Der Bundesrat im Sinkflug – Sicherheitspolitik der Schweiz führungs- und konzeptlos

Könnten neue Ehrenmitglieder der GSoA sein.Am Mittwoch, 25. August 2010 hat der Bundesrat beschlossen, dass auf den Kauf neuer Kampfflugzeuge aus finanziellen Gründen vorerst verzichtet wird (oder diplomatischer ausgedrückt: die Beschaffung wird verschoben). Bis spätestens 2015 soll über eine Beschaffung erneut entschieden werden – die Beschaffung selber soll aber erst um 2020 erfolgen. Es ist zu befürchten, dass bei einer solchen zeitlichen Verschiebung eine neue Gesamt- oder Teilevaluation durchgeführt werden muss und die 4 Millionen SFr der bereits erfolgten Evaluierung wohl als “zum Fenster hinaus geworfen” bezeichnet werden kann. Rein theoretisch könnte bei der nächsten Evaluation auch der Lockheed Martin F-35 Lightening II als möglicher Kandidat gelten. Da jedoch die drei jetzigen Anbieter mit grösster Wahrscheinlichkeit weiterhin am Ball bleiben, wird der letzte Teil unserer Artikelserie über die evaluierten Kampfflugzeuge für den Tiger Teilersatz – denjenigen über den Eurofighter – wie geplant in den nächsten 1-2 Wochen veröffentlicht. Als Reaktion auf den Entscheid, hat der Verein Sicherheitspolitik und Wehrwissenschaft (VSWW) ein Communiqué veröffentlicht, welches meiner Meinung die Situation in der Armee sowie in der Schweizer Sicherheitspolitik gut wiedergibt.

Der Entscheid, den Tiger-Teil-Ersatz erneut aufzuschieben, ist symptomatisch für die sicherheitspolitische Orientierungslosigkeit des Bundesrates. Wer nicht weiter weiss, schiebt Entscheide vor sich her. Der Verein Sicherheitspolitik und Wehrwissenschaft (VSWW) stellt fest, dass der Bundesrat daran ist, seine Glaubwürdigkeit in Sachen Sicherheit der Schweiz zu verspielen.

Wir erleben zurzeit eine fatale Führungskrise unserer Sicherheitspolitik. Die ganze Strategiefindung und Planungskaskade von Sicherheitspolitik und Armee sind ungenügend aufgesetzt. Während die Armee verlottert, weiss der Bundesrat offensichtlich nicht weiter. Man schiebt Entscheide auf, legt widersprüchlicher Papiere vor und zeichnet schon wieder Bataillone und Brigaden, bevor ein vom Parlament abgesegneter Armeeauftrag vorliegt. Sicherheitsexperten orten zu Recht einen eklatanten Mangel an Orientierung und an Führungsfähigkeit, der sich am Kampfflugzeuggeschäft am deutlichsten offenbart. Die lange Zeit mustergültige schweizerische Sicherheitspolitik befindet sich im Sinkflug. Das Vertrauen in die Führung und die Führungskompetenzen dürfte nicht nur in der Wahrnehmung des In-, sondern auch des Auslandes an einem historischen Tiefpunkt angelangt sein. Während die Wehrpflichtigen der Armee davonlaufen, zankt man sich in Parteien bis hinauf in den Bundesrat um die Ausrichtung der Armee. Während die Teilstreitkraft Heer schon verlottert ist, droht das nun auch der Luftwaffe.

Der VSWW kritisiert insbesondere den Bundesratsentscheid, der Armee die notwendigen Mittel zu verweigern. Ohne Einstieg in die neue Kampfflugzeuggeneration kann zuerst die Luftwaffe, dann die ganze Armee ihren verfassungsmässigen Auftrag nicht mehr erfüllen. Entweder gibt der Bundesrat der Armee die Mittel, die sie braucht, oder man streicht ehrlicherweise die Aufträge zusammen. Konkret würde dies mittelfristig die Aufgabe der Luftverteidigung und des Luftpolizeidienstes bedeuten. Seit dem Ersten Weltkrieg kann keine moderne Armee mehr auf ihren Luftschirm verzichten. Der Bundesrat liefert den Armeeabschaffern eine Steilvorlage.

