Operation Atalanta: Schweiz vs Hochseepiraterie

Eigentlich ist der Einsatz schon beinahe beschlossene Sache: der Bundesrat will die Schweizer Hochseeflotte unter den Schutz der EU stellen und im Gegenzug stellt die Schweiz im Rahmen der Operation Atalanta Spezialkräfte, höchstwahrscheinlich aus dem Armee-Aufklärungsdetachements 10 (AAD 10) für Spezialaktionen zur Verfügung (vgl. Denis von Burg,”Schweizer unter EU-Flagge“, Sonntagszeitung, 20.12.2008). Damit würden derzeit rund max. 50 Berufssoldaten der Sonderoperationskräfte zum Einsatz kommen, über die der Bundesrat gemäss der Verordnung über den Truppeneinsatz zum Schutz von Personen und Sachen im Ausland (VSPA) verfügen kann: “Der Bundesrat entscheidet über das Gesuch und erteilt den Auftrag für den Einsatz” (VSPA Art 4.1). Diese Verordnung wurde hier bereits im Mai 2006 kritisch betrachtet. Da jedoch der Einsatz wohl bewaffnet durchgeführt und länger als 3 Wochen dauern wird, hat gemäss Militärgesetz Art. 66b.4 trotzdem die Bundesversammlung das letzte Wort in dieser Sache.

Da das AAD 10 nicht die Mittel besitzt, um auf der Hochsee Aufklärung zu betreiben und die ausschliessliche Stationierung der Schweizer Spezialkräfte auf den Hochseeschiffen selber ausgeschlossen werden kann, stellt sich die Frage, wie die Berufssoldaten des AAD 10 ausserdem eingesetzt werden könnten. Der Antrag der Bundesregierung zur Beteiligung deutscher Streitkräfte an der EU-geführten Operation Atalanta gibt uns nähere Informationen über die Operation Atalanta und damit auch über mögliche Einsätze des AAD 10: weiträumigen Aufklärung des Einsatzgebietes. Das heisst, dass Schweizer Berufssoldaten möglicherweise in Somalia selber (ich denke hier insbesondere an die Küstengebiete und Häfen) Aufklärung zu Gunsten der Operation Atalanta betreiben könnten. Grundlage hierzu schafft übrigens die UN-Resolution 1851 (2008).

“Wir wollen keine Soldaten auf den Schiffen.” — Eric André, Präsident des Verbandes Schweizerischer Seereedereien zitiert auf ORF.at. Gemäss NZZ hatte Eric André die Diskussion Mitte November angestossen, sich nun aber wieder davon distanziert.

