Operation “Gegossenes Blei”

Situation Map-Gaza Crisis (as of 5 January 2009)Am 27.12.2008 startete die israelische Armee die Operation “Gegossenes Blei” als Antwort auf die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf israelisches Territorium. Damit war ein Waffenstillstand gebrochen, der nie wirklich einer war, denn schon vorher schossen Splittergruppen der Hamas Raketen auf israelisches Territorium und auch die israelischen Truppen führten immer wieder “Vergeltungsaktionen” durch. Nach Raketenbeschüssen schloss Israel erneut die Grenzen zum Gazastreifen, was einem Belagerungszustand gleich kam. Als Reaktion darauf liess der politische Berater des palästinensischen Premierministers im Gazastreifen Ismael Haniyeh verlauten, dass die israelische Belagerung von der Hamas als Bruch des Waffenstillstandes betrachtet werde und die Hamas wieder gewaltsame Mittel einsetze, falls Israel die Belagerung nicht lockere.

Bei der Operation “Gegossenes Blei” stellen wir wieder das gleiche Dilemma fest, wie schon beim Libanonkrieg im Sommer 2006: ist die israelischen Operation verhältnismässig? Natürlich hat Israel das Recht den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen zu unterbinden. Andererseits stärkte Israel durch die Blockade des Gazastreifens die Hamas ungewollt und nimmt nun bei der Operation “Gegossenes Blei” zivile Opfer bewusst in Kauf. Das Recht der Kriegsparteien, Methoden und Mittel der Kriegsführung in einem bewaffnet Konflikt zu bestimmen, ist nicht ohne Schranken. Es dürfen keine unnötige Verletzungen oder unnötiges Leiden zugefügt werden. Um die Zivilbevölkerung zu verschonen, müssen bewaffnete Kräfte jederzeit zwischen Zivilbevölkerung bzw. zivilen Objekten auf der einen Seite und militärischen Zielen auf der anderen Seite unterscheiden. Weder die Zivilbevölkerung als solche, noch individuelle Zivilisten oder zivile Objekte dürfen das Ziel militärischer Angriffe sein. Damit sind Bomben- und Artillerieangriffe auf dicht besiedeltes Gelände bei hohen Kollateralschäden bei der Zivilbevölkerung grundsätzlich ein Verstoss gegen humanitäres Völkerrecht, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass es andere Möglichkeiten gäbe die angestrebten Ziele zu erreichen. Dass gemäss Haaretz die israelischen Streitkräfte die Bewohner gelegentlich kurz vor der Bombardierung anrufen und warnen, ist eher ein kleiner Trost sowie eher unwahrscheinlich bei High Value Targets.

Palestinians reported that in some cases, the caller leaves a message on their voice mail warning that the IDF will bomb any house where weapons are rockets are found and the owners of the houses will be the ones to suffer the consequences. The IDF has also used a sound bomb to warn civilians before striking homes. The IDF has also used what they are calling “roof knocking” operations, in which they inform the residents of suspected buildings that they have 10 minutes to leave the premises. In some cases, residents of suspected houses have been able to prevent bombing by climbing up to the roof to show that they will not leave, prompting IDF commanders to call off the strike. In these cases, Channel 10 reported Thursday, the IAF sometimes launches a relatively harmless missile at the corner of the roof, avoiding casualties but successfully dispersing the crowd. — Haaretz, “IDF phones Gaza residents to warn them of imminent strikes“, 02.01.2009.

Bis zum Beginn der Bodenoffensive der israelischen Truppen (die während des Schreibens dieses Textes begonnen hat) kostete die Operation “Gegossenes Blei” auf palästinensischer Seite mehr als 460 Menschenleben, wobei gemäss UNO-Angaben rund 1/4 der Opfer Zivilpersonen waren. Ausserdem wurden rund 2000 Menschen verletzt. (Quelle: Spiegel, “Israelische Truppen marschieren in Gaza ein“, 03.01.2009). Auf der israelischen Seite kamen durch die in den vergangenen acht Tagen rund 500 abgefeuerten palästinensischen Raketen vier israelische Zivilisten ums Leben, rund ein Duzend Personen wurden verletzt. (Quelle: Andreas Dippel, “Israel fliegt weitere Angriffe – Hamas-Führer getötet – Erste Stellungnahme von US-Präsident Bush“, Israelnetz.com, 03.01.2009.)

Democracy Now beschäftigte sich in der Sendung vom Montag, 29.12.2009 ausführlich mit dem derzeitigen Konflikt. Dabei fiel mir die Aussage von Gideon Levy, ein israelischer Journalist der Haaretz auf:

“First of all, I feel horrible as an Israeli when I hear all those reports, when I watch all those horrible pictures. But unlike me, I am afraid that most of the Israelis are quite indifferent. They think that there was a legitimate reason. The attacks on the southern part of Israel was a legitimate reason. Israel has the right to do everything. Unlike them, I think that Israel crossed any line of humanity or morality or even legality. And I think what Israel is doing right now there is horrible and has no justification.”

