Hotspot Pakistan 01

Wie im vorhergehenden Artikel aufgezeigt, exportiert die schweizerische Rüstungsindustrie seit der Aufhebung des Ausnahmezustands in Pakistan wieder in dieses Land. Natürlich, Pakistan ist auf der Seite der USA im Krieg gegen den Terrorismus und bekommt finanzielle Hilfe, welche die schweizerischen Rüstungsexporte mickrig aussehen lassen, doch die zukünftige politische Stabilität Pakistans ist mehr als fraglich (vgl. Daniel Möckli (ed.), “Aktuelle strategische Trends“, CSS Analysen zur Sicherheitspolitik 3:27, Februar 2008). Seit 2001 erhielt Pakistan von den USA mindestens 10 Milliarden US-Dollar Unterstützung. Davon sind rund die Hälfte “Coalition Support Fundings”, von denen Kritiker annehmen, dass ein Grossteil nicht nur in Korruptionskanälen versickerte, sondern auch zur Aufrüstung gegen Indien verwendet wurde. Betrachtet man die Rüstungsbeschaffung Pakistans zwischen 2002-2006, so wurden rund 8,4 Milliarden US-Dollar mehrheitlich in die Beschaffung von F-16 und anderen militärischen Flugzeugen, Harpoon Block II Seezielflugkörper, Flieger- und Raketenabwehrsystemen aufgewendet – nicht grad die typischen Waffen im Kampf gegen die Taliban und die al-Qaida im Nordwesten des Landes.

Im Gegenteil, bis jetzt zeigte das pakistanische Militär wenig Interesse die Taliban innerhalb Pakistans zu bekämpfen. Dies hat vor allem zwei Gründe: erstens sieht die pakistanische Bevölkerung die Taliban nicht als Bedrohung ihrer nationalen Interessen, und zweitens will man die Taliban – gemäss einer “Plan B”-Überlegung – bei einem amerikanischen Abzug im Falle eines Misserfolgs in Afghanistan nicht als Gegner haben, da Afghanistan für Pakistan eine “strategische Tiefe” gegen Indien darstellt. Damit nimmt der Einfluss der Taliban, aber auch der al-Qaida, im Nordwesten des Landes weiter zu und es besteht eine reelle Bedrohung, dass sich dieser Einfluss über ganz Nordpakistan ausbreiten wird. Eine Studie der RAND Corporation anfangs diesen Sommers zeigte auf, dass die Aufständischen im Nordwesten von Afghanistan sogar Unterstützung von einzelnen Personen aus dem Umfeld pakistanischer Staatsorgane geniessen, insbesondere aus dem Frontier Corps und dem Inter-Service Intelligence Directorat (ISI). Die Studie kommt weiter zum Schluss, dass sich hohe al-Qaida Funktionäre (vermutlich sogar Bin Laden selber) im nordwestlichen pakistanischen Grenzraum zu Afghanistan aufhalten. Ausserdem können Aufständischen nach wie vor ziemlich ungehindert Waffen und Kämpfer über die pakistanisch-afghanische Grenze bringen. Solange pakistanisches Territorium ungehindert als Rückzugsgebiet der Aufständischen genutzt werden kann, die Taliban ihren Kämpfern beinahe vier Mal mehr zahlen (rund 14 US-Dollar pro Tag, Stand 2006), als die USA/NATO den Soldaten der Afghanischen Nationalarmee (rund 4 US-Dollar pro Tag, Stand 2006), und die Zuverlässigkeit der Afghanischen Nationalpolizei nicht verbessert wird, wird auch keine erfolgreiche Entwicklung in Afghanistan absehbar sein. Insbesondere die Wichtigkeit eines funktionierenden Polizeiapparates wurde unterschätzt.

Individuals who flirt with the government truly get frightened as the Afghan security forces are currently incapable of providing police and protection for each village […] When villagers and rural communities seek protection from police either it arrives late or arrives in a wrong way. — A. Saleh, “Strategy of Insurgents and Terrorists in Afghanistan”, National Directorate of Security, Kabul Afghanistan, May 2006, 4 zitiert in Seth G. Jones, “Counterinsurgency in Afghanistan“, 2008, 49.