SchiffeversenkenDie Operation Atalanta soll die vor der Küste von Somalia operierenden Piraten abschrecken und bekämpfen. Dabei soll zum einen die durch Piratenüberfälle gefährdete humanitäre Hilfe für die notleidende somalische Bevölkerung sichergestellt werden. Zum anderen soll die Operation den zivilen Schiffsverkehr auf den dortigen Handelswegen sichern, Geiselnahmen und Lösegelderpressungen unterbinden und das Völkerrecht durchsetzen. (Quelle: Antrag der Bundesregierung zur Beteiligung deutscher Streitkräfte an der EU-geführten Operation Atalanta). Kritiker der Operation Atalanta sind der Meinung, dass mit dem militärischen Einsatz nicht die Wurzeln des Problems gelöst werden und es sich lediglich um eine teure Symptombekämpfung handelt. Einerseits begünstigen die Verhältnisse in Somalia die Piraterie, weil die (nichtexistente) Staatsgewalt Somalias die Gesetzte nicht durchsetzen und somit die Piraterie nicht verhindern kann. Auf der anderen Seite ist die Piraterie eine Folge der “Raubzüge” der internationalen Fischfangflotten vor der Küste Somalias, welche den Fischern die Existenzgrundlage beraubten. Europäische Fischfangflotten nutzen seit dem Zusammenbruch der somalischen Zentralregierung Anfang der 90er Jahre das Fehlen einer Küstenwache und überfischen das Meer vor Somalia. (Vgl. Die Presse, “Illegale Fischerei profitiert von EU-Einsatz am Horn von Afrika“, 20.11.2008). Die UN schätzt, dass die illegale Fischerei vor der Küste Somalias einen jährlichen Schaden von rund 300 Millionen US-Dollar verursacht (Quelle: Greenpeace, “Pirate fishing“). Greenpeace versuchte bereits 2006 auf dieses Problem aufmerksam zu machen und rief die EU auf, rechtliche Schritte dagegen zu unternehmen – ohne Erfolg. Im Gegenteil sind nun auch diese Fischfangflotten Nutzniesser der Operation Atalanta. Aus Frustration über die leergefischten Fanggründe begannen Mitte der 90er Jahre einzelne Somalis von den Eindringlingen “Steuern” und “Fanglizenzen” zu kassieren. Dies ist auch der Grund weshalb sich einige Piratengruppierungen “Somali Marines” oder “National Volunteer Coast Guard” nennen. Insgesamt sind rund tausend Personen mit dem Piratengeschäft involviert. Von den Geldern, die durch die Aktivitäten der Piraten in die arme Küstenregion fliessen, profitieren jedoch ganze Städte und Dörfer. Alleine zwischen November 2007 bis November 2008 erpressten die Somalischen Piraten rund 150 Millionen US-Dollar. Eine politische Agenda haben die Piraten nicht. (Quelle: Claudia Haydt, “Maritimes Säbelrasseln“, Junge Welt, 05.12.2008)

Chinesischer Matrose vs PiratenRechtlich befindet sich die Operation Atalanta in einer Grauzone. Formal stützt sich die EU-Mission auf das Seerechtsübereinkommen und die UN-Resolution 1816 (2008). Artikel 105 des Seerechtsübereinkommen ermöglicht die Piratenbekämpfung jenseits der Zwölf-Seemeilen-Zone. Die UN-Resolution 1816 vom 2. Juni 2008 erweitert das Recht der Pirateriebekämpfung auf die Küstengewässer vor Somalia. Auch wenn die Resolution explizit feststellt, dass hier kein neues Gewohnheitsrecht geschaffen werden soll, ist doch zu befürchten, dass genau diese Aushebelung von staatlicher Souveränität als “Lösung” auch für zukünftige Konfliktkonstellationen angewandt wird (Quelle: Claudia Haydt, “Maritimes Säbelrasseln“, Junge Welt, 05.12.2008). Mit der Resolution 1816 ermöglicht der Sicherheitsrat einen Einsatz gegen Piraten nach Kapitel VII der UN-Charta – also mit friedenserzwingenden Massnahmen, was laut Militärgesetz Art 66a.2 für die Schweiz ausgeschlossen ist. Die Voraussetzung für friedenserzwingenden Massnahmen ist eine Bedrohung des internationalen Friedens – zweifelhaft, ob das für die Piraterie zutrifft, denn bei der Piraterie handelt es sich eher um eine Form der organisierten Kriminalität. Womöglich sind also militärische Mittel gegen die Piraterie vor den Küsten Somalias die falsche Antwort.

The French undoubtedly see the fight against piracy as an ideal venue for the application of EU military force. To put it crudely, nobody likes pirates, and nobody—legal niceties aside—really minds too much if you shoot them. Pirates represent a classic “enemy of humanity,” such that few of the messy questions associated with peacekeeping and peace enforcement (who’s the bad guy, are we doing more harm than good, and so forth) arise. Pirates excepted, everyone benefits from cracking down on piracy. And though pirates do shoot back, they present no serious challenge to a modern naval warship, meaning that the EU pays no price in blood. If the EU can conduct successful antipiracy operations, the military prestige of the organization will grow both inside and outside Europe. — Robert Farley und Yoav Gortzak, “Europe vs. the Pirates“, Foreign Policy, Dezember 2008.

