Der vorliegende Artikel wurde von Dr. Peter Forster, Chefredaktor des Schweizer Soldat, aus Ajman am Persischen Golf für offiziere.ch übermittelt. Es handelt sich dabei um eine exklusive Erstpublikation, voller Informationen aus erster Hand. Der Artikel wird später in der Januar-Ausgabe 2012 des Schweizer Soldaten publiziert.

Das zerstörte Militärgelände Alghadir in der Nähe von Bid Ganeh nach der Explosion am 12. November 2011.
Den bisher schwersten Schlag gegen die Atomrüstung erzielte der Mossad mit dem Computer-Angriff Stuxnet. Das Ergebnis der Stuxnet-Attacke steht heute fest: Die gewandten israelischen Staats-Hacker warfen das ehrgeizige iranische Nuklearprogramm um Monate zurück. Seit dem Abflauen des Stuxnet-Angriffs geisterte unter dem Namen Duqu eine neue Attacke durch die Medien. Nur konnte sie nicht so eng an den Mossad geheftet werden wie Stuxnet; und auch in der Wirkung scheint Duqu Stuxnet verfehlt zu haben. Der Mossad setzt derzeit dem iranischen Erzfeind mit Anschlägen auf führende Physiker und Ingenieure stärker zu als mit Cyber-Angriffen. Immer wieder kommen in und um Teheran Persönlichkeiten ums Leben, die in der iranischen Rüstung eine führende Rolle spielen. Allein in den letzten Wochen schlug der Mossad mehmals zu. Meist treffen die Attentäter Männer, die in einer ganz bestimmten Phase der Forschung und Entwicklung zentrale Aufgaben erfüllen. Selbst die iranische Notmassnahme, Physiker und Ingenieure in abgeschotteten Wohn- und Arbeitsblöcken zu schützen, half wenig.

Iranischer Trauerzug nach dem Anschlag auf die iranische Raketen-Anlage von Alghadir mit symbolischen Särgen und Bilder des getöteten Generalmajor Hassan Moghaddam.
Trotz dem iranischen Informationsverbot dringen aus Alghadir Einzelheiten in die Öffentlichkeit.
- Die Mossad-Agenten schlugen exakt zum Zeitpunkt zu, in dem der iranische Herrscher, Ayatollah Khamenei, die Spitzen der Streitkräfte um sich versammelt hatte, um die Rüstung gegen Israel zu bündeln.
- Generalmajor Moghaddam hatte offensichtlich die Pflicht, die Rüstung gegen Israel ungeachtet des Stuxnet-Rückschlages zügig voranzutreiben.
- Die Katastrophe von Alghadir fiel beinahe mit Israels Jericho-Raketen-Versuch zusammen. Am 2. November erprobten die Israeli ihre Jericho-3 über 7000 Kilometer hinweg – mit einem 750-Kilogramm-Gefechtskopf, was dem Gewicht einer Atomwaffe entspricht.
Nach einer israelischen Quelle wollte Generalmajor Moghaddam nicht nur die Shabab-3, sondern auch die neuere, leistungsfähigere Sejil-2 erproben. Mit der Sejil-2 suchen die iranischen Raketenstreitkräfte Ziele im und am östlichen Mittelmeer zu treffen – mit schwerer Nutzlast als die Shahab-3. Israelische Raketenexperten sprechen von Zielen im Raum der Inseln Zypern, Rhodos, Kreta, womöglich sogar Malta und Sizilien.
Die Zahl der getöteten iranischen Offiziere wird von israelischen Gewährsmännern mit 18 angegeben; das entspricht der Hälfte der insgesamt 36 Todesopfer. Hart war der Schlag von Alghadir namentlich für die iranischen Revolutionsgarden, die im Ersten Golfkrieg von 1980 bis 1988 die Hauptlast des erfolgreichen Abwehrkampfes gegen die irakische Armee von Saddam Hussein getragen hatten. Die ausgedehnte militärische Einrichtung von Alghadir gehört den Revolutionsgarden. Alghadir hatte als besonders gut bewacht gegolten, bis der Mossad erbarmungslos zuschlug.

