte. Auch die Meinung des ersten indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru sich als bündnisfreier Staat der Gefahr eines militärischen Konflikts entziehen zu können, erwies sich als utopisch. Das Cupta erklärt mit vielen interessanten Details, welche Stellenwert Indien für die Interessen beider Grossmächte hatte und welche negative Konsequenzen die indische Regierung inmitten des Machtspiels beider Blöcken zu tragen hatte. Beispielsweise hatten US-amerikanische Waffenlieferungen nach Pakistan eigentlich zum Ziel einen sowjetischen Einfluss zu verhindern, doch 1965 setzte Pakistan US-amerikanische Waffen im Zweiten Kaschmirkrieg gegen Indien ein. In der Folge stellten die USA die Waffen- und Ersatzteillieferung für Pakistan für einge Jahre ein. Mit der Präsidentschaft von Richard Nixon im Jahre 1969 änderte sich jedoch die US-amerikanische Südasienpolitik grundlegend. Bereits 1960 kam es zu einem Bruch zwischen den beiden kommunistischen Staaten Sowjetunion und China. Deshalb wollten die USA im Rahmen der Eindämmung des sowjetischen Machteinflusses in "To all hands. Don't squeeze Yahya at this time - RMN" (Agha Muhammad Yahya Khan war zwischen 1969 und 1971 pakistanischer Staatspräsident)Südasien ihre Beziehungen zu China aufbessern. Als befreundeter Staat Chinas spielte Pakistan dabei eine Schlüsselrolle. Um die pakistanische Unterstützung zu gewinnen, wertete Nixon ab 1969 die US-pakistanischen Beziehungen wieder auf. Er unterstützte den pakistanischen Präsidenten Agha Muhammad Yahya Khan während des Bangladesch-Kriegs 1971. Bangladesch (ursprünglich Ostpakistan) wurde mit der Unabhängigkeit des britisch-indischen Kollonialreichs 1947 und der Durchsetzung der Zwei-Nationen-Theorie zusammen mit Westpakistan gebildet. Da die beiden Teile Pakistans sich in einer Entfernung von beinahe 2000 km, durch Indien voneinander getrennt befinden, kam es schon bald zu einer innenpolitischen Krise und zu Abspaltungsbestrebungen Ostpakistans. Westpakistan setzte zur Verhinderung einer Abspaltung während des Bangladesch-Kriegs ein weiteres Mal US-amerikanische Waffen ein und tötete systematisch Separatisten. Die schockierenden Bilder aus der Krisenregion setzte zwar die Nixon-Administration unter Druck, gab ihr jedoch auch die Gelegenheit mit der verdeckten Unterstützung, Pakistan für eine US-chinesischen Annäherung zu instrumentalisieren. Diese verdeckte Unterstützung beinhaltete unter anderem die Wiederaufnahme der Lieferung militärischer Verbrauchsgüter über die Türkei, den Iran und Jordanien. Schliesslich drohte Nixon Indien, welches auf der Seite der ostpakistanischen Separatisten eingriff, mit der Entsendung der 7. US-Flotte. Eine Eskalation der Situation wurde nur durch ein relativ schnelles Ende des Krieges und der damit verbundenen Unabhängigkeit Bangladeschs verhindert. Für die USA hatte sich die Unterstützung Pakistans schliesslich mit dem Treffen zwischen Nixon und Mao Zedong im Jahre 1972 ausbezahlt. Dieser wichtiger strategischer Wechsel der USA zu einer Annährung an China analysiert Rüdiger von Dehn in seinem Beitrag detailliert. Die Instrumentalisierung Pakistans für dieses Ziel zeigte sich auch daran, dass Pakistan für die USA nach der US-chinesischen Annäherung bis zur sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 von keiner Bedeutung mehr war.