Hauptquelle
Claudia Haydt, “Maritimes Säbelrasseln“, Junge Welt, 05.12.2008

Bildverzeichnis
Mitte rechts: Pech gehabt! Die indische Marine versenkte am 18.11.2008 im Golf von Aden die “Ekawat Nava 5“. Beim vermeintlichen “Piraten-Mutterschiff” handelte es sich um ein Handelsschiff / Fischerboot mit 16 Mann Besatzung.
Unten links: Glück gehabt! Ein chinesischer Matrose wehrt sich mit Molotov-Cocktails gegen Piraten. Nachdem die Piraten das Schiff gestürmt hatten, schloss sich die Besatzung im Innern des Schiffs ein. Als zwei Helikopter eines malaysischen Kriegsschiffs das Feuer auf die Piraten eröffnete, flüchteten diese von Bord. Hier findet man die ganze Story mit einigen Bildern.

Weitere Informationen

Update vom 28.12.2008
Erste (öffentliche) Details zu einem möglichen Einsatz: Tagesanzeiger, “Schweizer Soldaten sollen «im Notfall» Piraten töten“, 28.12.2008.

Update vom 11.01.2009
Im “Der Club” vom 06.01.2009 diskutierten Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, Parteipräsident CVP Christophe Darbellay, FDP-Nationalrat und Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates Peter Malama, Kapitän und Reederei-Gründer Stefan Sip und der Seemann Roger Witschi über einen möglichen Einsatz der Schweizer Armee zu Gunsten der Operation Atalanta und/oder über die Stationierung von Schweizer Soldaten auf Schweizer Handelsschiffen. Leider war der Moderator Matthias Aebischer thematisch etwas überfordert, so dass er es verpasste Bundesrätin Calmy-Rey zu fragen, welche Leistungen die Schweiz konkret der EU anbieten müsste, um bei der Operation Atalanta teilnehmen zu können. Während der Diskussion wurde von Seiten der Bundesrätin Calmy-Rey jedoch der Eindruck vermittelt, dass mögliche und verlangte Leistungen mit der EU noch gar nicht erörtert wurden. Sehr interessant waren die Erfahrungen des Kapitäns und Reederei-Gründers Stefan Sip. Die Frage, wie oft er bereits von Piraten angegriffen wurde, konnte er nicht beantworten, da der Unterschied zwischen einem Piratenboot und einem Fischerboot sehr schwer festzustellen sei. Er sieht darin das Hauptproblem beim Einsatz von Soldaten auf Handelsschiffen, denn die stationierten Soldaten müssten präventiv bei annähernden Piraten zum Einsatz gelangen. Gemäss seiner Auffassung sei die Gewaltaustragung auf den Schiffen selber inakzeptabel. Bundesrätin Calmy-Rey vertrat den Standpunkt, dass eine Stationierung von Schweizer Soldaten auf den Handelsschiffen eine abschreckende Wirkung entfalten würde und liess durchblicken, dass sie sich eine Auseinandersetzung zwischen Piraten und Soldaten an Board eines Schiffes nicht vorstellen könne. Auf eine solche abschreckende Wirkung dürfe man sich gemäss Stefan Sip je länger desto weniger verlassen, denn die somalischen Piraten seien im Gegensatz zu den klassischen Piraten gut ausgerüstet, würden sogar während des Tages angreifen und seien auch eher bereit ein Risiko einzugehen. Im Gegenteil könnte die Stationierung von Soldaten auf den zu schützenden Handelsschiffen sogar zu einer gewissen Eskalierung führen. Für den kürzlich freigelassene Tanker “Sirius Star” konnten die Piraten drei Millionen US-Dollar erpressen (bevor sie mit ihrer Beute in einem Sturm kenterten und untergegangen sind). Für ein somalischer Pirat könnten solche Summen durchaus ein Anreiz zu einer höheren Risikobereitschaft darstellen. Peter Malama unterstrich in der Diskussion, dass bei einem Einsatz von Soldaten auf Handelsschiffen vom Worst-Case-Szenario, der Einsatz von Gewalt zur Verteidigung eines Schiffes, auszugehen sei.
Die Diskussion war wegen der schwachen Moderation und den fehlenden Gegner eines Einsatzes eher fade. Das Geschäft wird wohl voraussichtlich in der nächsten Session des Parlamentes vom 2.-20. März 2009 behandelt werden. Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln: gemäss Bundesrätin Calmy-Rey sei Somalia “das Ideal der SVP – es gibt in Somalia keinen Staat”.

