New Orleans – ein Nachruf

New Orleans liegt im Mississippi-Delta und hat ca. 490’000 Einwohner – mit den Agglomerationen beträgt die Bevölkerung 1.3 Millionen Menschen. Bei ihrer Gründung bebauten französische Siedler ein kleines, etwas höher gelegenes Stück Land, das heute als „French Quarter” bekannt ist und das nun wie eine trockene Insel aus dem überschwemmten Gebiet herausragt. Das gesamte Delta ist ein mehrere hundert Meter tiefes Moor, welches sich durch sein eigenes Gewicht verdichtet und wodurch die Landoberfläche unter den Meeresspiegel sinkt. Seit dem der Mississippi von den Franzosen und anschließend vom U.S. Army Corps of Engineers eingedeicht wurde, liegt der Wert für das Gebiet von New Orleans bei etwa acht Millimeter pro Jahr. 70 % der Stadt liegen heute bis zu 2 Meter unterhalb des Meeresspiegels und damit auch unterhalb des angrenzenden 1600 m² großen See Pontchartrain (ungefähr drei Mal so gross wie der Bodensee), der über eine Meerenge mit dem Golf von Mexiko verbunden ist. Gegenüber dem Fluss im Süden liegt ein neun Meter hoher Damm und gegenüber dem See im Norden ein fünf bis sechs Meter hoher Damm. Dadurch hat der Stadtumriss die Form einer Sichel und New Orleans wird deshalb als „Die Sichelstadt“ (im engl. Original The Crescent City) bezeichnet.
Eine detaillierte Sattelittenaufnahme des überschwemmten New Orleans findet man hier (16 MB). Weitere Informationen über Geschichte, Kultur und Sehenswürdigkeiten findet man auf Wikipedia.

Man kann davon ausgehen, dass der ungefähr 100m lange Dammbruch beim See Pontchartrain und der Riss beim Kanaldeich beim Mississippi in den nächsten Wochen repariert werden. Wie das Wasser jedoch effektiv aus der Stadt entfernt werden kann, steht noch offen. Ob die Bausubstanz, die sich bis dann eventuell Monate unter Wasser befand, überhaupt noch brauchbar ist, muss sich zeigen. Eine Zusammenstellung der nun bevorstehenden Arbeiten sind in einem umfangreichen Artikel der Zeit zusammengefasst. Darin werden auch erste kritische Stimmen laut:

Zu wenige und mangelhaft konstruierte, kritisiert der Wasserbauer Köngeter. “Es ist unerklärlich, wie eine Stadt mit 470.000 Einwohnern so schlecht gegen Hochwasser geschützt sein kann.” Zumal Hurrikans in der Region kein unerwartetes Ereignis sind und auch der Mississippi häufig mächtige Hochwasser führt. Das Argument, eine solch exponierte Lage sei schwer zu schützen, lässt Köngeter nicht gelten. “Vierzig Prozent der Niederlande liegen unter dem Meeresspiegel. So eine Überflutung hat mit schwachen Deichkonstruktionen und Planungsproblemen zu tun.” Wer beispielsweise nur die Deiche erhöht, muss damit rechnen, dass das Wasser davor immer höher steigt, weil es keinen Ausweg findet. Deshalb haben die Holländer das ganze Land in Deichringe eingeteilt. Bricht ein Damm, läuft nur ein bestimmtes Gebiet voll. Die anderen Flächen bleiben trocken. New Orleans ist dagegen nur von einem einzigen Außendeich umgeben. “Wie man sieht, reicht eben nicht aus, nur eine Schleuse oder ein Siel zu bauen”, sagt Köngeter. Überall an der niederländischen und deutschen Nordseeküste habe man nach den verheerenden Sturmfluten von 1953 und 1962 Ringe und zweite Deichlinien gezogen. “Man kann nicht jede Katastrophe verhindern. Beschränken kann man sie schon.”

New Orleans wurde 1965 schon einmal verhehrend von einem Hurrikan (Betsy) und anschliessender Überflutung heimgesucht, daraus gelernt hat man aber anscheinend nicht. Zur Zeit hat die Bevölkerung andere Sorgen, aber irgendwann werden sich die betroffenen Fragen, ob die Politik im Land versagt hat und wohin das ganze Geld, das man für solche innenpolitische Aufgaben verwenden könnte, hinfliesst – harte Zeiten für die Bush Administration. (Siehe dazu ein Spiegel-Artikel und ein Eintrag im armeefreundlich eingestellte Blog Defense Tech). Zynisch könnte man anmerken, dass die amerikanischen Truppen nicht ins Ausland müssen um irakische Verhältnisse anzutreffen: die Plünderungen und die ansteigende Gewalt ist unbegreiflich. Dass sich Menschen, die Hunger und Durst haben, in einem Wall Mart mit dem Notwendigsten eindecken, ist ja verständlich – dass sich jedoch Plünderer in Mitten dieser Katastrophe mit allerlei Konsumgut davonstehlen, ist einfach unbegreiflich. Wie dieser Artikel zeigt, wurden sogar Hilfseinsätze behindert.

Eine Zusammenstellunge von Blogs direkt von Betroffenen findet man hier.

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