Die schlechte Zuverlässigkeit der Afghanischen Nationalpolizei ist vor allem deshalb tragisch, weil die afghanischen Polizeiinstruktoren ursprünglich von deutschen Polizeiausbildern trainiert wurden. Die dreijährige Ausbildungszeit in Menschenrecht, taktische Operationen, Drogenbekämpfung, Kriminalbekämpfung, Computeranwendung und islamisches Recht dauerte den USA jedoch zu lange, so dass sie DynCorp den Auftrag erteilten “einfache Polizisten” auf tieferem Niveau auszubilden. Es zeigte sich im Nachhinein, dass ein Grossteil der von DynCorp eingesetzten Polizeiausbildner zu wenig Erfahrung und Kompetenz auf dem Gebiet der Polizeiarbeit aufweisen konnten.

Was grenzüberschreitende Aktionen betrifft, verbietet Pakistan den USA und ihren Verbündeten Übergriffe auf pakistanisches Territorium. Die USA halten sich mit ihren Predator Kampfdrohnen jedoch nicht an diese Beschränkung. Pakistan ist demzufolge über solche Luftraumverletzungen nicht besonders erfreut. Je mehr der nordpakistanische Raum als Rückzugs- und Trainingsgebiet der Aufständischen genutzt wird, Pakistan sich nicht bemüht diese Entwicklung einzudämmen und die USA im Gegenzug zwangsläufig die Übergriffe auf pakistanisches Gebiet erhöhen werden (was übrigens auch Barack Obama “in Aussicht stellte“), um so wahrscheinlicher wird eine Ausweitung des Krieges auf Pakistan.

Das folgende Video zeigt Mustafa Abu al-Yazeed, ein hochrangiger al-Qaida Führer, der in ein Fernsehinterview vor ca. einer Woche auf dem pakistanischen TV-Sender “Geo TV ” der pakistanischen Regierung drohte. Pepe Escobar analysierte die Aussagen von Mustafa abu al-Yazeed näher:

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Hauptquellen

Bildverzeichnis
Oben links: A US Marine from the 24th Marine Expeditionary Unit dodges bullets after Taliban fighters opened fire near Garmser in Helmand Province, Afghanistan, on May 18, 2008. The Marine was not injured.
Mitte rechts: Die Aufständischen konzentrieren sich auf “weiche” Ziele innerhalb Afghanistan, beispielsweise auf afghanische Regierungsmitglieder, Zivilisten, Lehrer, NGOs usw. Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum 2002-2006. Dieser Trend hat seit 2006 eher zugenommen. Nur mit der Steigerung der Zuverlässigkeit der afghanischen Nationalpolizei kann dem entgegengewirkt werden. (Zum Vergrössern auf das Bild klicken)

Weitere Informationen
Pakistan in trouble: While Washington slowly distances itself from Islamabad and the Taliban continue to advance, Pakistan faces it toughest challenge. (Naveed Ahmad, ISN Security Watch, 30.07.2008).

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5 Responses to Hotspot Pakistan 01

  1. Bei den Waffenlieferungen der Schweiz an Pakistan dürfte es hauptsächlich um das Geschäft gehen und nicht um eine Unterstützung im Kampf gegen die Taliban. Letzteres wäre in Bezug auf die Neutralität unseres Landes ohnehin sehr fragwürdig.

    Die Stärke der Taliban bzw. der Al-Qiada liegt meiner Einschätzung nach in erster Linie in ihrer Ideologie. Denn die Ideologie sorgt für Gesinnungsgenossen, und ermöglicht es stets neue todesmutige Kämpfer zu aquirieren. Dem entgegenkommen dürfte die politische Lage in den meisten islamischen Staaten, die keine Demokratie kennen und Menschenrechte rigoros missachten.