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11 Responses to Operation Atalanta: Schweiz vs Hochseepiraterie

  1. Tom says:

    Sinn macht es kaum die Schweizer Armee in einer solchen Aktion zu beteiligen. Keine Erfahrung im scharfen Einsatz!

  2. Wieso kann die ausschliessliche Stationierung von Schweizer Soldaten auf Schiffen der Schweizer Hochseeflotte ausgeschlossen werden?

    Das ist das Einzige was ich mir vorstellen kann. Eine Stationierung auf fremden Hoheitsgebiet kann ich mir für eine Armee eines neutralen Landes nicht vorstellen. Abgesehen davon sollen ja nicht nur somalische Piraten sondern auch jemenitische am Horn von Afrika ihr Unwesen treiben. Wo wollen unsere Sonntagsstrategen hier ihre Zinnsoldaten aufstellen? Im Jemen oder auf im Kriesengebiet Somalia??? In Somalia haben sie tote US-Soldaten durch die schmutzigen Strassen zerbomter Städte geschleift. Weder eine Stationierung in Somalia noch eine im Jemen erscheint mir sinnvoll zu sein.

    Das die Schweizer Armee im Gegensatz zu den somalischen Piraten keine Hochseetauglichen Schiffe besitzt, ist mir klar. Es wäre jedoch eine unehrenhafte Schande, wenn die Armee eines eigenständigen Staates die Hilfe fremder Mächte in Anspruch nehmen müsste. Entweder taugt unsere Armee etwas und ist in der Lage autonom zu agieren oder aber wir sollten sie abschaffen und professionellere fremde Mächte mit dem Schutz unserer Heimat betrauen.

    Zum Rechtlichen: Wie sieht es mit dem Recht auf Selbstverteidigung aus? Ist es der Schweizer Soldaten, die sich an Bord eines Schweizer Frachter befinden erlaubt Angriffe auf Schiffe der Schweizer Hochseeflotte abzuwehren? Wird im juristischen Sinn zwischen aktiver Bekämpfung und passiver Notwehr unterschieden?

    @Tom, es wird Zeit, dass unsere Schönwettersoldaten endlich mal Erfahrung sammeln. Es macht Sinn Schiffe der Schweizer Hochseeflotte zu verteidigen. Selbst dann, wenn sich nur 6 Schweizer an Bord dieser Schiffe befinden und er Rest Ausländer sind.

    Allerdings müsste die Hochseeflotte den Staatsdienst vollumfänglich bezahlen. Es kann nicht sein, dass der Steuerzahler für die Sicherheit bezahlen und die Reeder dann die Gewinne einstreichen. Abgesehen davon müssten sie den Piraten im Worst Case auch Lösegeld in Millionenhöhe zahlen wenn sie ihre Schiffe wieder zurückhaben wollten und können somit auch Geld für ihre Sicherheit locker machen. Die müssen sich nun halt einfach ausrechnen was günstiger für sie ist.

  3. Hallo Alexander,

    danke für Deinen Kommentar. Zur Zeit ist über den möglichen Einsatz Schweizer Soldaten vor den Küsten Somalias noch vieles unklar – viele Thesen sind reine Spekulationen.