Der VSWW bedauert sodann den Abgang des Rüstungschefs Divisionär Jakob Baumann. Mit dem erzwungenen Rücktritt von Baumann verliert die Armee einen ihrer profiliertesten Denker.

Weitere Informationen
Interview mit Markus Gygax, Kommandant der Schweizer Luftwaffe: Matthias Chapman, “Luftwaffenchef: Nur die Schweiz ist nicht ständig in Alarmbereitschaft“, Tagesanzeiger, 26.08.2010.

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16 Responses to Der Bundesrat im Sinkflug – Sicherheitspolitik der Schweiz führungs- und konzeptlos

  1. Urs says:

    Da kann man nur beipflichten. Dem BR fehlt jegliche sicherheitspolitische Strategie. Sämtliche Entscheide werden ausschliesslich von der Finanzlage geprägt, anstatt von der Bedrohungsanalyse. Das schweizerische Staatswesen läuft zunehmend Gefahr, seine Kernaufgaben nicht mehr wahrnehmen zu können.

    Das Hühnerhaufen-Syndrom im BR zeigt sich speziell darin, dass er mit dem Entscheid TTE nicht einmal zugewartet hat, bis der neue SIPOL B in der Bundesversammlung behandelt wird, geschweige denn der Armeebericht. Man hält sich nicht einmal an den eigenen Führungsrythmus. Mit diesem Durchwursteln kann es einfach nicht weitergehen. Uns laufen die Leute davon.

    Wo bleibt eigentlich die SOG? Ein einziges laues Communiqué reicht hier bei weitem nicht. Die Organisation muss nun endlich auf die Hinterbeine stehen, andernfalls verliert sie jegliche Berechtigung.

  2. André says:

    Das Schweizer Staatswesen funktioniert in multipolaren Umfeldern denkbar schlecht. Solange man dem Volk keine klaren Bedrohungsbilder und entsprechende Strategien proaktiv aufzeigen kann, torpediert die Masse und hörige Politiker jedes möglicherweise heikle Vorhaben. Das eher skeptische Medienecho und die harzige Entwicklung des Sicherheitspolitischen Berichtes lässt hier wenig Gutes erhoffen.

    Maurer als Verteidigungsdepartementsvorsteher zeigt sich aber auch als denkbar schlechte Wahl: Anstelle von langfristigen Zielen verwickelt er sich in kurzfristige Taktierereien und hat am Ende weder Spatz in der Hand (Dringende GMTF-Beschaffung) noch Nachtigall auf dem Baum (Neuer Flieger). Es fehlt im VBS an langfristigem Denken, Akzeptanz von gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Fakten und internationaler Orientierung.

  3. Mark says:

    Von fehlender Strategie zu einer ganz konkreten Frage: Wurde wirklich im Detail abgeklärt ob nicht auch zusätzliche F/A-18 (Occasion) beschafft werden können ?

    Bei der weltweiten Anzahl F/A-18 kann ich mir nicht vorstellen, dass wirklich keine Flugzeuge zu einem vernünftigen Preis für die Schweiz beschafft werden könnten, wie ausgeführt wurde beim TTE.

    In diesem Falle könnte man die Flotte frühzeitig auf einen einziegen Typ wechseln, Kosten sparen und später eine Neuanschaffung durchführen (vielleicht sind bis dann vermehrt Kampfdrohnen im Einsatz).

