Wikileaks – Herausforderung für Geheimniskrämer

Julian Assange im Juli 2010 mit einer Ausgabe des Guardians.Wikileaks schlug dieses Jahr bereits zwei Mal medienwirksam zu. Im April wurde das schockierenden Video “Collateral Murder” veröffentlicht, in dem zu sehen ist, wie aus einem US-amerikanischen Apache-Helikopter am 12. Juli 2007 in New Baghdad eine Gruppe von Personen mit der Bordkanone (M230 Cain Gun, Kaliber 30mm) beschossen wird. Die Personen wurden verdächtigt, mindestens eine Panzerfaust (Rocket Propelled Grenade, RPG) mitzuführen und sich hinter einer Hausecke auf einen Angriff vorzubereiten (siehe 2:34 bei der Vollversion bzw. 4:13 bei der Kurzversion), was als direkte Bedrohung für die Helikopterbesatzung gewertet werden kann. Nachträglich stellte sich heraus, dass die Männer keine Panzerfaust mit sich führten, sondern dass es sich dabei um die Fotokameras der beiden Journalisten von Reuters handelte. Die beiden Journalisten waren aus der Luft nicht als solche erkennbar. Als sich ein Kleintransporter näherte und zwei Männer einen Verletzten in das Fahrzeug zu ziehen versuchten, wurden auch diese Personen und das Fahrzeug beschossen. Im Fahrzeug befanden sich zwei Kinder, was jedoch aus der Luft nicht erkennbar war. Durch den Beschuss wurden insgesamt 12 Personen getötet – inklusive die beiden Journalisten – und die beiden Kinder schwer verletzt.

Ende Juli wurde die vorhergehende Veröffentlichung durch die Publizierung von 76’000 Dokumente über den Krieg in Afghanistan zwischen 2004 und 2010 unter dem Namen “Afghan War Diary” noch übertroffen. Nicht alle, aber viele Dokumente sind als geheim klassifiziert. Diese Dokumente wurden dem Guardian, der New York Times und dem Spiegel vor der Veröffentlichung zugänglich gemacht und medienwirksam von diesen drei News-Unternehmen gleichzeitig am 25. Juli 2010 auszugsweise publiziert. Es handelt sich dabei um die bisher grösste Menge an geheimen Dokumenten, welche unberechtigt an die Öffentlichkeit gelangt ist. Die Veröffentlichung von weiteren 15’000 Dokumenten, welche unter Umständen Hinweise auf Informanten enthalten, soll in einigen Wochen folgen. Ein Sprecher der Taliban liess verlauten, dass die veröffentlichten Dokumenten nach Informantennamen durchsucht und dass diese Informanten bestraft würden (Quelle: Jonathan Miller, “Taliban hunt Wikileaks outed Afghan informers“, Channel 4, 30.07.2010). Die veröffentlichten Dokumente zeigten unter anderem auf, dass der pakistanische Inter-Services Intelligence (ISI) ein doppeltes Spiel mit den Taliban und den USA führt. Ausserdem soll aus Sicht der Koalitionstruppen die iranische Regierung einer aus früheren afghanischen Regierungsvertretern und Taliban gebildeten Kampfgruppe 100’000 Rupees (1740 US-Dollar) für jeden getöteten Soldaten und 200’000 Rupees (3481 US-Dollar) für jedes getötete afghanische Regierungsmitglied angeboten haben (betreffend iranischer Hilfe an die Taliban siehe auch Bill Roggio, “Taliban commander linked to Iran, al Qaeda targeted in western Afghanistan“, The Long War Journal, 21.10.2010). Weiter werden in den Dokumenten 144 Zwischenfälle der auf “kill or capture” spezialisierten Task Force 373 festgehalten, welche insgesamt zu 195 Toten führten. Das Problem bei diesen unverifizierten Rohdaten liegt darin, dass der tatsächliche Wahrheitsgehalt schwer abzuschätzen ist. Ausserdem bringen die Dokumente insgesamt gesehen keine revolutionär neuen Tatsachen ans Tageslicht:

I’d say that so far the documents confirm what we already know about the war: It’s going badly; Pakistan is not the world’s greatest ally and is probably playing a double game; coalition forces have been responsible for far too many civilian casualties; and the United States doesn’t have very reliable intelligence in Afghanistan. — Blake Hounshell, “The logs of war: Do the Wikileaks documents really tell us anything new?“, Foreign Policy, 25.07.2010.