    Ich denke auch, dass Schweizer Soldaten auf den Handelsschiffen stationiert werden könnten, jedoch bin ich wegen den unten aufgeführten Punkten der Meinung, dass eine ausschliessliche Stationierung der Schweizer Spezialkräfte auf den Hochseeschiffen selber ausgeschlossen werden kann:

    1. Aus der Sicht der Handlungsfreiheit ist die ausschliessliche Stationierung von Soldaten auf Schiffen taktisch nicht befriedigend. Wie bereits Bundesrätin Calmy-Rey betonte muss die Sicherheit in internationaler Zusammenarbeit erfolgen. Nur schon das Absetzen und Abholen der Soldaten auf bzw. von den Handelsschiffen kann die Schweiz kaum autonom durchführen.
    2. Eine Zusammenarbeit mit der EU ist nicht “gratis”. Wenn die Schiffe (zusätzlich) in einem durch die EU gesicherten Konvoi mitfahren wollen, muss sie eine Gegenleistung erbringen, die über die blosse Stationierung von Soldaten auf den eigenen Handelsschiffen hinausgehen wird. Bei solchen internationalen Kooperationen werden von der Schweiz so genannte “High Value Assets” gefordert. Bei den Spezialeinheiten des AAD 10 liegen diese in den Aufklärungs- und Spezialeinsätzen auf dem Land (das muss nicht zwangsläufig eine “Stationierung” sein). Denkbar wären natürlich auch logistische Leistungen oder der Einsatz von Helikoptern (wobei diese jedoch nicht kampftauglich sind) – davon gelesen habe ich jedoch noch nichts. Der Einsatz von Armeetauchern oder Teile der Motorbootkompanie 10 halte ich wegen der Ausrüstung und der Ausbildung eher für unwahrscheinlich.

      Die EU ist bereit – so haben Abklärungen des Aussen- und Verteidigungsdepartementes ergeben -, Schweizer Schiffe zu schützen. Sie erwartet aber von der Schweiz eine Beteiligung an der Aktion. Denkbar ist ein Einsatz des Armee-Aufklärungsdetachements 10. Diese Berufstruppe ist für Spezialaufträge ausgebildet und ausgerüstet. — Denis von Burg, “Schweizer unter EU-Flagge“, Sonntagszeitung, 20.12.2008.

    3. Der Verbandes Schweizerischer Seereedereien sprach sich gegen die Stationierung von Soldaten auf den Schiffen aus. Es wurde die Befürchtung geäussert, dass eine Stationierung von Soldaten auf den Schiffen zu einer Eskalation der Lage beitragen könnte.

     
    Was das geographische Einsatzgebiet angeht, so deckt die UN Resolution 1816 unterhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone nur die Küstengebiete Somalias ab. Mir ist keine UN Resolution bekannt, die einen Einsatz in Jemen legitimieren würde.

    Quote: “Entweder taugt unsere Armee etwas und ist in der Lage autonom zu agieren oder aber wir sollten sie abschaffen und professionellere fremde Mächte mit dem Schutz unserer Heimat betrauen.”

    Naja, der “Schutz unserer Heimat” und der Schutz der “Schweizer Hochseeflotte” unterscheiden sich meiner Meinung nach deutlich.

    Zum Rechtlichen: Eine verhältnismässige Verteidigung der Schweizer Handelsschiffe jenseits der Zwölf-Seemeilen-Zone (in internationalem Gewässer) durch Schweizer Soldaten ist möglich. Handelsschiffe in internationalem Gewässer unter Schweizer Flagge sind wie Schweizer Territorium zu betrachten. Eine Teilnahme an der Operation Atalanta (und auf das gehen Couchepins Äusserungen hinaus) ist jedoch mehr als blosse Selbstverteidigung. Normalerweise fallen unter das Kapitel VII der UN Charta die friedenserzwingenden Massnahmen, an denen die Schweiz aus rechtlichen Gründen nicht teilnehmen kann. Wie ich bereits im Artikel mit “Grauzone” angedeutet habe, kann man das (schwammige) Völkerrecht jedoch verschieden auslegen. Das heisst, dass die speziellen Umstände des Einsatzes oder womöglich Einschränkungen bei der Beteiligung der Schweiz für eine abschliessende Analyse berücksichtigt werden müssen. So beteiligte sich die Schweizer Armee auch mit zwei Stabsoffizieren bei der ISAF, wenn auch der Charakter des Afghanistaneinsatzes zusehends kontrovers wurde.

