Der Nordkosovo lässt sich nicht integrieren

Ein Gastbeitrag von H. Ebert

Die Unruhen im Nordkosovo Ende Juli 2011 zeigten der Öffentlichkeit für eine sehr kurze Zeit die latent ungelösten Problem im Kosovo auf. Die Situation war weder vor noch nach den Unruhen stabilisiert. Mit der Ankündigung Pristinas mit Hilfe der EULEX die Kontrolle an den Übergängen Brnjaks (Gate 31) und Jarinje (Gate 1) zu übernehmen und mit dem Transport von kosovo-albanischen Polizeioffizieren an diese Übergänge am 16.09.2011 sind erneut Unruhen im Nordkosovo ausgebrochen. Momentan konzentriert sich die kosovo-serbische Bevölkerung auf die Blockierung aller Zufahrtsstrassen in den Nordkosovo und auf die Blockierung der beiden Übergänge. Die angespannte Lage könnte jedoch schnell ausser Kontrolle geraten und die International Crisis Group attestierte bereits anfangs September – das erste Mal seit 2008 – eine Verschlechterung der Lage (vgl. Kosovo in the Crisis Watch Database).

Once you put custom officers, then you will put a flag, then you will put a coat of arms, then you will put so-called Kosovo laws, and then people who live here will be circled by something that looks like the state of Kosovo state. — Borislav Stefanović, serbischer Chef-Unterhändler bei den Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina, zitiert auf “Ethnic Serbs battle isolation as Kosovo reinforces northern border“, RT, 17.09.2011.

 
Faktische Staatszugehörigkeit des Nordkosovos
Im Nordkosovo (insbesondere in den Bezirken Leposavič, Zubin Potok, Zvečan und im Stadteil Mitrovica Nord) leben beinahe ausschliesslich Kosovo-Serben, die sich selber als “echte” Serben betrachten und dementsprechend eine Eingliederung in den kosovarischen Staat ablehnen. Gemäss OSCE leben in Leposavič 97% Kosovo-Serben und rund 1% Kosovo-Albaner, in Zubin Potok 94% Kosovo-Serben und 6% Kosovo-Albaner, in Zvečan 94% Kosovo-Serben und rund 2% Kosovo-Albaner sowie in Mitrovica Nord 85% Kosovo-Serben. Bis dahin haben sich diese Kosovo-Serben erfolgreich gegen eine Integration in den kosovarischen Staat gewehrt. In den oben genannten Bezirken existieren lokale Regierungen, dessen Vertreter serbischen Parteien zugehören, ein serbisches Schulsystem pflegen, eine von Serbien getragene medizinische Versorgung aufweisen, eine von Serbien gespeisten Stromversorgung (welche qualitativ besser funktioniert als im restlichen Kosovo) unterhalten, Fahrzeuge mit serbischen Nummernschildern (wenn überhaupt vorhanden) führen und Läden mit ausschliesslich aus Serbien stammenden Produkten besitzen.

Verglichen mit dem restlichen Kosovo fliessen von Pristina oder von den internationalen Organisationen so gut wie keine Gelder in den Nordkosovo. Ganz anders sieht dies mit der finanziellen Unterstützung Nordkosovos durch Serbien aus. Hauptsächlich für Löhne, Pensionsgelder, öffentliche Bauten, Schule, medizinische Versorgung, Strassenbau und andere infrastrukturelle Projekte finanzierte Serbien zwischen 1999 und ca. 2009 durchschnittlich eine halbe Milliarde Euro pro Jahr, was mittlerweile jedoch auf rund In northern Kosovo, you can see only Serbian flags, which show the true belonging of the people. A shop displays Serbian flags in northern Mitrovica on May 10, 2008 in Mitrovica, Kosovo. (Photo: Samuel Aranda/Getty Images)200-250 Millionen Euro reduziert wurde (Quelle: “Serbien: Seit 1999 knapp 6 Mrd. Euro für den Kosovo“, OÖNachrichten, 24.03.2011; Loic Poulain, “Kosovo-Serbia Talks: Moving Forward?“, CSIS, 22.03.2011; “North Kosovo: Dual Sovereignty in Practice“, International Crisis Group, Europe Report Nr.211, 14.03.2011, S.4).