Wikileaks existiert seit 2006 und stellte sich Ende 2008 bzw. 2009 am Chaos Communication Congress (3C) in Berlin vor, von denen offiziere.ch ebenfalls berichtet. Bei den Vorträgen des Wikileaks Mitbegründer und Sprecher Julian Assange und des Deutschlandsprecher Daniel Schmitt wurden einige Prinzipien von Wikileaks und einige technische Grundlagen vorgestellt (Videomitschnitt von 2008 bzw. 2009 ). Grundsätzlich geht es Wikileaks um den absolut freien Zugang zu Informationen, also um völlige Transparenz. Wikileaks bietete zum Schutz der Anonymität der Informanten eine verschlüsselte und anonymisierte Uploadmöglichkeit von klassifizierten Daten an. Vor der Veröffentlichung wurden Metadaten in den Dokumenten entfernt, welche eine Rückverfolgung ermöglichen könnten. Zur Anonymisierung der Uploads nutzte Wikileaks unter anderem Tor. Eigentlich ein Widerspruch in sich ist, dass Wikileaks zwar sehr Julian Assange und Daniel Schmittfleissig klassifizierte Dokumente veröffentlicht, dass die Organisation jedoch selber sehr intransparent ist. So sind die genauen Mechanismen, wie die Echtheit von Dokumenten überprüft wird, nicht bekannt. Ebenso ist die Zusammensetzung des Advisory Board und die Verwendung der finanziellen Mitteln unklar. Die Federation of American Scientists (FAS) lehnte WikiLeaks’ Einladung dem Advisory Board beizutreten ab und begründete dies durch das Fehlen redaktioneller Kontrolle, dem möglichen Eingriff in die Privatsphäre und dem möglichen Angriff auf den guten Geschmack. Die FAS sieht in Wikileaks eine Missbrauchsgefahr, da jedermann anonym, ungeprüfte Dokumente veröffentlichen könne (vgl.: Steven Aftergood, “Wikileaks and Untraceable Document Disclosure“, Secrecy News, 03.01.2007).

Die Personen hinter Wikileaks sehen hinter einer verstärkten redaktionellen Bearbeitung oder in einer Selektion der Dokumente (beispielsweise bei der Frage, ob ein Dokument überhaupt relevant sei, ob die Privatsphäre einer Person verletzt sein könnte oder ob moralische Bedenken eine Veröffentlichung in Frage stellen könnte) bereits eine Form von Zensur. Deshalb veröffentlicht Wikileaks grundsätzlich alle Dokumente. Damit wird jedoch gleichzeitig jegliche Verantwortung auf den Informanten abgeschoben. Da es auch ein gewisses Recht auf Privatsphäre gibt, fällt dieses Vorgehen sogar bei einigen Zensurgegnern auf Kritik. Diese umstrittene Haltung kommt sehr gut in einer Diskussion von Daniel Schmitt mit dem Team des Küchenradio zur Geltung. Nach der Veröffentlichung der 76’000 Dokumente über den Krieg in Afghanistan kritisierten Amnesty International, Campaign for Innocent Victims in Conflict, Open Society Institute, Afghan Independent Human Rights Commission und das Büro der International Crisis Group in Kabul, dass Wikileaks die Rohdokumente mit Namensnennungen veröffentlichte und damit die Sicherheit dieser Personen gefährde.

We have seen the negative, sometimes deadly ramifications for those Afghans identified as working for or sympathizing with international forces. We strongly urge your volunteers and staff to analyze all documents to ensure that those containing identifying information are taken down or redacted. — Jeanne Whalen, “Rights Groups Join Criticism of WikiLeaks“, The Wall Street Journal, 09.08.2010.