    Dem Vernehmen nach gab es im Bundesrat jedoch grosse Vorbehalte in Bezug auf die Rechtmässigkeit eines bewaffneten Einsatzes gegen die Piraten. Namentlich Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf soll bezweifelt haben, dass das Militärgesetz einen derartigen bewaffneten Einsatz im Ausland erlauben würde. — NZZ, “Zugespitzte politische Piraterie“, 23.12.2008.

  4. Frosch says:

    Schweizer Soldaten in Somalia im Einsatz? Ich sehe da noch ein paar Einwendungen auf das Vorhaben zukommen. Zwei Dinge stimmen mich aber bereits jetzt sehr nachdenklich:

    1. Offensichtlich wurden in diesem Fall vom Bundeshaus aus wieder mal praktisch vollendete Tatsachen geschaffen, die dann vom Parlament nur noch druchgewunken werden sollen. Und das in einem Fall der rechtlich einen Haufen Fragen aufwirft. Allein der Umgang mit den Piraten ist absolut unklar. Denn nicht in jedem Fall werden sich die Piraten einfach abschrecken lassen und von ihrem Ziel ablassen.
    2. Es stört mich, dass in diesem Fall offensichtlich das Aussendepartement die Führung über das VBS übernommen hat. Selbst über die militärischen Aspekte einer Beteiligung wird ausschliesslich von sogenannten “Experten” aus dem EDA. (Siehe hierzu auch die NZZ am Sonntag vom 28.12.2008) Schmid scheint seinem Nachfolger noch ein faules Ei ins Nest legen zu wollen. (Randbemerkung: Einfach nur eine weitere Fehlleistung seiner katastrophalen Amtszeit!)

    Das Argument übrigens, dass allein die Anwesenheit von bewaffneten auf einem Schiff die Piraten fernhalten soll zieht übrigens auch nicht. Denn erstens werden sie sich nur solange davon abhalten lassen Schiffen anzugreifen, als nicht eine Mehrheit der Reeder beschliesst bewafneten Schutz für seine Schiffe einzusetzen. (Es gibt bereits jetzt Schiffe die von privaten Firmen beschützt werden. Ganz abgesehen davon, dass die eine oder andere Firma auf die Idee kommen wird, ihr Angebot für Schutz auf hoher See auszubauen.)Und zweitens lassen sich die Seeräuber nicht mal unbedingt von Geleitschutz für Frachter abhalten sie anzugreifen. So geschehen Mitte Dezember als ein Rudel von von Piraten einen Frachter attackierte der von einer italienischen Fregatte begleitet wurde.

    Auch wenn das Mandat befristet ist stellt sich doch die Frage nach den Zielen der Operation. Der Schutz der Schiffe ist eine Sache. Aber letztendlich wird sich das Problem der Seeräuberei nur in Somalia selbst lösen lassen. Aber es scheint niemanden zu geben, der die Proble dort ernsthaft anpacken will.

    Für mich sieht das Schweizer Angebot einer Beteiligung an Operation ATALANTA nach nichts anderem aus, als sich wieder mal bei Der EU anzubiedern!

  5. Frosch says:

    Mich würde interessieren, ob Frau Calmy Rey immer noch mit so viel Herzblut für den Anti-Pirateneinsatz werben würde, wenn das Komando über die EUNAVFOR Somalia / Operation Atalanta an die NATO übergehen würde, wie dies der aktuelle Spiegel berichtet(Nr. 4/2009, S. 19). Die “NATO-Militärs arbeiten mit Hochdruck an Plänen, die Pirateriebekämpfung weltweit als Aufgabe der Allianz auszurufen; und Washington versuch, die Piratenjagd unter US-Kontrolle zu bringen.” Dazu haben die USA sogar eigens eine neue Task Force TF-151 gebildet.