Nicht nur deshalb ist die Staatszugehörigkeit des von Kosovo-Serben bewohnten Nordkosovos höchst zweifelhaft. Gemäss der klassischen Lehre muss sich ein Staat aus einem Staatsvolk auf einem Staatsgebiet unter einer effektiven und unabhängigen Staatsgewalt organisieren (Drei-Elemente-Lehre von Georg Jellinek). Die grösste Bedeutung unter den genannten Kriterien kommt dem Element effektiver Staatsgewalt zu. Sie beinhaltet zum einen die Fähigkeit, auf dem Staatsgebiet eine Ordnung zu organisieren und durchzusetzen, zum anderen impliziert sie die Fähigkeit zu unabhängigem Handeln im Aussenverhältnis (Quelle: Christian Schaller, “Sezession und Anerkennung“, SWP Studie, S 33, Dezember 2009, p. 12). Dies ist nur dann gegeben, wenn sich bei einer Sezession der neu entstandene Staat vom Einfluss des Mutterstaats befreien konnte und nunmehr selbst die Kontrolle über das betroffene Territorium ausübt. Bis anhin übt Pristina keine Kontrolle über den Nordkosovo aus, so dass dieses Kriterium nicht erfüllt ist.

The limits of its [(Kosovos)] sovereignty are clear. The presence of the international community on the ground is strong, while its role will be intrusive in all of the more delicate and significant sectors, especially when facing any real but manageable risks for regional stability. — Stellungnahme Italiens im UN-Sicherheitsrat, VN-Dok. S/PV.5839, 18.02.2008, p. 10.

Auch das Kriterium des vorhandenen Staatsvolks lässt Zweifel an einer kosovarischen Staatszugehörigkeit aufkommen. Es existiert zwar keine verbindliche Definition des Begriffs “Volk”, in der Praxis jedoch wird auf bestimmte subjektive und objektive Kriterien abgestellt, die zusammengefasst ein Volk auszeichnen. Massgeblich sind Selbstidentifikation, territoriale Zusammengehörigkeit, gemeinsame Sprache, Kultur, Religion und Mentalität sowie ein gemeinsames geschichtliches Erbe (Quelle: Christian Schaller, “Sezession und Anerkennung“, SWP Studie, S 33, Dezember 2009, p. 14). Kosovo-Serben im Nordkosovo identifizieren sich selber als Serben, sind territorial zusammengehörig zu Serbien, sprechen serbisch und besitzen eine serbische Kultur, die stark mit der serbisch-orthodoxen Kirche in Verbindung steht und sich auch in der historischen Auffassung von derjenigen der Kosovo-Albaner unterscheidet – die Gemeinsamkeiten zu Serbien sind also bedeutend ausgeprägter als diejenigen zu einem kosovo-albanisch dominierten Kosovo. Könnten die Kosovo-Serben im Nordkosvo ihre Staatszugehörigkeit direktdemokratisch bestimmen, würden sie sich grossmehrheitlich für Serbien entscheiden (“North Kosovo: Dual Sovereignty in Practice“, International Crisis Group, Europe Report Nr.211, 14.03.2011, Executive Summary).

