Flüchtlingskrise in Südafrika – Interview mit Jan Herzog

Jan Herzog, Arzt bei Médecins Sans Frontières, tätig in Musina (Südafrika)

Jan Herzog, Arzt bei Médecins Sans Frontières, tätig in Musina (Südafrika)

Jan Herzog ist in Dänemark ausgebildeter Arzt und arbeitet seit Oktober 2009 für Médecins Sans Frontières (MSF) in Südafrika. Die ersten 3 Monate hat er in Kapstadt gearbeitet und anschliessend nach Musina gewechselt. In Musina ist er Projektarzt mit allem, was dazu gehört: Er hilft in der HIV-Klinik im Krankenhaus aus, kümmert sich um die Ausbildung und die Supervision des Teams und hat eine koordinierende Funktion innerhalb des Projekts. Mit Hilfe von MSF konnte offiziere.ch Herr Herzog einige Fragen zur Flüchtlingskrise in Südafrika, den gewalttätigen Übergriffen auf simbabwische Flüchtlinge und zu den Tätigkeiten der MSF in Musina stellen.
 
 
Herr Herzog, kommen Sie und das MSF-Team in Musina in direkten in Kontakt mit beim Grenzübertritt misshandelten Flüchtlingen?
 
Wir haben eine ”Health Assistentin” eingestellt, die sich ausschliesslich um die Vergewaltigungsopfer kümmert. Ich stehe ihr natürlich bei, falls es Probleme oder Komplikationen gibt. Es handelt sich dabei um Vergewaltigungen von Frauen sowie Männern und leider ab und zu auch Kindern. Oft sind es Massenvergewaltigungen in einem Umfang, den man gar nicht glauben kann/will. Unsere Erfahrung ist, dass es sich ausschliesslich um illegal einreisende Flüchtlinge handelt. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
 
Momentan übertreten pro Monat tausende simbabwische Flüchtlinge die Grenze zu Südafrika. Handelt es sich bei den gewalttätigen Übergriffen auf die Flüchtlinge um Einzelfälle oder ist dahinter eine Systematik zu erkennen?
 
Offiziellen Angaben zufolge bewerben sich ca. 300 simbabwische Flüchtlinge pro Tag um Asyl. Was die Zahlen der Vergewaltigungen angeht, ist hier eher von einem systematischen Vergehen zu sprechen. Den Aussagen unserer Opfer zufolge, handelt es sich um eine bestimmte Gruppe, die ”Guma guma” genannt wird und aus Männern und Frauen besteht. Es heisst, dass sie zuerst rauben und danach vergewaltigen. In den ersten vier Monaten dieses Jahres haben wir 103 Fälle von Vergewaltigungen registriert, ca. 71 davon von März auf April. Momentan registrieren wir im Durchschnitt 1,5 Fälle pro Tag, eine enorme Ziffer. Das sind nur die Fälle, bei denen die Opfer uns um Hilfe bitten. Während den Gesprächen mit den Opfern, erzählen sie uns häufig, dass sie beobachtet haben, wie etliche andere vergewaltigt wurden. Wenn wir diese Geschichten einberechnen, steigen die Zahlen schon um das Dreifache.
 
Seit anfangs Jahr hat die Anzahl der festgestellten gewalttätigen und sexuellen Übergriffen auf simbabwische Flüchtlinge in der Grenzregion Musina zugenommen. Auf was ist dieser Zuwachs zurückzuführen?
 
Das wissen wir leider noch nicht so genau, aber eines ist auf jeden Fall sicher, unsere bisherige Erfahrung hat uns geholfen, mit den Opfern in Kontakt zu treten und ihnen Hilfe anzubieten. Andere NGOs haben angefangen, Opfer an uns zu verweisen, etc. Das allein reicht aber meiner Meinung nach nicht, um den Zuwachs zu erklären.
 
Welchen Hintergrund stehen hinter den gewalttätigen Übergriffen und den sexuellen Misshandlungen? Geht es dabei um das Ausleben persönlicher Gewalt und Macht, um die Abschreckung von Flüchtlingen, um Rassismus (beispielsweise abhängig von der Hautfarbe) oder um irgendwelchen Irrglauben in Verbindung mit AIDS?
 
Wir wissen es leider nicht genau, aber alle genannten Möglichkeiten zur Motivation der Täter werden in Erwägung gezogen. Meiner Meinung nach hat die Hautfarbe der Opfer nichts mit den Vergewaltigungen zu tun.
 