Die regionale Bedeutung Indiens
Der Hinweis auf die sowjetische Invasion in Pakistan gegen Ende der Ausführung von Rüdiger von Dehn entpuppt sich als falscher “Cliffhanger”, denn mit dem Folgebeitrag von Miriam Prys wendet sich der Sammelband abrupt der regionalen Bedeutung Indiens zu. Prys analysiert nach einer theoretischen Betrachtung der Doppelrolle Indiens als Regionalmacht und als aufstrebender globaler Akteur das aussenpolitische Verhalten Indiens im Bürgerkrieg in Sri Lanka im Jahre 2000 und im nepalesischen Bürgerkrieg zwischen 2001 und 2006 basierend auf zwei grundlegenden Strategien. Bei der “Gate-Keeping”-Strategie versucht eine Regionalmacht ihre regionale Führungsrolle durch Ausgrenzung externer Akteure abzusichern. Will eine Regionalmacht jedoch zu einem globalen Akteur werden, so setzt dies eine enge Zusammenarbeit mit externen Akteuren voraus. Die Regionalmacht muss ihre regionale Rolle in einem internationalen Umfeld instrumentalisieren, um ihre eigene Wichtigkeit in internationalen Gremien aufwerten zu können. Prys nennt dieses Vorgehen eine “Stepping Stone”-Strategie. Im Falle des Bürgerkriegs von Sri Lanka spielte Indien eine wechselhafte Rolle. In einer ersten Phase wurden die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) verdeckt unterstützt, weil im indischen Bundeststaat Tamil Nadu 60 Millionen indische Tamilen beheimatet sind und die tamilischen Regionalparteien in der nationalen Regierung eine wichtige Rolle spielen. Andererseits befürchtete Indien, dass bei einer Sezession der Tamilen in Sri Lanka auch Sezessionsbestrebungen in Indien selber ausbrechen könnten. Deshalb bemühte sich Indien in einer zweiten Phase als Vermittler, was jedoch 1987 durch eine militärische Offensive des srilankischen Militärs auf der Halbinsel Jaffna unterbrochen wurde. Mit der Blockade von Lebensmittellieferungen nahm die srilankischen Regierung eine humanitären Katastrophe in diesem Gebiet wissentlich in Kauf. Eine darauf folgende indische Peacekeeping-Mission brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil wurde sie die bisher längste indische Kriegsbeteiligung, bei der sich bis zu 70’000 indische Soldaten im Krisengebiet aufhielten und insgesamt 1’100 indische Soldaten ums Leben kamen. Durch diese erfolglose Peacekeeping-Mission litt schlussendlich auch die Beliebtheit Indiens unter den Tamilen bzw. Singhalesen bis der srilankische Premierminister den Abzug der indischen Truppen Fraueneinheit der LTTE während einer Parade in Killinochchi, 2002verlangte. Es erstaunt deshalb nicht, dass beim Wiederaufflammen des Konflikts im Jahre 2000, Indien sich möglichst herauszuhalten versuchte. Prys folgert aus den indischen Vermittlungsversuche im Jahre 1987 und der folgenden Peacekeeping-Mission eine “Gate-Keeping”-Strategie und sieht dies auch in der allgemeinen aussenpolitischen Doktrin Indiens bestätigt. Die wohlwollende Haltung Indiens beim internationalen Engagement zur Beendigung des Bürgerkrieges nach dem Jahre 2000, wobei Indien jedoch keine aktive Rolle mehr übernehmen wollte, interpretiert Prys als ein Wechsel zu einer moderaten “Stepping Stone”-Strategie. Diese Schlussfolgerung scheint mir äusserst diskutabel: Ausgerechnet Indiens Verweigerung der Übernahme einer aktive Führungsrolle bei der Lösung des Bürgerkriegs sorgte international eher für Frustrationen und förderte die Wahrnehmung Indiens als aufstrebenden globalen Akteur keineswegs. Wie problematisch die Untersuchung von Fallbeispielen anhand bereits definierter Modelle ist, zeigt sich noch deutlicher bei der Analyse der indischen Rolle beim nepalesischen Demokratisierungsprozess. Prys konzentriert sich auf die aktive Beteiligung Indiens unter Miteinbezug externer Akteure und sieht darin insbesondere nach dem 11. September 2001 eine typische “Stepping Stone”-Strategie. Sandra Destradi, welche im Folgeartikel sehr viel detaillierter auf Indiens Rolle im nepalesischen Demokratisierungsprozess eingeht, hebt die Wichtigkeit Nepals für Indien sehr viel stärker hervor. Die Beziehungen zwischen Indien und Nepal sind seit jeher aufgrund kultureller, religiöser und sprachlicher Gemeinsamkeiten ausserordentlich eng. Formell wurde diese spezielle staatliche Verbundenheit mit einem Freunschaftsvertrag von 1950 festgehalten, welcher für die Bürger des jeweilig anderen Staates in den meisten Bereichen die selben Rechte einräumt. Die über 1’850 km lange gemeinsame Grenze ist für den Personen- und Warenverkehr offen, was zu einer extrem dichten Verflechtung der angrenzenden Gebiete in der Terai-Ebene führte. Indien hat ausserdem ein besonderes strategisches Interesse an Nepal als Pufferstaat zu China und versuchte deshalb einen chinesischen Einfluss in Nepal möglichst zu verhindern. Auch wenn Indien an einer Demokratisierung Nepals interessiert war, so stand an die innenpolitische Stabilität Nepals im Vordergrund. Indien betrachtete die maoistische Bewegung in Nepal aufgrund eigener innenpolitischen Problemen mit linksextreme Gruppierungen (den sogenannten Naxaliten) als eine Gefahr, welche wegen den offenen Grenzen leicht auf Indien überschwappen könnte. Deshalb unterstützte Indien den König Gyanendras bis anfangs 2005. Auf den monarchistischen Putsch Gyanendra am 1. Februar 2005, bei dem er das gewählte Parlament auflöste, reagierte Indien wie der Rest der internationalen Gemeinschaft mit Protest und Kritik, was jedoch nur kurzfristig anhielt. Auf den Grundlagen von Destradi kann das Argument von Prys, dass Indien gemäss einer “Stepping Stone”-Strategie einen Miteinbezug internationaler Akteure instrumentalisiert oder gar gesucht hätte, nicht aufrecht erhalten werden. Vielmehr zeigt das indische Verhalten im Bürgerkrieg in Sri Lanka, wie auch beim Demokratisierungsprozess in Nepal eine fehlende koheränte bzw. langfristige aussenpolitische Strategie auf, was gegen eine “Stepping Stone”-Strategie spricht. Auch wenn das theoretische Modell von Prys interessante Aspekte aufzeigt, können ihre Herleitungen anhand der Fallbeispiele nicht überzeugen.

