Gaza-Update

Israelische Fallschirmjäger im GazastreifenDie Operation “Gegossenes Blei” dauert nun schon 15 Tage und es zeichnet sich kein Ende ab. Im Gegenteil: Israel kündigte in Flugblätter an, dass die Bombardierungen noch verstärkt würden, vermutlich um den immer noch andauernden Abschuss von Raketen durch die Hamas ganz unterbinden zu können. Alleine am heutigen Samstag feuerte die Hamas 30 Raketen ab, die zwei Verletzte Israelis in Ashkelon zur Folge hatte. Gemäss der israelischen opensource, nachrichtendienstliche Site DEBKAfile sorgt die USA mit 3.000 Tonnen Munition Nachschub dafür, dass Israel die Munition nicht ausgehen wird.

Medizinern im Gaza-Streifen zufolge kamen bei der Auseinandersetzung seit dem Beginn der israelischen Militäroffensive auf der palästinensischen Seite bis heute Samstag bereits mehr als 800 Personen ums Leben. Auf israelischer Seite gab es 13 Todesopfer (inkl. 3 Zivilisten, 5 Soldaten durch “Friendly Fire“; Quelle: BBC und UN). Gleichzeitig breitet sich im Gazastreifen eine unglaubliche humanitäre Katastrophe aus: gemäss eines UNO-Berichtes haben 800.000 Menschen in Gaza kein fliessend Wasser. Weil Treibstoff für elektrische Generatoren fehlen und somit das Abpumpen des Abwassers nicht mehr möglich ist, drohen Krankheiten auszubrechen. Die Lebensmittelversorgung kann derzeit nicht sichergestellt werden. Leidtragende des Konfliktes sind in einem ausserordentlichem Masse Frauen und Kinder.

Since the Israeli military operation “Cast lead” began on 27 December until 8 January (4:00PM), 758 Palestinians have been killed—approximately 42% of whom were women (60) and children (257) according to the Palestinian Ministry of Health. The number of children fatalities has increased by 250% since the beginning of ground operation on 3 January […]. 56% of Gaza’s population are children.
[…]
There is no safe space in the Gaza Strip—no safe haven, no bomb shelters, and the borders are closed and civilians have no place to flee. UNRWA facilities being used as shelters are not constructed to withstand bombardments as they are mostly schools and office buildings. — Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, “Protection of Civilians Weekly Report“, 01.01.-08.01.09.

Angriff auf eine Schule der UNRWA in Gaza. Photo: Suhaib Salem/ReutersAm 5. Januar 2009 wurden zwei Schulen der UNRWA, die palästinensischen Flüchtlingen Zuflucht gaben, durch Minenwerferfeuer der israelischen Armee angegriffen, auch wenn die UNRWA die israelische Armee über diese beiden Schulen informiert hatte. Dabei kamen alleine 40 palästinensische Flüchtlinge ums Leben und 55 wurden verwundet. Israel bestätigte das Minenwerferfeuer auf die Schulen und rechtfertigte die Aktion damit, dass die Schulen von militanten Hamas-Anhänger zum Abschuss von Raketen benutzt worden seien. Die UN wies diese Darstellung zurück und verlangte eine unabhängige Untersuchung des Angriffs auf die Schulen. (Für detailliertere Informationen siehe Interview mit Christopher Guness, Sprecher der UNRWA in Gaza Stadt: Democracy Now, “40+ Killed in Israeli Strike on Gaza School Sheltering Refugees“, 07.01.2009). Am Donnerstag, 08. Januar 2009 wurden Hilfslieferungen der UN und des Internationalen Roten Kreuzes von der israelischen Armee beschossen. Der UNRWA-Direktor John Ging bemerkte, dass der Hilfskonvoi sorgfältig mit der israelischen Armee koordiniert gewesen war und dass ein solch absichtlicher Beschuss nicht hinnehmbar sei. Darauf stellte die UNRWA ihre Arbeit in Gaza ein – sie versorgte 750.000 Menschen mit Lebensmitteln. Die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navanethem Pillay, fordert eine Untersuchung wegen möglicher Kriegsverbrechen beider Konfliktseiten.

Mittlerweile stellte sich beispielsweise die “Zeit” die Frage, wie es nach der Militäraktion im Gazastreifen weitergehen soll. Mehrere Szenarien sind vorstellbar:

  • Ein einseitiger israelischer Abzug mit der Hoffnung, dass der Hamas eine nachhaltige Lektion erteilt wurde und der Raketenbeschuss auf israelisches Territorium langfristig unterbunden werden konnte. Eine künftige Koexistenz basierte somit auf der Angst einer stark geschwächten Hamas vor einem erneuten Angriff Israels. Wohl eher ein illusorisch, optimistisches Szenario.
  • Eine Waffenruhe mit internationalen Garantien, wobei jedoch das Problem besteht, dass bei Verhandlungen zu einem Waffenstillstandsabkommen die Hamas durch Israel faktisch als Akteur anerkannt würde. Politisch wäre das Unterzeichnen eines Abkommens mit einer Organisation, die in den USA, der EU, in Kanada, in Japan und natürlich auch in Israel als terroristische Organisation gebrandmarkt ist, äusserst problematisch.
  • Möglich wäre auch ein Sturz der Hamas und einen Ersatz durch eine andere politische Partei, beispielsweise durch die Fatah. Es ist jedoch zweifelhaft, dass die Fatah diese Aufgabe übernehmen könnte, insbesondere auch deshalb, weil die Hamas immer noch über rund 15.000 – 20.000 bewaffnete Kämpfer verfügen könnte.
  • Das wahrscheinliches Szenario könnte eine (teilweise) Wiederbesetzung des Gazastreifens sein. Damit würde Israel jedoch wieder die Verantwortung für (einen Teil der) eineinhalb Millionen ihnen feindlich gesinnte Palästinenser übernehmen müssen, was Ressourcen und Soldaten binden würde.

Zum Schluss noch ein interessanter Mitschnitt von Zbigniew Brzezinski Aussagen zum Gaza-Konflikt auf MSNBC’s Morning Joe (die blonde Co-Moderatorin, Mika Brzezinski ist übrigens die Tochter von Zbigniew Brzezinski):

 
Update vom 13.01.2009
Der weiter oben genannte 3.000-Tonnen-Munitionstransport der USA von Griechenland nach Israel wurde gemäss dem Pentagon-Sprecher Lt. Col. Patrick Ryder wegen Sicherheitsgründen in Verbindung mit dem Gaza-Krieg auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Lieferung selber wäre eine Routine-Lieferung gewesen, die nicht im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg gestanden sei. Sie wurde im Sommer 2008 koordiniert und im Oktober vom Verteidigungsministerium bewilligt. (Quelle: Nathan Hodge, “Gaza Fight Delays U.S. Ammo Shipment to Israel“, Danger Room, 13.01.2009.)

Bildverzeichnis
Oben links: Israelische Fallschirmjäger im Gazastreifen.
Mitte rechts: Angriff auf eine Schule der UNRWA in Gaza. Photo: Suhaib Salem/Reuters.

Weitere Informationen

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