Übrigens setzte Israel bei seinen Luftangriffen innerhalb des Gazastreifens US-amerikanische GBU-39 Bomben ein. Im September 2008 bewilligte der US-Kongress der Bush Administration 1.000 dieser Bomben an Israel zu verkaufen. (Quelle: Yaakov Katz, “IAF uses new US-supplied smart bomb“, The Jerusalem Post, 29.12.2008). Die 113 kg schwere GBU-39 (davon 23 kg Sprengstoff) durchschlägt ca. 1.5 – 2 m Stahlbeton und gehört damit nicht – wie bei einigen Medien behauptet – zu den “Bunker Bustern”, sondern zu den Präzisionsbomben. Das heisst, dass 50% der Bomben innerhalb einem Radius von 5-8 m um den Zielpunkt einschlagen. Kosten pro Bombe: ca. 50.000 US-Dollar.

Bildverzeichnis
Oben links: 05.01.09 updated – This map presents a preliminary situation of the reported attacks by Israeli and Hamas forces from 25 December 2008 to 5 January 2009, within and surrounding the Gaza Strip. Damage locations have been taken exclusively from open media sources. Many recorded damage sites shown are approximate and may not represent all known incident locations. Um eine hochauflösende PDF-Datei der Sattelittenkarte zu erhalten, bitte auf das Bild klicken.

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10 Responses to Operation “Gegossenes Blei”

  1. Der Waffenstillstand wurde nicht wie Sie behaupten von den Israelis gebrochen. Er wurde von der Hamas gebrochen.

    Lesenswert:
    http://www.dailytalk.ch/elend-im-gazastreifen-geht-auf-kosten-der-hamas/

    http://www.goettinger-tageblatt.de/newsroom/politik/zentral/politik/ausland/art666,764396

    Zitat:
    “Die radikalislamische Hamas hat den brüchigen Waffenstillstand mit Israel am Freitag offiziell aufgekündigt. Dafür seien die Verstöße Israels gegen das Abkommen verantwortlich; die Hamas werde nun handeln, erklärte die Organisation auf ihrer Webseite.”

  2. coimbra says:

    “bewaffnete Kräfte jederzeit zwischen Zivilbevölkerung bzw. zivilen Objekten auf der einen Seite und militärischen Zielen auf der anderen Seite unterscheiden”

    Dass ist gut und recht aber leider gerade bei solchen Kriegen praktisch nicht machbar. Wie sollen die Isralis die Zivilisten verschonen wenn die Hamas ganz bewust den Schutz bzw. sich hinter den Zivilisten versteckt. Wenn keine klaren Uniformen erkennbar sind, sich Kämpfer in Spitälern verschanzen, Raketen aus Wohnhäusern abgeschossen werden etc.?

    Gerade dieser Krieg zeigt sehr deutlich die Grenzen des veralteten Völkerrechts. Jedoch denke ich nicht dass hier irgend en Recht weiter helfen kann … in solchen Kriegen leidet halt nun man die Zivilbevölkerung sehr stark und dies wird von manchen Parteien auch klar mit eingeplant.

  3. @Alexander Müller
    Danke für Ihre Bemerkung. Vielleicht muss ich meine Aussage noch etwas präzisieren. Ich ging wohl fälschlicherweise davon aus, dass der Leser bei genauem durchlesen selber die richtigen Schlüsse aus meinen Zeilen ziehen wird.

    “Damit war ein Waffenstillstand gebrochen, der nie wirklich einer war, denn schon vorher schossen Splittergruppen der Hamas Raketen auf israelisches Territorium und auch die israelischen Truppen führten immer wieder “Vergeltungsaktionen” durch.”

    …oder in einfachen Worten: es gab nie wirklich einen ernsthaften Waffenstillstand – und das lag an beiden Parteien.

    Es liegt mir fern, die Hamas in Schutz zu nehmen, denn immerhin gilt sie in den USA, der EU, in Kanada, in Japan und natürlich auch in Israel als terroristische Organisation. Dies gibt Israel jedoch noch keine Berechtigung gegen das Prinzip der Verhältnismässigkeit zu verstossen.

    Ihre zweite Quelle unterstützt übrigens die Ansicht, dass sich beide Seiten die Schuld gegenseitig zuschieben. Dazu müssten Sie Ihrem Zitat eigentlich nur den Folgesatz aus der Quelle hinzufügen:

    “Die Hamas wirft Israel die Blockade des Gazastreifens und Militäreinsatze im Gazastreifen vor.”

    Ich gebe Ihnen jedoch recht, wenn Sie bemerken, dass es etliche pro-israelische Quellen gibt, die festhalten, dass (nur) die Hamas den Waffenstillstand gebrochen habe.