Import-Export Verhältnis (Legende siehe unten)Ein anderer Ansatz wählt Elmar Janssen in seinem Beitrag: er untersucht den indischen Machtfaktor anhand der Wirtschafts- und der Aussenpolitik. Beide Politikbereiche zeigen auf, dass Indien in Südostasien eine bedeutende Regionalmacht jedoch keine Macht von globaler Bedeutung darstellt. Beispielsweise ist die indische Aussenwirtschaft nur mit rund 1% am Welthandel beteiligt (als Vergleich: Deutschlands Beteiligung beträgt rund 9,5%, China 8,8%, die USA 8,4%). Gemäss der Weltbank gehört Indien zu den Lower-Middle Income Economies und gemäss UNCTAD sogar zu den Low Income Countries. Rund 35% der Bevölkerung muss mit einem täglichen Einkommen von unter 1 US-Dollar auskommen. Gemäss des indischen Ministerpräsidenten, Manmohan Singh braucht die indische Wirtschaft zur Beendigung der “chronischen Armut” während den nächsten 10-15 Jahren eine jährliche Wachstumsrate von 7-8% (vgl. auch: Raja K. Gupta, “India’s economic agenda: An interview with Manmohan Singh“, The McKinsey Quarterly 2005 Special Edition, September 2005, p. 123-132). Die wirtschaftliche Wichtigkeit Indiens kann nur mit dem Ausbau der Infrastruktur und der Durchsetzung wirtschaftlicher Reformen weiter gesteigert werden, so dass Indien in Zukunft ein wichtiger Akteur in einem multipolaren System werden, jedoch kaum eine dominierende Weltmachtrolle einnehmen könnte. Sicherheitspolitisch befindet sich Indien in einem Umfeld mit latentem Konfliktpersonal: In der Aussenpolitik bestehen ungelöste Territorialfragen mit den Nuklearmächten China und Pakistan; im Landesinnern bedrohen Nationalismus, Separatismus, Fundamentalismus und Extremismus den Frieden. Über einige Probleme der indischen Innenpolitik informiert Pamela Kargl in ihrem Beitrag über die gewalttätigen Auseinandersetzungen der Separatistengruppierungen untereinander und mit der indischen Armee im indischen Bundesstaat Manipur. 2004 wechselte Indien seine Verteidigungspolitik von einer rein defensiven Ausrichtung auf eine “Cold Start”-Doktrin. Mit “Cold Start” verfügen die indischen Streitkräfte über die Fähigkeit einen begrenzten konventionellen Krieg und dabei auch offensive Vergeltungsschläge durchführen zu können. Damit verbunden ist eine Aufstockung der Streitkräfte von 2,4 Millionen auf drei Millionen Mann. Mit dieser neuen Doktrin soll verhindert werden, dass Indien bei einem bewaffneten Konflikt optionslos auf einen Nuklearkrieg zusteuert. Detailliertere Informationen über die “Cold Start”-Doktrin und den Einfluss auf die pakistanisch-indischen Beziehungen ist in Oliver Thränert und Christian Wagner, “Pakistan as a Nuclear Power“, SWP Research Paper, Juni 2009, p. 26f (deutsche Version) zu finden. Janssen kommt schliesslich zum Fazit, dass dem momentanen Entwicklungs- und Schwellenland Indien in den nächsten Jahrzehnten das innere ökonomische Fundament einer Weltmacht oder gar einer führenden Weltwirtschaftsmacht fehle.