Die Forderung der Kosovo-Serben im Nordkosovo
Für Kosovo-Serben im Nordkosovo gibt es nur eine mögliche Zukunft: die Abspaltung ihres Gebiets vom restlichen Kosovo und die Staatszugehörigkeit zu Serbien. Werden ähnliche Überlegungen herangezogen, welche die Unterstützer der Unabhängigkeit Kosovos bei ihren Entscheid den Kosovo zu anerkennen vorbrachten, so würde ein Staatenwechsel des nordkosovarischen Gebiets durchaus Sinn machen: da sich die Kosovo-Serben einer Unterordnung Pristina weigern und die Erzwingung der Unterordnung leicht zu neuen ethnischen Auseinandersetzungen mit entsprechender Vertreibung der Kosovo-Serben im Norden führen könnte, wäre eine Abspaltung und eine serbische Zugehörigkeit vorzuziehen. Ausserdem ist die Vorstellung durch Zwang im Kosovo einen multiethnischer Staat mit gleichen Rechten für alle Ethnien aufbauen zu können sehr realitätsfremd. Das zeigen auch Statistiken: von 27 ethnischen Konflikten zwischen 1944 und 1994 wurden 12 durch einen kompletten Sieg einer Konfliktpartei über eine andere, fünf durch Teilung und zwei durch militärische Intervention einer dritten Partei beendet. Nur acht ethnische Konflikte konnten durch eine Vereinbarung ohne Teilung beendet werden. Jedoch konnte in keinem Fall eine multikulturelle Gesellschaft oder ein nachhaltig multiethnisches Staatenkonstrukt geschaffen werden (vgl.: Chaim Kaufmann, “Possible and Impossible Solutions to Ethnic Civil Wars“, International Security 20:4, Spring 1996, p. 136-175). Trotzdem geniesst die Abspaltung des Nordkosovos und dessen serbische Zugehörigkeit bei der internationalen Gemeinschaft keine Unterstützung und die EU schliesst ein solches Verhandlungsergebnis (auch eine Variante mit Gebietsaustausch) kategorisch aus. Sie befürchtet, dass eine Grenzziehung anhand ethnischer Faktoren auch die Grenzen anderer Staaten im Balkan – insbesondere diejenigen von Bosnien-Herzegowina – wieder in Frage stellen würde bzw. ein Zerbrechen des Staates anhand ethnischer Grenzen begünstigen würde (vgl. Uwe Halbach, Solveig Richter und Christian Schaller, “Kosovo – Sonderfall mit Präzedenzwirkung?“, SWP-Studien, 2011/S 13, Mai 2011). Selbstverständlich will auch der Kosovo selbst den Norden nicht preis geben – nicht einmal in Austausch für eine Anerkennung der Unabhängigkeit. Aus Sicht der kosovarischen Regierung bestehen insbesondere zwei Gründe an diesem Territorium festzuhalten. Erstens ist der im Bezirk Zubin Potok befindliche Gazivode Stausee von strategischer Bedeutung. Er ist mit 11,9 km² (davon befinden sich rund 9,1 km² innerhalb des Kosovos) das grösste Wasserreservoir im Kosovo, welches für die Wasserversorgung und für die Kühlwasserversorgung der Kohlekraftwerke in Oblić unverzichtbar ist. Oblić stellt die Stromversorgung für den gesamten Kosovo (ausser die nordkosovarischen Bezirke, welche von Serbien mit Strom versorgt werden) sicher. Zweitens bestehen im Nordkosovo Lagerstätten mit Blei, Zink, Silber, Gold, Nickel, Kobalt, Aluminium, Eisen, Cadmium, Chrom sowie Kohle (Lignit).

Auch wenn die Kosovo-Serben im Nordkosovo es kaum akzeptieren werden, so stellt die Variante der Verleihung eines autonomen Status an die nordkosovarischen Bezirke innerhalb des kosovarischen Staates die einzige erfolgsversprechende Variante dar, welche auch international Unterstützung finden würde.

[An] autonomy – guaranteed by a regional legislature, a local police force, a free trade zone, and a soft-border – would then allow both Serbia and Kosovo to move on with their common vision: achieving Euro-Atlantic integration. — Loic Poulain, “Kosovo-Serbia Talks: Moving Forward?“, CSIS, 22.03.2011.

 
Der Zollkonflikt zwischen Serbien und Kosovo 2011
Die Fronten zwischen Belgrad und Pristina verhärteten sich seit der Unabhängigkeitserklärung Kosovos zunehmend, daran konnte auch der Entscheid des Internationalen Gerichtshof (IGH) nichts ändern, welcher zum Schluss kam, dass die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos nicht gegen internationales Recht oder gegen die Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates verstösst (vgl.: “Kosovo und das internationale Sezessionsrecht“, offiziere.ch, 06.02.2011 und Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes vom 22.06.2010). Auf Grund der eindeutig formulierten Fragestellung der UN Generalversammlung befasste sich der IGH nicht mit weiterführenden Fragen, beispielsweise ob das kosovarische Parlament tatsächlich das Recht hatte den Kosovo unabhängig zu erklären, ob der Kosovo tatsächlich Staatsqualität erlangt hatte und im bejahenden Fall, welche Rechtsfolgen dadurch entstanden sind. Ebenso wenig nahm der IGH Stellung zu der Frage, ob die Anerkennung des Kosovos durch andere Staaten gültig ist (Quelle: Uwe Halbach, Solveig Richter und Christian Schaller, “Kosovo – Sonderfall mit Präzedenzwirkung?“, SWP-Studien, 2011/S 13, Mai 2011, S.7). Der Grund für die rasch erfolgte Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos durch mehrheitlich westliche Staaten lag an der Überzeugung Stabilität auf dem Balkan zu schaffen, an der Einschätzung einer gescheiterten internationalen Verhandlung über den rechtlichen Status des Kosovos und an der bereits de facto durchgeführten Abspaltung des Kosovos von Serbien durch die internationale Interimsverwaltung. Die Anzahl der Staaten, welche Balkan Game (Cartoon by Paresh Nath)den Kosovo direkt nach dem Rechtsgutachten des IGH als unabhängiger Staat anerkannten, nahm nicht in grosser Zahl zu, so dass momentan bloss 91 der 193 UN-Mitgliedsstaaten den Kosovo als unabhängiger Staat anerkennen.