    Bei der Neuanschaffung

  4. Hallo Mark,
    vielen Dank für Deinen Kommentar. Der Vorschlag, gebrauchte F/A-18C/D von einem anderen Staat zu kaufen, taucht immer wieder auf. Während den letzten Jahren bis heute konnte ich jedoch nirgends einen Verkäufer ausmachen. Es wurde auch schon vorgeschlagen, die Schweizer F/A-18C/D Flotte solle mit weiteren neuen F/A-18C/D ergänzt werden, weil dies günstiger sei als der Kauf einer der drei evaluierten Kampfflugzeuge (was erst noch zu beweisen wäre). Boeing hat die Produktion dieses Modells jedoch eingestellt:

    The F/A-18C/D models ended production in the late-1990s having been superseded by the F/A-18E and F/A-18F Super Hornet. Current plans call for the F-18A/B aircraft to remain in service with the US Navy until about 2015 while F-18C/D models will be retired by 2020. (Quelle: Aerospaceweb)

    Mit anderen Worten: Boeing upgradet noch in Betrieb befindliche F/A-18C/D Kampfflugzeuge, neue werden jedoch nicht mehr gebaut. Beispielsweise werden die in der Schweiz zur Zeit im Einsatz stehenden F/A-18C/D Kampfflugzeuge gemäss Rüstungsprogramm 08 zwischen 2009-2015 für 404 Millionen SFr modernisiert.

    Interessant ist, dass Boeing die Ausmusterung der F/A-18C/D ab 2020 vorsieht. Das heisst nicht zwangsläufig, dass ab diesem Zeitpunkt keine Ersatzteile mehr geliefert werden, doch könnten diese bei einer weltweit abnehmenden Anzahl aktiver Maschinen teurer werden. Womöglich wird mit einem Beschaffungsentscheid um 2015 nicht nur ein neues Kampfflugzeug zur Ergänzung der F/A-18C/D Flotte thematisiert werden, sondern abgestützt auf eine “Einflottenpolitik” auch über einen Ersatz der F/A-18C/D entschieden werden müssen. Jedenfalls sind die Hersteller bereits darauf eingestellt (als Beispiel: EADS Eurofighter).

    • Urs says:

      Der entscheidende Fehler war die damalige Beschaffung des Auslaufmodells F/A-18 C/D. Bzgl. Ersatzteile sehe ich die Zukunft leider nicht ganz so rosig. Gerüchteweise hört man von Kannibalisierungen, ob es stimmt, kann ich allerdings nicht aus erster Hand bestätigen.

      Sicher ist jedoch, dass gewisse HSO in der obersten Armeeführung (oder besser: Intrigenführung) von Beginn weg mit einer Beschaffung des F-35 II Lightning geliebäugelt haben. Von diesen wurde auch der TTE für die kommenden Jahre entscheidend zum Absturz gebracht. Dies v.a., da die Bodentruppen – wie oben vom VSWW geschrieben – am Verlottern sind. Die Vor- und Nachteile des F-35 (der nie als voll stealth-fähiges Flugzeug gedacht war) wurden auf diesem Blog ja an einem anderen Ort ausführlich beschrieben. Falls es 2020 um eine Ablösung der 33 F/A-18 geht (um etwas Anderes wird es nämlich sicherlich nicht gehen – ausser die Bedrohungslage ändert sich radikal), sollte die Schweiz mit Sicherheit ein 5. Generation-Kampflugzeug beschaffen (niemand würde heute ein 486er-PC mehr kaufen, auch wenn ich mit diesem reine Textverarbeitung problemlos machen könnte). Um dies dann aber auch wirklich umzusetzen, sollten wir jetzt mit dem Äufnen eines Rüstungsfonds beginnen, andernfalls werden wir unsere Armee – gerade nach dem FIS Heer/Boden-Desaster – nie mehr modernisieren können. Rechtlich gesehen braucht es zwecks Lösung der Schuldenbremse für solche Grossausgaben eine qualifizierte Mehrheit in der Bundesversammlung, die bei solch strittigen Geschäften – dies wird eine Flugzeugbeschaffung realistischerweise immer bleiben – nur schwer zu erreichen sein wird. Aber dies bedingte eine gewisse Weitsicht, speziell der Exekutive – womit wir wieder bei der Strategie wären.