    Ich bezweifle, dass der Kampf gegen die Taliban und die Al-Qaida alleine mit militärischen Mitteln gewonnen werden kann. Der militärische Kampf ist meiner Auffassung nach zwar notwendig um grosse Kräfte der Taliban zu binden und um die Al-Qaida zu schwächen indem man z.B. ihre Einnahmequellen die Mohnfelder zerstört jedoch dürfte die antiwestliche Stimmung dadurch eher noch angeheizt werden. Letztlich muss sich die Einstellung in den Köpfen vieler Muslime sowie die politische Lage in den meisten islamischen Staaten ändern. Solange die islamische Bevölkerung die Tschihadisten unterstützt, wird man Leute wie den Al-Qaida Chef Osama Bin Laden nur schwer zu fassen kriegen.

  2. Hallo Alexander,

    danke für Deinen Kommentar. Je nach Quelle findet man verschiedenste Begründungen, weshalb extremistische Organisationen in der Lage sind, Terroristen, Selbstmordattentäter usw. anzuwerben. Vermutlich gibt es nicht einen einzigen Grund, sondern verschiedenste Beweggründe, von denen Du einige auch erwähnt hast (Ideologie, Unterdrückung usw.). Im Falle Afghanistan macht die RAND-Studie folgende Aussage:

    The bottom tier of Taliban guerrillas included thousands of local Afghan fighters. They were primarily men from rural villages who were paid to set up roadside bombs, launch rockets and mortars at NATO and Afghan forces, or pick up a gun for a few days. Most were not ideologically committed to jihad. Rather, they were motivated by unemployment, disenchantment with the lack of change since 2001, or anger over the killing or wounding of a local villager by Afghan, U.S., or NATO forces. Some fought because of grievances with the Afghan government or because of abuse (either actual or perceived) by Afghan or coalition forces—such as bombings and intrusive house searches. — Seth G. Jones, “Counterinsurgency in Afghanistan“, 2008, 41.

    Interessant ist, dass die RAND-Studie 90 Konflikte seit 1945 untersuchte, bei denen Aufständische eine Schlüsselrolle spielten und in Bezug auf den Erfolg bei der Bekämpfung der Aufständischen drei Hauptbereiche isolieren konnte:

    • die lokalen Sicherheitskräfte müssen fähig sein, Sicherheit durchzusetzen, wobei die Polizei eine Schlüsselrolle einnimmt;
    • die lokale Regierung muss im Sinne des “Good Governance” handlungsfähig sein;
    • die externe Unterstützung der Aufständischen und die Nutzung von Rückzugsgebieten muss unterbunden werden.

     
    Auch die oben aufgeführten Punkte zeigen auf, dass der Kampf gegen die Taliban und die Al-Qaida nicht mit militärischen Mitteln alleine gewonnen werden kann. Militärische Operationen sind jedoch notwendig um eine gewisse stabile Lage durchzusetzen, in welcher der polizeiliche Mitteleinsatz und “Good_Governance” überhaupt möglich sind. Ein nachhaltiger Fehler in Afghanistan lag darin, dass nach den militärischen Operationen die “Soft Power”-Elemente zu wenig schnell und konsequent zum Einsatz gekommen sind.

  3. Frosch says:

    (…)Eine Studie der RAND Corporation anfangs diesen Sommers zeigte auf, dass die Aufständischen im Nordwesten von Afghanistan sogar Unterstützung von einzelnen Personen aus dem Umfeld pakistanischer Staatsorgane geniessen, insbesondere aus dem Frontier Corps und dem Inter-Service Intelligence Directorat (ISI).(…)

    Meines Wissens zum ersten Mal hat man in Washington sehr explizit und sehr konkret den Vorwurf an Pakistan und speziell an den pakistanschen Geheimdienst erhoben, die Taliban in Afghanistan und den Tribal Areas direkt zu unterstützen. Dabei geht es um das vor allem um das Attentat gegen die indische Botschaft in Kabul. Die Nachrichtendienste behaupten sie hätten Kommunikation zwischen Taliban und ISI Leuten abgefangen, welche die Zusammenarbeit belegen würden. Dazu drei Artikel aus der Washington Post “U.S. Officials: Pakistani Agents Helped Plan Kabul Bombing” und der New York Times “Pakistanis Aided Attack in Kabul, U.S. Officials Say” “C.I.A. Outlines Pakistan Links With Militants“.

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