Auf dem Satellittenbild der Nuklearanlage von Isfahan vom 03.12.2011 sind zwar keine massiven Schäden auszumachen, aus verlässlicher Quelle ist jedoch zu entnehmen, dass der Anschlag das iranische Atomprogramm empfindlich getroffen hat.
Einen Erfolg erzielte die iranische Fliegerabwehr (Flab) am 4. Dezember 2011 gegen eine amerikanische Aufklärer-Drohne vom Typ RQ-170 Sentinel. Dank moderner elektronischer Rüstung gelang es den Iranern, eine Sentinel über eigenem Gebiet abzufangen. Flab-Experten am Golf fragen sich nun, woher der Iran das notwendige Know-How hatte.
- Eine erste Theorie geht davon aus, dass iranische Agenten in den CIA-Stützpunkt von Kandahar in Afghanistan eindrangen. Dort lagern die Amerikaner ihre Stealth-Drohnen. Die iranische Flab hätte einen Hinweis erhalten – mit der Meldung: “Die RQ-170 hat in Richtung Persien abgehoben”.
- Eine zweite Spekulation beruht auf der Beobachtung, dass amerikanische Geheimnisse immer wieder via Pakistan auffliegen. Die iranische Flab fing die Drohne exakt am Tag ab, an dem die amerikanischen Streitkräfte in Pakistan den Stützpunkt Shamsis räumten, in dem die CIA Drohnen gelagert hatte, die sie in Pakistan und in Afghanistan einsetzte.
- Eine dritte Theorie richtet den Blick auf China. Die Chinesen beziehen 58 Prozent ihrer Erdöls aus dem Persischen Golf. Ein Krieg am Golf käme ihnen ungelegen. Schon nach der Ermordung Bin Ladens gewährte Pakistan in Abottobad den Chinesen Zugang zum Wrack des amerikanischen Stealth-Blackhawk-Helikopter (vgl.: Hasnain Kazim, “Pakistans China-Flirt alarmiert die USA“, Spiegel, 15.08.2011). Nun wird gemutmasst, dass China auch die RQ-170 gut kennen könnte.
- Eine vierte Spekulation betrifft Russland: Es sei denkbar, dass die russische Rüstungsindustrie den Persern den elektronischen Störer Avtobaza geliefert habe (vgl.: Stephen Trimble, “Avtobaza: Iran’s weapon in alleged RQ-170 affair?“, The DEW Line, 05.12.2011). Dieser starke Störer hat einen Radius von 150 Kilometern, funktioniert um 360 Grad und bekämpft bis zu 60 Ziele gleichzeitig.
- Die fünfte Auffassung schliesslich traut den Iranern zu, dass sie in der amerikanischen Rüstung einen Maulwurf unterbrachten, der Zugang zur RQ-170-Technologie hatte. In den Vereinigten Staaten arbeiten iranisch-amerikanische Doppelbürger als Forscher und Ingenieure.