Um die Probleme im Nordkosovo in den Griff zu bekommen, haben sich Belgrad und Pristina auf einen von der EU unterstützten Dialog eingelassen, welcher in einer ersten Phase die Regelung technischer Aspekte vorsieht, ohne dass Serbien den Kosovo als unabhängiger Staat anerkennen muss. Für Serbien ist dieser Dialog deshalb wichtig, weil die Normalisierung der Beziehungen zum Kosovo – jedoch nicht die staatliche Anerkennung – die minimale Voraussetzung darstellt, um als EU Beitrittskandidat Ende 2011 ernannt zu werden. Hinsichtlich der serbischen Wahlen 2012 ist ein positiver Entscheid für den amtierenden serbischen Präsidenten Boris Tadić, seiner Demokratischen Partei (DS) und der Koalition “Für ein europäisches Serbien” wichtig (vgl. Uwe Halbach, Solveig Richter und Christian Schaller, “Kosovo – Sonderfall mit Präzedenzwirkung?“, SWP-Studien, 2011/S 13, Mai 2011, S.35). Dies macht Serbien angreifbar gegenüber Forderungen der kosovarischen Regierung. Anfangs Juli 2011 verlangte Pristina im Rahmen des Dialogs Verhandlungen über die Zollformalitäten an der administrative Grenzlinie zwischen Serbien und Kosovo (ABL). Jährlich verliert der Kosovo zwischen 30 und 40 Millionen Euro an Zolleinnahmen, weil Pristina momentan nicht im Stande ist, Zölle and den beiden Übergängen einzuziehen. Gemäss International Crisis Group werden 85% dieser unverzollten Produkte in die weiter südlich liegenden kosovo-albanischen Gebiete transportiert bzw. geschmuggelt (Quelle: “North Kosovo: Dual Sovereignty in Practice“, International Crisis Group, Europe Report Nr.211, 14.03.2011, S.15). Gleichzeitig verhinderte Serbien seit dem 04.12.2008 den Transport von Gütern mit dem kosovarischen Zollstempel, denn Pristina änderte 2008 den Zollstempel von “UNMIK customs” zu “Kosovo Customs” (Gütertransporte mit dem alten Stempel wurden akzeptiert; Quelle: Institute for Advanced Studies GAP, “Kosovo in CEFTA: In or Out”, März 2011). Solche Verhandlungen sind für Belgrad äusserst unangenehm, weil einvernehmliche Regelungen über Zollformalitäten einer stattlichen Anerkennung Kosovos schon sehr nahe kommen und entgegen den Interessen der Kosovo-Serben stehen, welche ihre Waren beinahe ausschliesslich über die ABL aus Serbien beschaffen. Als Belgrad sich sträubte diese Thematik mit Pristina zu verhandeln und am Boykott kosovarischer Gütertransporte mit kosovarischem Zollstempel festhielt, verhängte Pristina seinerseits am 20. Juli 2011 ein Boykott auf serbische Güterimporte. Wegen fehlender Umsetzung durch kosovo-serbische Polizisten an den Gates 1 und 31 konnte Pristina diese Massnahmen an diesen beiden Übergängen nicht durchsetzen. Am 25. Juli 2011 versuchte Pristina erfolglos in einem völlig überstürzten und waghalsigen Manöver die beiden Übergänge durch die polizeiliche Sondereinheit ROSU einzunehmen, was einem Polizisten dieser Sondereinheit das Leben kostete. Auch wenn kosovarische Regierung mehr Unterstützung der USA, Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien erhofft hatte, so musste sie keine harsche Reaktionen von Serbien erwarten (vgl.: Adam Tanner und Justyna Pawlak, “Kosovo seeks to force West’s hand, miscalculates“, Reuters, 29.07.2011). Im Nachhinein muss der kosovarischen Regierung mit ihrem unilateralen Vorgehen sogar einen gewissen Teilerfolg zugestanden werden: Die Unruhen im Ein blockiertes Tunnel nach Pristinas Versuch am 25. Juli 2011 die beiden Übergänge in Brnjak und in Jarinje mit Polizeisondereinheiten zu übernehmen.Nordkosovo haben von anderen innenpolitischen Problemen abgelenkt (verschlechternde wirtschaftliche Lage, ausbleibende internationale Unterstützungsgelder, drohende Anklage des kosovarischen Ministers Fatmir Limaj wegen Kriegsverbrechen usw.) und durch eine Vereinbarung zwischen der KFOR und Serbien wurden einige für Pristina wichtigen Elemente implementiert (eine Grenzpolizei an den beiden Übergängen mit einem Anteil kosovo-albanischer Grenzpolizisten und ein weitgehendes Embargo, denn die KFOR erlaubt aus Sicherheitsgründen keine Durchfahrten von Lastwagen über 3,5 Tonnen Gewicht). In diesem Zusammenhang wirft der ehemalige UN-Repräsentant in Mitrovica, Gerard Gallucci, der KFOR eine Verletzung der UN Resolution 1244 vor (vgl.: Gerard Gallucci, “Kosovo: NATO’s Violation of Its UN Mandate“, From Outside The Walls, 16.08.2011 und Gerard Gallucci, “Kosovo: KFOR Continues to Act Arbitrarily & Outside UNSCR 1244“, From Outside The Walls, 06.09.2011).