      • Hallo Urs,
        danke für Deinen Kommentar. Für die Kampfflugzeugbeschaffung von 1993 wurde nebst dem F/A-18C/D auch noch die Mirage 2000-5 und der F-16 evaluiert. Der Erstflug des F/A-18C/D fand am 3. September 1986 statt und das Flugzeug wurde in den kommenden Jahren technologisch immer wieder verbessert, bis schliesslich zum Upgrade 25 Programm, welches für die Schweizer F/A-18C/D zwischen 2009 und 2015 erfolgen soll (siehe früherer Kommentar). Auf die Aufnahme der erst als Studie oder in Entwicklung befindlichen israelischen Lavi, Saab Gripen und Dassault Rafale wurde verzichtet. Von den drei evaluierten Kampfflugzeugen war der F/A-18C/D der fortschrittlichste und kaum als Auslaufmodell zu bezeichnen. Diese Bezeichnung würde eher auf die Mirage 2000-5 zutreffen, da es absehbar war, dass sie durch die Dassault Rafale ersetzt werden wird.

  5. Remo says:

    Der VSWW als Referenz heranzuziehen ist unklug. VSWW ist ein Vehikel der PR-Agentur Farner und diese lebt (auch) von Aufträgen der Rüstungsindustrie. Beispielsweise betreut Farner die Rafale Kampagne. Ausgerechnet mit dem Argument, Frankreich habe der Schweiz schon einmal ein gutes Flugzeug verkauft. Ob die Mirage zum damaligen Zeitpunkt herausragen war oder nicht, spielt heute keine grosse Rolle mehr – jedenfalls gab es bei der Mirage Beschaffung einen riesigen Skandal im Zuge desen ein BR den Hut nehmen musste.

    Daniel Heller, Geschäftsführer beim VSWW und bei Farner träumte in früheren Dokumenten des VSWW von der Wiedereinführung der “Erdkampffähigkeit” und von präventiven Luftschlägen im Ausland. Im aktuellen Schweizer-Soldat empfiehlt er die Mobilmachung möglichst grosser Verbände im Kriegsfall und hält deswegen an der Wehrpflicht fest.

    Unglaublich aber wahr: Die GSoA scheint momentan mehr für die sinnvolle Neuausrichtung der Armee zu tun als die üblichen Verdächtigen aus dem Armee Umfeld. Das Forum Lilienberg lässt es sich nicht nehmen im heutigen Tagi ihre Vision einer “glaubwürdigen” Armee aufzuzeigen: Die Armee brauche Panzer, gepanzerte Artilerie und dergleichen mehr.

    Wohin die Reise geht zeigt uns Deutschland: Die Wehrpflicht wird gestrichen (zu teuer, kein Nutzen in aktuellen Konflikten wie Afganistan, dafür bindet die Rekrutierung grosse Kräfte in der Bundeswehr), die Panzerverbände zusammengestrichen (laut ARD will Deutschland nur 150 MBT behalten, alleine die Schweiz habe 3 x soviel). Deutschland ist in einen Krieg verwikelt, aber Bundeswehr Experten sind noch nie auf die Idee gekommen, dort MBT einzusetzen. Herr zu Gutenberg steht nicht gerade im Sold der GSoA.

    Und in der Schweiz? Die 33 FA-18 sind absolut ausreichend für die nächsten 10 Jahre. Wer sich die Mühe genommen hat, Ueli Maurers Pressekonferenz zu verfolgen, muss keine Verschwörungstheorien wälzen. BR Maurer hat bestätigt, dass die Schweiz eine Einflotten-Luftwaffe anstrebt. Dies passt Daniel Heller sicher nicht, er muss von Berufswegen jeden Franken der bei der Armee gespart wird, ausführlich betrauern.

