Foto: Türschloss
Für die einen ein Stück Sicherheit,
für die anderen ein Sportgerät
Nicht nur Einbrecher knacken Schlösser
Über 600 Deutsche betreiben
“Lockpicking” als Sport
Von Mark Hugo
 
 Vergessen Sie Kegeln, Fußball oder Skifahren! Der neue In-Sport heißt “Schlösser öffnen”. Kein Witz. In Berlin fanden im Dezember die bereits vierten Deutschen Meisterschaften statt. “Lockpicking”, wie der Sport neudeutsch heißt, ist völlig legal, macht aber dennoch einigen Schlösserproduzenten und Sicherheitsexperten große Sorgen.  
 
       Impressionstechnik, Blitz-Öffnung und Freestyle sind die Disziplinen, die bei den Meisterschaften in Berlin ausgetragen wurden. Die “Königsdisziplin” allerdings ist das Handöffnen. Dabei dürfen “Hand-Picks” und “Spanner” verwendet werden, bei der Impressionstechnik werden Abdrücke von Schlüsseln gemacht und Rohlinge gefeilt. Ziel in allen Disziplinen: Das Schloss muss offen und unbeschädigt sein. “Es gibt keine Wettkampfmethode, die Gewalt erlaubt”, erklärt Steffen Wernéry, Vorsitzender der Sportsfreunde der Sperrtechnik (SSDeV).
       
       “Lockpicking”, das sportliche Öffnen von Schlössern ohne Original-Schlüssel, ist kein Breitensport, der SSDeV zählt aber immerhin schon über 600 Mitglieder. Alles unbescholtene Bürger, sagt Wernéry, auch wenn er freilich nicht die polizeilichen Führungszeugnisse checken konnte. Der Schnitt gehe quer durch die Bevölkerung, auch Detektive und sogar Polizisten seien dabei. Der Unterschied zu den kriminellen Schlossknackern ist offenbar ein sehr feiner: “Lockpicker” gehen in der Regel nicht mit roher Gewalt an die Sache heran, Einbrecher setzen dagegen auf bloße Schnelligkeit und nehmen auch Beschädigungen in Kauf. Die Szene sei eine ganz andere, sagt Wernéry, der schon mit zwölf seinen ersten Dietrich gebastelt hat, aber noch nie wegen dieses Sportes mit der Polizei in Konflikt gekommen ist.
       
BRANCHE IST SKEPTISCH
       Sportlichkeit in Ehren. Einige Schlosshersteller haben sich mit den Lockpickern zwar arrangiert und stiften sogar Preise. Die Fach-Branche begegnet deren “Treiben” meist aber mit großer Skepsis. Das sei ein “zweischneidiges Schwert”, meint Alexander Klein, Inhaber des Bochumer Sicherheitsunternehmens ALEX. “Wo wären wir heute, wenn nicht der Chaos Computer Club den vermeintlichen und selbsternannten Experten gezeigt hätte, was von den damaligen als unüberwindbar geltenden Sicherheitssystemen zu halten ist”, sagt er und zieht Parallelen zur nichtvirtuellen Sicherheit.
       
       Trotzdem: Dass im Internet Tipps und Anleitungen zum Schlossöffnen gegeben werden, hält er für bedenklich. Auch, dass die Mitglieder nicht mal über das Bundeszentralregister überprüft worden seien. “Hier scheinen mir Tür und Tor für jedermann geöffnet zu sein, also auch für die Mitglieder der Zunft im weiß/schwarz-gestreiften Anzug mit der Nummer auf der Brust und dem Dreitagebart.” Kontrolle der Sicherheitstechnik: Ja. Aber nicht jeder sollte mitmachen dürfen.
       
INFOS IN FALSCHEN HÄNDEN?
       Alfred Fuchsgruber von der Münchner Sicherheitsberatungsfirma “11 Freunde” sieht keinen Nutzen für den Verbraucher, im Gegenteil: “Das ist schon sehr kritisch. Die Informationen kommen so in Hände, in die sie nicht kommen sollten”. Kriminelle Elemente könne der Verein gar nicht ausschließen.
       
Foto: Wernéry        Wernéry bringen solche Vorwürfe nicht aus der Ruhe. “Man muss sich halt überlegen, ob die Menschen reif genug sind. Das ist bei Kampfsport- oder Schützenvereinen ja auch nicht anders.” Außerdem: Den Anspruch, eine Art Chaos Computer Club für Schlösser zu sein, erhebe der SSDeV gar nicht. “Wir sind kein Kontrollorgan für die Hersteller. Wir verstehen uns als Sportverein.”
       
SCHUTZ MIT DREI SCHLÖSSERN
       Wenn der Verein aber an den Verbraucher herantritt, dann geht es weniger um den Schutz vor Einbrechern als vor ungebetenen Ordnungshütern. Schloss-Hersteller, so kritisiert der SSDeV, würden den Behörden Nachschlüssel liefern, damit diese in Wohnungen und Firmen Abhöranlagen installieren könnten. Deshalb der Tipp des deutschen Lockpicker-Vorsitzenden gegen ungebetene Gäste: Man sollte gleich mehrere Systeme verwenden. Wernéry macht es bei der eigenen Wohnungstür vor: “Ich habe drei Schlösser, die technisch völlig unterschiedlich sind, das heißt: ein Eindringling muss schon über übergreifendes Wissen verfügen.”
       
       

2. Januar 2001