Die USA beschiessen die Taliban mit Phosphorbomben

Artillery rounds of phosphorescence explode above Taliban positions during a battle in Musa Qala district in southern Afghanistan's Helmand province November 7, 2010. (Bildquelle: Finbarr O'Reilly/Reuters)

Artillery rounds of phosphorescence explode above Taliban positions during a battle in Musa Qala district in southern Afghanistan's Helmand province November 7, 2010. (Bildquelle: Finbarr O'Reilly/Reuters)


Als Israel zwischen Ende 2008 und 2009 während der Operation “Gegossenes BleiPhosphor-Munition einsetzte, war die Kritik in der Öffentlichkeit richtigerweise gross. Im Protokoll III der Konvention über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen vom 10. Oktober 1980 wird der Einsatz von Waffen gegen Zivile verboten, wenn sie zum Ziel haben Objekte in Brand zu setzen oder Personen Brandverletzungen zuzufügen. Phosphor wird üblicherweise zur Gefechtsfeldbeleuchtung und zur Vernebelung eingesetzt, was nicht verboten ist. Wird Phosphormunition jedoch willentlich zur in Brandsetzung von zivilen Objekten oder zur Verwundung bzw. Tötung von Zivilen eingesetzt, so verstösst dies gegen Protokoll III der Konvention (vgl.: I.J. MacLeod and A.P.V. Rogers, “The use of white Phosphorus and the law of war“, Yearbook of International Humanitarian Law, Volume 10, 2007, p. 75-97). Israel hat dieses Zusatzprotokoll nicht unterschrieben, was aber nicht heisst, dass der Einsatz von Phosphormunition in jedem Fall zulässig wäre. Gemäss humanitärem Völkerrecht dürfen weder die Zivilbevölkerung als solche, noch individuelle Zivilisten oder zivile Objekte das Ziel militärischer Angriffe sein. Auch gegenüber gegnerischen Kombattanten sind den eingesetzten Methoden und Mitteln der Kriegsführung gewisse Schranken auferlegt. So dürfen beispielsweise keine unnötige Verletzungen oder unnötiges Leiden herbeigeführt werden. Als Mass gilt die Verhältnismässigkeit und damit die Frage, ob es notwendig ist diese Waffe zur Erreichung des angestrebten militärischen Ziels einzusetzen oder ob es andere Wege der Zielerreichung gibt.

Based on its investigation of incidents involving the use of certain weapons such as white
phosphorous and flechette missiles, the Mission, while accepting that white phosphorous is not at this stage proscribed under international law, finds that the Israeli armed forces were systematically reckless in determining its use in built-up areas. Moreover, doctors who treated patients with white phosphorous wounds spoke about the severity and sometimes untreatable nature of the burns caused by the substance. The Mission believes that serious consideration should be given to banning the use of white phosphorous in built-up areas. As to flechettes, the Mission notes that they are an area weapon incapable of discriminating between objectives after detonation. They are, therefore, particularly unsuitable for use in urban settings where there is reason to believe civilians may be present. — Richard Goldston et al., “Report of the United Nations Fact-Finding Mission on the Gaza Conflict“, Human Rights Council, General Assembly, United Nations, A/HRC/12/48, 25.09.2009, p. 21.

Die USA setzten Phosphorgranaten während der Operation Phantom Fury in Falludscha ein um die Aufständischen aus ihren geschützten Stellungen zu treiben und sie anschliessend bekämpfen zu können. In offiziellen Berichten wird festgehalten, dass der Einsatz von Phosphorgranaten die Aufständischen aufschrecken und schliesslich Einsatz von Explosivgranaten für den Ausfall sorgen sollte. Der militärische Ausdruck “shake an bake” für den kombinierten Einsatz von Phosphor- und Explosivgranaten suggeriert jedoch das Gegenteil (vgl. auch Andrew Buncombe und Solomon Hughes, “The fog of war: white phosphorus, Fallujah and some burning questions“, The Independent, 15.11.2005).

WP [(White Phosphorous)] proved to be an effective and versatile munition. We used it for screening missions at two breeches and, later in the fight, as a potent psychological weapon against the insurgents in trench lines and spider holes when we could not get effects on them with HE [(High Explosives)]. We fired “shake and bake” missions at the insurgents, using WP to flush them out and HE to take them out. […] We could have used [Hexachloroethane Zinc (HC) Smoke]. We used improved WP for screening missions when HC smoke would have been more effective and saved our WP for lethal missions. — Captain James T. Cobb, First Lieutenant Christopher A. LaCour und Sergeant First Class William H. Hight, “TF 2-2 IN FSE AAR: Indirect Fires in the Battle of Fallujah“, Field Artillery, März/April 2005, p. 22-28.