    Die GSoA hatte aber noch nie soviel Support aus dem Armee-Umfeld wie jetzt bei der Aufhebung der Wehrpflicht. In der Schweiz ist die Situation teilweise vergleichbar mit Deutschland: Die Wehrpflicht besteht nur noch auf dem Papier, wo es keine Wehrgerechtigkeit mehr gibt, wird die Wehrpflicht sinnlos. Die peinlichen Rückzugsgefechte um den Zivildienst der SIK-N und des Schweizer-Soldats sind Spiegelfechtereien: Der Zivildienst bedroht die Armee nicht: Die Leute die in den Zivildienst gehen, liesen sich früher einfach ausmustern.

    • Hallo Remo,
      vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Der VSWW wird nicht als Referenz (für was?) herangezogen, es wurde lediglich ihr Communiqué veröffentlicht, weil es meiner Meinung nach die sicherheitspolitische Orientierungslosigkeit der Schweiz gut kommentiert. Wenn Du schreibst, dass die “GSoA […] momentan mehr für die sinnvolle Neuausrichtung der Armee [tut] als die üblichen Verdächtigen aus dem Armee Umfeld”, dann scheinst Du grundsätzlich auch eine sicherheitspolitische Orientierungslosigkeit festzustellen – oder nicht? Ausserdem macht die GSoA nichts für eine sinnvolle Neuausrichtung der Armee (jedenfalls nicht absichtlich), denn für die GSoA ist die Armee an und für sich nichts Sinnvolles – deshalb will sie die Armee ja auch abschaffen.

      Dass der VSWW für die Anliegen der Armee wirbt, dürfte niemand überraschen, einen neutralen Standpunkt zu erwarten wäre etwas naiv. Ich teile nicht alle Standpunkte des VSWW und habe beispielsweise bei deren Beitrag an der Anhörung zum Sicherheitspolitischen Bericht kritisiert, dass der VSWW die derzeitige Armee nicht hinterfragt sondern ideologisch an der Wehrpflicht und an der Miliz festhält (vgl.: “Neue Wege in der schweizerischen Sicherheitspolitik !? – Teil 3“, 12.04.2009). Ich war jedoch immer für die Beschaffung eines Tiger Teilersatz, weil ich dessen Notwendigkeit sehe. Nimmt man als Grundlage die Berechnung in “Weiterentwicklung der Luftwaffe bis 2015 – eine Strategie” von Michael Grünenfelder (natürlich ebenfalls keine neutrale Quelle), benötigt die Luftwaffe für die Wahrung der Lufthoheit und die Kontrolle des Luftraums beim Wegfall der F-5 Tiger mit den bestehenden 33 F/A-18C/D rund um die Uhr über einen Zeitraum von 2 Monaten zusätzlich 33 neue Kampfflugzeuge (niemand spricht dabei von Luftverteidigung, Erdkampf oder Luftaufklärung). In der Präsentation vom 26. August 2010 von Korpskommandant Markus Gygax, Kommandant der Luftwaffe wird sogar davon ausgegangen, dass die 33 F/A-18C/D alleine lediglich eine Durchhaltefähigkeit von 2 Wochen aufweisen (Folie 20).

      Für langfristig planbare, zeitlich befristete Raumschutz-Einsätze, wie sie etwa jährlich zugunsten des Davoser Weltwirtschaftsforums (WEF) geflogen werden, reichen die jetzigen 33 F/A-18C/D Hornet aus. In Krisenlagen, deren Entwicklung und Dauer naturgemäss nicht prognostiziert werden können, ist diese Flotten-Grösse indes zu klein. Die Durchhaltekraft im Luftpolizei-Dienst wäre nicht mehr gegeben. Zudem würde die Flexibilität im gesamten Einsatzspektrum der Luftwaffe (z. B. Luftverteidigung) drastisch eingeschränkt. […] Bei einer Einsatzdauer von jeweils einer Stunde über dem zu schützenden Luftraum und unter Einbezug von Anflug- und Rückflug-Zeiten von gesamthaft rund einer halben Stunde werden permanent 12 bis 16 Kampfflugzeuge benötigt. Weshalb? Während vier Kampfjets im Einsatzraum operieren, haben die nächsten vier für die überlappende Ablösung bereit zu sein, und wenn diese ihren Auftrag erfüllen, haben sich bereits wieder vier neue für diesen Auftrag vorzusehen. Wegen Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten sinken die Kapazitäten innert kurzer Zeit. Nach gut einem Monat stehen keine Flugzeuge für den Luftpolizei-Dienst mehr zur Verfügung. Für die 200-Stunden-Revision der F/A-18 sind neun Wochen nötig. Da die entsprechenden Standplätze bei der RUAG beschränkt sind, sind Wartezeiten unumgänglich. […] Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass stets nur etwa zwei Drittel einer Kampfflugzeug-Flotte einsatzbereit sind. Von den heutigen 33 Hornets stehen also etwa 24 für Einsätze bereit. Wenn die Schweiz, wie geplant, zirka 66 Kampfjets unterhalten wird, steigt diese Zahl auf 48. Damit würde die Durchhaltefähigkeit im reinen Luftpolizei-Dienst auf zwei Monate erweitert. — “Kleiner Luftraum – kurze Reaktionszeiten“, NZZ, 16.07.2007.