Wikileaks zeigt eindrücklich die faktische Unmöglichkeit Informationen geheim zu halten auf, wenn theoretisch jeder anonym und verschlüsselt geheime Daten Wikileaks zuspielen kann. Damit wird die Schwelle für organisationsinternen Indiskretionen erheblich gesenkt. Das Video “Collateral Murder”, die 91’000 Dokumenten zum Krieg in Afghanistan und weitere Dokumente sollen Wikileaks angeblich vom 22-jährige Private Bradley Manning zugespielt worden sein. Er arbeitete als nachrichtendienstlicher Analyst bei der US-Army in Baghdad und hatte Zugriff auf eine Vielzahl klassifizierter Dokumente. Die Hauptmotive für seine Tat sollen eine zunehmende Unzufriedenheit mit der US-amerikanischen Aussenpolitik und mit seinem militärischen Beruf gewesen sein. Manning wurde auf Grund von Gesprächen mit Adrian Lamo, einem Journalisten und ehemaligen Hacker verhaftet (für mehr Informationen über Manning vs. Lamo siehe das Video am Ende des Artikels). Momentan erhält Wikileaks rund 30 Uploads täglich. Von der Arbeitsweise stellt Wikileaks für alle Organisationen mit geheimen Informationen eine nicht zu unterschätzenden Gefahr dar.

The possibility that current employees or moles within DoD or elsewhere in the US government are providing sensitive or classified information to Wikileaks.org cannot be ruled out. The claim made by Wikileaks.org that former US government employees leaked sensitive and classified information is highly suspect, however, since Wikileaks.org states that the anonymity of the whistleblowers or leakers is one of its primary goals. [...] Web sites such as Wikileaks.org use trust as a center of gravity by protecting the anonymity and identity of the insiders, leakers, or whistleblowers. The identification, exposure, termination of employment, criminal prosecution, legal action against current or former insiders, leakers, or whistleblowers could potentially damage or destroy this center of gravity and deter others considering similar actions from using the Wikileaks.org Web site. — Michael D. Horvath, “Wikileaks.org—An Online Reference to Foreign Intelligence Services, Insurgents, or Terrorist Groups?“, Army Counterintelligence Center, 18 March 2008, p. 3f.

Womöglich könnte versucht werden das Vertrauen in Wikileaks durch eine Schmierenkampagne zu erschüttern. Die Vergewaltigungsvorwürfen an Julian Assange am Freitag, 20.08.2010 könnten Anzeichen eines solchen Vorgehens sein, auch wenn die Beschuldigungen einen Tag später wieder fallen gelassen wurden.

Was die Schweiz betrifft, musste sich bis jetzt insbesondere die Bank Julius Bär mit Wikileaks herumschlagen. Wikileaks publizierte im Februar 2008 hunderte bankinterne Dokumente, welche aufzeigen sollen, wie Julius Bär Kunden geholfen haben soll über die Kaimaninseln Steuer zu hinterziehen und Geld zu waschen. Martin Somogyi, Sprecher der Bank Julius Bär in Zürich sagte, dass die Dokumente teilweise gefälscht, teilweise echt seien (vgl.: Thomas Thiel, “Diese Dokumente bergen Sprengstoff“, Frankfurter Allgemeine, 06.03.3008). Die Bank wollte gegen die Veröffentlichung dieser firmeninternen Daten rechtlich vorgehen und lies die Adresse von Wikileaks.org in den USA sperren. Dieses Vorgehen stellte sich jedoch als höchst kontraproduktiv heraus, weil damit das Thema erst recht von den Medien aufgegriffen wurde (Streisand-Effekt). Schliesslich liess Julius Bär das Verfahren gegen Wikileaks einstellen. Ich bin gespannt wie lange wir warten müssen, bis auch Dokumente von der Schweizer Regierung bei Wikileaks auftauchen werden (beispielsweise über den geplanten Einsatz des AAD 10 zur Geiselbefreiung in Libyen).

WikiLeaks will not comply with legally abusive requests from Scientology any more than WikiLeaks has complied with similar demands from Swiss banks, Russian offshore stem-cell centers, former African kleptocrats, or the Pentagon. — Julian Assange zitiert in Raffi Khatchadourian, “No Secrets“, The New Yorker, 07.06.2010.

Weitere Informationen

  • Ein Interview mit Daniel Schmitt in dem er sich von den Gerüchten um eine Verleumdungskampagne betreffend den Vergewaltigungsvorwürfen an Julian Assange distanziert und gewisse Fehler bei der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumenten eingesteht.
  • Ein erweiterter Einblick in die Funktionsweise von WikiLeaks, wie gefahrlos vertrauliche Informationen veröffentlicht werden können und mit welchen Neuerungen Wikileaks Release 1.0 aufwarten soll: Jakob Kranz, Frank Rosengart, Daniel Schmitt, “Wikileaks“, Chaosradio 149, 26.08.2010.
  • Wikileaks ist an der Icelandic Modern Media Initiative beteiligt, welche günstige juristische Voraussetzungen für investigativen Journalismus in Island schaffen soll. Mit der Zustimmung des Parlaments am 16. Juni 2010 begann die Erarbeitung der entsprechenden Gesetze.
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6 Responses to Wikileaks – Herausforderung für Geheimniskrämer

  1. Wikileaks scheint sich momentan selber zu zerlegen: Daniel Schmitt (echter Name: Daniel Domscheit-Berg) teilte in einem Spiegel-Interview seinen Weggang von Wikileaks mit – der Grund: interne Querelen und Streit mit Gründer Julian Assange.