  6. Die Schweiz sollte sich Kampfhubschrauber anschaffen. In Frage käme z.B. der Eurocopter Tiger.

    Damit könnte man Piraten locker bekämpfen. Das Armee-Aufklärungsdetachement 10 käme hingegen nicht in Frage. Viel zu teuer, viel zu viele Männer.

    Ein Kampfhubschrauber kann gleichzeitig mehrere Schiffe verteidigen. Er kann auf den Frachtern landen und dort aufgetankt, aufmunizioniert und gewartet werden. Er kann von Frachter zu Frachter fliegen. Der Eurocopter Tiger benötigt einen Piloten, einen Feuerleitoffizier und Mechaniker für die Wartung, das aufunizionieren bzw. das Auftanken.

    Mehr Infos hier:
    http://www.dailytalk.ch/eurocopter-tiger-effiziente-verteidigung-gegen-piraten/

  7. Gefreiter says:

    @Alexander Müller
    Aha, die Schweiz soll also Kampfhubschrauber anschaffen? Das ist ganz bestimmt billiger als das Aufklärungsdetachement, nicht wahr? Ein Tiger kostet ca. $48 Millionen/Stück.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Eurocopter_Tiger

    Man könnte natürlich die M-Budget Version zu $10.7 Millionen/Stück wählen. Sinnvoller und vor allem billiger als ein Detachement wird es deswegen nicht.
    http://en.wikipedia.org/wiki/AH-1_SuperCobra#cite_note-0

    Ich hoffe sie sind nicht für die Beschaffungen in der Schweizer Armee zuständig, sonst werden sie ja noch sowas vorschlagen, weil billiger:
    http://en.wikipedia.org/wiki/USS_Abraham_Lincoln_(CVN-72)

    Nein, wenn wir günstig fahren wollen, dann schicken wir gar nichts nach Somalia. Unserer Neutralität würde es jedenfalls nicht schaden.

  8. Pingback: Offiziere.ch » Pirates of Somalia

  9. Pingback: Offiziere.ch » Neulich beim AAD 10: Übung 1 - Piraten-Jagen

  10. Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik ist nicht einverstanden mit der These, dass die Piraterie in Somalia eine Folge der “Raubzüge” des internationalen Fischfangs oder illegaler Müllentsorgung sind. Gemäss ihrer Einschätzung handelt es sich um klassische kriminelle Netzwerke und Warlords-Strukturen, die sich auf die See verlagert haben. Gerade der illegale Fischfang und Müllentsorgung vor der Küste Somalias seien mit Absprache und durch Finanzierung dieser kriminellen Netzwerke und Warlords von statten gegangen. (vgl. Thomas Wiegold, “Kein Platz für Robin Hood”, Focus Online, 26.03.2009)

  11. Witschi says:

    Wer hat die Befehlsgewalt über ein Schiff? Der Kapitän und seine Offiziere mit Sorge um Mannschaft, Umwelt, Ladung und Schiff (in dieser Reihenfolge!), oder Soldaten im Kampf gegen Piraten?
    Kampfhelikopter! Aufmunitionieren, an Bord!
    Jesses, was noch? Vielleicht Torpedos und Lenkraketen? Wer selber noch keine Helikopteroperationen auf hoher See durchgeführt hat, soll besser nicht darüber reden.
    Ein Schiff ist an sich schon, ohne zu fahren, und ohne Piraten, eine sehr gefährliche Angelegenheit, bedient und überwacht von Leuten mit Geldsorgen und teilw. miserabler Qualifikation. Und sie sind allein… vielleicht knapp zu 16 auf einem 300m-Tanker. Was erwartet man?

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