Buchtipp: On Nuclear Terrorism

Endlich hatte ich wieder Zeit eines der vielen Bücher aus meinem Berg der lesenswerten Büchern fertig durchzulesen. Dieses Mal handelte es sich um “On Nuclear Terrorism” von Michael Levi. Levi ist ein leitender Wissenschaftler für Energie und Umwelt sowie Direktor im Bereich Energiesicherheit und Klimawandel am “Council on Foreign Relations” in New York. Er räumt in seinem Buch mit falschen Vorstellungen über den nuklearen Terrorismus, die oft in politischen Kreisen vertreten werden, auf. Beispielsweise ist der Einsatz eines nuklearen Sprengsatzes – egal ob militärischen Ursprungs oder selber hergestellter – nicht zwangsläufig ein erstrebenswertes Ziel für eine Terrororganisation. In einer Zeit, wo wir durch die Medien beinahe täglich Bilder von Selbstmordattentäter (einfache Fussoldaten) aus dem Irak, Afghanistan, Pakistan usw. in unsere Stube geliefert bekommen, entsteht der Eindruck, dass Terrororganisationen unberechenbar und selbstzerstörerisch agieren. Ernstzunehmende Untersuchungen auf diesem Gebiet zeigten jedoch, dass dieser Eindruck nicht der Realität entspricht. Terrororganisationen schätzen nicht nur operationelle und finanzielle Risiken genau ab, sondern sind empirisch betrachtet sogar eher risikoaverse. Nicht nur muss klar zwischen den einfachen Fussoldaten, die sich auf taktischer Ebene als Selbstmorattentäter hingeben und den Planern bzw. Führern auf operativer oder strategischer Ebene unterschieden werden, sondern Terroristen sind in der Regel nur dann bereit ihr Leben zu opfern, wenn eine gewisse Erfolgschance besteht. (vgl. Paul K. Davis und Brian Michael Jenkins, “Deterrence and Influence in Counterterrorism“, RAND, 2002, 15f). Das heisst im Gegenzug, dass es auf staatlicher Seite nicht notwendig ist, ein absolut 100%ig dichtes Abwehrsystem gegen den nuklearen Terrorismus zu implementieren, sondern die Hürden und Risiken bei der Durchführung eines nuklearen Terror-Plots muss hoch genug sein, um Terrororganisationen vor der Durchführung eines nuklearen Anschlags abzuhalten.

Levi führt diese Gedanken weiter, in dem er in seinem Buch den nuklearen Terrorismus oftmals aus Sicht der Terroristen beschreibt. Er zeigt auf, dass die erfolgreiche Umsetzung eines geplanten nuklearen Terroranschlages an einer breiten Palette von Fehlerquellen scheitern kann. Er geht detailliert auf einige dieser Hürden ein und wie man sie weiter erhöhen könnte. Sollte eine Terrorgruppe einer dieser Hürden überwinden, hat sie ihr Ziel noch nicht erreicht – sollte sie jedoch an einer dieser Hürden scheitern, so ist ihr ganzer Plan gescheitert. Das Risiko des Scheiterns liegt also auf der Seite der Terroristen, was Levi mit dem “Murphy’s Law of Nuclear Terrorism” umschreibt.