    @Coimbra
    Danke für Deinen Kommentar. Ich gebe Dir Recht, dass es in solchen “modernen” Guerillakriegen nicht einfach ist zwischen zivilen Objekten und militärischen Zielen zu unterscheiden. Das humanitäre Völkerrecht deckt jedoch nicht jedes Vorgehen von Guerillakämpfern ab. Beispielsweise, wenn die Hamas eine Mosche als Operationsbasis benutzen würde, hätte Israel das Recht, diese Mosche zu bombardieren. Das Problem bei der Auslegung des humanitären Völkerrechts liegt darin, dass der Begriff “Verhältnismässigkeit” ein stark dehnbarer Begriff ist. Meine Meinung ist, dass die Opferzahlen beider Seiten die Unverhältnismässigkeit der israelischen Aktion aufzeigt. Ich muss jedoch zugeben, dass ich vermutlich meine Sichtweise ändern würde, wenn ich durch Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen bedroht wäre.

    Zu grossangelegten Luftangriffen und Artilleriebeschuss auf überbautem Gebiet gibt es jedoch Alternativen. Im Gegensatz zu den meisten Medien bin ich der Meinung, dass Israel beim Beschuss hätte zurückhaltender vorgehen müssen und dafür früher mit Bodentruppen in den Gazastreifen eindringen hätte müssen. Damit kann man viel gezielter die Funktionäre der Hamas ausschalten und unbeteiligte Zivilisten besser schützen (Stichwort: Counter Insurgency – die Schweiz würde dem wohl Raumsicherung sagen). Der Nachteil dabei: es sind höhere Opferzahlen bei den israelischen Streitkräften zu erwarten.

  4. David Urech says:

    Sehr interessante Diskussion zum Krieg im Gaza-Streifen. Blogger können auf

    http://erreichbar.ch/uebersicht-blogansicht-berndeutsch-schweizer-nachrichten-tagesschau-taeglich-parlament-bundesrat-politik-wissenschaft-kultur-service-public.html

    ein Widget bekommen, mit allen aktuellen SFDRS Feeds. Beim Einbetten bitte ein kurzer Kommentar zur Website erreichbar verfassen.

  5. Flodur says:

    Brutal gegen eigene Landsleute

    Während die Hamas sich über die schweren Angriffe seitens Israel beschwert, gingen sie brutal gegen ihre eigenen Landsleute vor, die angeblich mit Israel zusammenarbeiten. Quellen aus Judäa und Samaria berichten, dass ihre Kontaktpersonen im Gazasztreifen mitteilten, dass wer dort weiterhin der Fatah und dem PA-Präsidenten Mahmud Abbas treu ist, das Leben erschwert bekommt. Ein Fatah-Treuer soll von Hamas-Terroristen erschossen worden sein, nachdem er offen seine Freude über die Angriffe Israel auf die Hamas-Einrichtungen ausdrückte. Mindestens 75 weitere Fatah-Angehörige wurden zur Warnung ins bein geschossen und vielen mehr wurden die Hände gebrochen, um sie davon abzuhalte, die jetzige Situation zu nutzen, um gegen die Hamas aufzustehen. Palästinenser im Gazastreifen, die Israel Informationen übergaben und dafür in Haft waren erging es schlechter, denn die Hamas gab zu, seit Beginn des israelischen Angriffs vor einer Woche 35 dieser „Kolloborateure“ in den Haftanstalten des Gebiets getötet zu haben. Demgegenüber wurde ein Video ausgestrahlt, in dem Frauen die der Hamas nahestehen ihren Wunsch sich Bomben umzuschnallen und sich unter Soldaten in die Luft zu jagen, verlauten ließen. Die Israelis wurden dabei Affen und Schweine genannt.

    Ich denke, dass sich ein weiterer Kommentar erübrigt!

    Gelesen in nai-israel.com

  6. Hallo Flodur,

    Danke für Deinen Beitrag. Ich kann mir gut vorstellen, dass Fatah-Anhänger und vermeintliche Kollaborateure Ziele von Gewalttaten der Hames wurden. Trotzdem muss man zur zitierten Quelle noch fairerweise festhalten, dass “israel heute” gemäss eigenen Angaben

    “die lokale Nachrichten aus biblischer und objektiver Perspektive bringt. [...] Das Ziel von israel heute ist es, eine Quelle für eine wahrheitsgetreue und ausgeglichene Perspektive über Israel zu sein und zeitgemäße, ausgeglichene Nachrichten direkt aus Jerusalem – dem Brennpunkt des Weltgeschehens – zu bringen. Dies ist gerade in dieser Zeit notwendig, in der Prophetien vor unseren Augen erfüllt werden. [..] [israel heute glaubt], dass die Existenz des Staates Israel als die Erfüllung der Prophetie gilt und als das Senklot für die Absichten Gottes in dieser Zeit steht.”

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