    Ich habe mehrfach versucht, das ([dass kleine Projekte nicht zu Gunsten grosser Enthüllungen vernachlässigt werden]) anzustoßen, aber Julian Assange hat auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert, ich würde ihm den Gehorsam verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal sein. [...] Da gibt es eine Menge Unmut, und einige werden wie ich aussteigen. — Daniel Domscheit-Berg zitiert auf “Deutscher Wikileaks-Sprecher geht im Streit“, Spiegel, 25.09.2010.

    Der Wikileaks-Twitter-Account reagiert darauf mit folgender Stellungnahme:

    Spiegel report Schmitt resigned which is misleading. Schmitt was suspended a month ago.

    Zufälligerweise distanzierte sich Daniel Domscheit-Berg vor genau einem Monat von den Gerüchten um eine Verleumdungskampagne betreffend den Vergewaltigungsvorwürfen an Julian Assange und räumte gewisse Fehler bei der Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumenten ein (siehe auch unter “Weitere Informationen”).

    Als erste gefunden auf netzpolitik.org – Danke!

  2. Im Interview mit dem Spiegel bestätigt Daniel Domscheit-Berg, dass er vor vier Wochen von Julian Assange suspendiert wurde:

    Ich habe mehrfach versucht, das anzustossen, aber Julian Assange hat auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert, ich würde ihm den Gehorsam verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal sein. Vor vier Wochen hat er mich suspendiert – als Ankläger, Richter und Henker in einer Person. Seither habe ich beispielsweise keinen Zugriff mehr auf meine WikiLeaks- Mail. Damit bleibt viel Arbeit liegen, andere Helfer werden blockiert. Ich weiss, dass niemand aus unserem Kernteam damit einverstanden war. Aber das scheint keine Rolle zu spielen. WikiLeaks hat ein strukturelles Problem. Für mich ist das nicht länger zu verantworten, deshalb verlasse ich das Projekt. — Daniel Domscheit-Berg zitiert in Marcel Rosenbach, Holger Stark, “Mir bleibt nur der Rückzug“, Spiegel, Nr. 39, 2010.

    Noch mehr Details inklusive Chat-Log des Gesprächs zwischen Assange und Domscheit-Berg hat Wired.

  3. Ein weiteres sehr interessantes Interview mit Daniel Domscheit-Berg wurde von netzpolitik.org durchgeführt. In dem Gespräch geht es über seine 2,5 Jahre Mitarbeit und über die jüngsten Vorfälle. Er äussert sich ausführlicher über die Hintergründe, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Projektes, wie dort zusammengearbeitet wurde und wie der derzeitige Zustand ist. Was passiert mit den in den vergangenen Monaten nicht veröffentlichten Dokumenten? Was geschieht mit den Spenden?

  4. Ein weiterer ehemaliger Wikileaks-Aktivist, Herbert Snorasson berichtet in einem Interview mit der Zeit über die Führungsprobleme innerhalb dem Wikileaks-Kernteam. Insgesamt scheinen fünf stark im Projekt involvierte Personen Wikileaks verlassen zu haben.

    Mittlerweilen veröffentlichte Wikileaks beinahe 400’000 Dokumente über den Irakkkrieg, welche einen Zeitraum zwischen 2004 und 2009 abdecken. Vermutlich aufgrund des anfallenden Traffics sind alle anderen Unterlagen momentan nicht verfügbar. Gemäss Wikileaks wird die Website momentan überarbeitet, weshalb auch keine neuen Dokumente mehr angenommen werden. Wie stark diese Arbeiten von den internen Führungsproblemen betroffen sind, ist kaum abschätzbar.

  5. Pingback: Wikileaks – Cablegate | Offiziere.ch

  6. Pingback: 27C3 – Tag 4 – Abschluss | Offiziere.ch

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