Schliesslich wurde der Dialog zwischen Belgrad und Pristina am 2. September 2011 wieder aufgenommen und beide Parteien einigten sich auf einen neutralen Zollstempel mit der Aufschrift “Kosovo Customs” (jedoch ohne kosovarische Hoheitszeichen). Über die Abwicklung der Zollformalitäten an den beiden Gates wurde jedoch nicht gesprochen. Pristina besteht auf der Präsenz kosovo-albanischer Grenzpolizisten und an die Erhebung von Zöllen an den Gates, was für die Kosovo-Serben im Nordkosovo und für Serbien nicht akzeptierbar ist (vgl.: Gerard Gallucci, “Kosovo: The Coming Conflict Over Customs“, From outside the walls”, 05.09.2022). Am 16. September 2011 übernahm die EULEX – unterstützt durch die KFOR und gegen den Willen Serbiens bzw. der Kosovo-Serben – die beiden Übergängen Brnjak und in Jarinje und setzte EULEX-Polizisten zusammen mit kosovarischen Polizisten (inkl. kosovo-albanische Polizisten) ein. Zollgebühren sollen durch EULEX-Polizisten einkassiert werden und die Rolle der kosovarischen Polizisten soll sich in einer ersten Phase auf ihre blosse Präsenz beschränken. Höchstwahrscheinlich werden die einkassierten Zollgebüren an Pristina abgeliefert – das ist jedoch momentan noch nicht ganz klar (vgl.: Gerard Gallucci, “Kosovo: EULEX & Customs – continued“, From Outside The Walls, 20.09.2011). Die Kosovo-Serben haben gegen die Massnahmen der EULEX bzw. KFOR mit der Blockierung aller Zugangswege in den Norden und zu den beiden Übergängen reagiert. Sie wollen die Strassenblockaden so lange aufrecht erhalten, bis alle kosovo-albanischen Zollangestellten und Polizisten von den beiden Übergängen abgezogen wurden (Quelle: “Kosovo: Serbs in north continue to block roads“, B92, 19.09.2011). Momentan kam es zu keinen erwähnenswerten Gewaltausbrüchen, je nach Verhalten der EULEX und insbesondere KFOR können gewalttätige Unruhen in den nächsten Tagen nicht ausgeschlossen werden (vgl. “Daily: Belgrade losing control at barricades“, B92, 21.09.2011).