      Nicht ausser Acht gelassen darf die für eine Beschaffung benötigte Zeit. Beim F/A-18C/D stiess Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz 1985 die Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen an, die Beschaffung floss in das Rüstungsprogramm von 1992 ein und der erste F/A-18C/D wurde im Oktober 1996 an die Schweiz ausgeliefert. Beim Tiger Teilersatz wurde der erste Kontakt zu den Herstellern 2006 aufgenommen, das Projekt Tiger Teilersatz offizielle gegen Ende 2007 gestartet, die Beschaffung war für das Rüstungsprogramm 2010 vorgesehen, wäre aber mit den Verzögerungen frühestens ins Rüstungsprogramm 2011 aufgenommen worden und der operationelle Einsatz einer ersten Staffel wäre Ende 2014 / anfangs 2015 vorgesehen gewesen. Dies zeigt, dass eine Beschaffung eines Kampfflugzeuges zwischen 8-10 Jahre dauert. Mit einer Verschiebung des Geschäftes um mindestens 5 Jahre startet der Prozess mehr oder weniger wieder bei Null und damit ist ein operationeller Einsatz neuer Kampfflugzeuge bis 2020 illusorisch.

      Betreffend den momentanen Entwicklungen bezüglich der Wehrpflicht in Deutschland: ein Vergleich mit der Schweiz ist nicht möglich: Dazu haben beide Staaten nicht nur eine zu unterschiedliche Geschichte, sondern auch zu unterschiedliche Aussen- und Innenpolitik. Beispielsweise ist ein Einsatz der Deutschen Bundeswehr im Inland verboten – diese Einsätze generieren für die Schweizer Armee jedoch den grössten Aufwand (vgl.: “Statistik: Geleistete Diensttage 2009“, 06.03.2010). Ausserdem ist die Abschaffung der Wehrpflicht für die Bundeswehr von geringem Risiko, denn momentan werden nur 13-16% eines Jahrgangs zum Wehrdienst herangezogen – es handelt sich also de facto bereits um eine Freiwilligenarmee. Eher wird es in Deutschland den Zivildienst treffen. In der Schweiz liegt der Erfüllungsgrad, also der Anteil eines Jahrgangs, welcher die gesamte Dienstpflicht in der Armee erfüllt hat, bei momentan 42% 50-55% (Quelle: “Bericht des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Sicherheitspolitik der Schweiz“, Entwurf, 23.06.2010, p. 47). Damit nimmt die Schweiz verglichen mit anderen EU-Staaten nach Finnland (65% Erfüllungsgrad) den 2. Platz ein.

      Zu Deiner Aussage, dass die GSoA bei der Aufhebung der Wehrpflicht Support aus dem Armee-Umfeld habe, hätte ich gerne eine Quellenangabe. Meine tägliche Erfahrungen mit dem Armee-Umfeld zeigt mir eher das Gegenteil: die Wehrpflicht wird als sakrosankt und nur schon die Abgänge in den Zivildienst werden als schädliche Aushöhlung der Wehrpflicht betrachtet.