Die RQ-170 Sentinel in iranischem Besitz? Die Unterseite der Drohne wurde bei der Landung beschädigt - der Rest soll anscheinend intakt sein.
Derweil beobachtet Saudi-Arabien die iranische Raketen- und Atomrüstung mit Argwohn. Die iranische Kernwaffe würde nicht nur Israel in seinen Grundfesten gefährden; sie würde auch die Kräfteverhältnisse am erdölreichen Persischen Golf auf den Kopf stellen. Iran wäre buchstäblich mit einem Schlag, nämlich mit dem ersten gelungenen Kernwaffen-Versuch, die Vormacht am Golf. Das kann und muss Saudi-Arabien, die Hegemonialmacht auf der Arabischen Halbinsel, verhindern. Saudi-Arabien ist – im Gegensatz zu den vergleichsweise freiheitlichen Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) – ein abgeschottetes, kaum zugängliches Land. Selten dringen valable Meldungen nach aussen. Im November 2011 liess indessen Prinz Turki al-Faisal, der frühere Geheimdienstchef und jetzige Berater des Königs, offiziell verlauten, Saudi-Arabien trage sich mit dem Gedanken einer eigenen Atomrüstung. Für den Fall, dass Israel und die USA die iranischen Atom-Anlagen nicht angriffen – für diesen Fall müsse Saudi-Arabien gerüstet sein. Parallel zu al-Faisals Aussagen sickerte durch, dass König Abdullah ein eigenes Kernwaffen-Programm anordnete, dass viele Milliarden Rial kosten darf. Das Zentrum der saudischen Nuklearforschung befindet sich in Thuwal am Roten Meer, also abgewandt vom Persischen Golf. Es ist eingebettet in die König-Abdullah-Universität für Wissenschaft und Technologie; tätig sind Forscher aus aller Herren Länder – für königliches Salär. Gleichzeitig verstärkt Saudi-Arabien seine konventionellen Streitkräfte. Für die bisher 150’000 Mann der Armee rekrutiert die Führung zusätzliche 125’000 Mann. Und die derzeit 100’000 Mann starke Nationalgarde erhält zur Verstärkung ebenfalls 125’000 Mann mehr. Das saudische Heer und die Nationalgarde trugen am 15. März 2011 die Hauptlast der Besetzung von Bahrain. Über den König-Fahd-Damm rollte je ein verstärktes Bataillon nach Manama – symbolisch begleitet von einzelnen Einheiten aus den Emiraten; denn amtlich war es ein Eingriff des Golf-Kooperationsrates. Die saudische Marine kauft für 30 Milliarden Dollar neue Schiffe. Die Luftwaffe schafft 450 neue Flugzeuge an. Und das Innenministerium, dem die Sondertruppen unterstehen, stockt den Bestand an Special Forces auf 60’000 Mann auf. Ungewiss ist, wie schnell die Luftwaffe die neuen Maschinen mit tüchtigen Piloten alimentieren kann. Jetzt schon gilt es, 72 neue Eurofighter von Cassidian und 84 neue F-15 von Boeing zu besetzen (vgl.: David Ignatius, “Saudi Arabia expands its power as U.S. influence diminishes“, The Washington Post, 19.11.2011).
Gut meinen es die USA mit den VAE. Die Emirate ziehen Nutzen aus den Erdölvorkommen in Abu Dhabi. Gegen den gemeinsamen iranischen Feind nehmen sie viele Dirham zur Hand, um die Rüstung auf den neuesten Stand zu hieven. Am 21. November 2011 gab das Pentagon bekannt: Die USA liefern den VAE 600 Blockbuster-Bomben (BLU-109) – GPS-gesteuert, vom Feinsten. Jede Bombe wiegt 1000 Kilogramm. Die 54 F-16 der VAE-Luftwaffe werden vornehmlich von britischen Piloten geflogen, und Franzosen fliegen die 58 Mirage-2000, wie in Katar. Auf der Einkaufsliste der VAE figurieren auch 36 Kampfhelikopter Sikorsky AH-60, drei Airbus-A330-Tanker und fünf Antonow-An-32-Transportflieger (hier, hier und hier sind die Einkaufslisten der VAE vom Herbst 2011 ersichtlich).




Halb-satirisch:
Nach einem Statement eines Majors käme für den Zwischenfall in Isfahan möglicherweise auch Diego Maradona in Frage. Immerhin ist die “Hand Gottes” seit Mai 2011 in Dubai als Trainer tätig, womit er sich geografisch nun sehr viel näher zu Iran befindet als zuvor in Argentinien.
Among the more colorful and typically Israeli macho statements was by Maj. Gen. Giora Eiland who said coyly that he didn’t know if the Mossad did it, and that it could very well be “the hand of God:”
”There aren’t many coincidences, and when there are so many events there is probably some sort of guiding hand, though perhaps it’s the hand of God,” he said.
Quelle: http://www.richardsilverstein.com/tikun_olam/2011/11/29/israeli-intelligence-officials-all-but-take-credit-for-isfahan-blast/
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Am 11. Januar 2012 wurde Mostafa Ahmadi-Roshan, ein weiterer iranischer Nuklearwissenschaftler, vor der Allameh Tabatabai Universität in Tehran getötet. Der magnetisch Sprengsatz wurde durch zwei Motorradfahrer an seinem Fahrzeug angebracht – ein gezielter Anschlag steht somit ausser Zweifel. Er ist damit der fünfte getötete iranische Nuklearwissenschaftler innerhalb der letzten fünf Jahre. Diese fünf Wissenschaftler und ein weiterer, der schwer verletzt wurde, wurden nach einem ähnlichen Schema ermordet: bei Dreien waren ebenfalls Sprengsätze magnetisch an ihre Fahrzeuge angebracht worden und bei Dreien waren die Angreifer ebenfalls Motorradfahrer. Analysten gehen davon aus, dass Mostafa Ahmadi-Roshan für einen Bereich in der unterirdische kerntechnische Anlage zur Uran-Anreicherung in Natanz verantwortlich war (Quelle: “Iran: Scientist Connected to Tehran’s Nuclear Program Killed“, Stratfor, 12.01.2012).
Nichts passiert, wenn wir uns weiterhin gegenseitig töten. Warum lösen wir die Probleme nicht friedlich oder zumindest auf eine Art und Weise, die Zivilisten nicht mit hineinzieht.