Northern Serbs would respond with large scale nonviolent actions, chiefly roadblocks and demonstrations. The belief in Pristina and some foreign capitals that Serbs are coerced or paid to participate is false. There are several hundred heavily armed Serbs, many linked to Mitrovica criminal gangs, who may well open fire on Kosovo officials, EULEX and KFOR. North Kosovo Serbs might also resist encroachment by Pristina, no matter what Belgrade tells them. — Marko Prelec, “North Kosovo Meltdown“, International Crisis Group, 06.09.2011.

 
Weitere Informationen

Update vom 30.09.2011
Am vergangenen Dienstag eskalierte die Lage am Gate 1 und KFOR setzte Tränengas, Gummigeschosse und schliesslich Kampfmunition ein. Dabei wurden 4 KFOR Soldaten und 7 Kosovo-Serben verletzt, wobei ein Kosovo-Serbe von einem KFOR-Soldaten angeschossen wurde. (Quelle: “Verletzte bei Zusammenstössen im Norden Kosovos“, NZZ, 27.09.2011). Momentan schieben sich beide Seiten die Schuld zu. Die Kosovo-Serben bezichtigen die KFOR auf unbewaffnete, friedlich demonstrierende Personen geschossen zu haben – die KFOR liess verlauten, dass sie in Selbstverteidigung auf einen Angriff mit Rohrbomben (das scheint jedoch etwas übertrieben zu sein) reagiert habe.

Update vom 20.10.2011
Seit dem 16.09.2011 blockieren Kosovo-Serben im Norden Kosovos die Verkehrsachsen um eine zwangsweise Integration des von Kosovo-Serben bewohnten Gebietes zu verhindern (ein Grossteil der Quellen spricht von 16 Strassenblockaden). Nach einigen – eher plumpen – Versuchen die Kosovo-Serben zu bewegen die Strassensperren zu entfernen, hat die KFOR nun genug und will die Sperren mit Gewalt öffnen. Die KFOR musste bereits feststellen, dass sich dies nicht so einfach darstellt:

[...] those manning the barricades at Jagnjenica and Zupče were joined by other Serbs, who came from the towns of Leposavić, Zvečan and Kosovska Mitrovica. One group arrived in an organized convoy of buses, while other citizens traveled to the road blocks in their cars. [...] KFOR removed one of the three trucks, which were used to block the road, but local Serbs brought two more trucks – one loaded with cement and the other one with logs, earlier on Thursday. — “Injuries reported as KFOR moves to remove barricades“, B92, 20.10.2011.

Bezüglich der kosovo-serbischen Bevölkerung im Norden Kosovos stellt sich die Frage, ob es der internationalen Gemeinschaft gelingt diese Bevölkerung zu zwingen sich einer fremden Regierung zu ergeben. So werden langfristig kaum multiethnische Staaten gebildet.

Weitere Informationen zum Update vom 20.10.2011:

Update vom 18.11.2011
Oliver Ivanovic, Staatssekretär im Ministerium für Kosovo und Metohija warnte, dass sich der Nordkosovo unabhängig erklären könnte, sollte die Internationale Gemeinschaft weiter auf die Implementierung der Zollstempel an den beiden Grenzübergängen und an die Einführung weiterer Massnahmen zu Gunsten Pristinas beharren. Auf der einen Seite wäre dieses Szenario interessant mitzuverfolgen, auf der anderen Seite jedoch kaum durchsetzbar. Zur nachhaltigen Absicherung des Territoriums fehlen den Kosovo Serben die Mittel. Ivanovic würde in einem solchen Schritt ebenfalls keine positive Entwicklung sehen.

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6 Responses to Der Nordkosovo lässt sich nicht integrieren

  1. Junes says:

    Die teile des Kosovos in denen die meisten Serben leben sollte man an Serbien zurück geben. Wen man es ja genau nimmt gehört ja ganz Kosovo zu Serbien aber Tito hat es verspielt als er die Grenze damals zu Albanien geöffnet hat.

    Desweiteren wirt Kosovo von Kriminellen Mördern und Drogen Baronen Regiert, ein Gros teil des Europäischen Heroins kommt aus dem Kosovo, dass wiederum aus Afghanistan über den US-Stützpunkt ins Land Geschmugelt wirt.

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