Wie ist es zu erklären, dass simbabwische Patienten in südafrikanischen Spitäler schlecht behandelt werden? Ist womöglich die medizinische Versorgung in den südafrikanischen Slums generell schlecht?
 
Generell ist die medizinische Versorgung in Südafrika meiner Meinung nach besser als in Simbabwe, aber die simbabwischen Flüchtlinge haben vor allem sprachliche Probleme und dann haben sie natürlich auch mit dem fehlenden legalen Status zu kämpfen. Darüber hinaus gibt es immer wieder Vorkommnisse von Xenophobie die sich wahrscheinlich auch in der Behandlung in den Krankenhäusern niederschlägt. Generell sind medizinische Behandlungen in Südafrika oft kostenpflichtig, was aber auch südafrikanische Bürger (insbesondere in den Townships) hart treffen kann. Ich spüre den Unterschied in meiner täglichen Arbeit in der HIV-Klinik im Krankenhaus, wo schon öfters simbabwische Bürger und Flüchtlinge nach mir fragen, da ich bei MSF bin und sie meinen, somit eine bessere Behandlung ohne Vorurteile zu bekommen.
 
Werden die von MSF aufgezeigten Missstände in den südafrikanischen Medien oder in der südafrikanischen Gesellschaft thematisiert?
 
Vor kurzem war ein Team von SABC vor Ort und hat bei uns Opfer interviewt und schliesslich einen Dokumentarfilm über die Missstände in Musina gedreht. Auf diesen Film hin haben sich einige südafrikanische Bürger mit Hilfeangeboten bei uns gemeldet.
 
Sind Sie der Ansicht, dass die Fussballweltmeisterschaft in Südafrika hilft diese Missstände in Südafrika oder sogar international umfangreicher thematisieren zu können?
Ich habe ehrlich gesagt keinen grossen Unterschied bemerkt, aber es kommen mehr internationale Journalisten zu Besuch.
 
Welchen Stellenwert besitzt die Ausübung von Gewalt in der südafrikanischen Gesellschaft? Weist Südafrika eine hohe Anzahl von Vergewaltigungen auf?
 
Mir sind die Zahlen leider nicht bekannt, aber generell ist die Anzahl von Vergewaltigungen in Südafrika sehr hoch. Mord und Totschlag ist bestimmt auch keine Seltenheit, vor einem Monat wurde beispielsweise bei uns in der Umgebung ein Mann erschossen, obwohl Musina alles andere als eine Grossstadt ist. Unsere Sicherheitsvorkehrungen beinhalten unter anderem, dass wir nach Einbruch der Dunkelheit uns nicht in den Townships aufhalten dürfen. Autotüren sollen immer abgeschlossen sein, man fährt nie alleine (insbesondere Frauen) und ist generell nie zu Fuss unterwegs.
 
In den Ausschreitungen vom Mai 2008 waren neben simbabwische Emigranten insbesondere auch solche aus Somalia und Mosambik betroffen. Ist Xenophobie nicht ein allgemeines Problem in südafrikanischen Staaten, welche in einem allgemeineren Ansatz bekämpft werden müsste? Wieso konzentriert sich MSF so stark auf die Übergriffe auf simbabwische Flüchtlinge?
 
Wir sind nicht nur für simbabwische Flüchtlinge da, wir helfen auch anderen Südafrikanern in Not. Es gibt sehr viele simbabwischen Flüchtlinge in Südafrika; somit macht es auch Sinn, dass wir ihnen helfen. Als das Projekt in Musina gestartet wurde, war der Flüchtlingsstrom aus Simbabwe noch viel grösser als heute. Nun wandelt sich das Projekt sich immer mehr in ein HIV/Tuberkulose-Projekt um, da wir in unseren mobilen Kliniken eine HIV-Prävalenz von bis zu 40% gefunden haben. Die nächste HIV-Klinik ist etwa 50km entfernt und der Transport alleine nimmt einen sehr grossen Teil des Einkommens in Anspruch, was die HIV-Medizin praktisch unerschwinglich für die Patienten macht.
 
Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
 
Bildquelle
Die Bilder aus Musina stammen von Austin Andrews (Disposable Words) aus seiner Fotogallerie “Sanctuary in the Sunburned North“. Ich danke für die Erlaubnis zur Benutzung der Bilder.

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