      • Es zeugt nicht gerade von argumentativer Stärke, wenn man wie Remo versucht, einen Absender, der einem nicht passt, zu diskreditieren, vornehmlich mit Falschaussagen, Unterstellungen und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten.

        Wie der VSWW (dem rund 50 Generalstabsoffiziere und HSO angehören) argumentiert, kann unter http://www.vsww.ch nachgelesen werden.

  6. Remo says:

    Sehr geehrter Herr Heller, ich versuche nicht sie zu diskreditieren. Aber ich halte ihre Ansichten für antiquitiert (Mobilmachung) und ich denke, dass ihre Medienmitteilung zu durchsichtig ist. Der VSWW, der ASUW und die AWM sind mit Farner PR verknüpft und Farner hat nun mal ein wirtschaftliches Interesse an möglichst hohen Rüstungsausgaben. Ihre Kunden aus dem “Wehrtechnik”-Umfeld möchten etwas verkaufen, das ist sogar legitim, die meisten Firmen müssen ihre Produkte an den Mann oder eben an die Armeen bringen um Gewinn zu erwirtschaften.

    Deshalb werfen Sie dem BR vor, er betreibe eine führungs- und konzeptlose Politik.

    Deshalb werben Sie auf der AWM Website für so unappetitliche Dinge wie Streumunition und versichern treuherzig, es sei nie ein Exportgeschäft daraus entstanden.

    Ihre Informationsstrategie ist nicht mit dem Internet-Zeitalter vereinbar. Googelt man IMI, Streumunition und RUAG, stellt man fest, dass die von Ihnen so gelobte Schweizer Streumunition in Zusammenarbeit mit der damaligen IMI aus Israel entwickelt wurde. Auf der Website der Erklärung von Bern und auf Wikipedia kann man sich sehr wohl informieren, welche Schäden diese Munition im Libanon anrichtet. Welch ein Wunder haben sich deswegen 111 Staaten in Dublin geeinigt.

    Weshalb deklariert der VSWW, der ASUW und die AWM nicht, dass ihre Büros von Farner betreut werden? Weshalb deklariert die Rafale Kampagne nicht, dass sie von Farner gemacht wird? Wohl weil die Spinn-Doctors bei Farner dies für nicht vorteilhaft halten. Ihre Strategie kanibalisiert sich selbst, weil die Leute (und besonders die Entscheidungsträger) denken, dass da jemand etwas zu verbergen hat.

    Als Direktor bei Farner haben Sie ganz andere Möglichkeiten sich zu diskreditieren als ich mittels einem Blog Komentar. Diese haben sie auch genutzt. Weniger der Umstand, dass sie versucht haben die GSoA auszuspionieren, als vielmehr Ihr Umgang damit, war echt peinlich. Ich denke, dass solche Manöver auch von Entscheidungsträgern beachtet werden, wenn einer ihrer Vereine mal wieder einen neuen Schützenpanzer fordert. Dies ist u.a. ein Verdients der GSoA.

    Abgesehen davon haben sie an der politischen Front ein Problem. Die FDP ist gerade weniger in Mode und Christoph Blocher hält mehr von echtem Wettbewerb als von Deals zwischen Staaten um die KMU’s auzulasten. Nicht einmal BR Merz hat die Kampfjets unterstützt. Das ist eine schwere Schlappe für Farner.

  7. Ich möchte darauf hinweisen, dass in den Kommentaren Links angegeben werden dürfen, so dass ein angesprochenes Dokument “klickbereit” ist und nicht extra gegooglet werden muss. Sollte deshalb ein Kommentar fälschlicherweise als Spam gekennzeichnet werden, bitte ich mich umgehend per Email zu informieren, so dass ich den Kommentar freischalten kann. Ich bitte ausserdem, dass Argumente durch Quellen belegt werden. Siehe auch “Wie verfasse ich einen Kommentar?“. Danke.