When Indian leaders tested nuclear weapons in May 1998, many Indians felt that their country finally had entered the ranks of the major powers. [...] Yet, nuclear weapons are not sufficient to make a major power. Otherwise, Pakistan too would qualify as a major power, as would Israel and perhaps North Korea. In today’s world, nuclear weapons are illegitimate, and thus ineffective, tools for coercing non–nuclear-weapon states. Nuclear weapons could not help France achieve its aims in Algeria, nor the United States in Korea or Vietnam, nor the Soviet Union in Afghanistan, nor China vis-à-vis Taiwan. The sole effective use of nuclear weapons is to deter other states from using nuclear weapons, but this deterrent, although important, does not alone make a great power. Nuclear weapons cannot grow an economy, gain international market share, or win political support for a nation’s demands to shape the political-economic order. Israel, India, Pakistan, and North Korea may possess nuclear weapons, but their politicaleconomic problems and inability to transcend local conflicts and become net producers of international security prevent them from being major powers. — George Perkovich, “Is India a Major Power?“, The Washington Quarterly 27:1, Winter 2003-04, p. 129-144.

Bildverzeichnis
Oben links: Photo of 45th Rattray’s Sikhs with prisoners from the second Second Anglo-Afghan War. The three Afghan prisoners captured in the advance through the Khurd Khyber are sitting in the centre of the photograph, surrounded by Sikh guards. The 45th Sikh Regiment was raised in 1856 by Captain Thomas Rattray, and was popularly known as Rattray’s Sikhs. It had earlier earned glory with its courage and loyalty to the British at the relief of Lucknow during the Indian Uprising of 1857. The Regiment served in the Fourth Infantry Brigade, part of the Peshawar Valley Field Force, during the Second Afghan War. The prisoners were lucky to have survived because in the harsh conditions and terrain of the Afghan Wars no quarter was given and prisoners taken, on both sides. (Quelle: Wikipedia)
Mitte rechts: “To all hands. Don’t squeeze Yahya at this time – RMN“. Agha Muhammad Yahya Khan war zwischen 1969 und 1971 pakistanischer Staatspräsident und für Nixon für die Annäherung an China eine Schlüsselperson.
Mitte links: Fraueneinheit der LTTE während einer Parade in Killinochchi, 2002 (Quelle: Wikipedia)
Unten rechts: Das Verhältnis des Import- zum Exportvolumens in Bezug zum nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Blau markiert sind Low Income Countries, rot markiert sind High Income Countries, die grösse des Punktes gibt den Umfang des BIP an. Indien weist mit 1’235 Milliarden US-Dollar ein über 7 Mal grösseres BIP als Pakistan (167 Milliarden US-Dollar) auf. Indien ist jedoch aktiver am Welthandel beteiligt und exportiert 23% (zunehmend; Pakistan: 13% abnehmend) bzw. importiert 28% (Pakistan 24%) der Güter. Zum Vergleich hat die USA ein BIP von 14’256 Milliarden US-Dollar, exportierte 2007 12% bzw. importierte 17% der Güter, Deutschland hat ein BIP von 3’353 Milliarden US-Dollar, exportiert 47% bzw. importiert 41% und die Schweiz hat ein BIP von 495 Milliarden US-Dollar, exportierte 2007 56% bzw. importierte 47%. Die BIP-Werte beziehen sich auf das Jahr 2009; wenn nichts angegeben beziehen sich die Angaben zum Import- und Exportanteil auf das Jahr 2008; die Graphik wurde mit Gapminder erstellt und gibt das Verhältnis zwischen den vereinzelten Staaten qualitativ wieder).

This entry was posted in Afghanistan, India, Pakistan, Security Policy.

4 Responses to Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen – Teil 1

  1. Pingback: Atommächte im Spannungsfeld regionaler und globaler Veränderungen – Teil 2 | Offiziere.ch

  2. Pingback: Sicherheitspolitische Veränderungen und Konsequenzen für die Schweizer Armee – Teil 1 | Offiziere.ch

  3. Pingback: Was läuft eigentlich in Afghanistan 06? | Offiziere.ch

  4. Pingback: Buchtipp: Globales Rapa Nui? – Teil 1 | Offiziere.ch

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Comment Spam Protection by WP-SpamFree