Eine hohe, grundlegende Hürde stellt die Beschaffung eines militärischen, nuklearen Gefechtskopfes oder von genügend waffenfähigem Nuklearmaterial (Highly Enriched Uranium HEU oder Plutonium) zum Bau einer eigenen Bombe dar. Die Beschaffung eines militärischen Gefechtskopfes ist für Terrororganisationen mit erheblichen Risiken verbunden und deshalb als sehr unwahrscheinlich einzustufen. Nukleare Gefechtsköpfe befinden sich in der Regel in gut geschützten Lagern innerhalb von militärischen Anlagen und sind zusätzlich durch mehrere Sicherheitsmechanismen vor unbefugtem Einsatz geschützt. Da sich moderne nukleare Gefechtsköpfe technologisch von den einfachen gun-type Sprengsätzen stark unterscheiden, ist es einer Terrorgruppe nicht möglich, mit dem nuklearen Material eines geklauten Gefechtskopfes eine eigene Atombombe zu bauen. Ausserdem sind die heute gelagerten nuklearen Gefechtsköpfe relativ gross: US-amerikanische Varianten sind mindestens rund 132 kg schwer, besitzen einen Durchmesser von rund 0,3 m und einer Länge von 0,8 m. Sowjetische, britische und französische Gefechtsköpfe besitzen ungefähr die gleichen Abmessungen. Bei den restlichen Staaten mit nuklearen Waffen ist von schwereren und voluminöseren Gefechtsköpfen auszugehen (wenn auch etwas älter, ungefähre Grössenverhältnisse gibt: B. Li, “Nuclear Missile Delivery Capabilities in Emerging Nuclear States“, Science & Global Security 6:3 (1997), 311-331). Bis in die 1970er besass die USA mit dem W54 den kleinsten je produzierten nuklearen Sprengkopf (23 kg, 0,27 m Durchmesser, 40 cm lang), was einer “Suitcase Bomb” am ehesten entspricht. Solche taktische Atomwaffen scheinen jedoch weder in Waffenarsenalen der USA noch der Sowjetunion vorhanden zu sein (nur diese beiden Staaten besitzen das notwendige Know-How), denn Levi berücksichtigt diese taktischen Nuklearsprengköpfe nicht.

Es ist also wahrscheinlicher, dass eine Terrororganisation versuchen wird, genügend nukleares, waffenfähiges Material zur Herstellung einer eigenen Bombe zu besorgen. In den Lagern der Staaten – mehrheitlich in den USA und in Russland – befinden sich derzeit rund 500 Tonnen Plutonium und 1,700 Tonnen HEU. Trotzdem, auch wenn nicht alle Staaten eine nach heutigen Standards ausreichende Kontrolle über ihr nukleares Material besitzen (Levi nennt hier insbesondere China), ist kein eigentlicher Schwarzmarkt für hochangereichertes Uran oder gar Plutonium festzustellen. Gemäss der International Atomic Energy Agency (IAEA) gibt es jedoch Schmuggel und unautorisierter Besitz kleinerer Mengen nuklearem Materials. Zwischen Januar 1993 und Dezember 2006 wurden 275 Fälle aufgedeckt, jedoch nur 18 Fälle betrafen waffenfähiges Material. Die Mengen reichten in keinem der Fälle zum Bau einer Atombombe aus. Beispielsweise wurde im Februar 2006 in Georgien ein Fall aufgedeckt, bei dem 79.5 g 89%iges HEU im Spiel war. Die mengenmässig grössten Fälle waren im August 1994 in St. Petersburg, wo Diebe versuchten ca. 3 kg 90%iges HEU zu verkaufen und im Dezember 1994, als 2,7 kg 87,7%iges HEU in Prag sichergestellt wurde. Zum Bau einer Atombombe werden jedoch ca. 60 kg HEU benötigt. Der Einsatz von Plutonium durch eine Terrororganisation kann so gut wie ausgeschlossen werden, denn Plutonium ist wegen seiner stärkeren Strahlungsemission und seiner Giftigkeit wesentlich schwieriger zu handhaben – ausserdem wäre für den Einsatz von Plutonium die Umsetzung des implosion-type Design notwendig, was mit ziemlicher Sicherheit die Möglichkeit einer Terrorgruppe übersteigt.