  8. Gefreiter says:

    Die Verzögerungstaktik hat insofern etwas Gutes, dass keine sinnlosen Geräte beschafft werden, welche nicht dem zukünftigen Auftrag gerecht werden. Ich will hier nicht sagen es brauche keine Kampfflugzeuge, im Gegenteil, aber deren Zweck muss klar sein.
    Jetzt dürfen sich unsere Politiker etwas Zeit nehmen und werden hoffentlich eine koherente und realistische (auch aus finanzieller Sicht) Sicherheitspolitik entwerfen. Gleichzeitig kann auch der Ersatz der Hornet in Betracht gezogen werden. Bleibt zu hoffen, dass es nicht zu lange dauert …

  9. Dein Artikel bringts wirklich auf den Punkt: Es fehlt die eindeutige Bedrohungsanalyse, also gibt es keinen klaren Auftrag, ergo keine eindeutige Organisation. In der Folge buhlt dann einfach jeder darum, möglichst viel Geld zu bekommen.

    Schlussendlich kommts runter auf die Politik: Der Sicherheitspolitische Bericht steckt im Parteigeplänkel fest, und auch wenn er publiziert wird, wird wohl nichts Definitives drin stehen. Ich fürchte, man fühlt sich heute zu behütet, als dass man sich über Bedrohungsszenarien einigen könnte.

    Gibt es denn keinen Weg, eine pro-Armee-Bewegung zu mobilisieren? Wenn die Politik versagt, werdens die Bürger schon richten. Dabei wäre eine pragmatische, strategische Ausrichtung anzustreben. Nur eine vernünftige Armeepolitik kann die Armee noch retten. Die Politik, und leider auch das Militär zu einem gewissen Grad, tun momentan ja alles dafür, die Armee abzuschaffen. Wenns nämlich so weiter geht, dann setzen sich die Leute bald nicht mehr für die Armee ein an der Urne. Und das will dann ja wirklich niemand.

  10. Coimbra says:

    Man muss einfach sehen dass die Bedeutung der Armee heute in der Gesellschaft sooo gering ist dass sich keiner mehr für die ganze Sache interessiert. Dies geht in die Politik weiter und endet wohl auch im Bundesrat. Darum ist es auch so dass ein Strategie, Konzept etc. fehlt und das Fehlen auch wiederum niemanden Interessiert. Schon nur die Aussage von Maurer in der Sonntagszeitung: «Dann wechsle ich das Departement.» macht einen doch sprachlos. Aber nicht mal sowas wird grossartig Diskutiert … weil es keinen interessiert.

    Einfach gesagt kann der Maurer so weiter wursteln und keiner würde sich desswegen aufregen. Schmid hat es ja auch nicht viel anderst gemacht nur viel in seine Zeit nicht gerade der Ersatz von Fliegern und er konnte wohl viele Probleme einfach auf später verschieben. Jetzt haben sich halt die so gehäuft dass es ein wenig auffälliger wurde … Pech für Maurer.

    Schlimm daran ist halt einfach wie populistisch und kurzsichtig die Politik heute geworden ist. Sogar der Bundesrat denkt nur noch in Amtsperioden und Departementen. Aus meiner Sicht ist so ein Verhalten eine sauerei gegenüber dem Volk. Meine ob die Armee was macht oder nicht kosten tut sie dennoch enorm viel und es wär ja nicht verboten damit was vernünftiges zu machen (ob jetzt mit dem Geld oder mit der Armee sei dahin gestellt). Zudem soll die Politik sich gefälligst auch Themen annehmen die vielleicht nicht gerade so im Trend sind aber halt zur Verantwortung gehören.

    Einfach gesagt: Heute ist es sehr “En Vogue” über Ruspartikelfilter und Öffnungszeiten von Autobahnshops zu reden aber es soll doch mal auch einer schauen dass in 20 Jahren ein durchgeknallter russischer Milliardär nicht mit dem Jet beliebig in der Schweiz rumkurven kann.

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