Auch wenn der Einsatz von Phosphormunition zu sehr schwer zu behandelnden grossflächigen und insbesonderen tiefen Brandverletzungen und die Absorbtion der Oxidationsprodukte durch die Wunden zu tödlichen Vergiftungserscheinungen führt, verletze der Einsatz in Falludscha gemäss I.J. MacLeod und A.P.V. Rogers keine von den USA unterzeichneten internationale Rechtsvorschriften und sei deshalb zulässig. Sie argumentieren, dass der Einsatz von Phosphormunition nicht unter die Chemiewaffenkonvention falle und dass die USA das Protokoll III der Konvention über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen zu diesem Zeitpunkt noch nicht ratifiziert hatte (die USA ratifizierte diese Protokoll 2009), welches sich ausserdem nur auf Zivile und nicht militärische Ziele konzentriere.

Rechte Schulter eines 15 jährigen Palästinensers im Al-Nasser Hospital in Khan Younis im Süden des Gazastreifens. Die Wunden stammen von brennendem weissen Phosphor, der auch in den Wunden weiterbrennt und nur schwer zu löschen ist. Oxidierte Phosphorverbindungen führen ausserdem zu Vergiftungserscheinungen.

Rechte Schulter eines 15 jährigen Palästinensers im Al-Nasser Hospital in Khan Younis im Süden des Gazastreifens. Die Wunden stammen von brennendem weissen Phosphor, der auch in den Wunden weiterbrennt und nur schwer zu löschen ist. Oxidierte Phosphorverbindungen führen ausserdem zu Vergiftungserscheinungen.

Wie umstritten diese Auslegung des internationalen Rechts ist, zeigt eine rechtliche Analyse von Roman O. Reyhani, in der er darlegt, dass der Einsatz von Phosphormunition in Falludscha sowohl die Chemiewaffenkonvention (von den USA unterzeichnet und ratifiziert) sowie das Protokoll III der Konvention über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen (weil es den Angriff militärischer Ziele mit Phosphormunition in Gebieten verbietet, wo Zivile und Kombattanten nicht klar voneinander separiert werden können) verletze. Auch wenn die USA das Protokoll III zu dieser Zeit noch nicht ratifiziert hatte, verletze gemäss Reyhani der Einsatz trotzdem die Verhältnismässigkeit und somit humanitäres Völkerrecht.

In Afghanistan setzen die US-Streitkräfte bereits länger Phosphormunition ein. Im April 2009 berichtete die New York Times, dass Phosphor- und Explosivgranaten (“shake an bake”) mittels Artillerie gegen Aufständische im Korangal-Tal eingesetzt wurden. Interessanterweise beschuldigten die USA die Taliban im gleichen Zeitraum Phosphormunition einzusetzen. Major Jenny Willis, eine Sprecherin des US-Militärs hielt dabei fest, dass der Einsatz von Phosphormunition unnötiges Leiden verursache und forderte: “This pattern of irresponsible and indiscriminate use of white phosphorus by insurgents is reprehensible and should be noted by the international human rights community” (Quelle: “US accuses Afghan militants of using phosphorus“, The Guardian, 11.05.2009). Ein Artikel von David Axe im April diesen Jahres zeigte ausserdem auf, dass US-amerikanische Kampfhelikopter in Afghanistan mit Phosphorraketen ausgerüstet sind. Eine präzisierende Nachfrage ergab, dass diese Raketen als Waffe und nicht beispielsweise als Flares vorgesehen waren. Das Bild ganz oben von Reuters zeigt, dass die USA im November 2010 im Musa Qala District im nördlichen Teil der Helmand-Provinz Stellungen der Taliban mit Phosphorgranaten angriffen. Wie oben dargelegt ist der Einsatz solcher Waffen gemäss internationalen Recht umstritten, auch wenn es bei den Taliban um Kombattanten handelt. Solange es in Afghanistan keinen zivilen Kollateralschaden gibt, wird sich die Medien kaum mit dem Einsatz von Phosphormunition durch die USA befassen – es erstaunt jedoch, dass sich noch keine Menschenrechtsorganisationen und Anti-Kriegsaktivisten auf dieses Thema gestürzt haben.

This entry was posted in Afghanistan, Gaza, International, Iraq.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Comment Spam Protection by WP-SpamFree