Als weitere Hürde sieht Levi den Transport des nuklearen Materials oder des Sprengsatzes. Offizielle Grenzübergänge sind mit Strahlungsdetektoren ausgestattet. Er geht in seinem Buch auf die Zuverlässigkeit dieser Detektoren detailliert ein. Es gibt beispielsweise die Möglichkeit radioaktive Strahlung mit Blei abzuschirmen, was jedoch zu einem bedeutend höheren Gewicht führt und das Risiko entdeckt zu werden wieder erhöht. Auch die Aufteilung der radioaktiven Quelle in kleinere Einzelportionen führt zu keiner Abnahme des Risikos für Terroristen, denn die Strahlung nimmt zwar ab, doch die Wahrscheinlichkeit, dass einer der radioaktiven Portionen detektiert wird, nimmt mit der Anzahl der Portionen zu. Anhand von statistischen Daten im Bereich des Kokainschmuggels in die USA, zeigt Levi auf, dass der Schmuggel von radioaktivem Material ausserhalb offiziellen Grenzübergängen eine mögliche, aber nicht gänzlich risikofreie Alternative darstellt – ausserdem steigt das Risiko mit der Anzahl der Grenzübertritten an, was womöglich gegen den Landweg spricht.

Gun-type vs. implosion designLevi erläutert ausserdem, dass der Bau einer Atombombe, trotz gewissen öffentlich zugänglichen Dokumenten viel Know-How abverlangt. Wegen dem komplexeren Aufbau wird eine implosion-type Atombombe die Möglichkeiten einer Terrorgruppe überschreiten, so dass sie sich zwangsläufig auf das gun-type Prinzip konzentrieren müssen. Aber auch dieses Waffendesign hat seine Tücken und die Probleme liegen im Detail: Bearbeitung des nuklearen Materials, Hang zur Spontanentzündung von Uran-Pulver, Explosionsverhalten des Sprengstoffs usw. Da eine Terrororganisation keinen praktischen Testversuch durchführen kann, kann sie sich auch nach dem Zusammenbau nicht auf die Funktionstüchtigkeit der Bombe verlassen. Levi unterstreicht in seinem Buch, dass die Beschreibung des Baus einer Atombombe und die praktische Umsetzung sich stark voneinander unterscheiden.

Auch wenn eine Terrororganisation eine dieser Hürden überwinden könnte, so bildet das System aller Hürden ein derart hohes Risiko, dass es für Terrororganisationen wohl zweckmässiger ist auf andere “Mittel” zu setzen. Und in diesem Bereich sehe ich auch die grosse Schwäche in Levis Buch: er thematisiert die “schmutzige Bombe” nicht, und auch der direkte Angriff auf eine nukleare Anlage bleibt unerwähnt. Wie wir bereits hier betrachtet haben, sind dies jedoch die wahrscheinlicheren Szenarien. Somit geht Levi zwar detaillierter auf ein spezifisches Szenario ein, generiert darüber hinaus gegenüber der empfehlenswerten Arbeit von Frost (Robin Frost, “Nuclear Terrorism Post-9/11: Assessing the Risks,” Global Society 18:4 (Oktober 2004), 397-422 – leider scheint dieser Artikel nicht frei im Internet erhältlich zu sein) keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse. Trotzdem ist das Buch spannend zu lesen und für alle diejenigen empfehlenswert, die den politischen Angstmachern ein paar Fakten, die gegen eine terroristische Atombombe im Garagenbau sprechen, um die Ohren hauen möchten.

Disabusing policymakers of some basic myths about nuclear terrorism would be an important first step. Making clear that materials and weapons security, while potentially very effective, cannot be perfected opens the door to more realistic discussion of boarder defense. Realizing that there may be no such thing as a true nuclear black market [...] is the first step toward crafting policies aimed at stopping a more robust and genuine one from emerging. Understanding that building an nuclear weapon is not as simple as surfing the Internet may prompt more interest in detecting terrorist attempts to build bombs. — Michel Levi, “On Nuclear Terrorism” (Cambridge: Harvard University Press, 2007), 140f.

Bildverzeichnis
Oben rechts: Der W80-Gefechtskopf gehört zu den kleinsten nuklearen Gefechtsköpfen, die in den USA noch im Einsatz stehen (132 kg, ca. 0,3 m Durchmesser, 0,8 m Lang). Am 29. bzw. 30. August 2007 wurden von der US Air Force durch einen Fehler sechs AGM-129 ACM Missiles mit je einem W80-Gefechtskopf von Minot nach Barksdale geflogen.

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